unterthan ,
adjectiviertes part. praet. von unterthun,
v. (
s. d.)
; im allgemeinen (
ähnlich wie bei den entsprechungen im nl., dän., schwed.)
zu gunsten der adjectivischen fortbildung unterthänig (
s. d.)
zurückgetreten. ahd. untartân;
mhd. undertân;
mnd. underdân;
mnl. onderdaen;
nl. onderdaan.
der zusammenhang mit dem verbum ist z. b. bei Luther
bewahrt: 1.
Cor. 15, 27; 28; 14, 27
W.; Hebr. 2, 8;
älteste jahrb. d. st. Zürich 48; unterthänchen
schemel. zur synonymik s. untergeben, -werfen.
die mhd. und mnl. bed. '
verschieden' (
1unter III B 2
b; pilgerfahrt des ritters v. Harff 4
lit. ver.)
ist im nhd. erloschen. AA.
nicht oft attributiv: das stumme unterthane (lastbare 2.
Petr. 2, 16) thier Luther 10, 2, 117
W.; e.
f. g. willigen, unterthanen capellan Luther
briefe 1, 283
de Wette; seines unterthanen gesindes gewerb Fischart
Garg. 92
ndr.; sein unterthane leut Rollenhagen
froschmeuseler (1621) T 5
b; ein ruhiger beherrscher eines ihm unterthanen herzen Lessing 4, 459
M.; die raubschiffe gehörten irgend einer der unterthanen hafenstädte Niebuhr
röm. gesch. 3, 495; die gesammtheit aller dem landesherrn unterthanen menschen Lagarde
d. schr. 342. BB.
sonst nur prädicativ. B@II.
örtlicher grundvorstellung nahe geblieben: wirt dir mîn gâbe undertân (
so dargeboten, dasz du sie von oben greifen kannst) Wolfram
Parz. 149, 21;
ähnlich einem sein gut u.
oder unterthänig machen,
so dasz er es in seine gewalt bekommt: H. Sachs
bei Weigand
synon. 3, 898; Schmeller-Fr. 1, 607;
vgl. Nibelungenlied 126, 2
L.; daʒ guote ros S. dô wart im undertân (
vorgeführt, dasz er sich darauf setzen konnte; dann '
geschenkt')
rosengarten A 244; also sind diese toni den herlichen u. (
subjugales) und unterworffen
M. Agricola
musica choralis (1533) D 4
b;
in n. spr. mischt sich bed. II
ein: bist du doch der zeiten zan unterthan Brockes
bei Weichmann
poesie der Niedersachsen 1, 20; diese (
flachländer) sind ... durch ketten und gruppen bald von gebirgen und höhen dem plateau ihres continents ... u. Ritter
erdkunde 1, 13; bist du dem stiefel unterthan, so nenne ich dich nes stiefels knecht, nen stiefelknecht Raupach
dram. w. kom. gattung 1, 183;
vielleicht ruht in der bed. obnoxius noch ein rest dieser grundvorstellung: alle dinge ... zergenklich und tötlich sein ..., mancherley unglück untertan Arigo
decam. 17, 1
K.; ich (
die wolke) bin dem winde u. Lessing 8, 56
M.; es dünkte ihm der nackte boden gar zu unterthan der sonne scharfen stralen Herder 26, 198
S.; da das menschengeschlecht ... stets ... den climatischen einflüssen des planeten u. bleibt Ritter
erdkunde 2, 83. B@IIII.
eingeengt auf die vorstellung '
einer höheren gewalt, einem höher stehenden unterworfen'.
subjicio ich thuo unter,
subiectus unterthan Alberus (1540) H H 2
b;
domitus Frisius 447
a.
