verwittern,
vb. ,
zu 2wittern 2, 5
u. 6 (
s. teil 14, 2
sp. 817);
vereinzelt im 16.
und 17.
jh. bezeugt (A 1, 2),
aber erst seit dem 18.
jh. allgemein gebräuchlich (A 3, B). AA.
vorgänge unter dem einflusz der witterung. A@11)
durch ungünstiges wetter verderben, vgl. verwettern 1 b,
sp. 2250: item, wenn er allzu nasse jahr gibt und alles versawren unnd vertrencken, oder verhageln unnd verwittern lesst Pomarius
grosze postilla (1590) 2, 105
b. A@22)
gleichfalls ungewöhnlich '
sich luft und sonne aussetzen',
vgl. 2wittern 5 b: auswittern, verwittern, sich säubern
wenn die bienen in heitern frühlingstagen häufig vor dem stock herumfliegen und sich erlustigen Jacobsson
technol. wb. (1781) 1, 112.
reflexiv: (
die seehunde legen sich) an dem strand an die sonne und verwittern sich Hohberg
georg. cur. (1682) 2, 552. A@33)
verbreitet ist die verwendung im sinne von '
zerbröckeln, zerfallen'.
ausgangspunkt ist bergmannssprachl. witterung (
s. d. 8) '
dampff, so zuzeiten von reichen gängen zu tage ausziehet und wie ein feuer scheinet ..., auch die unterirdische hitze, so die ertze zu ihrer vollkommenheit bringet und ... auch wieder auszehret' Minerophilus
bergw.-lex. (1730) 720. A@3@aa)
von mineralien. A@3@a@aα)
als besonderer chemisch-physikalischer vorgang: ob der weisze kiesz in der erden zerfalle oder, wie es die bergleute aussprechen, verwittere Henckel
kieszhistorie (1725) 619 (
bei Kluge-Götze
15837);
danach lexikalisch: verwittern
wann eine bergart oder was sonst beysammen in einem gewesen, sich in der erde auflöset, zerfällt oder zergänzt Frisch (1741) 2, 445
a;
sich in der luft auflösen und seinen gehalt verliehren, welches denen arsenikalischen und kobaltischen erzen gar oft begegnet, bergm. wb. (
Chemnitz 1778) 576;
die erze verwittern,
wenn sie durch die luft und ihre säuren aufgelöst werden Schwan
nouv. dict. 2 (1784) 945
a; häufig rührt das sogenannte verwittern der mineralien nur davon her, dasz sie wasser verschlucken Sprengel
chemie f. landwirte (1831) 1, 237.
auch als technisch notwendiger und daher absichtlich herbeigeführter vorgang: verwittern
eine chemische operation, welche vorzüglich bey der bearbeitung fester fossilien und hüttenprodukte angewendet wird. sie sollen sich entweder durch den sauerstoff der luft oxydiren oder ihr crystallisationswasser fahren lassen, durch beydes lösen sie sich zu mürbern massen auf Lampadius
hüttenkunde (1817) 210; nun folgt (
bei der behandlung der eisenerze vor dem verschmelzen) das rösten oder eine vorbearbeitung durchs verwittern Prechtl
technol. encycl. (1830) 5, 112; der eisenvitriol wird ... gewonnen durch verwitternlassen ... des schwefeleisens Liebig
hdb. d. chemie (1843) 528. A@3@a@bβ)
als folge von natureinwirkungen, die den verfall der stoffe zustandebringen; verwittern
durch die witterung aufgelöset werden Adelung 4 (1780) 1571;
durch den einflusz des wetters zerstört werden, zerfallen, zerbröckeln Krünitz
encycl. 219 (1854) 354: langsam verwittert der stein selbst Göthe IV 4, 72
W.; der granit verwittert
schr. d. Götheges. 21, 257; thonerde, die sehr weich ist und an der luft verwittert J. G. Forster
s. schr. (1843) 2, 219; gold kann nicht rosten oder verwittern Fr. Schlegel
pros. jugendschr. 2, 243
M.; die krystalle verwittern Schopenhauer
w. 1, 194
Gr. häufig sind infinite verbformen; part. präs.: die merkwürdigen, aus dem verwitternden granit sich ablösenden zwillingskrystalle Göthe II 9, 8
W.; der leicht verwitternde gneis
ders., IV 23, 391; das sei ja nur ein glas, und noch dazu ein verwitterndes, wodurch es eben diese schimmernden farben erhalten habe Stifter
s. w. 5, 1 (1908) 14; der dunkle leicht verwitternde thonschiefer Allmers
marschenbuch (
31900) 9.
