unnatürlich,
adj. adv. ,
gth. v. natürlich.
mhd. unnatûrlich;
mnd. unnatûrlik;
mnl. onnatuurlijc;
nl. onnatuurlijk;
dän. unaturlig;
schwed. onaturlig.
lat. innaturalis;
franz. innaturel;
engl. innatural.
frühnhd. oft ohne umlaut; unnaturlich Gesner-Herold-Forer 2, 135
a.
adv. unnatürlichen Hulsius 2, 257
a.
vgl.auszer-, über-, widernatürlich, naturlos, -widrig. 11)
dem adj. natürlich I 3,
dem adv. 1 a
entsprechend, von zeugung, geburt, verwandtschaft: haut ain pfärd unnatürlich (
praeter naturam) verworffen Steinhöwel
Äsop 41; unnatürlicher weise gezeuget Prätorius
saturnalia 22;
abnormis, monstrosus: unnatürlicher geburten Ryff
anatomi a 5
a; Parac. 1, 126 B; unnatürlicher sohn
sp. 27, 5 (natürlich I 3 c, b),
wobei auch verdrehung von natürlich
zu legitimus, von u.
zu illegitimus zu berücksichtigen ist, vgl. natürlichkeit 5;
sittlich (
monstrum filii)
s. 2; eines unnatürlichen erben (natürlich I 3 d)
b. d. liebe 224
d,
heute kein natürlicher erbe. 22)
angeborenen eigenschaften, von der natur eingepflanzten trieben widerstreitend (natürlich I 4): farbe Agricola-Bech 28; stimme (
falset) Walther
mus. lex. 238;
wie natürlich 4 b: H. Sachs 16, 16, 30
G.; elternmord Dahlmann
gesch. v. Dännem. 1, 35; den unnatürlichen krieg zwüschend vatter und sun Stumpf
Heinrich IV. hist. 119
b; der bürgerliche krieg, der unnatürlichste von allen Schiller 12, 184; mutter, sohn, bruder
u. s. w.; 3, 516; dann es u. wäre, dasz er (
Tell) gegen seinem lieben kind solte schieszen Tschudi
chron. 1, 238; u. verhärtet A. v. Haller
Usong 269.
stärker widernatürlich Weigand
syn. 3, 877. 33)
von der natürlichen regelmäszigkeit abweichend, widerspruchsvoll, widersinnig, ohne naturnotwendigkeit, willkürlich, innerlich, unwahr, übernatürlich, phantastisch, wunderbar, zauberisch u. dgl. (natürlich I 5): etwas seltsamer unnatürlicher geschicht Schade
sat. 3, 36, 6; Schiller 5, 419; wunder Menius
chron. Carionis 1, 222
b; künste Grimmelshausen 4, 635, 9
Keller; mittel Hufeland
kunst 7; fische Stifter 1, 267;
adv.: natürlich geschehen oder u. Guarinonius 41; willkührlich, u. theilen Herder 15, 150; das unnatürliche des falles Mörike 3, 65. u., übernatürlich Weigand
syn. 3, 835. 44)
gekünstelt, gesucht, nur ausgeklügelt, gezwungen, verschroben, unnaiv u. ä. (natürlich I 6): hingegen kan das unnatürliche, welches immer falsch und unmöglich ist, niemahls gefallen Breitinger
crit. dichtk. 1, 62; das unnatürliche und das verwirrte Scheibe
crit. mus. 885; dem schwulste unnatürlicher gedanken und ausdrückungen Gottsched
d. neueste 3, 306;
theater d. D. 18, 349; u. sentimental Lenz 3, 136
Tieck; so fad, so u. auch seine schmeicheleien sind Meiszner
Alcibiades 1, 140; unnatürliches schulwesen Hoffmann v. Fallersleben 8, 384; das unnatürliche der lagen Gervinus
g. d. d. dicht. 5, 123; die natur kommt uns armen unnatürlichen menschen so oft übernatürlich vor Bettine
frühlingskranz 58. grotesk, u., ungestalt, possenhaft Kinderling 134. 55)
