verweben,
v. ,
zu weben
texere; seit dem 13.
jahrh. belegt: Lexer 3, 297.
im älteren nhd. nicht sehr häufig (Stieler
stammb. 2450),
erst seit dem 18.
jahrh. gewöhnlich (Adelung, Campe).
mundartlich zuweilen gebucht: schweiz. Stalder 2, 439;
elsäss. Martin-Lienhart 2, 779;
schwäb. Fischer 2, 1405.
von der ursprünglichen starken flexion das part. prät. verweben
noch bei Weckherlin
ged. 2, 258; 448
lit. v. die neubildung verwoben,
im 18.
jahrh. noch selten (Winckelmann
s. w. 7, 54;
bei Herder 12, 373
S. und Göthe 13, 1, 232; IV 35, 81
W. neben viel häufigerem verwebt)
gewinnt im 19.
jahrh. mehr und mehr raum, ohne dasz verwebt
auszer gebrauch kommt. oft finden sich doppelformen beim selben schriftsteller, z. b. verwebt Brentano
Godwi 1, 232, verwoben
ges. schr. 3, 241; verwebt Fouqué
altsächs. bildersaal 4, 289, verwoben
gefühle, bilder u. ansichten 1, 275; verwebt Uhland
gedichte 1, 4, verwoben 1, 109; verwebt Sömmerring
bau d. menschl. körpers 2, 10, verwoben 5, 706; verwebt Ranke
s. w. 8, 88; 9, 306, verwoben 4, 65; 15, 150; 16, 236; 17, 169.
andere starke formen sind seltener: verwob Scherer
litteraturgesch. 413; 514,
plural verwoben Chamisso 4, 309; Arent-Conradi-Henckel
moderne dichtercharaktere 161. II.
nicht sehr häufig in der buchstäblichen bedeutung: I@11)
webend verarbeiten: aufweben und verweben,
in opus textile fila et pannum insumere Stieler
stammb. 2450; der weber hat alles garn verwebet H. Braun
wb. (1793) 286
b; das bleichen der wolle wird stets nur nach dem ... v. vorgenommen Karmarsch-Heeren
techn. wb.3 1, 630. zu etwas v.: verwebt euren flachs zu leinwand für das volk Börne
ges. schr. 6, 36; im alten Ägypten war die baumwolle heimisch und wurde ebenfalls zu zeugen verwebt Peschel
völkerkunde 183.
in etwas hineinweben: solche nester ..., in welche sie (
vögel) ... grünes erdmoos v. Naumann
naturgesch. d. vögel 2, 1, 504; sie ... hob mit der nadelspitze eifrig bunte perlen auf, diese ... in die arbeit zu v. Holtei
erz. schr. 24, 107. I@22)
zusammenweben: man macht auch subtile fäden darausz, die man etwan mit baumwullen verwebet S. Münster
cosmogr. (1564) 8; die ... zellenstege der geklöppelten Malinespitzen sind hier nachgeahmt durch v. der ... kettenfäden Karmarsch-Heeren
techn. wb.3 8, 373. I@33)
durchweben: in einem schif von cederholtz und helfenbein reich auszgebawet, ... mit perlein die banier verweben, von gold die ancker starck und dick Weckherlin
ged. 2, 258
F. I@44)
zuweben: die spinne, die mit ihrem wundervollen gewebe die quadrate meines gitters verwebt Schubart
leben und gesinnungen 2, 313. IIII.
übertragen unter bildlicher wahrung der eigentlichen bedeutung: webend herstellen: was für tage das schicksal für meine töchter verwebte Bodmer
Noah 1, 239.
durch gewebe versperren: der tapfre wird in die netze fallen, womit die feigheit die pfade verwebt Göthe 39, 185 (
Götz).
mit gewebe umgeben: ja, Hannibal ist selbst umbgarnet und verwebt Lohenstein
Sophonisbe (1680) 1.
einweben: wie der eintrag in den zettel, so ist die sünde in unserer natur verwebt Lavater
verm. schr. 2, 278; ja, es gelingt ihm, die fäden akademischer frühzeit ... in seinen übrigen lebensgang zu v. Göthe 40, 276
W. zusammenweben, verflechten: frei soll die phantasie erst schalten, nach ihrem gefallen die fäden verweben Novalis 4, 217
M.; indem dies (
England) noch alle fäden seiner alten allianz festzuhalten und mit einer neuen verbindung zu verweben suchte Ranke
s. w. 30, 186. IIIIII.