part. prät.: bey verwitterten kalksteinen Lichtenberg
verm. schr. (1800) 8, 216; dort mochten grosze felsenplatten und trümmerkeile des urgebirgs noch scharf und frisch über einander liegen, nicht etwa verwittert, durch vegetation verbunden und ausgeglichen Göthe I 42, 2, 73
W.; die verwitterte lava Bettine
Brentanos frühlingskranz (1844) 146; mit natürlichem schwefel und verwittertem glimmerschiefer gemengten, ochergelben letten A. v. Humboldt
kosmos (1845) 4, 265; verwitterte trümmerstufen bahnen mir den weg zur letzten höhe Barth
Kalkalpen (1874) 99.
auch von gebirgslandschaften: an einer verwitterten, zerbröckelten felspartie Göthe I 48, 165
W.; eine verwitterte steilküste Peschel
völkerkde (1874) 207. A@3@bb)
von pflanzen und pflanzlichen stoffen: verwitternd
fatiscens, wenn ein pflanzentheil sich in kleine stückchen oder staub verwandelt Behlen
forst- u. jagdkde (1840) 6, 146; samenblasen aus lockeren flocken gewoben, welche in der mitte verwittern und sehr kleine, zusammengebackene samen enthalten Oken
naturgesch. 3 (1841) 76; die ungeheueren massen dieser binsen und rohrhalme, die sonst spurlos verwittert wären Allmers
marschenbuch (
41900) 68.
an häufigsten das part. prät.: an einem verwitterten baume Bürger
s. w. 282
b Bohtz; ein grauer, stillstehender see, um den uralte verwitterte weiden standen Tieck
schr. (1828) 9, 231; den wunderlichen gestalten knorriger aeste, kriechender wurzeln und verwitterter stämme Peschel
völkerkde (1874) 335; die kapsel vom bleibenden, aber fast verwitterten kelche umschlossen Schlechtendal
flora (1880) 12, 192; das verwitterte holz Gerhart Hauptmann
bahnwärter Thiel (1892) 42; in jedem stücklein borke oder verwittertem moosfäserchen Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 2. A@3@cc) '
vermodern, verwesen': auf das wild verwitternde, weit verstreute heldengebein Fouqué
altsächs. bildersaal (1818) 1, 115; kaum hatten sie die leichen der ihrigen betrauert, die auf Polens und Ruszlands gefilden unbegraben verwitterten E.
M. Arndt
schr. (1845) 1, 334. A@3@dd)
von anlagen, bauten, bildwerken: wo über mauern, welche halb verwittern, ein wilder lorbeerbusch die zweige bieget Platen
w. 1, 165
Hempel; ein verwitterndes baugerüst Keller
ges. w. (1889) 1, 199.
substantiviert: das verwittern der thürme Göthe I 24, 374
W.; es soll gar arg mit dem verwittern (
des Kölner doms) zugehen Görres
ges. br. (1858) 3, 118; zwar gehört zu solchen denkmälern auch die gunst des griechischen und italischen himmels, unter welchem die schrift kaum verwittert J. Grimm
kl. schr. 2, 153.
das part. prät.: am verwitterten geländer (
eines brunnens) J. H. Voss
antisymb. (1824) 2, 184; wenn nach sechzig jahren unsre hütte verwittert ist Iffland
theatr. w. (1827) 2, 149; noch waren einzelne verwitterte mauern hier und da übrig geblieben Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 1, 14; das verwitterte grabmal eines papstes Hebbel
w. 10, 35
Werner; eine grosze mauer, auf welcher ein paar steinerne verwitterte engel saszen S.
