vollständig,
adj. ,
das wort fehlt im mhd. und wird auch von den älteren nhd. lexikographen nicht verzeichnet, obgleich belege seit dem 16.
jh. sich häufiger finden (
s. unten)
; es ist ein wort der prosa. 11)
ohne zusammenhang mit nhd. vollständig,
doch theilweise im gebrauch sich ihm nähernd, ist ein älteres adj., das zu mhd. volstân,
ausharren, beständig bleiben gehört. auf personen bezogen bedeutet es ausharrend bis zum ende, standhaft, von sachen fest, beständig, vgl. Schiller-Lübben 5, 559
a; Verwijs-Verdam 9, 888;
perseverans, volstendig Diefenbach
gl. 429
b; wie ein bergart in die ander verwandelt, bisz die gültigen metal, gedigen und vollstendig ... werden Mathesius
Sarepta (1571) 27
a;
vielleicht gehört auch hierher: und obwohl dieser glücksbau follkommen und follständig scheinet, so mus der werkmeister nicht vermeinen, das er ohne wandel sey Butschky
Pathmos (1677) 332. 22)
nhd. vollständig
schlieszt sich in seiner bedeutung zunächst dem sinne von voller stand
an, bezeichnet also: '
alle zu seiner bestimmung nöthige einzelne theile habend' Adelung. vollständig,
plenus Reyher
thesaurus (1686) o 2
b; vollständig,
compito, pieno, perfetto Kramer 2 (1702), 931
c; vollständig,
plenus, integer, perfectus Steinbach 2, 671; complet, vollständig, vollzählig Kinderling
reinigk. d. deutsch. spr. (1795) 240. — ein vollständiger anzug, vollständiges waarenlager Campe; dasz sie auf dissmal ein vollständiges nest und wohnung verfertigen Prätorius
winterflucht d. sommervögel (1678)
vorr. a 2
b; (
schiffe) waren noch mit keinen vollständigen verdekken versehen Heilmann
pel. krieg (1760) 18; bedenken sie, dasz die selige ihr trauerzeug so v. hatte Möser
w. (1842ff.) 1, 153; ein urvaterschreibzeug, schwarz, grosz und v. Göthe 24, 157
W.; (
schickte) das grosze, vollständige familienservice in die münze Holtei
vierzig jahre (1843ff.) 1, 262. —
technisch: vollständiger (blumen)kelch,
um die ganze blume gehend Illiger
thier- u. pflanzenreich (1800) 380; vollständige fächerwände 409; wir nennen ein pferd v., wenn es an mähne und ohren ungeschoren und ungeschnitten ist Bode
Montaigne (1793ff.) 2, 345. —
seltsam: der das abendmahl wieder v. (
d. h. in beiden gestalten) austheilte Ranke
s. w. (1867ff.) 2, 14. —
bezogen auf ein ganzes, das aus personen besteht: daselbsten ward auch die vollstendige königliche regierung anno 1647 eingerichtet Dankwerth
Schleswig u. Holstein (1652) 105
b; darausz in 20. jahren eine vollständige armee könte formirt werden Weise
erzn. 25
ndr.; durch einige neu angenommene schauspieler ward die gesellschaft noch vollständiger Göthe 22, 232
W.; — vollständige zahl, summe,
an der nichts fehlt: so wird die zahl von zwölfen vollständig Niebuhr
röm. gesch. 1, 79.
veraltet in der anwendung auf erfüllte jahre, zeitspannen (
s. völlig, vollkommen): ihme bis zu seinen vollstendigen jahren mit vormundschaft zu versehen Brandis
des tirol. adlers ehrenkräntzel (1678) 167; welcher nutzliche edle baum ... bisz zu seinem vollständigen alter über 100 jahre erfordert Grimmelshausen
Simpl. 1, 26
Keller; ich bin vollständige vier stunden herumgeklettert Stifter
w. (1901ff.) 2, 10. —
besonders von schriftlich niedergelegtem, büchern, büchersammlungen, oder sonst von dingen, die aus wissenschaftlichen, künstlerischen oder liebhaberzwecken zusammengebracht werden. das wörterbuch ist v.,
kann heiszen '
es fehlt kein stück davon',
oder auch '
es bringt alle wörter, die es sinngemäsz enthalten soll'
; so kann sich v.
