vermutlich,
adj. auf wahrscheinlichen gründen, auf vermutung beruhend. in der älteren sprache nicht nachgewiesen. fehlt auch mnd., doch entstammt es wol dem nd. in den nhd. wbb. erst bei Stieler
opinabilis, conjecturalis, suspiciose vulgo praesumptive 1300;
also ganz in unserm heutigen gebrauche. vgl. Krahmer 1, 476
b. Steinbach (1725) 230. Frisch 1, 678
c. 11) ich kondte mir nicht einbilden, was dieser auffzug und seine vermuthliche auszfahrt so bey nacht bedeuten möchte.
Simpl. 4, 37, 10; da sie (
die jungen grafen) dann mit sonderbahren ihrem stand wol anstehenden und ihrer jugend halber noch nicht vermuthlichen tugenden und reden sich herrlich vernehmen lieszen.
pers. reisebeschr. 1, 16; wir wirthe sind angewiesen, keinen fremden, wes standes und geschlechts er auch sey, vier und zwanzig stunden zu behausen ohne seinen namen, heymath, character, hiesige geschäfte, vermuthliche dauer des aufenthalts und so weiter gehörigen orts schriftlich einzureichen. Lessing 1, 529; es soll mich verlangen, aus welchen gründen, mit welcher stirne, sie die unverdauten einfälle eines vermuthlichen layen, wie mein nachbar ist, den weit bessern antworten vorziehen werden, die .. 10, 169; er sah darauf den vermuthlichen oheim vom diener gestützt .. hervorkommen. Keller
sinnged. 156; so ist vermuthlich, dasz du schon im hertzen die marter erobert und der höchsten liebe werck vollbracht habest. Spee
g. t. 16 (1688). 22)
selten wird vermutlich sein, vermutlich
persönlich gedacht: eines feindtlichen überzugs verwarnet oder vermuhtlich. Kirchhof
milit. discipl. 21.
gebräuchlicher ist die unpersönliche construction: denn weil sie (
die gottlosen) hören und sehen, das man nichts wil jnen verwilligen, und sehen doch daneben eine verbindung auffgehen, ists wol vermutlich, sie würden sich besorgen und argwohn schepffen. Luther 3, 91; denn es sey vermutlich, das sie (
die satzungen) von den aposteln auff uns geerbet. J. Jonas
bei Luther 6, 417
a; und ist vermuthlich, das solches noch immerdar eine erinnerung sey des ersten paradysischen lustgartens.
weisheit lustgarten vorr.; es ist vermuthlich, dasz ich durch anwendung gehöriger mittel, durch das ansehen meiner auswärtigen freunde und selbst durch die unterstützung der feinde der Athener ... wieder wege gefunden haben könnte ... triumphirend nach Athen zurückzukehren. Wieland 2, 139; von dieser seite wäre es also zwar vermuthlich unsere religion, welche das alte heitere bild des todes aus den grenzen der kunst verdrungen hätte! Lessing 8, 262.
elliptisch: 2@aa) so erinnere ich mich .., wie ich als knabe .. im augenblick des einschlafens durch einen traum .. schnell erwachte, um aber wieder und ruhiger einzuschlafen; vermuthlich weil die thätigkeit der brustmuskeln .. nachläszt. Kant 10, 199; weg ist er; und ich hätt ihn noch so gern nach unserm tempelherrn gefragt. vermuthlich dasz er ihn kannte. Lessing 2, 212. 2@bb)
adverbialer gebrauch, eine andere art von ellipse, wo construction mit sein
ausgefallen: sie achten vermutlich dafür, dasz die fürnembste ursach solcher ihrer auszrottung gewesen sey, dasz sie allzu grosze macht und reichthumb uberkommen. Kirchhof
wendunm. 4, 177; vermeinest du wol noch, dasz ich mit einem tauschen solte, der vielleicht neben zwölff oder dreyzehen tischfreunden, fuchsschwäntzern und schmarotzern mehr als 100, oder vermuthlicher mehr als 10 000 so heimliche als offentliche feinde, verleumder und miszgünstige neider hat?
Simpl. 1, 154, 10; überschrift und sinngedicht (
statt epigramm) ... sind das gewöhnlichste geworden, aber vermuthlich wird sinngedicht auch endlich das 'überschrift' verdrengen. Lessing 8, 425; die lection für rasche vernünftler, die uns beide vermuthlich nichts angeht, (
ist) ganz wohl gegründet. Kant 10, 70; vermuthlich ist eben dergleichen miszhelligkeit, wegen einer obwohl unvermeidlichen abweichung von classischen ausdrücken, auch bei dem begriffe einer taxe die ursache der veruneinigung über die sache selbst gewesen. 10, 72; von der gleichmüthigkeit unterscheidet sich die launische sinnesart. vermuthlich hat sie anfänglich lunatisch geheissen. 10, 255; sie haben sich dadurch das verdienst erworben, zuerst die schwierigkeiten in ihrer gröszten klarheit darzustellen, welche den teleologischen weg zur theologie umgeben und vermuthlich Spinozen zu seinem systeme vermocht haben. 10, 534; woher schreibt sich die poetische freiheit, die doch dem redner nicht zusteht, dann und wann wider die sprachgesetze zu verstoszen? vermuthlich davon, dasz er durch das gesetz der form nicht gar zu sehr beengt werde, einen groszen gedanken auszudrücken. 10, 272; warum ist der sinn in den versen der dichter neuerer zeiten .. ein groszes erfordernisz des geschmacks? .. vermuthlich, weil bei den alten classischen dichtern die prosodie bestimmt war, den neueren sprachen aber grösztentheils mangelt.
ebenda; der flücht'gen gröstes theil floh dem gebirge zu. vermuthlich hat sein heil der fürst dort auch gesucht. Lohenstein
Sophon. 8, 250; das war ein schwerer traum, ruft ihm der alte zu, ihr lagt vermuthlich wohl zu lange auf dem rücken? Wieland
Oberon 3, 65.