meist in freierer übertragung, verschiedene gröszen in engen, unlöslichen zusammenhang bringen. III@11)
zusammenweben, verflechten, verknüpfen. III@1@aa)
ohne ergänzung. III@1@a@aα)
körperlich: in grünen grotten dicht verwebter sträuche Sal. Geszner 1, 14; und wie die ulme, hoch vom felsen her sich niederbeugt, von schlee umrankt und flieder, als hätt ein eifersüchtger sie verwebt H. v. Kleist 4, 26
E. Schm.; die tänze verwebten sich in immer neuen verschlingungen Tieck 8, 233; sie (
zwei jungfrauen) saszen traut und schwesterlich verwoben Uhland
ged. 1, 109
krit. ausg.; zur zeit der dämmerung, wo ... alle farben und formen sich nebelhaft verweben Heine 3, 282
E.; stämme brüderlich verwoben Eichendorf 1, 381; sie (
nebelschleier) ziehen durch die luft, mattscheinend, zerflieszend, sich wieder verwebend G. Freytag
ges. w. 5, 4.
das part. prät. auch als naturwissenschaftlicher fachausdruck: 'verwebt,
contortu plicati, unter verschiedenen winkeln verflochten' Illiger
thier- u. pflanzenreich 67; 'verwebt,
intricatus, wenn pflanzengebilde, besonders stengel nach allen richtungen sich durchkreuzen' Behlen
forst- und jagdkunde 6, 144; er (
der darg, eine schicht der marscherde) besteht aus einer kompakten ... dunkelbraunen schicht von blättern, halmen und wurzeln des gemeinen rohres, welche torfartig verwoben ..., aber noch völlig erkennbar sind Allmers
marschenbuch 1/2, 66; die knochen werden äuszerlich von einer aus verwebten sehnenfasern bestehenden haut ... mehr oder weniger überzogen Sömmerring
bau d. menschl. körpers 2, 10. III@1@a@bβ)
von geistigem und abstractem: so miszt ihr doch überall den geist, der die theile so verwebt, dasz jeder ein wesentliches stück vom ganzen wird Göthe 37, 287
W.; reflexiv: mit schönheit wird die wahrheit sich verbünden, und fleisz und glück verwebe sich zum strausz Fr. Kind
ged. 2, 15; ich träumte, ich wäre in Schönhausen, wo sich kinderzeit und gegenwart unerfreulich verwebten Bismarck
br. an braut u. gattin 308.
das part. prät. als adjectiv: der vortheil des bischofs, der deinige, der meinige, sie sind so verwebt Göthe 8, 75 (
Götz 2); scherz und ernst ist verwebt Hippel
über die ehe 215; in den reichsstädten, wo alte sitte und schlendrian innig verwebt sind Knigge
umgang mit menschen 1, 113; oft ist die erzählung und reflexion verwebt, oft die beschreibung und das gespräch Novalis 3, 16
M. III@1@bb)
vorwiegend poetisch ist die verbindung mit dem dativ: ach, ich fühle ihrem wesen meine seele tief verwoben Cl. Brentano
ges. schr. 3, 241; meinen stoff ..., der mir vielleicht als inhalt nicht genügt haben würde, wenn mir die form, die ich der anmuth zu v. strebte, nicht den werth dazu geliehen hätte Bettine
Günderode 2, 134; denn die züge, die ich liebte, sind zerstoben, aber nicht die liebe, die dich mir verwoben Rückert 2, 75. III@1@cc)
gewöhnlich ist mit etwas v.: er weisz die wahrheit mit der wahrscheinlichen erdichtung so zu v., dasz er uns auf die angenehmste weise hintergehet Lessing 6, 270
M.; er führte die augurien und andre wahrsagungen ein, die religion des volks mit den geschäften des krieges und staats innig verwebend Herder 14, 161
S.; wird er (
der einzelne) seinem ganzen seyn und wesen nach damit (
mit dem organisierten ganzen) verwebt? Fichte 3, 204; Renart le nouvel ... spinnt die ... leicht ermüdende idee von belagerung und krieg zwischen den thieren langweilig aus und verwebt sie mit allegorien und satire Jac. Grimm
Reinhart fuchs cxlvii; aber mit dem niedrigen genusz verwob er den höchsten Scherer
litteraturgesch. 514.
