ungläubig,
adj. adv. ,
gegenstück zu gläubig (
s. d.).
ahd. ung(e)loubîg;
mhd. ung(e)loubic (ungleubig Heinrich v. Neustadt
gottes zuk. 4430);
as. ungilôbig;
mnd. un(ge)lovich;
mnl. on(ge)lovich;
nl. ongeloovig. Staub-Tobler 2, 590; Crecelius 845;
obers. 2, 599
a;
lux. 316
a, Gangler 317.
der umlaut herrscht erst seit dem 19.
jh. unbestritten, bis dahin gehen umlautlose formen, von Adelung
und Campe
als oberdeutsch verworfen, oft bei demselben schriftsteller nebenher (
z. b. noch bei Wieland 1, 149
u. o.; Kant 6, 355; Herder 15, 85; Göthe 35, 101
W.; Schiller 1, 168; 4, 259; Hölderlin 2, 145, 33; Hauff 4, 247, 16; Chamisso 3, 41; Grimm
sagen 2, 304). die unglaubichen Luther 30, 3, 182
W.; ungläubich Ebner - Eschenbach 4, 226.
vgl. ungläubiglich, abergläubig (-isch), abglaube, ab-, after-, anders-, bös-, falsch-, fremd-, halb-, irr-, klein-, lau-, misz-, nicht-, schwach-, schwer-, über-, wahngläubig; glaublos, unglaublos,
mnd. un(ge)lovesam, ungelôfsamkeit, glauben(s)los, -leer, glaubenichts.
ohne erfolg für die gemeinspr. versuchte Kant 5, 472, 19
ak. ausg. zwischen u.
und ungläubisch
so zu unterscheiden: ungläubisch seyn heiszt der maxime nachhangen, zeugnissen überhaupt nicht zu glauben; ungläubig aber ist der, welcher jenen vernunftideen, weil es ihnen an theoretischer begründung fehlt, darum alle gültigkeit abspricht.
vgl. abergläubig
und abergläubisch Wurm 13
b.
übersetzung von infidelis, incredulus zs. f. d. wortf. 3, 228;
profanus Diefenbach
n. gl. 305
a;
bifidus 53;
der bed. 1 b
steht incredibilis nahe. 11)
wie unglaube 1
ohne religiösen begriffsinhalt. 1@aa)
activisch; nicht glaubend, zweifelnd, misztrauisch; mhd. einem u. sîn,
veraltet. dem ungleubigen Phidippo Boltz
Ter. 130
b; der unglaubige brunnenmeister Göthe 35, 101
W.; dem ungläubigen Europa Freytag 15, 214;
in Spreng
Äneis 28
a;
an Göthe IV 36, 275
W. (
hart eigensinn der angeblichen ungläubigen an die physiognomie Lavater
fragm. 1, 48);
gegen Schiller (
einb. ausg.) 684;
für Scheffel 3, 221;
bei, inbetreff u. dgl.; so ungläubige seelen Schwabe
bel. 3, 185; die ohren des menschen wären ungläubiger als ihre augen Gottsched
das neueste 9, 631;
in der seit dem 18.
jh. immer häufigern anwendung auf den gesichtsausdruck mag, wie im nl. (
s. wb. 10, 1619 I 1)
fr. incrédule, engl. incredulous, -ly eingewirkt haben (
das gth. gläubig
scheint in dieser bed. seltener; doch auch ain gleubig '
vertraulich, bittend' aluege Seiler
Basel 138
b): mit unglaubiger miene Wieland 27, 257; mit sehr unglaubigem lächeln Schiller 4, 259;
adv. sie lachte u. mädchenhaft Arnim 11, 234;
doch auch mit einem ungläubigen erstaunen Wieland
Ag. 2, 23; die ungläubige unruhe Herder 3, 187; neutralität v. Müller
bei Göthe gespr. 5, 56; rathlosigkeit Peschel
völkerk. 118; doch ungläubig flieszt die zähre Lenau 34; der lügenfreund oder der unglaubige (
ἀπίστων) Wieland
Luc. 1, 149;
mit biblischem einschlag Göthe 8, 75, 21
W.; auch die ungläubigsten 41, 239
W. vgl. miszgläubig 2. 1@bb)
passivisch. wie im mhd., mnl. und im älteren nl. unglaublich; vgl. miszgläubig 3; Staub-Tobler 2, 590, 2: das allen menschen ungelaubig vor was U. Füetrer
b. chron. 185; das sind alles ungleubige wort fur unsern augen Luther 23, 717, 9
W.; ungleubig sachen Fischart
Dom. leb. 2138; Olearius
pers. baumg. vorr. anm. 14.