die reicheren verbindungen des mhd. mit genitiv oder mit präpositionsbestimmung (
mhd. wb. 3, 145
a)
sind im nhd. aufgegeben. B@II@11)
von abhängigkeit im allgemeinen und in den einfachsten formen des haus- und familienlebens, oft sittlich vertieft. obediens, moriger, morigerus, subditus, supplex Alberus (1540) p 4
b: wer ubel tut und wil nicht undertan sein (
sich dazu verstehen, herbeilassen) und strafunge aufnemen
ackermann a. B. 19, 7
B.; ich soll mein nechsten menschen u. sein et yhm dienen Luther 34, 1, 218
W.; er wolt nie keynem menschen seyn tag sein underthon
lied v. hürn. Seyfried 1
ndr.; bettler ... seind niemand u. Lehmann
florileg. (1662) 1, 56;
von kindern und dienstboten: Luc. 2, 51; und er gieng hinab mit inen und kam gen Nazareth und was inen underthon
Züricher bibel (1531)
Luc. 2 E; Kramer (1702) 2, 1084
a; so sohn als eidam dir willig unterthan ... bleiben Gottsched
schaubühne 1, 31; der diener hat er uberal in aller welt ein grosze zal, die im seind allzeit underthan Scheit
frölich heimfart D 4
b;
im sinne des mittelalterlichen frauendienstes Lexer 2, 1806;
nach Ephes. 5, 22 (die weiber seyen u. ihren männern; '
wo doch nach morgenländischer art die engere und strengste art der unterwürfigkeit verstanden werden kann, welche bey unsern abendländischen sitten nicht statt findet' Adelung):
Nibelungenlied 1097, 2
L.; in stäter elicher treue on allen wanck will ich euch wesen untertan Arigo
decam. 70, 23
K.; Wickram 7, 339, 1276
B.; H. Sachs 1, 46, 18
K.; gehorsam und u. sein 1, 114 26
K.; 17, 64, 7
G.; ghorsam u. 21, 209, 21
G.; Eyering (1601) 1, 7; weib, sei u. deinem manne! Sturz (1779) 1, 265; Schiller 13, 399
G.; nur in den stunden der minne war frau W. ihrem manne u. Storm (1899) 6, 272;
vergeistigt: es ist auch nichts herrlicheres auf erden, als wenn ein stolzes paar wie diese so sich u. ist Hölderlin 2, 118, 8
L.; gib dich mir nur immer ganz hin, sklavisch nicht, aber gränzenlos liebend u. Pückler
briefwechsel u. tageb. 6, 428. B@II@22)
von staatlicher, obrigkeitlicher, gesetzlicher, lehensherrlicher, rechtlicher u. dgl. abhängigkeit: eʒ sol auch ieder man sinem viertailmaister undertan sein, ob die stat not aneget, daʒ er tuo swaʒ er in haiʒe
Nürnberger polizeiordn. 12
B.; denn ich (
d. hauptmann) bin ein mensch, dazu der oberkeit u.
Lucas 7, 8; wenn die unterthanen irer oberkeit u. und gehorsam sein Luther 34, 2, 133
W.; zinsbar und u. sein
5. Mos. 50, 11; H. Sachs 6, 212, 19
K.; und der gantzen frösch nation auch unterthan war seiner kron Rollenhagen
froschmeuseler (1621) C 6
a; Rätel
Curäi chron. (1607) 272; bist du nicht ebenso frei, so edel geboren als einer in Deutschland, unabhängig, nur dem kaiser u.? Göthe 8, 30
W.; wir sind ihm (
dem könige) u. und gewärtig, in dem, was ihm zukommt 8, 225
W.; dasz die städte ... theils als colonieen abhängig, theils u. waren Niebuhr
röm. gesch. 1, 79; die ..., die mir wegen dem verhältnisse der grundherrlichkeit u. sind Stifter 3, 216; da ich aber keinem so u., noch auch so niedrigen standes war, dasz man mich hätte zwingen mögen ... Scheffel (1907) 2, 60. u. werden, bleiben, machen, sich u. sehen: bis ... das land u. werde dem herrn
4. Mos. 32, 22; du bleibest zwar dem könig unterthan, doch bist du auch ein freygebohrner mann Gryphius
trauersp. 227
P.; der kaiser macht im das lant gantz zinspar und dem reich gar unterthan
städtechron. 3, 78; füllet die erden und machet sie euch u.
1. Mos. 1, 28; Murner
narrenbeschwörung 105, 37
ndr.; sie machten sich so viel landes u. Brentano 4, 60; und jetzt sehen wir uns als knechte unterthan diesem fremden geschlechte Schiller 14, 23
G. im bilde: der glidmächtigen Podagra underthon zu sein Fischart
pod. trostb. 37, 17
H.; dem scepter der vernunft, der ruthe u. Schubart
ästhetik d. tonkunst 114; Göcking
lieder zweier liebenden (1779) 107. B@II@33)
solche verhältnisse (2)
werden auf gott und das religiöse leben übertragen, wobei der vorstellungsgehalt sich oft steigert und vertieft: Notker
psalm 61, 2; 31, 9; 142, 10; man sol got leiden, ym gehorsam und gelassen und unterthan seyn
theologia deutsch 44
M.; J. Arndt
Th. v. Kempis theologia (1631) 30; bist du des waren godes kint, dem himel und erde underdan sint Mone
schauspiele des ma. (1846) 1, 106;
Alsfelder passionsspiel 530
Gr.; wenn er aber saget, das es alles u. sey, ists offenbar, das ausgenomen ist, der im alles unterthan hat. wenn aber alles im u. sein wird, alsdenn wird auch der son selbs u. sein dem, der im alles unterthan hat
1. Cor. 15, 27; 28;
Christus niemant dann allain got underton Luther 1, 692
W.; eyn christenmensch ... yederman u. 7, 21
W.; wer dem teuffel u. dienet yn sunden 2, 96
W.; seid unternander u. (
subjecti invicem)
Ephes. 5, 21; Jac. Böhme (1620) 4, 147; Opitz (1690) 3, 280; alles, was himmel und erden schränkt ein, musz deiner majestät unterthan sein
Mittler d. volkslieder (1865) 302; u. werden Notker
psalm 38, 28; bleiben Sebiz
feldbau (1579) 640; machen
altd. passionsspiele aus Tirol 109
W.; Fischart
bienenkorb (1588) 7
a; sie (
d. fürstin Gallitzin) gab sich gott ganz u. Gervinus
gesch. d. d. dichtung 5, 283. B@II@44)
in ergebenheitsfloskeln des briefstils: mein schuldig willig dinst sein euern gnaden allezeit wilicklich underthan
privatbriefe des ma. 1, 57
St.; häufiger unterthänig (
s. d.).
