verdringen,
verb. drängend fortschieben, beseitigen, mhd. verdringen,
die zusammensetzung hat die bedeutung des einfachen zeitwortes nicht wesentlich geändert, nur verstärkt (
theil 3, 1415);
doch ist zu bemerken, dasz verdringen
im mhd. und nhd. nur transitive bedeutung hat. zwar ist verdringen
in sinnlicher bedeutung noch nachzuweisen, doch hat sich die übertragene ganz überwiegend stark entwickelt, '
durch geistige mittel jemandes einflusz beschränken'.
im 18.
jahrh. ist das wort allmälich durch verdrängen
ersetzt worden, schon Adelung
versuch 4, 1405
nimmt anstosz, weist es den oberdeutschen mundarten zu, Steinbach
bringt es noch ohne bemerkung. 11)
sinnlich, durch anwendung äuszerlicher gewalt hinwegdrängen, fortschieben: vertringen,
depellere Maaler 436; einen aus seinem hause verdringen,
domo sua aliquem extrudere Stieler 337; er schaute sich umringt, die wache fern verdrungen. A. Gryphius 1, 74 (
Leo 136); den gegner verdringen: wo aber die herren des capitels ... nichts auf in bringen könden, das er wider gottes wort geleret hette, und jn gedechten mit gewalt, on alle schuld zu verdringen, wüszten sie das in keinerlei wege zu leiden. Luther 3, 31; er fand ein mittel, die Römer ohne ein gefährliches treffen zu wagen, von den anhöhen zu verdringen, die sie besetzt hatten. Haller
Fabius u. Cato 32; und da Fabius bei anbrechendem tage diese völker verdringen wollte .. 33; Hezilo muste auf gleiche weise sich wiederum verdringen lassen. Hahn
historie 2, 152; Guido hoffte ihn am ersten zu verdringen. 1, 282; es hat das wüste volck gantz Asien bezwungen, die Griechen, Thracier und Mysios verdrungen. Opitz 1, 130, 90;
bildlich: auch erhub sich von fern mit wehmuthsvollem gelispel eine stimme der einst verstummten, der lahmen, der blinden und der todten, die Jesus den frommen, den menschlichen nannten; aber das wüthende murmeln der näheren haufen verdrang sie. Klopstock
Mess. 7, 688. 22)
die angewandte gewalt ist nicht immer rohe äuszerliche: durch anwendung geistiger oder anderer unbestimmt gelassener mittel beseitigen, mit persönlichem objecte: mhd. sus was die zît kumen an gote, daʒ er eine wol starke rotte dâ gegen den tûvele scharte, die sît in maniger parte in verdrungen sô hin dan.
passional 519, 37
Köpke; nhd. darnach wird ers (
der teufel) dahin erbeiten, das er uber diese ewer eigen sünde, euch mit groszen sünden felle, nemlich dasz jr sollet ewren unschuldigen pfarrherr verdringen, damit die kirche wüste werde. Luther 8, 107
b; Aristobulus sorgt, er würd jn verdringen. Reiszner
Jerus. 2, 65
a; auf den abend half ich Geislern die jungfer versagen, der doch mit groszen schmerzen vernommen, dasz ich da wäre, hätte auch nichts anders gemeinet, als werde ihn abstechen und verdringen (
ausstechen und beseitigen, s. theil 1, 127). Schweinichen 1, 99; man siht offt von einem geringen, das er ein groszen thut verdringen. B. Waldis 2, 13 (1, 173
Kurz); sie werden iren lon empfangen, mit dem an dem sie also hangen, was geben drumb die andern orden, die von euch seind verdrungen worden. Fischart
dicht. 1, 84, 3233
Kurz; sie bekommt wol meines gleichen und auch ihres gleichen ich, weil sie ja verdringet mich, so wil ich ihr gerne weichen. Fleming 497; du zauderst bis dich ein pedant verdrungen. Uz 97; da steh ich in fürchterlicher einsamkeit — verstoszen, verworfen .. nein verdrungen nur, verdrungen von einer nebenbuhlerin. Schiller
hist.-krit. ausg. 5, 1, 107 (
don Carlos 2, 9);
bildlich, mit personification eines begriffes: wird nicht der schlaue ergeitzige die bescheidene tugend verdringen? Haller
Fabius u. Cato 91; indesz hältst du (
zufall), den ein Lucrez erhoben und den von seinem sitz kein Polignac verdrang, in ordnung unsern globen und sein gewirr im gang. Thümmel 3, 36; wird nicht ... ein tag von dem andern verdrungen?
Plesse 3, 2; von dieser seite wäre es also zwar vermuthlich unsere religion, welche das alte heitere bild des todes aus den grenzen der kunst verdrungen hätte! Lessing 8, 262; helfen sie durch ihre arbeit die gewaltige menge der französischen briefe aus unsern buchläden zu verdringen. Gellert 3, 554; die welt müszte sich noch gewaltig verändern, wenn sie von der unsrigen aus ihrem wohl erworbenen besitze dieser gerechtsame verdrungen werden sollte. Wieland 36, 256; weil der gewündschte lentz die kalte lufft verdringet, die gantze welt legt an ein neues grünes kleid. Opitz 2, 87; die höllische gestalt hat gottes bild verdrungen. Chr. Gryphius 1, 18; gewiss ihr ehret den gott nicht, dem ihr die opfer zu heiligen kamt: er hätte die opfer sonst nicht verdrungen, noch diesen raub an dem tempel begangen. Klopstock
Mess. 6, 395;
von abstracten dingen gesagt: es war einmal ein mann, dessen zuname Priscus durch einen andern zunamen Cato verdrungen ward. Gellert 3, 423; wenn wir, sagt er (
Pope), die obern kräfte verdringen wollen, so müssen die untern an unsre stelle rücken. 5, 25; dasz diese prose darauf die dichtkunst verdrungen. Herder 1, 160; da der fränkische oder reichsmünzfusz allmählig das sächsische geld-ideal verdrang. Möser 1, 258; Rousseau hätte es den wissenschaften anrechnen können, dasz sie die edle jagdlust verdrungen haben. 1, 104; es mögen künftig wein und most des trägen alters ernst und frost durch feuerreiche kraft verdringen. Hagedorn 3, 94; (
der arzt) läszt, die krankheit zu verdringen, sich eilends dint und feder bringen. Gellert 1, 130; allein wie wehrt man dieser pest? ich zweifle, dasz sich diese plage aus unsrer welt verdringen läszt. 1, 107; als der beiden sterblichen bild noch um Thirzas seele schwebte, verdrangs auf einmal ein anblick voller erstaunen! Klopstock
Mess. 11, 1244; ach, der zeugen freude verdrang oft wehmuth. 13, 5; doch kann die geisterwelt den stoff nicht ganz verdringen. Wieland 37 (
suppl. 1), 84; verlassen hatten ihn zum ersten mal in seinem leben ehr' und biedertreu, und heiszer hunger nach der süszen frucht der minne jedes edlere gefühl in seiner brust verdrungen. 18, 59; allmählich wird der wonnig lichte traum von schüchternen beängstigungen und stillem gram, den sie vor Hüon kaum verbergen kann und doch verbirgt, verdrungen.
Oberon 8, 55; wo er (
der Gallier) mit seinem süszen schalle die beszre sprache längst verdrang. Gökingk 1, 258;
mit näherer angabe, wohin jemand (
etwas)
verdrängt wird: und wer kann dich durch zwang in solche schmach verdringen? J. E. Schlegel 1, 465.