vorliegen,
verb. ,
vgl. fürliegen
th. 4, 1, 1,
sp. 769; Fischer
schwäb. wb. 2, 1863;
im mhd. noch fehlend; predium vorligende gud Diefenbach
gl. 453
b;
praejaceo vorligen Calepinus
dict. XI ling. (1598) 1132
a; vor-
et vürliegen,
objacere, praejacere, procubare Stieler 1120; für-
et vorgelegen, ich liege vor Steinbach 1, 1025; vorliegen Adelung; Campe;
schweiz. idiot. 3, 1214;
mnd. vorliggen Schiller-Lübben 5, 395
a;
mnld. voreliggen Verwijs-Verdam 9, 1018;
dem deutschen nachgebildet dän. foreligge. 11)
in eigentlicher bedeutung, nach vorn liegen von einem rückwärts gelegenen standpunkte aus betrachtet: die vorliegenden reichskreise,
die an der grenze, zunächst an Frankreich gelegenen Adelung; vorliegende werke,
vor der hauptbefestigung; (
Pommern,) dessen gestade, nebenst den vorliegenden insuln, beschrieben wird Chemnitz
schwed. krieg. 1 (1648) 71; (
im bilde:) wie ein kraftvoller jüngling, dem ein langes, frohes leben vorliegt, sich am ausgange desselben seinen nebligen grabhügel als eine ruhebank denkt Thümmel
reise (1791) 7, 180; gypsfelsen, dem kalke vorliegend Göthe 31, 155
W.; (
man) griff vorliegende schanzen des hauptwalls an 33, 300; (
der Araber) warf das vorliegende germanische königreich in Spanien ... über den haufen Ranke (1867) 8, 10; (
sie) trat in den ihrem wohnzimmer vorgelegenen groszen saal ein Fontane I 4, 108; weit noch ist, die vorliegt, die bahn H. v. Kleist 4, 15
E. Schm.; freier: Basel, du bist vorgelegen (
d. h. seine mannschaft im heereszug) Liliencron
hist. volkslieder 3, 13.
vor etwas liegen, die sicht auf dieses versperrend: eine vorliegende kleine erhabenheit ... hätte uns die aussicht auf eine andere waldoase ... verdeckt Nehring
tundren u. steppen (1890) 14. —
den zugang, das weitergehen sperrend, so bei der auch in übertragenem gebrauch vorkommenden verbindung vorliegendes hindernisz: auch ohne vorliegendes hindernisz Herder 5, 32
S.; es liegt kein hindernis vor;
bewegung des gegenstandes hindern: ein stein liegt vor,
vor einem rade u. ä. Adelung
meint, dasz v.
in diesem sinne nur im '
gemeinen leben'
und meist im part. präs. gebraucht werde. 22)
über etwas hinausreichen, vorspringen; so von augen, stirn, kinn: (
er glaubt,) dasz eine vorliegende stirne ein zeichen des tiefsinns sey Lichtenberg
nachlasz (1899) 153; vorliegende, heitere, himmelhelle augen Göthe 27, 87
W.; aufgeworfene oberlippe und vorliegendes kinn Justi
Winckelmann (1866) 2, 1, 75;
ungewöhnlicher: eine über den rand vorliegende locke Mörike 3, 72
Göschen. 33)
hier ist der gebrauch in fachsprachen zu erwähnen: vorliegende gänge,
bei den bergleuten, '
wornach ein feld- oder stollort getrieben wird, und die noch nicht ausgericht und entblöszt seyn' Minerophilus
bergwerckslex. (1730) 698; feldort, wenn aus einem schacht ... nach vorliegenden gängen getrieben wird Schönberg
ausführl. berginformation (1693) 2, 29. —
bienen liegen vor,
wenn sie in dichten haufen vor dem flugloche sitzen Krünitz
öcon. encycl. 231, 409; Pohlmann
wb. für bienenzüchter 205; ein teil lagert ... vor dem flugloch, eine erscheinung, welche der wirt das 'vorliegen' nennt Brehm
tierleben (1890) 9, 226
P.-L.; nd. de imm liggt vör Mensing
schlesw.-holst. wb. 5, 474. — vorliegen
heiszt das lautgeben der dachshunde, wenn sie im bau den fuchs oder dachs stellen Behlen
forst- u. jagdkunde (1840) 6, 172. —
ein vorliegender hund
ist ein vorstehhund Fischer
schwäb. wb. 2, 1863; Schiller-Lübben 5, 395
a; dem fogeler mit dem blofusze und vorlegenden hunde
d. Marienb. treszlerb. 442
J. —
schuszbereit bei der gemsenjagd auf der erde liegen, während ein anderer treibt schweiz. idiot. 3, 1214. 44)
in älterer sprache finden sich besondere, untergegangene gebrauchsweisen; stellungnahme von truppen: sind etliche 100 reiter in das land gefallen. da hat der ausschusz im Ulmer land müssen fürliegen zu Ulm
quelle des 17.