reflexiv: ihre (
anderer menschen) angelegenheiten verweben und stoszen sich mit den unsrigen Lavater
physiogn. fragm. 1, 153; um in Rom ein Römer zu sein, um sich innig mit dem dortigen dasein zu v. Göthe 46, 31
W. am häufigsten das part. prät.: glick zu, du hof und du hofleben, da wenig trauben und viel reben, da weder warheit, trew noch zucht, des prachts, lists und betrugs erbsucht mit schalckheit und torheit verweben Weckherlin
ged. 2, 448
F.; ihre (
der Ägypter) mit der religion innig verwobne verfassung Winckelmann 7, 54; wir erblicken sie (
die höhere welt) auf das innigste mit der irdischen natur verwebt Novalis 4, 177
M.; dies arme träumerische wesen (
der gott der pantheisten) ist mit der welt verwebt und verwachsen Heine 1, 486
E.; die mit lügen verwobne lobhudelei Jac. Grimm
briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 2, 74; sein eigenster, mit seinem kaiserlichen selbstgefühl verwobener gedanke Ranke
s. w. 4, 65; in dem fürsten aus altem stamme, dessen leben mit dem schicksale der nation verwebt ist 8, 88. III@1@dd)
nur mhd. zu etwas v.
im selben sinne: ich hân mîn lîp und mîn leben zuo ir alsô verweben
Weingartner hs. 332.
nhd. drückt die verbindung mit zu
die grösze aus, zu der mehrere einzelgröszen zusammengewebt werden: die bande ..., womit die natur selbst ... die menschen zu einem brüderlichen geschlechte verwebt hat Wieland I 3, 70
ak. ausg.; seel an seele, ros an rose sind zum hellen kranz verwebt Fouqué
altsächs. bildersaal 4, 289. III@1@ee)
im gleichen sinne in eins v.: die welt seines innern und die da drauszen ... sie traten traulich zueinander und verwebten sich in eins Storm 5, 311; religion und freiheit hat gott unzertrennlich in eins verwebt Treitschke
hist. u. pol. aufs. 1, 11. III@22)
hineinweben. III@2@aa)
in ähnlichem sinne wie zusammenweben; mhd.: ein ritter und ein frouwe guot die hæten leben unde muot in einander sô verweben Konrad v. Würzburg
herzmäre 31.
nhd.: weil sie ihr philosophisches system darein (
in die religion) verweben wollen Lessing 8, 17
M.; welch ein schelm! das heiligste in seine lüge zu verweben! Göthe 17, 196
W. (
groszcophta 3, 9); ich werde in meine schilderungen viel individuelles verweben Immermann 18, 34
B.; B. hat ... das historische material so vollständig als möglich in den text verwoben Justi
Winckelmann 1, 198.
reflexiv: tausend grüsze von Gotha verweben sich in die meinen Göthe IV 9, 321
W. das part. prät.: eine fabel, in welche so besondere griechische und römische sitten ... verwebet sind Lessing 10, 194
M.; ich sage dir nicht, wie du in jeden meiner gedancken verwebt bist Göthe IV 5, 325
W.; sie (
die religion) ist also nicht mehr so innig in die staatsverfassung verwebt W. v. Humboldt 1, 52
ak. ausg. zuweilen auch mit intralocaler construction: ihre gute frau und kinder, in welchen ich mir sie so innig verwebt so gern denke Lessing 18, 270
M.; in solchen allgemeinen verhältnissen ist sein eignes poetisches verwebt Göthe 41, 1, 86
W. ineinander v.: so viele auftritte (
in der geschichte), worin grausamkeit, aberglaube, treulosigkeit und schwäche so in einander verwebt sind
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen 1, 196; für einen, der in unzähligen komödien mitwirkte, kann es ja keine hexerei sein, ein halbes dutzend scenen in einander zu verweben Holtei
erz. schr. 36, 164. III@2@bb)
in etwas verstricken, verwickeln: volle tröstung den seelen, die in lichtdürftige zweifel sich verwebten! Klopstock
Messias 301; wann ein böser traum die sinnen in erneuten gram verwebt Schönaich
in d. neueste a. d. anmuth. gelehrs. 3, 495; sie sehn und das gefühl, an sie verstrickt, in sie verwebt zu sein war eins Lessing 3, 98
M. (
Nathan 3, 8); der in dunkeln gedanken verwebten seele J. G. Forster
s. schr. 7, 254; so dasz wir uns in ein ungeheures lügennetz verwoben und verstrickt sahen G. Keller 1, 119.