urgrund,
m. , grund
mit ur- C 4 a
und c,
oft beide bedd. des präfixes verschmelzend. mhd. urgründe,
n. (
plur.?),
ist nur einmal belegt. wie urgeist
wurde u.
vom rationalismus der aufklärung abgelehnt; Adelung
bezeichnet u.
als ein urgeist
ähnliches, auch nur bei den '
mystikern'
gangbares wort. an der neueren entwicklung des grundbegriffes (
s. grund)
nimmt u.
bescheidenen antheil. 11)
der älteste gebrauch, mhd. urgründe,
rührt an die ausgangsvorstellung von grund (
s. d. I D
und E 6),
etwa durch '
bodenlose unerschöpflichkeit'
zu umschreiben: swaz ê ieman hât geklagt oder von klage her gesagt oder noch geklagen künde, der klage urgründe was allez ûf ein ander komen
klage 1142
L. ähnlich: wo ist, o liebe, deine tiefe, der urgrund deiner wunderkraft! A. v. Arnim 17, 330
Gr. verbunden mit grund: regt dieses meer (
als bild der tonkunst) aus seiner eigenen tiefe sich selbst auf, gebiert es den grund seiner bewegung aus dem urgrunde seines eigenen elementes, so ist auch seine bewegung eine endlose, nie beruhigte R. Wagner 3, 83.
natürlich ist auch hier mit der unter 5 h
bemerkten vieldeutigkeit zu rechnen. 22) u. der seele, des gemütes
entsprechen der verbindung grund der seele, des gemütes (grund I E 2): einen ton aus dem u. der seele Gutzkow
zauberer 8, 99; ein blick in die finsteren urgründe des verlornen gemüthes Rosegger (1895) 4, 38. 33)
tiefster grund des erdbodens (grund II A 1, ur- C 4 a): wie man die könige verletzt, wird der granit auch abgesetzt, und gneis der sohn ist nun papa! auch dessen untergang ist nah: denn Plutos gabel drohet schon dem urgrund revolution Göthe 3, 358
W.; ich höre brausen den gewaltigen strom dahin durch himmels mächtigen dom, dasz der erde urgrund erbebet Rosegger (1895) 8, 85.
schwächer vom tiefsten erdreich: zweigen ... etwas ausbreiten, das aus einem stamm, aus einem u. erwächst Krünitz 220, 9;
öfter bildlich und uneigentlich: des lebens ewig frischer, gesunder, erzeugender u. Steffens
was ich erlebte 1, 61; Bettine
frühlingskranz 237; den u. einer sich rastlos aus sich selbst verjüngenden volksgesittung W. H. Riehl
d. arbeit 73; 57; höchst interessant wird es ihm sein zu beobachten, wie verschieden diese pflanze sich in Frankreich und bei John Bull durch die verschiedenheit des urgrundes ausgebildet hat fürst Pückler
briefe eines verstorbenen 4, 392. 44) grund III
entsprechend, tiefst gelegner grund: ... entstand der mittelpunkt der welt ... durch aufwerfung des landes aus dem urgrunde Ratzel
völkerkunde 2, 300. 55)
die im 17.
jh. anhebende hauptentwicklung des heutigen wortes knüpft an grund IV (
fundament, grundlage, basis, ausgangspunkt, wesen)
an, fast nur in abstracter verwendung. 5@aa) grund A 2
entsprechend '
feste grundlage': als die welt wirthschaftlich immer gröszer wurde und die gewerbe- und handelsschranken der städte und landgebiete fielen, da verloren auch die zünfte ihren idealen u. W. H. Riehl
d. arbeit 43; die arbeit mit der gesittung, welche sie erzeugt, bildet den u. der berufe und stände 252. 5@bb)
der verb. von grund aus (grund IV A 4 c)
folgend: wer zuweilen nicht den steinblock der gewaltthat schleudern kann, der vermag auch nicht von u. aus zu wirken und zu helfen Stifter 3, 372. 5@cc)
primordia, principia (grund IV B 1).
principium, grundsatz, u., urstoff Kinderling (1795) 317: von denjenigen uhrgründen und elementen, daraus wir erschaffen sind, werden wir auch ernehret Hohberg
georgica 1 (1682), 164; in den urgründen der sprache etymologisiren war in diesem falle nichts als sinnbilder lautbar machen Herder 6, 354
S.; im ursprunge, urgrunde, urlichte (
ἀρχη) wohnet gott 7, 534
S. (
vgl.g);
nach IV B 2: finsternisz als der ab- und u. des seins Göthe II 11, 221
W.; die familie ist der u. (
ausgangspunkt) aller organischen gebilde in der volkspersönlichkeit W. H. Riehl
naturgesch. d. volkes 3, vi; auch bei der religion musz man auf den u. zurückgehen Hebbel
tageb. 4, 91
W.; der u. alles hexens ist die überzeugung von der wirklichkeit des geträumten v.