jh. bei Fischer
schwäb. wb. 2, 1863; die Eislebische truppen, welche bey Newstadt an der Orla vorgelegen Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 213. —
in folgender stelle etwa wie angelegen sein: die falsche rhät desz armsehligen königs Roboams haben ihm dermaszen ... geschmaichelt und vorgelegen, dasz
u. s. w. Äg. Albertinus
zeitkürtzer (1603) 22. —
in älterer sprache kann vor-
auch zeitlichen sinn haben: in der vorgelegenen (
vorhergehenden) tijt
dt. städtechron. 16, 425 (
Braunschweig); drumb (
hat er) nicht allein die alte vorgelegene (
vorher zur ruhe gekommenen) streite wieder hervorgesucht Wedel
hausb. 61
lit. ver. 55)
im entwickelten nhd. wird das verbum hauptsächlich in freierem sinne gebraucht, '
vor augen liegen, gegenwärtig sein' Campe; Adelung
schweigt auffallender weise über diese herrschende anwendung des wortes; zu grunde liegt die vorstellung, dasz etwas vor jemandem liegt, der ton liegt aber nicht mehr auf dem bloszen räumlichen verhältnis, sondern darauf, dasz etwas da, bereit, gegenwärtig ist zum betrachten, zur behandlung, beurteilung u. s. w.; die bedeutungsentwicklung geht dann weiter, dasz die räumliche vorstellung ganz schwinden kann. 5@aa)
die eigentliche bedeutung ist dann noch am meisten wirksam, wenn von gegenständlichem die rede ist und der dativ einer person dabei steht: das document, das buch liegt mir vor;
verblaszter aber: das buch liegt dem publicum zur beurtheilung vor.
doch auch, wenn ein dat. sing. bei dem verb. steht, wird durch dieses nur ausgedrückt, dasz etwas für ihn vorhanden ist, ihm zur verfügung steht u. ä.: unter den papieren, die uns zur redaction vorliegen Göthe 25, 169
W.; die beiden anthologien, die mir vorliegen Hebbel
w. 12, 79
W.; die Genoveva, wie sie dem publicum seit jahren vorliegt
br. 8, 50; es liegt uns eine quittung vor, von dem neffen des pabstes Lorenzo Ranke (1867) 1, 205. —
frei: das samenkorn, das uns als eine individuelle einheit vorzuliegen scheint Göthe II 6, 12
W. 5@bb)
von nicht gegenständlichem, die räumliche vorstellung schwindet: wer weisz auch die zeitursachen, die Pindarn damals vorlagen Herder 3, 446
S.; bey jedem schriftlichen aufsatz soll der vollständige, reine, klare begriff dem geiste schon v. Göthe IV 28, 62
W.; der nächste zweck, der mir vorlag Steffens
was ich erlebte (1840) 1, 190; alles grosze und groszartige lag seiner seele wie ein sündhafter greuel vor D. v. Liliencron (1896) 6, 18; die sache liegt dem gericht zur entscheidung vor. 5@cc)
ohne dativ, auch hier bei gegenständlichem der bisweilen eigentlichen bedeutung nahe: so eben studire ich deine briefe, welche sauber geheftet vorliegen Göthe IV 39, 199
W.; am weihnachtsabend, wo so viele geschenke vorlagen I 42, 2, 145; kostbare cigarren ... lagen ... zur auswahl vor Holtei
erz. schr. 3, 54. —
meist aber in freierer anwendung, zur kenntnisznahme, behandlung, benutzung u. ä. bereit liegen, vorhanden sein: überhaupt hat Shakespeare bei seinen stücken schwerlich daran gedacht, dasz sie als gedruckte buchstaben v. würden Göthe
gespr. 6, 113
W. v. Biedermann; die urkunde lag vor Immermann 5, 92
B.; (
dasz) bereits eine zahlreiche evangelienlitteratur vorlag D. Fr. Strausz (1877) 3, 65; die gefahr bestand darin, dasz sein steckbrief schon vorläge Laube (1875) 1, 64; (
relation,) die jetzt in den documents inédits bd. xxxviii gedruckt vorliegt Ranke (1867) 2, 222
anm. 2. —
ungewöhnlich, gegenständlich vorgestellt: als ob die europäischen staaten in scharf gezogenen grenzen und auf unwandelbaren grundpfosten vorlägen Laube (1875) 3, 75. 5@dd)
