versüszen,
verb. ,
denominativbildung von süsz (
s. d.).
der ältere gebrauch ist fast ausschlieszlich übertragen. mhd. versüeʒen Lexer 3, 257 (Teichner, Seuse
s. u.).
nhd. bei Frisius 460
a noch süsz machen,
edulcare; versüszen,
dulcare, etiam de quacumque refectione, relaxatione Stieler 2242; Kramer 2, 1042
c; Frisch 2, 357
c; Kirsch 2, 314
b; Adelung; Campe;
schwäb. Fischer 2, 1371;
köln. versösze Hönig 194
b;
mnl. versoeten Verdam 636
b;
auch intrans.; Kilian 604
a;
nl. verzoeten;
ostfries. fersöten Doornkaat 1, 465
b;
pomm. versöten Dähnert 527
a.
dem deutschen entlehnt dän. forsøde,
schwed. försötma.
eine von Sanders
wb. 2, 2, 1274
a gebuchte comparativische bildung versüszern
ist literarisch nicht nachgewiesen, kommt aber im lusernischen vor: vorsüasarn Bacher 420.
auszer einzelnen reflexiven wendungen zum ersatz des passivs wird das verb. durchweg transitiv gebraucht. die bedeutung ist '
süsz machen'. 11)
in der technischen sprache der chemie nach Adelung
veraltet für absüszen: '
die schärfe der mineralischen säuren mit wasser oder einem andern flüssigen körper wegnehmen'
; nach Campe
aber geläufig, besonders in der scheidekunst, vom versetzen der säuren mit weingeist; vgl. Beil technol. wb. 1, 629; (
dann) musz man wermuthsaft .. mit etlichen granen versüszten quecksilber vermischen
allg. haushalt.-lex. (1749) 2, 479
b; der versüszte salpetergeist Liebig
chemie 720.
in der landwirthschaft: versüszen der teiche,
befreien von faulen, stinkenden dünsten Weber
öcon. lex. 616
b.
im täglichen leben speisen und getränke durch zusätze '
süsz und schmackhaft machen',
kaum '
zu süsz machen und dadurch verderben',
wie Adelung
will. der vergleich mit versalzen,
mit dem sich heute ohne weiteres verschlechternder nebensinn verbindet, stimmt nicht. in älterer sprache steht süszen
häufiger (
s. d.).
seit dem 16.
jh.: dasz die römische kirch ... mög ausz ketzertreck rö. honig machen .. und das bitterst gifft mit rö
m. honig versüsen Fischart
binenkorb 51
b; das wasser .. versüszet die feigen, seuret die pflaumen Butschky
Pathmos 362; ein hönig-tropffen .. welches die bitterkeit so vielen wermuths nicht versüszen wird Abraham a St. Clara
etwas für alle 2, 29; was saltzicht von natur, versüszet keine kunst Lohenstein
Ibrahim 43; die begierde — nicht nach dem honig, der den trank versüszte, nein, nach der lippe, die den becher küszte Brentano 6, 212; die Griechen und Römer versüszten auf andere art (
als mit zucker) ihre speisen Ritter
erdkunde 5, 440. 22)
häufiger in übertragenem sinne. den zu freien gebrauch in Bodmers
Noah rügt Schönaich
ästhetik 133, 300
Köster. darauf nimmt der dichter eine verbesserung vor: oder die rippe, die mir das eitle leben versüszt hat
Noah 172 (1752); oder das weib, das mir den wermut des lebens versüszt hat (1765).
so richtig dieser einwand vom ästhetischen standpunkt ist, so wenig wird er durch den thatsächlichen gebrauch gerechtfertigt. bisweilen nur wird das bild festgehalten: deszwegen hat er .. seiner straffenden schrifften scharpffe bitterkeit dergestalt versüszet Grimmelshausen 4, 506, 25
Keller; du versüszest mir alle gall' allhier Dach
ged. 222
Österley; so träufelst du in den kelch der leiden den tropfen der liebe, der alles versüszt! Göthe 13
2, 38
Weim. (
schutzgeist); deren erinnerung den bittersten schmerz zu versüszen genug ist Wieland
Agathon 1, 33.
freier '
herbes und unangenehmes mildern und erträglicher machen'; arbeit, schmerzen Stieler.
besonders in poetischer sprache: ein solcher tod ist ihm nicht schwer, weil sein gewissen ihn versüszet Weckherlin
ged. 1, 497; anjetzt ists zeit, sein angst, doch mäszig zu versüszen Gryphius
trauersp. 369 (
Stuardus 1, 93); zwei pilger, neigen meine lippen sich, den herben druck im kusse zu versüszen
Shakespeare 1, 44 (
Romeo 1, 5); wer, als die liebe, kann mir die flüche versüszen, die mir der landeswucher meines vaters verursachen wird? Schiller 3, 371 (
kabale 1, 4).