ähnlich im umgange: als ich ... mich tieff ghen ir neiget, gantz unterthan erzeiget H. Sachs 6, 23, 21
K. B@II@55)
dem gesetze, einer satzung, ordnung u. dgl. u.: sînen sun ... undertânin êo,
factum sub lege Notker
psalm 31, 6; die jugent ist keynem gesecz der liebe verbunden noch undertan Arigo
decam. 628, 24
K.; sintemal es (
fleischlich gesinnt sein) dem gesetz gottes nicht u. ist
Römer 8, 7; ich bin nur den gesetzen u. Zimmermann
nationalstolz (1758) 188; der mensch ... ist diesem gesetz (
der verewigung der arten) u. Herder 16, 44
S.; nur thaten sind ihnen (
den gesetzen) u. Schiller 3, 513
G.; die maschinen sind genau denselben gesetzen u. wie unser eigener körper Boltzmann
populäre schr. 332. seit u. aller menschlicher ordnung Mathesius
Sarepta (1571) 221
b; es sind ja freilich andre sachen der hohen satzung unterthan Weise
der grünenden jugend überfl. gedanken 17
ndr.; die bed. geht in 6
über. B@II@66)
in weiterer bed. abhängig, unterworfen, an etwas gebunden, mit etwas verknüpft, einer sache ausgesetzt u. dgl.: irem (
der liebe) gewalt alle untertan und verpunden sein Arigo
decam. 234, 6
K.; sölche (
bücher) wil er nicht endern noch drüber sein, sondern gerne den u. sein als dem, das nichts ist Luther 26 578
W.; all ding dem gelt synt underthon Brant
narrenschiff 46, 51
Z.; Tappius
adagiorum centuriae septem (1545) O 7
a; der zeit, vergänglichkeit, dem wahnwitz, tode, den trieben, dem dünkel, gaumen, der geburt, zwietracht, sorge, den ideen der zeit
u. s. w. u. Tiedge 3, 182; Stifter 5, 1, 85; Bodmer
crit. poet. schr. 1, 104; Triller
poet. betrachtungen 1, 119; Gottsched
crit. dichtkunst 17; Dusch
verm. werke 20; Göckingk (1780) 1, 48; 49;
Shakespeare 3, 164; Bürger
Ilias 1, 11; Schopenhauer 1, 243
Gr.; Treitschke
hist. u. polit. aufsätze 2
5, 28; jugend und natur sei dem himmel künftig unterthan Göthe 1, 221
W.; sie (
d. dichter) wissen nicht, welche kräfte ihnen u. sind Novalis 4, 31
M.; selbst die elemente waren ihnen u. Jac. Grimm
kl. schr. 5, 427; und was kein ganzes heer sonst übermeistern kann, wird seinem bloszen blick und drohen unterthan Chph. H. Amthor
bei Weichmann
poesie der Niedersachsen 1, 154; vielleicht in keinem betracht war Frankreich so sehr einem beschränkten herkommen u. geworden als in bezug auf den vertrieb des getraides Dahlmann
franz. revol. 53; du ... hast das glück dir u. gemacht
theater d. Deutschen (1768
ff.) 3, 195; wir geben uns heute ihr (
der liebe) unterthan Arent-Conradi-Henckell
dichtercharaktere (1885) 109; wer könnte den gedanken fassen, dasz ... Rafael in den loggien des vatican dem architecten u., seine freiheit ... aufgegeben habe? O. Jahn
Mozart 3, 90; die säule musz dem gleichmasz unterthan an ihre schwester nachbarlich sich lehnen Schiller
die künstler 161.
veraltet '
in dankbarkeitverbunden'
Nibelungenlied 1841, 4
L. B@II@77)
bisweilen steht u.
dem adv. nahe, das sonst durch unterthänig, -lich
vertreten wird: meinen dienst hab ich ihr geschworn, den wil ich halten stetiglich mit willen unterthan, die weil ich das leben hab
bergreihen 38
ndr.; wie so ahnt thut es einem, wenn ... man das gute leben allzu sehr gewohnet, und soll hernach andern leuten u. und so kümmerlich leben Schoch
studentenleben (1657) K 3
b; unterthan will ich ihr (
Phyllis) leben Kästner (1753) 1, 131; Pückler
briefwechsel u. tageb. 6, 428
oben II 1.