versteinen,
verb. ,
berührt sich in der bedeutung mit versteinern, versteinigen. Campe
führt einen autor an, der folgenden sonderungsvorschlag macht: '
es wäre zu wünschen, dasz man von der gänzlichen verwandlung in stein versteinen,
von der bloszen überwindung durch stein versteinern
gebrauchen möchte, wie einige angefangen haben'.
die heutige sprache verwendet versteinern
für diese beiden wie auch die übertragenen bedeutungen; versteinen
ist auf den technischen gebrauch beschränkt ('
mit steinen versehen'). versteinigen
kennt das 18.
jh. in diesem sinne; als '
steinigen'
ist es in der literatur des 18.
jhs. nicht mehr nachzuweisen. II.
vereinzelte, nicht mehr recht geläufige gebrauchsarten. I@AA. versteinen
in instrumentaler anschauung hält die technische sprache fest, schon seit mhd. zeit Lexer 3, 249;
publicos lapides ad dividenda territoria ponere Stieler 2141; die felder, äcker versteinen Kramer 2, 951
c; Frisch 2, 330
a; Adelung, Campe;
bair. einen grund ausstainen, verstainen Schmeller 2, 764;
schwäb. Fischer 2, 1360;
Eichsfeld: frštainə,
abgrenzen Hentrich 80; eine gehörig bestellte grenze heiszt: versteinet und vermalet J. Grimm
rechtsalterthümer 2, 72; insonderheit aber hat man der marck- oder mahl-steine zwölferley gattungen, als .. lochsteine, die in denen bergwercken die fund- und ertz-gruben mit ihren maaszen und wehr-zielen unterscheiden, und sonst auch schnur-steine genennet werden, weil man die gruben und gänge mit angeschlagenen schnüren marckscheidet und versteinet Chomel
lex. 6, 530;
verlochsteinen,
auch versteinen, ein grubenfeld:
nach vermessung eines grubenfeldes die grenzen desselben auf der oberfläche durch lochsteine bezeichnen Veith
bergwb. 530; denselben weg der Steinlinger seliger liesz wider vermarcken, verstein und verrein Tucher
baumeisterbuch 91, 30; Mömpelgart, die neue statt .. darzu ich den abrisz gemacht, die gassen auszgetheilt, verstaint
schwäb. quelle bei Fischer 2, 1360; die Munthat .. gerings umb die statt so weit sie reicht .. auszgemarckt und versteinet Münster
cosmographey 568; sorgfältig versteint waren die äcker oder durch lebende hecken umschlossen Freytag 17, 304; alle dörfer sind mit rüstiger jugend gefüllt, sie fordert baugrund für neue höfe, ackerland, wiese und waldweide. wer soll es hergeben, alles ist aufgetheilt und versteint 8, 95; die zusammengehörigkeit des hofes sollte dadurch gewahrt werden, dass der hof im ganzen versteint blieb, seine teile dagegen nur mit hölzernen stützen geschieden wurden Knapp
beiträge 204.
auch auf nd. boden: mnd. dy (hofe) schal men vorsteynen unde vormalen
quelle v. 1431
bei Schiller-Lübben 5, 461
b;
pomm. verstenen,
mit steinen bemerken, als grenzen, breite der wege Dähnert 527
b.
vgl. verlochsteinen, vermalen, vermarken, versäulen
sp. 819, 841, 844, 1044. I@BB.
bis ins 16.
jh. hält sich die bedeutung '
steinigen',
dann durch steinigen
ersetzt. so findet sich bei Luther 10
2, 50, 8
Weim. eine briefstelle Hartmut von Cronbergs: Jherusalem .., du versteynest die, welliche tzu dir seynd gesandt
gebessert in du steinigest;
mhd. wb. 2, 2, 648
b; Lexer 3, 249
f.; lapidare, versteynen Diefenbach
gloss. 318
b; 432
a; '
mit steinen tot werfen, eine nur im obd. übliche bedeutung, wofür im hochd. steinigen
üblich ist Adelung.
auch mnd.: ein di nam ein siden kleit, darumme versteineden se om
hannov. quelle bei Schiller-Lübben 5, 461
b.