dann auf darstellung aller art, schriftliche und mündliche, bericht, nachricht, abrechnung, register, composition in der musik oder der bildenden kunst u. a. beziehen: ein vollständiges lexicon, vollständiges werck Kramer 2 (1702), 931
c; ein vollständiger inhalt eines buches; ein vollständiges buch davon schreiben Steinbach 2, 671; fursteher yre volstendige jarrechnunge zu thun Luther 12, 29
W.; dasz ich ... ein vollstendiges werck schreiben und in druck auszgehen lassen wolt Ercker
mineral. ertzt (1580)
vorr. 4,
b; darin die andern und mehr artikel auch begriffen sind, was zu einem vollständigen christlichen glauben gehöret Schweinichen
denkw. 5
Ö.; damit solcher bericht v. und nicht mangelhafftig erfunden werde Prätorius
saturnalia (1663) 347; volständiges jagd- und weydbüchlein (1681)
titel; die vollständigste und weitläufftigste (
grammatik) v. Fleming
teutsche soldat (1726) 21; wie steht es mit der vollständigen ausgabe ihrer werke? Lessing 17, 225
M.; (
schriften Huttens,) die vielleicht in ganz Deutschland niemand v. hat Herder 16, 295
S.; er war im besitze eines vollständigen exemplars (
des Hamlet) Göthe 22, 163
W.; ich möcht dir es (
Rochusfest) gern vorlegen, dasz es recht v. würde
br. 27, 141
W.; den anfang macht ein vollständiges detail (
schilderung der einzelheiten) dieser bühne Schiller 3, 533
G.; er hatte eine höchst vollständige wappensammlung Arnim
w. 2, 197; bei der ersten ausgabe wird man immer den vollständigen titel, später ... abkürzung finden Ritter
erdkunde (1822ff.) 1, VII; binnen wenigen tagen fertigte er mir ein vollständiges 'nationale' aus Holtei
erz. schr. 1, 79; eine vollständige sammlung ... von den rinden aller waldbäume G. Keller
ges. w. 5, 153; nun will ich auch von herrn Jobs häuslichem leben noch eine etwas vollständige nachricht geben Kortum
Jobsiade 3, 24.
der autor statt seines werkes; äuszerlich: ein buch, worin an die fünfundzwanzig singer schon beieinander stehen, wenige davon vielleicht v. G. Keller
ges. w. 6, 50;
mit beziehung auf inhalt und darstellung: wie weit gründlicher und vollständiger (
ist) Lessing Herder 5, 243
S. 33)
die vorstellung des zusammengesetztseins kann zurücktreten, so dasz mehr die erfüllung des begriffs betont wird; damit nähert sich das wort dem gebrauche von ganz, völlig,
ja auch von vollkommen,
doch ist die sprache der gegenwart darauf bedacht, wenigstens vollkommen
und vollständig
zu trennen. —
am klarsten tritt diese bedeutungsverschiebung hervor, wenn das wort auf abstracta bezogen wird, die eine weitere zerlegung nicht zulassen; bei andern aber wird an eine stufenweise erfüllung gedacht, was wieder dem unter 2
geschilderten gebrauche näher steht; ebenso, wenn eine logische zerlegung stattfindet: vollständiger begriff, vollständige kenntnis
u. ä. zu beachten ist, dasz Göthe
das wort in weit freierer anwendung gebraucht, als jetzt üblich ist: der gerechtigkeit und billigkeit ein vollstendigs genügen geschehe Ayrer
hist. proc. juris (1600) 434; das unsere soldateska ... nicht vollstendigen wiederstandt zue thuen vermögen
acta publ. 2, 76
Palm (
hier wohl eher vollständig 1); der anfang und vollständige grundlegung der teutschen letteren Schottel
haubtsprache 58; der vollständigste beweis von der menschlichkeit des ursprungs der sprache Herder 5, 73
S.; die einzige quelle aller wahren und vollständigen glückseeligkeit Cramer
nord. aufseher 1, 93; des vollständigen sittlichen bankerotts Schubart
br. 1, 201; bilder bedeutender männer des sechzehnten jahrhunderts ... in vollständiger gegenwart Göthe 24, 117
W.; bei dem mangel vollständiger vorbereitung 46, 96
W.; sobald meine begriffe etwas vollständiger sind