von wiedergabe durch die kunst, nicht naturgetreu, der wirklichkeit widersprechend; herb, hart (natürlich I 7): schilderey Breitinger
crit. dichtk. 2, 8; Göthe 40, 207
W.; declamation 28, 66
W.; Bauernfeld 2, 5; das erste bild ... machet einen unnatürlichen und wiedrigen contrast Gottsched
d. neueste 7, 340; das harte und unnatürliche der ägyptischen göttergestalten Solger
ästhet. 192. 66)
nicht naturgemäsz (natürlich I 8),
oft nur ungewohnt, aber auch pathologisch: unnatürlich wetter Luther 19, 211
W.; 16, 280
W.; finsternussen der sonnen Stumpf
chron. 103
b; eine u. warme sonne G. Keller 3, 208. ein unnaturlich mal am leybe Luther 10
2, 78
W.; glieder Wirsung
arzneib. 555
a; Lavater
physiogn. fragm. 1, 171; diese u. jungen augen Storm 4, 104. Höfler 438
b; di unnaturliche melancolia
Bresl. arzneib. 4; alle symptome dieser wunderlichen, so natürlichen als unnatürlichen krankheit (
taedium vitae) Göthe IV 23, 185, 22
W.; auch das unnatürlichste ist natur II 11, 6, 28
W.; gelüst, durst, hunger (eine art von unnatürlichem wissenschaftlichen hunger 25, 85
W.), schlaf, hitze (Mynsinger
v. falken 26), kälte, zustände, speise (Steinhöwel
Äsop 354)
u. s. w. Marperger
küchen- u. kellerdict. 1253
a. in unnatürlichen sünden (
nella sodomitica) Arigo 31, 20; brauch
s. Luther
unter natürlich I 8 b; Kramer (1702) 2, 112
a; liebe Lohenstein
Ibrahim h 7
b; Wieland 34, 97. zu unnatürlichem tode Steinhöwel
ber. frauen 38; die missethäter sterben .. eines unnatürlichen todes Lichtenberg
erklärung 4, 6; Seidel
vorstadtgeschichten 186. unnatürliche bedürfnisse Büchner
nachgel. schr. 240; stellung, lage, verhältnis
u. s. w.; dasz dieses mechanische verhalten dem geiste u. sei Novalis 2, 229
Minor; das (
heimliche thränen) ist bei meinem kinde u. G. Freytag 3, 96. u. angebracht Göthe II 7, 66
W. 77)
gegen natürliche oder sittliche norm (natürlich I 9): ists nit unnaturlich, schweyg unchristlich, das ein glid dem andern nit helffen, seinem vorterben nit weren sol? Luther 6, 409
W.; Murner
adel 25
ndr.; missethat
theatr. am. 204; egoismus Göthe IV 10, 263
W.; richtung II 11, 280
W.; bedeutung Treitschke
aufs. 1, 193; ein unnatürlicher barbar Tieck 4, 35; u. verewigt Herder 3, 76. 88) natürlich 10
entsprechend, unbegreiflich, unverständlich, auffallend, seltsam, falsch, fremdartig, ungereimt, unangebracht u. dgl.: das ist ja ganz u., dasz sie ihnen einmal nachgiebt Gottsched
schaub. 1, 526; dieser an sich nicht unnatürliche weg Zinzendorf
περὶ ἑαυτοῦ 56; Herder 22, 182; Göthe 22, 225
W.; W. v. Humboldt 4, 168; G. Freytag 5, 226; Seidel
vorstadtgesch. 127; das unnatürlichste Lessing 2, 113, 10. 99)
intensiv: immanis, enormis, excessivus, ohne dasz die grundvorstellung in der formalsteigernden bed. untergeht: ein unnatürlichen hohen sprung
Teuerdank 79
G.; menge G. Freytag 12, 127; es herrscht dort geradezu ein unnatürlicher schimmer und glanz Seidel
Hühnchen 252; u., unerlaubt dumm Holtei
erz. schr. 3, 75.