mhd.: dâ man den sôt, den briet, den schant alse ein rint, den versteinte mit steinen Berthold v. Regensburg 171, 34; dirre (
könig) det den propheten Zachariam versteinen zwischent dem altar und dem tempel
d. städtechron. 8, 274, 17; die juden wolten in verstainen Keisersberg
schiff der penitentz 85; die propheten haben ir bestes gesuocht, sie (
die welt) hats nit leiden können, sie versteint Franck
sprüchw. (1541) 1, 142
a; dem söltent allú werdú wip sinen tugendenlosen lip verfluochen und verstainen Rudolf v. Ems
Wilhelm v. Orlens 4709; da im sein weinberg nit wolt geben Nabot, da liesz er in verstein, nam den weinberg tyrannisch ein Sachs 1, 225, 31
Keller. seltener tritt sächliches an stelle des persönlichen objects; '
mit dem steinigungstode bestrafen, vertilgen': dieweil und du uns hast geplagt, so plag dich gott auch wider hart. leut, viech und gut versteynet ward, darnach mit feuer alls verbrennt so wurd der bann vom volck gewendt Sachs 15, 178, 25
Keller-Götze. allgemein '
verwerfen, verdammen': yetzt tragen wir ein mitleiden mit dem, das wir nacher mit füssen tretten und versteynen Franck
sprüchw. (1545) 1, 96
a. I@CC.
selten ist versteinen '
mit steinen bedecken'
: obstipare, versteynen (
Köln 1507) Diefenbach
gloss. 390
b;
sonst obd.: lasz seyn, dasz die natur der erde ranfft versteinet, allein dein pflug geht durch, und deine saat errinnt (
später gebessert in: zwar die natur bedeckt dein hartes land mit steinen) Haller
ged. 301
Hirzel (451);
schwäb. ein versteinter platz, versteinter weg (17.
jh.) Fischer 2, 1360.
üblicher ist in diesem sinne die intrans. function (
vgl. vergrasen, verschlammen, '
sich mit gras, schlamm überziehen'); aller pfad vereinet, was dirre walt so wilde. verhültzet und versteinet was er uber al, des lac da groʒ unbilde
jüng. Titurel 284; weh' euch, ihr duft'gen gärten im holden maienlicht! euch zeig' ich dieses toten entstelltes angesicht, dasz ihr darob verdorret, dasz jeder quell versiegt, dasz ihr in künft'gen tagen versteint, verödet liegt Uhland
ged. 1, 308. IIII.
die entwicklung von versteinen
als einfache denominativbildung des sinnes '
zu stein machen, werden; in stein verwandeln, verwandelt werden'
ist insofern überraschend, als die abstracteste bedeutung zuerst (
mhd., mnd., mnl.)
nachzuweisen ist. trans., intrans., reflex. function scheinen sich aus dem geläufigen gebrauch des part. prät. heraus entwickelt zu haben. über das deutsche gebiet hinaus verbreitet: nl. versteenen,
lapidescere, in lapidem converti, in lapideam duritiem converti; convertere Kilian (1599) 604
b;
trans. und intrans. Sicherer-Akveld 1191
a;
dem nl. entlehnt fries. forstienje Dijkstra 1, 420
b;
schwed. förstena Helms 143
b,
dem deutschen entlehnt. II@AA.
am häufigsten begegnet man dem part. prät. II@A@11)
sinnlich: '
mit steinharter schicht überzogen, in stein verwandelt'; versteinte körper, pflanzen, schalthiere (
petrefacta) Campe; wie hart ist die versteinte rinde! Gottsched
ged. (1750) 39; und wann ich, stehend auf versteinten pfählen, den blick hinaus ins dunkle meer verliere Platen 1, 166; des alten meeres muscheln im stein sucht' ich die versteinten Göthe 6, 59
Weim.; ja hie und da scheint es mehr als einmal, hier schneller, dort langsamer geschehen zu seyn, wie fast allenthalben und in so groszer höhe und tiefe die versteinten thiere und gewächse zeigen Herder 13, 21; der schreitende Apollo Homers steht in der bekannten bildsäule versteint da, der köcher erklingt nicht auf seinen schultern 22, 175.
im Drauthale erzählt man von einer verstânten àlbin,
wo der hàlter, die söndin
und eine kuh verstânt
zu sehen sind Lexer
kärnt. wb. 240.
scherzhaft gebildet: du versteinte herrlichkeit (
steintrümmer auf dem bach), o wie tanzest du so schwer mit der tollen frühlingszeit Keller 9, 48. II@A@22)
bildlich, '
starr wie stein': so ruhig, fremd warst du mir nie erschienen, es war, als sagten die versteinten mienen, was du verschwiegst: wir seh'n uns niemals wieder! Eichendorff 1, 508; (
sie) ligt in diesem leichen-schrein, ligt in dieser kruft versteinet A. U. v. Braunschweig
Octavia 2, 1042.