steigernd: mit ungelaubiger schOene
erste d. bib. 7, 93, 60; Lehman 3, 200; eine gantz unglaubige weite Aitinger
jagdb. A 3
b; thaten Abele
gerichtshändel 258; Abr. a St. Clara
etwas f. alle 2, 227; der vorboth unglaubiger gnaden
n. schauspiele (1771
ff.) 7, 3, 41;
adv. unglaubig bewegt Kirchhof
wend. 2, 34 (unglaubiger weisz Prätorius
Blockesberges verr. 134); ungläubig viel vögel Aitinger 273.
veraltet. wie mnl. ongelovich
auch unzuverlässig, untreu: acten der ständetage Preuszens 5, 359 (1478). o du hOerte steinin muoter, wie ungelOeübig bist du deinem kind Eberlin v. Günzburg 1, 25
ndr. 22) unglaube 2
entsprechend. vgl. miszgläubig 1. 2@aa)
biblisch und allgemein philosophisch: mhd. u. gote,
in gote (
Hiob 8937
Karsten) sîn
veraltet; gottunglaubig J. Paul
zs. f. d. wortf. 10, 24; und aber Adam unglOeubig
am wort gottes was
Judas Nazarei 4, 20
ndr. u. ö.; ungläubige an Klopstocks Christus Herder 5, 352; wie unglaubig an diese gerechtigkeit des schicksals ist es nicht, dasz ... J. Grimm
an Wigand 65;
bei J. G. Jacobi 1, 74;
gegen, gegenüber u. dgl.; m. dat. dem wort
Züricher bib. (1531)
5 Mos. 1 D (
hart den unglaubigen der vorsehung J. Paul 45/47, 318);
vereinzelt und ir warend unglOeubig des herrn
Zür. bib. 5 Mos. 9 D (
vgl. Luther
unter ungehorsam 2 b).
ohne solche bestimmungen allgemein: den unglewbigen menschen Agricola
sprichw. A 7
a; er wardt ... u. und keiner hoffnung
Faust volksb. 31
ndr.; Graf-Dietherr 548, 76, 77. Windhorst, politisch latitudinarian, religiös u., ist durch zufall ... auf die feindliche seite geschoben worden Bismarck
gedanken 2, 339
volksausg. die unsinnigen und unglaubigen hertzen J. Arndt
Thom. a Kempis 30; Scherer
kl. schr. 1, 665; gehirn Lessing 9, 229
u. s. f.; wer nicht ... u. verachtet J. A. Cramer
ged. 3, 160; unglaubig thun Hamann 5, 152; ungläubiger Thomas
ist zur ra. geworden (
Joh. 20, 24—29;
erste d. bib. 1, 420, 43;
passionssp. aus Tirol 423
W.; Wackernagel
kirchenl. 3, 269; J.