seltener '
etwas an sich schon angenehmes oder doch nicht unangenehmes noch angenehmer und lockender machen': wir sollen .. mit reimen die tafel versüszen Birken
Pegnitz-schäferey 6; dein zorn versüszt ihm seinen triumph nur Schiller 2, 61 (
räuber 2, 1); ihr stimmlein uber berg und thal den gantzen lufft versüszet Spee
trutz-nachtigall 119; thut ein schilf sich doch hervor, welten zu versüszen! möge meinem schreibe-rohr liebliches entflieszen Göthe 6, 29
Weim. (
divan).
von der zeit: bald wolten sie spielend die stunden versüszen, fragten einander, was bringt man herbey? Harsdörffer
gesprechspiele 4, c ii
a; ich sollte ... der gottheit groszes meisterstück verstümmeln, den abend eines prassers zu versüszen? Schiller 5
1, 121 (
Karlos 1798); und wenn sie nicht den traurigen rest meines lebens versüszen hilft, wer soll es denn thun? Lessing 2, 268 (
Sara 1, 1).
freier '
angenehm umgestalten': und eh der abend kömmt, kann eine frühe nacht, die keine hoffnung mehr zum morgen wird versüszen, auf ewig mir die augen schlieszen Haller
ged. 151. 33)
selten in der bedeutung '
erquicken',
zumal bei persönlichem object: das süszeste, so an dir ist, musz ich, ungerne zwar, verschweigen, doch kann es über alles steigen, was je die sterblichen versüszt
geharnschte Venus 131
neudr.; wan dyn hertz mit dem süszen lyden so gar versüszet was
der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) xxxiii
a;
ein kind kann leichter eine ganze familie versalzen als versüszen Jean Paul
werke 15/18, 241. 44)
ungewöhnlich ist das part. prät. als adj.: so haben sie (
die korallen) eine versüszende kraft Hohberg
curiosa 3, 507
b.
übertragen: gleich wie die poesis .. ein süs schmekkendes gericht .., also .. gleichfals dero rechte gehörige versüszende ausrede (
aussprache) Schottel
haubtsprache 114.
adverbial: wie wir versüszend (
beschönigend) auch den dummen eine gute seele nennen Schleiermacher
Platon 6, 190.
das part. prät. hat in älterer sprache den sinn '
überzuckert, süsz': sú die versüsztú gift also verblendet, daʒ sú deʒ groszen schaden under dannen vergessent Seuse 137, 24; eyn eyniges hinfälliges versüset gelüstlin mit todsgefahr zuwegen zupringen Fischart
ehzuchtbüchlin 287
Hauffen; wenn die welt mit wollustiren, und versüster bitt', auf den sündentrit, ihn wil unvermerket führen Neumark
lustwald 1, 92; die nützlichsten wahrheiten gleichsam versüszt, der jugendlichen seele beyzubringen Abbt 5, 62. '
süszlich': hier ein versüszter Winkelmannischer kopf Lavater
phys. fragmente 4, 175.
seit dem 19.
jh. durch versüszlicht (
s. unten)
ersetzt. 55)
reflex. gebrauch ist nicht häufig: weil auch der bittere mandelbaum durch das peltzen sich versüszet Hohberg
georgica 1, 432; im winter, der wahren hiesigen regenzeit, soll sich alles noch viel mehr versüszen Kohl
reise nach Istrien 1, 230; als der erste bittere eindruck sich etwas versüszte, trat eine andere stimmung in Göthe ein Gervinus
gesch. d. d. dichtung 5, 367; sein ganzes wesen mildert und versüszt sich unter den strahlen einer solchen sonne gleich einer frucht im herbste Nietzsche 4, 349. —
versüszerin, f., ungebräuchliche bildung bei Zesen: die deutsche dicht- und reimkunst, als eine versüszerin der andern haubt- und lehr-arbeit
Helikon 1, 1. —
seltene bildungen tadelnden sinnes sind versüszeln, versüszgen, versüszlichen. versüszeln
entstammt dem 16.,
die andern beiden dem 18.
jh. im eigentlichen sinne nur versüszelt, '
überzuckert, zu süsz': der musz (
mus, speise) versotten, .. versüszelet, verröstet, verräset, verbrant plunder Fischart
Garg. 82
neudr. sonst übertragen, '
zu süszlich': im weinerlichen gethue knechtischer ergebung, womit versüszelte feiglinge die unkraft zu ehren heucheln möchten
F. L. Jahn 2, 315; wie das vorige (
gesicht) versüszget, polirt, frisirt; — so diesz verwildert, verhärtet Lavater
phys. fragmente 3, 160; dasz es nicht übertrieben erhöht, durch hymnen versüszlicht .. werde Göthe 49, 16
Weim.; etwas mord und todtschlag, mondschein und sonnenuntergang, diesz mit liebe und empfindsamkeit versüszlicht Tieck
schriften 14, 164.