unter dem einflusz einer heftigen gemüthsbewegung unbeweglich und fühllos wie stein: die schweigende versteinte Niobe des Aeschylus Welcker
alte denkmäler 1, 290
anm. 46; das denkmal nur, ein denkmal will ich stiften, von rauhen steinen ordnungslos getürmt ... o laszt mich dort, versteint, am steine ruhn! Göthe 10, 320
Weim. (
natürl. tochter 1584); der unbesonnen' anfang müsz auf ein so kläglich end aus gehn, ob den versteinten völckern auch die nassen haar zu berge stehn! Gryphius (1698) 1, 399; ob aller reize treflichkeit stand sie versteinet ganz (
später geändert in versteinert 141) Herder 25, 17; sie stutzt, erröthet, will entfliehn, und bleibt, indem sich schon die schönen knöchel heben, wie in der flucht versteint, halb überm boden sehweben Wieland 7, 23
akad. ausg. (
Idris 1, 23); nun funfzig jahre auf dem Römerthron! zwar anfangs noch im kampf mit trotz und hohn, doch immer siegreich, endlich ohne feind, die ganze menschheit stumm und wie versteint, nur odem übrig für ein einzig wort: hoch Diocletian! und ewig fort! Hebbel 6, 430; bei dem gedanken der möglichkeit des friedens waren alle wie versteint und verdonnert Arndt
an s. l. Deutschen 1, 339. II@A@33) '
innerlich abgestorben, verknöchert': das altern eines menschen, .. der versteint seine zeit überlebt und eine neue generation um sich sieht Wilhelm v. Scholz
gedanken zum drama 97.
in der älteren periode nur in abstractem sinne, '
verhärtet, verstockt'
: mnd. Schiller-Lübben 5, 461
b;
mhd. wb. 2, 2, 618
f.; Lexer 3, 249;
induratus, versteent (
Köln 1507) Diefenbach
gloss. 295
b;
obstinax, versteynt
vel wydderstrebech 390
b;
verhärtet, verstockt Frisch 2, 330
a;
ehemals .. ein versteinter sünder,
wofür Klopstock ein versteinerter
gebrauchte Campe; hie musz sin gar vorsteinet der hude nicht en weinet umb Jhesum Cristum unsern christ
Alsfelder pass. 5978
Grein; nû wâren in ir bôsheit di Prûʒin kegn der cristinheit vil gar vorsteint und vorhart Nic. v. Jeroschin
preusz. chron. 11639; er ist als gar verhertet unde versteinet als der tiuvel in der ketzerîe Berthold v. Regensburg 243, 7; durch irreligiöse doktrinen, verkehrter und in todter antiker hoffart versteinter lehrer Brentano 4, 397; ich bin kein so versteinter freund des urkundlichen in unwesentlichen dingen J. Grimm
an Meusebach 96.
besonders von herz und sinn: (
sie) bewekeden dat vorstênde herte des morders Korner
lüb. chron. 235
a; uns süllen pilleich die wundertzaichen unser verstaintte hertz erwychen
Tirol. pass. 155
Wackernell; fast sind die quellen meiner augen trocken, mein herz versteint, mein sinn zerstückt, verwirrt Tieck 3, 120; mag denn ein menschengeist so gar verteuffelt seyn? so grausam? so versteint? Gryphius
ged. 239, 11
Palm; mein gott, behüt' uns doch vor so verstocktem wesen, und einer brust, die so versteint, so hart Brockes
irdisches vergnügen 2, 2.
als adj. gesteigert: und so dise (
menschen) me dar gent und me bettent und guotter werk tuont, es si was das si, so si ie herter versteinter werdent und blinder und grober Tauler 282, 12
Vetter. II@BB.
intrans. gebrauch kennt das mhd. durchaus: versteinen
mhd. wb. 2, 2, 618
b; Lexer 3, 249;
mnd. vorsteinen, vorstênen Lübben-Walther 525
a;
mnl. verstenen Verdam 638
a. II@B@11)
die sinnliche verwendung ist erst in jüngerer sprache zu belegen: '
durch und durch zu stein werden' Campe; die masse, worin sie versteint waren, ist sehr sonderbar, röthlich und äuszerst hart Merck
briefe 1, 355.
hier ist allein die form des part. prät. üblich. nl. zommige wateren doen't hout versteenen ..
etliche wasser machen das holz zu stein werden Kramer
nider-hochteutsch. dict. 456
b. II@B@22) '
unbeweglich und fühllos wie stein werden' Campe; versteinen
für erstaunen Frisch 2, 330
a; den medusenkopf beseitigt er, damit niemand, ihn erblickend, versteine Göthe 49, 104
Weim.; sie taumelt aus der luft herab und stürzet sich in eine finstre gruft, um ungestört ihr dasein wegzuweinen und unter felsen selbst, wo möglich zu versteinen Wieland
Oberon 8, 61; diesz lasz mit ewig unverwandtem blick mich anschaun. unter gräbern lasz mich leben, und unter leichen-maalen selbst versteinen Schiller
Demetrius (
schr. d. Göthe-gesellsch. 9, 78).