M. Miller
pred. fürs landvolk 2, 325; Bettine
dies buch 1, 76): wann ichs sihe, so glaub ichs, ich bin der ungleubig sant Thomas S. Franck
sprüchw. (1541) 2, 94
b; solch ein ungläubiger Thomas! H. v. Kleist 3, 286; so lies denn, ungläubiger Th. Hebbel I 5, 28; Heine 1, 297; sie bleiben ein u. Th. Alexis
ruhe 1, 92; Staub-Tobler 2, 586;
lux. 316
a; Gangler 317; Binder 194;
nl. wb. 10, 1620;
dazu thomaselen, thomaselei. nun, herr Ungläubig, werden sie sich doch davon überzeugen? Kretschmann 4, 2, 159.
subst.: vil ungleubiger Zwingli
v. freiheit d. sp. 7
ndr.; Bismarck
gedanken 2, 182.
in der schelte: ym hertzen aber waren sie (
die pharisäer) die ungleubigsten hunde Luther 20, 517, 22
W.; Pape
bettel u. garteteuffel A a 1; ein grüner ungläubiger Schönaich
ästhet. 172; Pansner 73
b.
von nichtpersönlichem: von den falschen, gleyssenden, phariseischen unglawigen guten werken Luther
v. d. g. werken 9
ndr.; von solichem unglaubigen glauben Eberlin v. Günzburg 2, 90
ndr.; misztrawen Fischer-Tümpel
kirchenl. 1, 13; thränen Wieland I 2, 199.
philosophisch, oft nur '
aufgeklärt',
oft erweitert '
atheistisch': in diesen ungläubigen zeiten Gottsched
d. neueste 7, 596; leute Lessing 2, 73, 1; dem ungläubigen Berlin Thümmel
reise 1, 120; dem aufgeklärten, durchaus ungläubigen sohne Treitschke
d. gesch. 4, 19; ich habe ... katholiken und protestanten und juden und auch ganz ungläubige gepflegt Auerbach 18, 186 (
atheos Frisius 132
a). der aller ungläubigste Englands Klinger 11, 120. 2@bb)
abergläubisch, im nhd. durch dieses verdrängt. Lexer 2, 1844;
mnd. wb. 5, 48
a;
mnl. wb. 5, 601, 1
b; miszgläubig Staub-Tobler 2, 590. 2@cc)
irrgläubig (
ahd. irrigaloubari
haereticus), unglaube 2 c
entsprechend: die waz unglaubig und kein kristin Arigo 234, 9
K.; Fischart
Eulensp. 4500; sie hassen die Perser mehr, hielten sie auch für viel ungläubiger als die christen Olearius
verm. reisebeschr. 353
b; die ungelaubig schar Sachs 11, 115, 24
K.; juden Luther 26, 147; Freytag 9, 286; indianer Nas
antip. 2, F 4
a; mauren
vern. tadl. 2, 319; in unsern ungläubigen protestantischen ländern Nicolai
reise 1, 48; himmel Lichtenberg
br. 2, 319;
scheltend: ir ungläubigen hünd (
heiden)
N. Manuel
todtentanz 86
Bächtold; Murner
adel 26
ndr. die ungläubigen, ein ungläubiger
bes. von muhamedanern: mnl. wb. 5, 598;
städtechr. 3, 166; Wigand Gerstenberg
chron. 131; nemlich das ir solt nemen an wider die unglaubingn ein zug
Teuerdank 289, 81
G.; tartaren Rätel
schles. chron. 69;
türken Göthe 3, 214
W.; Ritter
erdk. 1, 224; Ranke 25, 28; Moltke 1, 112.
umgekehrt von nichtmuhamedanern im munde der muhamedaner Zimmermann
nationalstolz 38. ungläubiger!
vom juden A. W. Schlegel
Shak. 4, 124 (
kaufm. v. Venedig 4, 1).
allgemeiner den heyden und ungleubigen, so gottes wort nicht haben Luther 34, 1, 71, 36
W.; die heyden, unglaubigen und unchristen
theatr. diab. 41
b; Prätorius
Blockesberges verr. 120;
M. Mendelssohn 1, 155; gläubige und ungläubige (
s. sp. 26, 3,
heute veraltet): Luther 34, 2, 80, 18
W.; Hedio
chron. G. H 6
a; Zwingli
d. schr. 1, 96. —