auszerordentlich oft in freier anwendung mit einem nicht gegenständlichen subject: es liegt ein mord vor, feigheit liegt nicht vor, es liegt kein bedürfnis, kein grund vor, verdacht liegt vor, die möglichkeit, eine verwechslung liegt vor, beispiele, beweise liegen vor
u. s. w. in zahllosen oft wiederholten verbindungen; wo dieser zweck ... vorliegt Herder 15, 310
S.; so schön und einfach es (
das geschäft) auch vorlag Göthe 24, 334
W.; in dem falle einer streitigen wahl, wie sie damals vorlag Ranke (1867) 1, 29; der fall, der vorliegt, scheint besonderer erörterung wert H. v. Kleist 1, 416
E. Schm. 5@ee)
mit unbestimmterem subject oder einem satz als subj.; bisweilen prägnant: da liegt etwas vor,
etwas bedenkliches; es liegt etwas gegen ihn vor; darüber liegt nichts vor,
darüber ist nichts bekannt; das glaubte man selbst nicht, und es liegt urkundlich vor, das man es nicht glaubte Schubart
br. 2, 7
Str.; in dieser unwirklichkeit irrt er sich nun auch in dem, was vorliegt, bringt statt des königs den alten Polonius um Hegel (1832) 10, 2, 205; so liegt hier klar vor, wie mächtig die wirklich dichterische gestaltung auch durch ihre form auf ihn (
Mozart) wirkte O. Jahn
Mozart (1856) 3, 350; da musz was v., und nun heraus damit Fontane I 5, 75. 5@ff)
das part. präs., auszerordentlich oft gebraucht, kann natürlich in allen bisher behandelten sinnesfärbungen verwendet werden; im ursprünglichen sinne: eine vorliegende brustwehr (
wurde) erstürmt Ranke (1867) 31/32, 248. —
mit dem dat.: das mir vorliegende buch;
besonders oft mit begriffen der schrift und des drucks, das vorliegende buch,
mit dem sich jemand irgendwie befaszt, z. b. es beurtheilt, das erschienen ist, für das publicum bereit liegt, auch kann der autor so von seinem werk sprechen u. ä.: wenn man einen blick auf das vorliegende kupfer wirft G. Forster (1843) 6, 165; in dem ganzen vorliegenden jahrgang Göthe 42, 1, 20
W.; zu dieser letzten gattung nun gehört das vorliegende stück (
der Egmont) Schiller 6, 81
G.; ehe die vorliegende schrift unter die presse kommt Müllner
dram. w. 8, 47; zum zwecke der skizzenaufnahmen zu vorliegendem buche H. v. Barth
Kalkalpen (1874) 412. —
in verbindung mit abstracten: vorliegende umstände, bedingungen, möglichkeiten, gründe, geschäfte, die vorliegende frage
u. s. w. — der vorliegende fall '
für der gegenwärtige
oder der in rede stehende fall
ist sehr üblich, aber von Adelung
nicht bemerkt' Heynatz
antibarb. (1796) 2, 602; zu vorliegendem verwickeltem specialfall Göthe 38, 262
W.; in dem eben vorliegenden bestrittnen falle Klinger (1809) 6, 159; ein mythischer fall wird mit dem vorliegenden irdischen verglichen Scherer
lit.-gesch. 15. —
alleinstehendes part.: früh das vorliegende weggearbeitet Göthe III 1, 123
W.; vorliegendes, nicht erst zu beweisendes und zu erwerbendes Fichte (1845) 2, 104; man musz sich eben hier nur an das nächst vorliegende halten fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 4, 168. 5@gg)
einige besondere wendungen meist aus Herder: was ist offenbarer, als dies vorliegende weltall? 6, 212
S., vgl.: eine so hungrige welt wie die vorliegende D. Fr. Strausz (1876) 6, 147; nahe vorliegen
wie nahe liegen: (
trauerlieder) über gegenstände, die dem sänger nahe vorlagen Herder 12, 331
S. —
vor einem liegen als aufgabe oder möglichkeit: obgleich mir noch ein sehr angenehmer spatziergang (
bildlich) vorläge ... der spaziergangt führte aber zu weit: und man musz ihm entsagen, wenn noch die hauptstrasze zu sichern und zu berichtigen weit vorliegt 5, 69. —
in der folgenden stelle im sinne von sich klar darstellen, sich erweisen: der ganzen klaren sittlichkeit ihres wesens, die mir so lange vorlag Stifter (1904) 1, 134.