unverfänglich,
adj. adv.,
gs. zu verfänglich (
s. d.).
mhd. unvervanclich, -venclich;
mnd. unvorvenklich;
nl. onvervankelijk.
frühnhd. noch mehrfach ohne umlaut; unverfanklichen (
adj.) Keisersberg
seelenparadies 110
a. a)
incapax (
vgl. verfangen 1):
in der Straszburger übersetzung von Luthers de capt. Babylon. verbum dei ..., quod non minus est surdum et incapax Luther 6, 538
a. 1
W. b)
wirkungslos. unnütz, bedeutungslos, vergeblich, umsonst u. dgl. (
vgl. verfangen 1); Lexer 2, 1970; Haltaus 1966; Ch. Schmidt
els. wb. 383
a; Fischer
schwäb. wb. 6, 265; Sattler
phraseologey (1631) 354: darumb sy dann ir herz gar oft und dick gütlich straffte und vermeint sy darvon ze weisen. es war aber an ir unverfengklich Marquart vom Stein
spiegel der tugend (1498) b 4
a; er sah, das seine red onverfanglich was und sye sich nit daran kertent Keisersberg
postille 3, 73
a ; dorumb ist disze ursach, die du fürwendest, unverfanglich und hat nit fg noch kraft 4, 79
b; last uns von dem nacheilen aufhören, es bedunckt mich unverfengklich sein
Aymont (1535) f 5
b; dannoch war es u. und half gar nichts Schlusser
peurisch krieg (1573) 26; disz lasset sich herumb und hinumb reden, ist u. Kepler 4, 214.
adv.: do sie aber ... ieren liebsten man A. oft u. beruffet Steinhöwel
ber. frauen 144
Dr. von personen unnütz: H. Seuse
d. schr. 301, 8
B. nicht stichhaltig: D. Schilling
Berner chron. 127;
M. Cronthal
d. st. Würzburg im bauernkriege 49.
veraltet. c)
citra damnum, ... unnachteilig Schöpper h 1
c; Haltaus 1966: eines jeden gerechtigkeit unverfencklich Schütz
hist. rer. Pruss. 9, L l 3
b; der könig ... gab ihm aber einen königlichen brieff, dasz es ihm u. sein solte an seinen ehren Kreckwitz
lustwäldlin (1632) 283; eröffne deine schuld, es sol die missethat dir unverfänglich seyn Lohenstein
Epich. 42; dasz der feinde macht und drohen, hinterlist und schwärmerey seines scepters hellem schimmer allzeit unverfänglich sey! Chph. H. Amthor
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen 1, 55; ich will also diese forderung fahren lassen, und ihnen, jedoch unsern rechten unverfänglich, zugeben, dasz ... Liscow (1739) 500; das ist mir u.,
kann mir keinen nachtheil bringen Adelung. u.
für unbeschadet
von Heynatz
antibarb. 2, 539
abgelehnt. veraltet. d)
non obligatorius, was einen nicht bindet; unverfängliche vorschläge
conditiones non obligantes, ab altero nondum approbatae Frisch (1741) 1, 248
a;
sans prejudice, imprejudiciable (1730) 636; Haltaus 1966: er ... könte dem könige unverfängliche, gütliche, billige handlung zu einem ... allgemeinen frieden an seinem ort leichtlich einräumen Chemnitz
schwed. krieg 2, 30;
adv.: bitte ich, er ... unverfenglich mit mir handeln wolle Pomarius
grosze postilla (1590)
vorr. 1
b; C. Julius
Susanna u. Daniel (1610) 24; wir ... hielten dafür doch unverfenglich per discursum hievon zu reden
acta. publ. 2, 208
P.; u. berühren Schottel
haubtspr. 104; u. antworten Ziegler
Banise (1689) 427.
schon zu Adelungs
zeit nicht mehr üblich. e)
die heutige bed. '
mit keiner gefahr des betruges oder des nachtheils verbunden', Adelung,
einwandfrei, unbedenklich, harmlos, gs. zu verfänglich 2,
wird im 18.
