verfechten,
verb. fechtend vertheidigen, mhd. mnd. vorvëhten, vervëhten,
altnd. (
fränk.) farfehtan (
s. u.).
starkes zeitwort, dessen prät. in alter zeit, nach maszgabe von facht, verfacht
lautete. im plural schon früher doppelformen: verfochten, verfachten,
letzteres noch Luther 6, 480 (
s. u.);
ersteres aber wird das geläufigere, der singular sowol im einfachen wie zusammengesetzten zeitworte bildet sich darnach und verdrängt das ältere facht, verfacht.
schon Stieler 452
führt als prät. sing. nur fochte
an, wonach anzunehmen, dasz auch von verfechten
schon um die mitte des 17.
jahrh. nur verfocht
gebildet wurde. die 2.
und 3.
sing. präs. verfichtest, verfichtet
hat in der heutigen sprache als verfichtst, verficht
sich als allein gültige form erhalten, z. b. H. Heine 9, 9;
in der ältern zeit auch verfechtest Luther 7, 28. verfechtet
pers. roseng. 3, 27;
part. prät. durchgängig heute verfochten,
daneben einigemale verfechtet Claudius 5, 128. 11) verfechten,
verstärktes fechten (
s. th. 3, 1387)
hat ursprünglich die bedeutung '
fechtend etwas ausführen',
heutzutage hat sich die bedeutung verengt zu '
fechtend vertheidigen'.
die ältere sprache weist aber einige bedeutungen nach maszgabe des gröszern umfanges der bezeichnung noch auf, die heute unbekannt sind, so '
fechtend vernichten, beeinträchtigen'
: altnd. farfiht,
expugna gloss. Lips. 284 (Heyne
kl. altn. denkm. 46)
und übertragen gleich anfechten:
mnd. se hebbet my dicke vorevochten (
sepe expugnaverunt) van myner yoghet, wante se ene mochten my nicht schaden. Schiller-Lübben 5, 486 (
aus einem Bremer kirchengebetbuch 17.
jahrh.).
mhd. (
auch mnd.)
entwickelt sich die bedeutung gewaltsam aneignen, stehlen: item ob es aber sach were, das einer hiege in einem walde der nicht verboten were .. wie sie ihm die bus setzten, dar nach einer ie verfochten het mit stemmen oder mit stimmeln oder mit esten. Grimm
weisth. 5, 274;
nur spärliche reste zeigen sich noch nhd., verfechten,
niederkämpfen: nach dem brach ein viel ketzerei und ander irrthumb auch darbei, das got doch gnedig durch sein macht durch vil herrliche leut verfacht. H. Sachs 1, 42 (1, 180, 27
Keller); zum himmel wolt er sich kehren, verfochten war der todt. Weckherlin
kirchenl. 2, 1152, 7 (
von 1605). 22)
sonst ist im nhd. nur die bedeutung vertheidigen nachgewiesen, die sich auch schon im mhd. nachweisen läszt (
siehe unten 3).
von wirklichem kampfe, propugnare, tueri, armis defendere Stieler 455: der könig ist mit wiederpart uber sie ergrimmet so hart, durch mein schwindt pratict und angeben, das er in nemen wirt das leben und all, die sie wöllen verfechten. H. Sachs 3, 1, 176 (11, 151, 25
Keller); ein volk unwerth der freiheit, die es nicht verfechten kann. Klinger 2, 122; laszt, weil ein tropffen blutt uns noch in adern rinnt, verfechten stadt und burg. Lohenstein
Sophon. 9, 269; sein vater hiesz das kind Skamandrios, allein das volk nannt ihn Astyanax, weil Hektors arm die stadt allein verfocht. Bürger 173 (512);
sprichwörtlich: wer alle ding verfechten wil, der musz nimmer kein schwerdt einstecken. Frank
sprichw. 167
Latendorf; wer alles verfechten will, hat viel zu rechten. Adelung
versuch 4, 1417;
mit näherer bestimmung: dasz ich den mann beleidigen muszte, der mit seinem blut mein reich verfochten hat. Klinger 2, 16; ich suchte also mein leben mit einer tapferkeit zu verfechten, .. dasz ich .. vier bis fünf prinzenräuber leicht übermeistert hätte, wär es nicht ein halbes dutzend gewesen. J. Paul 10, 172; da hab ich weder rast noch rhu, bisz ich in falsche lehr richt zu, die thu ich denn sampt meinen knechten mit gwalt und mit dem schwert verfechten. H. Sachs 2, 1, 3 (6, 33, 6
Keller); auff das ermant würden die gottes knecht, die ietz den glauben mit dem schwert wöllen verfecht. Wackernagel
kirchenl. 2, 171;
bildlich: das recht, das jedem freien mann die waffen giebt zur hand, damit er stets verfechten kann den fürsten und das land. Uhland
ged. (1834) 89;
vom rechtsstreite, der ja stets dem kriege verglichen wird: wir suchen nicht zu rechten, viel minder ihre schuld weitläuftig zu verfechten. A. Gryphius (1698) 1, 127; er ward verfolgt, gedrückt; es blieb ihm keine wahl als seiner güter hälfte vor dem tribunal mühselig zu verfechten, oder hinzugeben. Gotter 1, 318. 33)
besonders ist verfechten
gebräuchlich vom geistigen kampfe, mit worten, reden vertheidigen, besonders meinungen, ansichten: mhd. zu dem sesten mâle sô vorvaht her die kristenheit und beschirmete den glouben und di ketzere vorwant her alle.