Brunner ges. erz. (1864) 1, 134; an den verwitterten zaunpfählen H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 243; das grüne moos sprosz in den fugen der verwitterten mauern, die seine (
des patrizierhauses) verträumte wildnis umschlossen (1902) Th. Mann
ausgew. erz. (1953) 77; verwitterte paläste und kirchen Gregorovius
wanderj. in Italien (1904) 2, 365. A@3@ee)
von sonstigen menschlichen erzeugnissen: gartenwerkzeuge, die man im freien liegen läszt, verwittern oder werden gestohlen Chr. v. Schmid
ges. schr. (1856) 5, 87.
fast ganz auf das part. prät. beschränkt und im sinne von '
vermodert, zerschlissen, verblichen': ein alter, auf tapetenart gestickter stul, mit abgebleichten verwitterten franzen besetzt Bode
Tristram Schandi (1774) 3, 147; einen kleinen, alten, verwitterten kahn Tieck
schr. (1828) 4, 332; was soll ich mit dem alten verwitterten filz?
ebda 3, 267; in verwitterten kleidern
schr. d. Götheges. 14, 273; die verwitterte uniform L. v. François
Reckenburgerin (1871) 2, 182; dann holte sie das verwitterte, nicht zu alte schreiben, einen langen brief in lateinischer sprache Gutzkow
zauberer (1858) 4, 347; der herausgeber hätte sagen sollen, welche von den verwitterten buchstaben erkennbar sind J. Grimm
kl. schr. 5, 230. A@3@ff)
in der anwendung auf personen mehr im sinne einer gestaltveränderung als einer zersetzung; '
runzlig, faltig, welk werden; altern': ein wahrer forscher wird nie alt, jeder ewige trieb ist auszer dem gebiete der lebenszeit, und je mehr die äuszere hülle verwittert, desto heller und glänzender und mächtiger wird der kern Novalis
schr. 4, 42
M.; wo die beiden alten den helden schlachten wollen, und dieser im entsetzen des augenblicks vom manne zum greise verwittert Immermann
w. 19, 16
Hempel; neben ihm seine unruhige, frühzeitig verwitternde frau Bergengruen
am himmel wie a. erden (1940) 43.
am gewöhnlichsten das part. prät.; '
durch alter, leiden, strapazen mitgenommen': gegen den verwitterten R. fühlt' er nicht einmal mitleid, sondern eine harte geringschätzung Jean Paul
w. 15/18, 509
Hempel; ein ältliches, verwittertes mütterchen Hebbel
w. 8, 142
Werner; besonders von soldaten gebraucht, wo an die folgen eines allen witterungseinflüssen ausgesetzten lebens zu denken ist: wie der verwitterte soldat so stumm die letzte fehde kämpft A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 1, 392; drei alte verwitterte kriegsmusikanten Steub
drei sommer in Tirol (1895) 1, 219; ehrenfestigkeit und pflicht auf dem verwitterten unteroffiziersgesicht H. Mann
untertan (1949) 6.
vom menschlichen äuszeren, besonders dem antlitz: obgleich mein äusseres verwittert ist, so glaube ich doch, dasz sie mich ... wieder erkennen werden Klinger in:
Göthejahrb. 3, 256; er hatte die verwitterten gesichter, die undurchdringlichen bärte der alten kerntruppen ... gesehen Laube
ges. schr. (1875) 8, 25; die alte Barbara ... lächelte mit hundert grübchen im verwitterten gesicht
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 2, 203; in den ernsthaften, verwitterten zügen des brandenburgischen bauern Treitschke
dt. gesch. (1897) 1, 272; (
der strolch) verzog sein verwittertes gesicht zu einer kläglichen grimasse Cl. Viebig
die vor d. toren (1949) 25.
vom bart: lasz mich los, alter narr mit deinem verwitterten bart Eichendorff
s. w. (1864) 3, 256.
zuweilen auch als folge von leidenschaften und lastern: so giebt es verwitterte physiognomien, in welchen alle leidenschaften den ausdruck ihrer zerstörenden stürme zurückgelassen haben Hegel
w. (1832) 10, 1, 194. A@3@gg)
in übertragenem gebrauch. von personen '
geistig oder seelisch heruntergekommen': ich bin auf dem lande und in mir selbst sehr glücklich, nachdem ich am hofe fast verwittert war (1776) Lenz in:
briefe von u. an Lenz 2, 22
Fr.-St.; wer gott versucht und die natur, über den stürzen gesichte, an denen er rasch verwittert Immermann
w. 3, 95
Hempel. elend und kümmerlich dahinleben: die mönche oder nonnen, die ehemals darin (
in dem kloster) verwitterten Platen
tageb. 1, 560
L.-Sch.; wie traurig ist es, endend still zu stehn, dumpf zu verwittern, unnütz einzurosten! Freiligrath
ges. dicht. (1871) 5, 184.
