vorherrschen,
verb. , vorherschen,
predominari voc. von 1482 m m 2
b;
trotz dieser frühen bezeugung fehlt das wort in den nhd. wörterbüchern, erst Campe
verzeichnet es; es scheint überhaupt erst im 18.
jh. im schriftgebrauch aufzukommen (
beleg aus Herder
unter 2 b),
und zwar unter dem einflusse des fremdwortes prädominieren.
hieraus erklärt es sich, dasz v.
unendlich öfter in uneigentlichem, als in eigentlichem sinne gebraucht wird. —
ungetrennte form: es vorherrscht ein groszer lügenwust Varnhagen v. Ense
Rahel (1834) 2, 558. 11)
im eigentlichen sinne, '
vor andern an grösze und umfang der herrschaft sich auszeichnen, über andere herrscher hervorragen' Campe;
dann auch freier, vor andern herrschaft, macht ausüben: (
alle,) denen es vortheilhafter ist, dasz ihr vorherrschet als die Samniter Niebuhr
röm. gesch. (1811) 3, 375; man spricht vom nahen rücktritte der bisher vorherrschenden oberhofmeisterin Varnhagen v. Ense
tageb. (1861) 2, 123; auf einem vertraulicheren verständnisz der vorherrschenden fürsten hat von je die einheit von Deutschland beruht Ranke (1867) 2, 114; die mitbürger, die sich der vorherrschenden partei nicht fügten 40/41, 361. 22)
weitaus häufiger, wie schon bemerkt, im übertragenen sinne, '
vor andern kraft, einflusz, wirksamkeit haben und zeigen, an innerer stärke übertreffen' Campe.
diese definition paszt mehr auf ein persönliches object, das verbum wird aber fast ausschlieszlich (
doch s. unter b)
auf unpersönliches bezogen, wenn der sinn ist: sich geltend machen, mehr als anderes wirksam hervortreten u. ä. besonders verbindet es sich mit abstracten subjecten. bei weiterer abschwächung des in herrschen
liegenden sinnes wird das übergewicht des in gröszerem masze vorhandenseins bezeichnet, diese bedeutung tritt besonders hervor, wenn das verbum auf sinnlich wahrnehmbares bezogen wird. 2@aa) es ist ein unvergleichliches naturell, was in ihm (
Wieland) vorherrscht Göthe
gespräche (1889) 3, 56
B.; wo eine so bestimmte empfindung vorherrsche, solle sich der mensch keinen zwang anthun Tieck (1828) 17, 111; dort herrschten also die kosmogonischen erinnerungen an das feuchte element in der symbolik vor Creuzer
symbolik u. mythol. (1810) 1, 378; das wehmütige, das noch immer in seinem wesen vorherrschte Hauff (1890) 3, 85; die sauberkeit, die in demselben (
einem kleinem hofe) vorherrschte Holtei
erz. schr. (1861) 4, 9; bei dem v. der innerlichkeit Hamlets O. Ludwig (1891) 5, 198. in Wien herrschte eine entgegengesetzte stimmung vor Ranke (1867) 30, 235; der französische geist, der an seinem hofe ausschlieszlich vorherrschte Moltke
ges. schr. (1892) 2, 183. 2@bb)
wird das verbum auf sinnlich wahrnehmbares oder körperliches bezogen, so kann die meinung sein, dasz etwas besonders in die augen fällt, sich den sinnen aufdrängt, mehr als anderes hervortritt und wirkt, in gutem oder schlechtem sinne: diese farbe herrscht auf eine unangenehme art vor Campe; für uns ist das v. der blechinstrumente ... um so befremdlicher, als
u. s. w. O. Jahn
Mozart (1856) 1, 530; ging von diesen (
landschaften) auf solche über, in denen ein einzelnes vorherrschte G. Keller (1889) 1, 174; teppich, in dem das typische rot vorherrschte Fontane I 1, 188. —
freier in folgenden stellen: es stehen meist philologische sachen darin (
im meszkatalog), die bestimmt vorherrschen J.