br. 8, 72
W.; einer vollständigen ordnung zuwider 11, 269
W.; lasz in seiner seele das vollständige ideal jener groszen wirkung emporsteigen Schiller 4, 49
G.; dasz solcher schmuck mehr abziehend wirken als die vollständige auffassung fördern würde Schleiermacher
Platons w. 6, 10; auf die vollständigste art Ayrenhoff
w. (1814) 2, 203; freute sich wie ein kind, drei vollständige hiebe erspart zu haben Gaudy
w. (1844) 13, 90; der erfolg des stückes war v. fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873
ff.) 3, 393; einen widerspruch, so v. wie nur irgend einen D. Fr. Strausz
ges. w. 4, 273; der ruin war so v. und hoffnungslos G. Keller 2, 141;
und so in den mannigfaltigsten verbindungen: vollständiger sieg, abschlusz, vollständige durchführung, unterwerfung, versöhnung, verzweiflung, überraschung, gleichgültigkeit, zufriedenheit, klarheit
u. s. w. —
ungewöhnlich auf sinnliches bezogen: (
eine kirsche) musz ire zeit haben, bisz sie reiff und volstendig wird Mathesius
Sarepta (1571) 36
a. —
dem begriff ganz entsprechend: hat er mir nicht einen vollständigen liebesbrief geschrieben? Iffland
theatral. w. (1827
ff.) 4, 321; nirgendwo findet man hier die langen ackerfeldfurchen, die in unübersehbarer einförmigkeit nur von vollständigen dörfern abgelöst werden. hier ist das dorf aufgelöst in höfe Gutzkow
zauberer von Rom (1858
ff.) 5, 7. —
im sinne von unverkümmert: die sprache, die volständig und unvermengt ... sich bey uns erhalten hat Schottel
haubtspr. 23.
dem gebrauche von vollkommen
sich nähernd, insofern als eine werthung schärfer hervortritt; in diesem sinne jetzt gemieden; man beachte Göthes sprachgebrauch: (
art, welche) ohne fernere manuduction zur vollständigen beredsamkeit getrieben wird Weise
polit. redner (1677) 24; das gesetze der natur hat alles entschieden und ist an sich gantz v. Wolff
gedancken v. d. m. thun u. l. (1720) 18; den besten unterricht zieht man aus vollständiger umgebung Göthe 24, 49
W.; (
instrumente,) deren vollständige kraft und zartheit er bewundern muszte 25, 6
W.; als wenn der augenblick v. und befriedigend sein könnte 46, 52
W.; das unzugängliche durch das vollständige seiner persönlichkeit zu vergüten 25; dazu gibt jedem sein eigenes gewissen den vollständigsten maszstab 210; ein wahres und vollständiges leben der seele ohne körperlichkeit D. Fr. Strausz 6, 21. 44) Campe
behauptet merkwürdiger weise, dasz v.
nicht auf personen bezogen werden könne; auch jetzt noch kann es als attribut zu persönlichen begriffen treten, um zu bezeichnen, dasz ihr sinn ganz erfüllt ist (ein vollständiger narr),
wenn auch vollkommen
durchaus vorgezogen wird; beachtenswerth sind die verbindungen, die jetzt nicht mehr gebraucht werden: dasz seine person die abbildung eines vollständigen printzens sattsam vorstellen kunte v. Ziegler
asiat. Banise (1689) 26; was ihm zu einem vollständigen Dionysus mangelte Wieland
Agathon (1766) 1, 9; ein echter, vollständiger Wiener Arndt
w. (1892ff.) 1, 116; das ist eine vollständige gelehrte Gutzkow (1872
ff.) 11, 325; (
es trifft) nie ein vollständiger narr auf einen unbedingt klugen fröhlichen G. Keller
ges. w. 4, 48. —
in eigenthümlicher anwendung: dasz Domitian der vollständige (
echte) bruder des Titus gewesen sei, glaube ich nimmermehr Schopenhauer 2, 612
Gr. —
öfters früher auf allgemeine begriffe wie mensch, mann
bezogen; es kann die abgeschlossene entwicklung (
körperliche oder geistige)
gemeint sein: kaum fangen sie (
kinder) an, was v. zu werden, da haben sie keine ohren mehr für alles gute Arnim
w. 1, 13; wer von hause aus tüchtig ist, wird erst in den späteren jahren v. Görres
ges. br. (1858ff.) 3, 119; es war ein groszer, schöner, vollständiger mann Göhre
