vernachlässigen,
verb. unterlassen, was zur sorgfältigen erhaltung, instandhaltung nöthig ist. das zeitwort, welches ein einfaches nachlässigen (
nachlässig sein, nachlässig behandeln)
voraussetzt, das aber nicht nachgewiesen ist, zeigt sich erst mit beginn des 18.
jahrh. Krahmer 2, 243
b (vernachlässigen,
verfaulenzen), Steinbach (1725) 190
bringen es. an dem abstracten worte haben Lessing
und Göthe
geschmack gefunden und haben es wol hauptsächlich in den gebrauch eingeführt. heut ist es unentbehrlich geworden. vernachlässigen,
auszer acht lassen, unbeachtet lassen, theils einzelnen eigenschaften und bestrebungen nicht die genügende förderung angedeihen lassen (
folge der nichtbeachtung: zurückbleiben hinter bevorzugtem, verkommen),
theils gänzliches unbeachtet lassen der sache, person überhaupt. mit miszachtung behandeln. von realen dingen: denn indem er für billige preise seine fruchtböden aufthat .. so wurden bei solcher gelegenheit längst vernachlässigte dachreihen umgelegt, dachstühle hergestellt, mauern unterfahren, planken gerichtet und andere mängel auf den grad gehoben, dasz ein längst vernachlässigtes in verfall gerathenes besitzthum verblühender familien den frohen anblick einer lebendig benutzten wohnlichkeit gewährte. Göthe 23, 16; die feier meines geburtstages bestand hauptsächlich darin, dasz ich mehrere gedichte erhielt, im namen meiner unternommenen aber vernachlässigten arbeiten. 27, 26; er fühlte tief, wie unempfindlich man oft freunde und verwandte .. vernachlässigt. Göthe 19, 14; verzeih mir .. dasz ich dich vernachlässigt habe. 19, 94; er nagte an dem gedancken: wie und woher es komme, dasz ... der edle mann überall unterdrückt, vernachlässigt sey, im elende schmachte. Klinger 3, 6; ich gestehe, dasz ich ihn (
den mops) seit einiger zeit vernachlässigt habe, und er thut mir wirklich leid; denn er war ein gutes thier. 1, 160; wenn wir ihn über dem gemälde vernachlässigen, findet sich ja der künstler am feinsten gelobt. Schiller
hist.-krit. ausg. 3, 367 (
kab. u. liebe 1, 3); es geschieht nicht selten, madam, dasz eltern den simpeln aber nützlichen menschen vernachlässigen und den feuerkopf zum lieblinge wählen. Kotzebue 10, 204 (1840); gleich aber durch mäsziges zureden und rednerische strafworte mit rücksicht wahrscheinlich auf meine reinlichen kleider, die ich vernachlässigte, ward der frevel eingestellt. Göthe 48, 20; der künstler wird doch ein fleiszig und gut gearbeitetes werk dadurch nicht in miszcredit bringen, dasz er das äuszere desselben, welches die wenigste arbeit kostet, vernachlässigt. Kant 10, 329; es entging ihm nicht, wie der alte Walther dem jungen Eisenschlicht mit aller artigkeit entgegen kam und ihn beinahe vernachlässigte. Tieck 17, 51; die hauptursache von den in früherer zeit vernachlässigten öffentlichen anstalten ist wohl aber im sinne der unabhängigkeit der einzelnen gilden .. zu suchen. 43, 49; er trug einen .. bart, den er in den ersten jahren seiner ehe mit einiger sorgfalt behandelte, .. später vernachlässigte. Gutzkow
kl. narrenw. 19; den park hatte der alte fürst vernachlässigt.
ritter vom geist 3, 35; eine vernachlässigte mauer. Heyse
ges. werke 17, 77;
von abstracten dingen: (so viel ist unstreitig) dasz ... diese sichtbare hülle, unter welcher vollkommenheit zu schönheit wird, nur eines von den geringsten mitteln sein kann, durch die er uns für seine personen zu interessiren weisz. oft vernachlässigt er dieses mittel gänzlich. Lessing 6, 392; die verbesserungen .. sind zum theil vernachlässigt worden. 6, 372; andre alte schriftsteller gedenken noch andrer solcher mittel, die man alle itziger zeit ... ohnstreitig zu sehr vernachlässigt. 8, 157; wenigstens hat Martial dergleichen blosze sittliche bemerkungen doch immer an eine gewisse person gerichtet, welche anscheinende kleinigkeit Logau und Wernicke nicht hätten übersehen oder vernachlässigen sollen. 8, 434; wenn aber zuletzt das sein mit dem scheinen sich zu empfehlen anfängt und der schein noch flüchtiger als das sein ist, so merkt denn doch ein jeder, dasz er nicht übel gethan hätte das äuszere über dem inneren nicht ganz zu vernachlässigen. Göthe 22, 40; herr Wielanden ist es daher um so viel mehr zu verdenken, wenn nur er seine sprache in der Schweiz so vernachlässigt, dasz ihm besonders gewisse eigenthümliche ausdrücke gar nicht mehr beyfallen. Lessing 6, 31; Lorenz Medicis und Peter sein sohn ... sahen nicht gern, dasz er, indem er sich ganz der musik ergab, seine übrigen fähigkeiten und künste vernachlässigte. Göthe 34, 21; ihre mutter die nymphe Euphrosyne vernachlässigte ihre erziehung. Herder
lit. u. kunst 11, 197 (1821); vernachlässigen,
ungethan lassen, gänzlich unbeachtet lassen: (wie er mich gebeten habe ihn bald in seiner einsiedeley .. zu besuchen) ich vernachlässigte das und wäre vielleicht nie hingekommen, hätte mir der zufall nicht den schatz entdeckt, der in der stillen gegend verborgen liegt. Göthe 16, 25; cassia vera bleibt vernachlässigt, gerste bleibt vernachlässigt (
ohne nachfrage).
Hamburger börsenhalle 1859.