u. W. Grimm
briefw. (1881) 322; bei dem v. der blanken waffe Mommsen
röm. gesch. (1854) 1, 510. —
ganz eigentümlich: (
bardit) weniger von barde abgeleitet, als mit ihm derselben wurzel entstammend, die noch in unsrer hülfssylbe bar deutlich vorherrscht Fouqué
gefühle, bilder (1819) 1, 200. —
abgeschwächt bis zur bedeutung des in stärkerem masze oder gröszerem umfange, gröszerer masse vorhandenseins: die briefform herrscht vor (
in einem schriftwerke) Herder 18, 518
S.; so besonders von gegenständen der natur: bei den reptilien beginnt ... ein immer gröszeres v. des rückenmarkes (
hier aber zugleich die bedeutung 2 a
bezeichnend) Sömmerring
vom baue d. menschl. körpers (1839) 4, 110; je nach dem v. oder fehlen dieser zellenbildungen 8, 1, 247: die feigenbäume scheinen uns darin vorzuherrschen Chamisso (1836) 2, 118; während im untern Innthal ... die runden formen vorherrschen, ist hier das antlitz (
der mädchen) länglich und schmal Steub
drei sommer in Tirol (1895) 2, 228; vorzüglich in gegenden, wo der sandstein vorherrscht Raabe
schüdderump (1870) 1, 96. —
in diesem sinne kann dann aber auch das verbum auf lebende wesen und personen bezogen werden: in der fauna eines landes herrschen die vögel, in einer bevölkerung herrschen die blonden und blauäugigen vor. 2@cc)
in allen bisher behandelten bedeutungen wird besonders gern das part. präs. gebraucht, so ist es beliebt, v.
durch vorherrschend sein
zu umschreiben; vorherrschend in den alten dichtungen ist das unverhältnisz zwischen sollen und vollbringen Göthe 41, 1, 59
W.; bei andern war eine scheu und furcht vorherrschend anzustoszen Görres
br. (1858) 3, 103; dieser eindruck der verletzung des nationalen ehrgefühls ... war in mir so vorherrschend, dasz
u. s. w. Bismarck
ged. u. erinn. 2, 106
volksausg. —
auf sinnlich wahrnehmbares bezogen (2 b): deszwegen sind die weniger refrangibeln strahlen in dem ... zurückgeworfenen lichte vorherrschend Göthe II 2, 193
W.; die helle haarfarbe ist durchaus vorherrschend A. v. Droste-Hülshoff (1878) 2, 369; das letztgenannte (
flachrelief) ist seit dem mittelalter für münzen vorherrschend Luschin v. Ebengreuth
münzk. 44. —
prädicat. in andern wendungen: (
das talent,) das er in sich vorherrschend fühle H. v. Kleist 5, 294
E. Schm.; vorherrschend blieb doch die meinung, dasz
u. s. w. Treitschke
dt. gesch. (1897) 5, 449. —
gesteigert: wird die erzählung (
als form) vorherrschender Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 2, 127. 2@dd)
auszerordentlich häufig in attributiver anwendung: der vorherrschende geschmack, die vorherrschende meinung Campe; (
naturell,) in welchem empfindung und einbildungskraft vorherrschende bestandtheile sind Schubart
br. 1, 33
Strausz; bei vorherrschender religiosität J. G. Jacobi (1807) 6, 103; spuren ... der vorherrschenden verstandesrichtung der neuern poesie Fr. Schlegel (1846) 5, 36; bei vorherrschendem einflusse der erhitzten welfischen jugend Platen 3, 251
H.; dem vorherrschenden schicksale französischer frauen, dem schicksale des dickwerdens Laube (1875) 16, 81; (
ein geschlecht, das sich) zu einem vorherrschenden ansehen aufschwang Ranke 8, 16; zweierlei unterbrach die vorherrschende nüchternheit Fontane I 1, 119; die im süden leider noch heute vorherrschende unkenntnis der norddeutschen zustände Treitschke
histor. u. polit. aufsätze (1886) 1, 218. —
auf sinnlich wahrnehmbares bezogen (2 b): (
kleinere säle,) wo oft nur ein einziges bild die vorherrschende figur war Böttiger
kl. schr. (1837) 2, 12; namentlich das übermäszig vorherschende i J. Grimm
kl. schr. 6, 211; (
die nase,) welche sich vor der vorherrschenden kinnmasse wie zerschmettert zurückzog G. Keller (1889) 5, 135; der längs der ganzen südküste von England vorherrschende kalk- und kreidefels Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 6, 300. —
ungewöhnlich: wir wählen die vorherschende lesart Voss
krit. bl. (1828) 1, 164; Opheltes, der ... in der vorherrschenden sage aber ein sohn des Lykurgos heiszt Gerhard
akad. abh. (1866) 1, 6. 2@ee)
als adv.: wenn also z. b. der rachen des krokodils so vorherrschend hervortritt, dasz alles ebenmasz verschwindet Fr. Th. Vischer
ästhetik (1846) 1, 336; bei vorherrschend lichtbraunem oder blondem haare A. v. Droste-Hülshoff (1878) 2, 351
Cotta. 33)
hierzu: vorherscher,
predominator voc. von 1482 m m 2
b; ihre
vorherrscher im indischen reich Mommsen
röm. gesch. 5 (1894) 352.