myst. 1, 187, 3;
nhd. wir geben euch genediger meinung zu erkennen, das wir uns doctor Martinus schriften oder predigten zu vertheidigen oder zu verfechten nit angenomen noch understanden.
ernest. ges.-archiv (
von 1522); drumb geburt einem yglichen christen das er sich des glaubens annehm, zuvorstehen und vorfechten und alle irtumb zu vordammen. Luther
adel deutscher nation 14
neudruck; ich wil hie Johannis Husz artickel nit richten noch sein irtumb vorfechten. 63; diesen artikel haben wir allzeit also rein geleret und verfochten.
werke 6, 380; wiewol sie dennoch jre jrrthum nicht bekennen, sondern unterstehen sich dieselbige zu unterdruckung der heilsamen und tröstlichen lere vom glauben und zu schmach unserm herrn Christo zu verfechten. 6, 366
b; der (
Constantinus) machet aller erst einen ries, das alle fürsten, reichen, gelerten hinach fielen, und des Arii ketzerei verfachten und der christenheit uberaus groszen schaden theten. 6, 480
a; nimpst dagegen irrthum und lügen an und verfechtest sie für warheit. 7, 28; wil e. l. darauff nicht verhalten, das ich mich dr. Martinus predigen oder disputiren zu verteidingen oder zu verfechten nie unterstanden auch noch nicht unterstehe. 1, 210; sol die unschuldig kirch und geistlichkeit dein untugent verfechten? 1, 200; andere sprechen wer ihnen glaubt, fängt wind auff mit der hand, pflügt in das meer und seet in den sandt, welche worte ich sie dann verfechten lasse. Opitz 2, 252; brauchen sich ihre thorheit zu verfechten der heiligen lehre sprüche, die sie noch nicht verstanden haben. Staupitz
liebe gottes, herausg. v. Arndt (1670) 40; denn so man eine stärkere macht und gewalt siehet, soll man gedult haben, es kompt biszweilen eine zeit, welche einem den mund halten heiszet und verfechtet man mit stillschweigen viel dinges.
pers. rosenth. 3, 27; einer von den witzigen schwätzern, deren feiles talent gleich fertig ist, recht oder unrecht zu verfechten. Wieland 2, 117; es ist mir nicht zu verdenken, dasz ich jetzt ganz mit dem alten Skotus halte, wiewohl der heilige Athanasius und Basilius selbst nichts anders verfechten. J. Paul 15, 18; aber obwohl es der doctor gleich im scherze verfochten, so musz ich .. 1, 172; ein in jeder hinsicht politischer schriftsteller musz der sache wegen, die er verficht, der rohen nothwendigkeit manche bittere zugeständnisse machen. H. Heine 9, 9; es hat wirklich den anschein, als ob jetzt mehr geistige interessen verfochten würden als materielle. 2, 131; hier war der ausdruck haus, domus sehr merkwürdig. bedeutete er, dasz der codex in dem wohnhause selbst versteckt lag, oder war das wort haus in der veralteten bedeutung rittersitz, gut gebraucht? der doctor verfocht das wohnhaus, der professor den rittersitz. Freytag
handschrift 2, 299; Venus wirdt auff der einen seiten menschlich freud und wollust verfechten. darwider wird klagen und rechten die ehrwirdig göttin Pallas. H. Sachs 1, 216 (3, 3, 27
Keller); Christus wirt bleiben ewigklich, doch must er hie sterben schentlich, der gerecht für die ungerechten — hör Danielem das verfechten! 1, 39 (1, 171, 8
Keller); solch theure wahrheit ward verfochten und überwunden ist sie nicht. Uhland
ged. (1834) 105;
selten unpersönlich: was verfichts? (
was hilfts, was nützt es?) Scheffel
Ekkeh. 183 (
cap. 14). 44)
reflexiv. 4@aa)
sich mittels fechten beendigen, durch fechten ausgetragen werden: du aber blüh und schalle noch, leb, alter schlägerboden, hoch! in dir, du treues ehrenhaus, verfechte sich noch mancher strausz! G. Schwab '
bemooster bursche zieh ich aus.' 4@bb)
sich vertheidigen (
mit worten): willst du (
seele) noch bei aller qual mit der höchsten allmacht rechten und dich vor der billigkeit, als die schlimmste magd verfechten? Günther 847.