ein präpos. ausdruck tritt hinzu: ihr aug' ist starr; sie kann nicht weinen, sie wird zur Niobe versteinen Kind
ged. 4, 20; meines königs loos, verstein' ich am verhaltenen herzensgram! Droysen
Äschylos 115 II@B@33)
mhd. nur im abstracten sinne '
hart wie ein stein werden, erstarren, verstocken': in versteinten diu herzen und geswullen von den smerzen Stricker
Karl 7219
var. mit präpos. zusatz: die alsô eraltent unde versteinent in den sünden Berthold v. Regensburg 205, 2. II@B@44)
völlig frei gebildet von Brentano: mägdlein, hast du keinen spiegel, der dich in sich selber scheinet, deine augen sind zwei siegel, denen ganz dein heil versteinet 2, 146. II@CC.
subst. infinitiv zu B 2: dagegen kommt das verbot sich nicht umzusehen ohne noth bei Straparola vor, da die strafe des versteinens nicht darauf steht Grimm
hausmärchen 2,
anh. xviii; wie, oder löst vielleicht ein fremder hauch den starren zauber des versteinens auf? Fouqué
held des nordens 2, 40. II@DD.
der reflex. gebrauch erscheint neben dem intrans. als gleichbedeutend. er ist erst für Wieland
zu belegen, während das an sich jüngere versteinern D
schon bei Lohenstein
nachgewiesen ist. gebucht erst bei Heyne
wb. II@D@11)
sinnlich, '
sich in stein verwandeln, mit einer steinkruste überziehen': (
muscheln) in deren labyrinth, den nie ein strahl durchscheint, manch weich-beschaltes ey zur perle sich versteint Wieland 1, 80
akad. ausg.; du strömtest keine von den thränen aus, die sich im meer versteint zum perlenstrausz Hebbel 6, 432; ich war der engel, der zu irren meinte und in der kluft die strahlen schosz, von denen sich einer, edelstein, in dir versteinte Rückert 3, 159. II@D@22)
bildlich, '
zu stein erstarren': wie sie ans herz ihn drückt! ihr solltet wirklich meinen, sie werde sich mit ihm versteinen Wieland 7, 56
akad. ausg.; getrennt lebte fern ich von den meinen in strenger und unmütterlicher zucht, denk' ich der zeit, seh' ich sich mir versteinen die tage in des lebens blumenflucht, wie kleine gärten zwischen steilen mauern, die nie ein sonnenstrahl hat heimgesucht Brentano 1, 8; willst du der welt ein ewig' zeichen stiften, so lasz' die gluth zum körper sich versteinen Strachwitz
ged. 1, 150. II@D@33)
abstract, '
verstockt werden, sich verhärten': ach! wer könnte sich versteinen, nicht mit dir, Maria, weinen? Tieck 5, 482. II@EE.
der trans. gebrauch ist erst in jüngerer zeit in dichterischer sprache aus dem part. prät. rückgebildet worden, während die prosa versteinern
bevorzugt. II@E@11)
besonders die sinnliche verwendung ist jung: '
in stein verwandeln, zu stein machen' Adelung, Campe; wirf eine ros' in heiszen sprudelquell, und bald wirst du die weiche, duftige, hart, kalt rückziehn aus der versteinenden, feindseel~gen woge Fouqué
held d. nordens 2, 39; göttliche kunst des Scopas! sie schuf die wilde Thyade mit dem wunder, das dort jene chimära versteint Herder 26, 112; hüt euch ihr meus auf zwaien bainen, sankt Ulrichs ert mus euch ferstainen Fischart
Garg. 51
neudr.; und ob das vich ruort den berg es wirt versteint
erste d. bibel 2, 274, 33. II@E@22)
uneigentlich: '
unbeweglich oder erstarren machen durch schrecken, entsetzen, furcht' Campe.
den anstosz zu dieser verwendung hat das bild der Meduse gegeben: ich will sie hinterrücks anfallen, eh' die Medusa mit ihren blicken mich versteint maler Müller 3, 133; mich friert. ich kann nicht denken mehr, nicht weinen, so fürchterlich droht mir der todesschlund, und die Meduse kann nicht so versteinen Liliencron 11, 105; schrecken wollte mich versteinen, wie sie (
die sonne) mir den abschied bot Brentano 2, 136; sind unsre arme eisern nicht, versteinet frost nicht unsre glieder, so schlägt doch keine furcht uns nieder Lohenstein
Arminius 2, 1426. II@E@33) '
hart, unempfindlich machen' Campe; '
verstocken, verhärten': meineidig weib! ha! du versteinst mein herz, und machst zum mord, was ich beginnen will, was ich als opfer meinte
Shakespeare, Othello 5, 2. '
absterben lassen, verknöchern': künstelei versteint das leben, gleich Medusen, und der wahn reiht sinnlos wort an wort K. H. L. Reinhardt
in d. d. säculardichtgn. 162
Sauer. —