denkw. u. erinn. eines arbeiters (1903) 38. —
eigenthümlich im sinne von '
gut im stande': (
der leibarzt spricht) seht, wie gesund, v., aufgeräumt der könig jetzt ist Tieck
schr. 3, 332. —
werthend, zur bezeichnung, dasz die werthvollen eigenschaften einer persönlichkeit ganz entwickelt sind (ganz, vollkommen): er hat als mann gelebt und ist als ein vollständiger mann von hinnen gegangen Göthe 46, 69
W.; jeder vollständige mensch hat einen genius
Athenäum 3, 9; so vielseitig, so unterrichtet, orientiert und vorurteilsfrei, kurz so vollständiger mensch zu sein ... als möglich Novalis 2, 161
M.; er (
Mirabeau) hatte nicht weniger feuer und eisen in sich als dieser (
Napoleon) und war ein vollständigerer mensch Varnhagen v. Ense
tageb. (1861
ff.) 6, 5. 55)
das adv. wird wie das adj. in einem engeren und einem weiteren, unbestimmteren sinne gebraucht. mit der vorstellung des lückenlosen, des erfassens aller theile, einzelheiten, des durchlaufens aller stufen der entwicklung; beachte die zusammenstellung mit ausführlich: ich vermeyne aber, wenn alle ... umbstände sollen erörtert werden, dasz es auszführlich und v. geschehen könne Prätorius
Blockesberges verrichtung (1668) 86; so würde ein Franzos, der etwas deutsches v. übersetzen wollte, auch mehr worte dazu brauchen, als das original hätte Gottsched
d. sprachkunst (1748) 9; keine einzige lebendig tönende sprache läszt sich v. in buchstaben bringen Herder 5, 11
S.; erkundige dich also v., ehe du an hülfe denkst Abbt
verm. w. (1768ff.) 6, 1, 184;
hier fast wie unser ausführlich,
ebenso in folgender stelle: mich mit meinen auswärtigen freunden wieder einmal v. zu unterhalten Göthe
br. 20, 345
W.; aber wieder stärker: heute finde ich keine musze ihn v. zu beantworten Görres
br. (1858ff.) 3, 8; dessenungeachtet kannte er doch die ganze literatur ziemlich v. Eichendorf (1864) 2, 112; truppen, die noch immer nicht v. besoldet waren Ranke
s. w. (1867ff.) 3, 16.
unbestimmter, wie völlig, ganz: seit drei tagen haben wir die hellsten und herrlichsten nächte wohl und v. genossen Göthe 30, 265
W.; aber damit haben sie ihren zweck auch v. erreicht D. Fr. Strausz (1877) 3, 13; in der auffassung von charakter und schicksal ist Goethe Shakespeare v. gefolgt O. Ludwig (1891
ff.) 5, 195; vorstellungen, die mich den ort, an welchem wir uns befanden, v. vergessen machten Storm
w. (1899) 1, 67; man hatte den armen v. bei seite geschoben Raabe
hungerpastor 1 (1864), 7; wie siehst du blosz wieder aus! jammervoll! wie so'n krankes hühnchen v. G. Hauptmann
einsame menschen (1891) 45;
schwerfällig: (
zu besorgen,) was sich vollständig gebürte, den neuen gast zu empfangen Bodmer
Noah (1752) 1, 275.
vor dem adj., im allgemeineren sinne: das ist mir v. neu;
vor dem part.: v. überzeugend, v. überrascht. ('
fett der erde,') bei dem die leute so v. runde köpfe ... ansetzen konnten A. v. Droste-Hülshoff
w. (1879) 2, 321. was die chatoullezahlung damit zu thun hat, ist mir v. unklar Bismarck
polit. reden 3, 25
Kohl. gesteigerte formen: ich will allhier anhangsweise gleichsam eine gedreuete straffe von dem gotte durch blut bezeichnet, vollständiger berühren Prätorius
anthropodemus plut. (1666) 1, 170; dadurch ward mir diese anstündige schönheit immer vollständiger vorgestellet Schwabe
belustigungen 2, 150; diesen gedanken ... zu beweisen oder etwas vollständiger auszuführen
Athenäum 2, 2. — das habe ich in einem briefe an U. vollständigst gethan L. v. Gerlach
an Bismarck 195. — auf das genaueste und vollständigste Göthe 24, 52
W.; um sich hiervon aufs vollständigste zu überzeugen Eichhorn
d. staats- u. rechtsgesch. (1821) 2, 354. —