jahrh. gebräuchlich: dasz ich die sache selbst nicht nur vor u., sondern vor geboten halte, ... kommt daher Zinzendorf
neueste theol. bedenken (1730
geschrieben, 1741
gedruckt) 43; die katholische kirche, die an sich ganz unschuldig und u. ist Nicolai
reise 7, xxi; wenn unsre briefe einem fremden in die hand kämen, müszten sie ihm wenigstens u. scheinen Herder 17, 138
S.; so mochte sie es für u halten, mit einem gegenwärtigen freund ... ein wenig artig zu thun Göthe 27, 284
W.; IV 15, 39
W.; II 9, 153
W.; die art, es an ihn zu bringen, soll u. sein IV 16, 287
W.; eine liebschaft, an sich ganz u. Dahlmann
franz. revolution 174; das suchen nach wahrheit ist ja immer ohne arg, u. und schuldlos G. Keller 3, 16; 5, 158; geist ist ein gefährlicher patron ..., gemüth ist unverfänglicher Laube 1, 190. das sei das unverfänglichste Ranke
s. w. 31/32, 99.
attributiv: unverfängliche unterhaltung, äuszerung, rache, verhältnis, bitte, kunst, gleichnis, taufnamen, ton, schrift, absteigequartier, sinn, frage, fall, einleitung, form
u. s. w. Göthe 16, 44
W.; 7, 139
W.; 28, 229
W.; Geigers Göthejahrb. 6, 70; Babo
schauspiele (1793) 322; H. v. Kleist 4, 93
Schm.; Schopenhauer 1, 178
Gr.; Raupach
dram. w. komischer gattung 1, 107; Gervinus
gesch. d. d. dicht. 3, 388; Gutzkow (1872
ff.) 11, 177; Laube 2, 71; Scherer
kl. schr. 1, 663; Bismarck
gedanken u. erinn. 2, 201; 2, 229
volksausg.; G. Keller 6, 109; Treitschke
d. gesch. 3, 6; ja, selbst auf diesem weg, dem unverfänglichen, wird er von ferne nahn dem unzugänglichen Rückert 8, 445; in den unverfänglichsten dingen Immermann 13, 278
B.; diesen politisch und kirchlich unverfänglichsten zeitvertreib Justi
Winckelmann 2, 269; in einem der unverfänglichsten winkel unter der ofenbank Rosegger (1895
ff.) 9, 18.
substantiviert: für etwas unverfänglichs halt ich ihn (
den eid) Schiller 12, 181
G. von personen: wer mit thieren, mit kindern, dienstboten und gemeinen leuten nicht im herzlichen rapport steht, der ist nicht der beste, der ist kein unverfänglicher, kein natürlicher, kein frommer, kein echt liebenswürdiger mensch B. Goltz
b. der kindheit 438; eine unverfängliche bekanntschaft Gutzkow
zauberer 2, 60; Spohr ... ist ja ... hofkapellmeister in K., er ist ganz u. W. H. Riehl
Eisele u. Beisele 61.
adv.: die frommen superintendenten kriegten gelegenheit, in ihrer diöces ohnverfänglich die warheit bekannt zu machen Zinzendorf (1727)
zs. f. brüdergesch. 5, 113; u. verkündigen, rügen, erwähnen, lauten
u. s. f. Herder 19, 402
S.; Göthe IV 13, 165
W.; I 48, 174
W.; Ranke
s. w. 4, 49;
vgl.aufs unverfänglichste Göthe IV 29, 14
W.; auf sehr unverfängliche weise W. Raabe
hungerpastor 2, 46.
dazu unverfänglichkeit, f., gs. zu verfänglichkeit (
s. d.). Schottel
haubtspr. 362;
sonst zu unverfänglich
e: der geist der kraft, der unschuld, der u. Pestalozzi 6, 316; die u. der beziehungen W. v. Chezy
erinnerungen 1, 146; die grösze ist die beschaffenheit, an der ein daseyn mit dem scheine von u. ergriffen und wodurch es zerstört werden kann Hegel 3, 452; die u. der sache Schopenhauer 3, 553
Gr., einer äuszerung, bedingung, eines vertrages
u. dgl.; unverfänglichkeiten
d. romanzeitung 16, 1, 33. —