in sonstiger freierer übertragung: und du willst also deine gaben in dir verwittern lassen? Schiller 2, 35
G. (
räuber); da wären mir meine medicinische noch nicht ganz verwitterte kenntnisse zu statten gekommen Schlözer
öffentl. u. privatleben (1802) 263; aller ernst war verwittert Eichendorff
s. w. (1864) 2, 219; was nie und nirgends verwittert, das sind die bedürfnisse und forderungen der sittlichen natur Kürnberger
siegelringe (1874) 344; einige herbe töne verwitterten gefühles Laube
ges. schr. (1875) 1, 102; das resultat der entwickelung, dass ... das sogenannte ehrsame handwerk ... verwittert und zerbröckelt
hdwb. d. staatswiss.2 5, 823. BB.
zu 2wittern 6 '
spüren, durch den geruchssinn wahrnehmen'
; vorwiegend in der jägersprache. B@11)
vereinzelt in derselben bedeutung wie das einfache wort: so bald er (
der fuchs) solches gehecke bekommen, führet er dasselbe ..., wann er einen menschen darbey verwittert, in das korn Göchhausen
notabilia venatoris (1741) 54. B@22) den fuchs verwittern;
ungewöhnlich im ältesten zeugnis bei der absperrung der ausgänge eines auszuräuchernden fuchsbaues: nun itzo wird es gehn: nun steht er (
der stein) wie er solte. nun fällt er vor das loch, wie ich ihn haben wolte. nunmehr ist der fuchs verwittert, dasz er nicht entgehen kan: nun will ich ihn auszuräuchern auch das feuer legen an Abschatz
poet. übers. u. ged. (1704)
teutschred. schäffer 98.
in anderer bedeutung (
im sinne von 3 a): einen fuchs verwittern
ihm eine lockspeise legen Schmeller-Fr. 2, 1051. B@33)
einen gegenstand mit einem riechmittel versehen, um die witterung des tieres irrezuführen. B@3@aa)
zur beseitigung eines verdächtigen geruchs an fanggeräten: wenn sie (
die wölfe) denn die brocken auf den plätzen einigemal weggenommen haben, so legt man das eisen und verwittert es Döbel
jägerpractica (1754) 2, 135; verwittern
heiszt ein eisen, falle oder garn mit etwas bestreichen, damit es von dem thier, dem es geleget oder gestellet worden, nicht gescheuet, sondern angenommen werde, und sich fange Heppe
wohlred. jäger (1779) 383
b;
den fangapparat mit einer gewissen mischung ... bestreichen, um den von allem wilde sehr vermiedenen eisengeruch zu beseitigen Train
niederjagd 2 (1844) 221.
zugleich auch zwecks anlockung des tieres: '
fallen, fangeisen u. dgl. mit irgend einem gegenstand bestreichen, der alle spuren früherer berührung mit menschenhänden vertilgt und zugleich für das zu fangende wild irgend einen speciellen reiz hat' Behlen
forst- u. jagdkde (1840) 6, 145;
oder nur in diesem sinne: '
mit der gehörigen witterung, d. h. geruch gebenden lockspeise, versehen' Adelung
versuch 4 (1780) 1571. B@3@bb)
zur abschreckung: verwittern
wild vom besuch gewisser holzschläge, schonungen, feld- und gartenstrecken ... abhalten Behlen
a. a. o.; (
man) verwittert ... aber auch felder und schlechte grenzen, indem man sie mit stinkenden stoffen versieht, um das wild davon abzuhalten Dombrowski
waidmannsspr. (1929) 245.
ähnlich: und jeden raum zwischen den jungfichten absuchend, stiesz er auf das notrohr und überlegte nicht lange und verwitterte es nach jägerart in gröblicher weise Löns
Mümmelmann (
12Hannover o. j.) 46. B@3@cc)
von versuchen, den geruchssinn eines hundes zu täuschen: (
gewohnheitsverbrecher sind) darauf bedacht, ihre spur (
gegen polizeihunde) zu verwittern; dies hat ... der polizei ... veranlassung zu gröszeren versuchen gegeben. es wurden versuche gemacht mit ... baldrian und majoranöl, um die spuren zu verwittern
tägl. rundschau v. 13. 3. 1910.
gaunersprachlich: verwittern
sich mit dem '
duft'
heiszer hündinnen beschmieren, um wachhunde still zu machen Ostwald
rinnsteinspr. (1906) 163.