d. Steinen
naturvölker Zentralbrasiliens 346; dieser u. der tragödie (
der chor) Nietzsche 1, 62, dieser sage R. Wagner 2, 119. 5@dd)
kern, tiefstes wesen (grund IV B 3): ich müszte mein ganzes daseyn als den grund meines schicksals bis auf seine tiefsten urgründe ... kennen, um mir das räthsel zu erklären, warum und wie ich ... bin Herder 16, 370
S.; liebe der u. meines wesens W. H. Riehl
Eisele und Beisele 267; nicht der dunkle trieb der dinge noch der unberechenbare u. der lebenskräfte ist es immer, was die geschichte der nationen bestimmt Ranke
s. w. 9, 279. 5@ee)
wie grund IV B 4 '
wahrheit': schlieszlich macht sich ... die lüge zur tugend und verwandelt allen u. Auerbach 6, 68. 5@ff)
grundprincip, weltursache, gott (grund IV C 1, IV B 2): durch seinen befehl und wort aber als den rechten u. und hauptquelle ihrer kraft verrichtet sie alles, was sie würket E. Francisci
lusthaus (1676) 22; so lange dieser wesentliche wille die seele in ihren gänzlichen verlust einführt und sie noch nicht in ihren ersten u. und die vollendete einheit eingeführt hat, ob er wol an ihm selbst ganz gewisz und ohnfehlbar ist, so läszt er doch die seele, die ihn besitzt, in tausenderlei ungewiszheit stehen
madame Guion christl. u. geistreiche briefe (1728) 294; so gab der höchste geist, der urgrund aller welten, dem all die beste form Wieland I 1, 97
ak. ausg.; der doppelte u. aller wesen Herder 6, 352
S.; er (
gott) ist der dinge urgrund und ist ihr ziel, sein eigner hoher urgrund, sein eigen ziel Kosegarten
rhapsod. 1, 92; ein resultat, welches ... entschieden gebietet, vor dem geheimnisvollen urgrunde aller dinge uns anbetend niederzuwerfen Göthe II 6, 278
W.; Fr. Th. Vischer
ästhetik 3, 2, 276; Gutzkow (1872
ff.) 11, 99; gott ist die liebe, die liebe ist das höchste reale, der u. Novalis 2, 285
M.; Auerbach 3, 153; wenn wir zurück in ihn (
gott), den urgrund treten Hebbel I 7, 159
W. 5@gg)
auch das der schöpfung vorausgehende, urweltchaos: die theogonie der Griechen beruht blosz auf der ... zeugungskraft der natur ... als dem grundgesetze der aus dem alten urgrunde in ihr nichts ewig kreisenden ... naturkraft
F. Schlegel 8, 69; eine lehre vom steten werden ..., hervortreten ans licht aus dem dunkeln, dem finstern grund, u., ungrund und was dergleichen gefasels mehr ist Schopenhauer 1, 358
Gr.; Medeas anrufung der unterwelt: urgrund der ewgen nacht, den obern feindlich reich, heillose schatten! Grillparzer 13, 51
S. 5@hh)
bes. in philosophischer spr. (grund IV C 1);
die bed. ist begrifflich uneinheitlich und unfest: Platons ideen der u. aller nachbilder in der erscheinung Kant 3, 384
ak. ausg. (
vgl. prototyp, urbild, norm); dasz die urgründe des zusammengesetzten im einfachen gesucht werden müssen 3, 335
H.; dieser u. der welteinheit 2, 527
H., der schöpfung 7, 341
H., des weltalls 7, 267
H., aller realität Schelling I 2, 162, wirklichkeit
F. H. Jacobi 4, 2, 83, freiheit
F. Schlegel 15, 46, des entstehens A. v. Humboldt
kosmos 2, 139, alles lebens Fr. Th. Vischer
ästhetik 2, 450, seins Büchner
kraft u. stoff 29
u. s. w.; vgl. ungrund II 6
sp. 1033; und unserm denker dort erlosch der strahl grad bei des urgrunds gründlichem erwägen Immermann 11, 167
B.; ich bin der rechte weise, der stets den urgrund sucht Rückert 6, 94. 5@ii)
eigentlicher grund (grund IV C 4): so muszte er (
Seebeck) verhindert werden, den u. dieser erscheinungen (
entoptischen farben) ... zu entdecken
schr. d. Göthe
ges. 21, 89; den u. seines miszgeschicks Matthisson 2, 250; diese (
naturkräfte) selbst sind und bleiben uns doch in ihrem u. ein wunder Ritter
erdk. 14, 678; systeme, die ... keinen innerlichen u. ... ansprechen dürfen Gutzkow (1872
ff.) 5, 104; den u. jener vorgänge du Bois-Reymond
grenzen des naturerkennens (1873) 24; Auerbach 12, 51. —