überwerfen,
v. II.
die untrennb. verbindung. mhd. überwerfen;
ahd. ubarwerfan;
ags. oferwearpan. I@AA.
trans. I@A@11) jem.
oder etwas ü.,
herumwenden, sodann umstürzen, niederwerfen. mhd. ein pferd ü.,
es rasch wenden, als turnierausdruck bei Suchenwirt (
mhd. wb. 3, 738
a).
niederwerfen, zum stürzen bringen: er ... überwarff ir ainen und nam im sein schwert U. Füeterer
Lanzelot 65: er muste sehen, dasz das windspiel die hosen mit dem maul überwarffe, jedoch keinen fassen kundte Widmann
Fausts leben 307
K.; Brehm
thierleben4 1, 472; Pichler
allerlei gesch. aus Tirol 1, 142; der herr ... stolperte ... zur engen thüre hinein, überwarf ein kind Jer. Gotthelf
ges. schr. 10, 136; Lavater
verm. schr. (1774
f.) 2, 15; der wind überwirft ein blatt
weht es kollernd vor sich her: nachdem es (
das papier) ... etliche mahl überworfen mitten auf der strassen liegend bliebe S. v. Birken
forts. d. Pegnitzschäferey (1645) 73.
in metaphorischem sinne '
irre machen': durch welchen nit allein wir irrende betrogen werden und überworffen werden, sunder ouch wyse und synnig werden umbkeret und verwendt
Terenz (1499) 49
b. I@A@22)
aus 1)
entwickelt: hin und her werfen, überlegen: je mehr ich die sache überwerffe ..., je weniger scheinet mir glaublich, dasz ... Lohenstein
Arminius 2, 1109. I@A@33)
in der geologie was verwerfen: gleichwie die gänge durch die kreuzklüfte überworfen werden, so wird das flötz durch die rücken überworfen Veith
bergwb. 511. I@A@44) jem. ü.,
besser, weiter, höher werfen als er, zunächst wohl im speer- oder steinwurf, dann auch vom würfel- und kegelspiel, auch übertragen, s. mhd. wb. a. a. o.; vincere Diefenbach
gloss. 619
a; er kan mich nicht überwerffen (=
im steinwerfen übertreffen) P. v.
d. Aelst
Heymonskinder (1604) 33; Simrock 2, 36; Hebbel
w. 4, 26
W.; einen im kegelspiel ü. Hilpert 2, 649
b.
mit ellipse des objects, z. b. (
im würfelspiel)
mehr augen werfen: und erkennen magst du das gaukelspiel sterblichen lebens, wenn du bald überwirfst, bald der unterste bleibst E.
M. Arndt
w. 6, 120
M. I@A@55)
jem. oder etwas werfend überdecken. I@A@5@aa)
obruere Wiederhold (1669) 352
a; (
der könig befahl den knechten,) dasz sie alles gold in der geitzigen jungfrawen schosz werffen solten: wie sie nun ihren befehl auszrichteten, überworffen sie die Dominice mit solcher meng golds, dasz sie darvon ertruckt ... sturbe Lehmann
floril. pol. (1662) 3, 377; Antonio ... wäre ... entdecket worden, wo er nicht geschwind mit einem tuche die laterne überworffen Chr. Fr. Hunold
d. europ. höfe liebes- u. heldengesch. (1709) 249. I@A@5@bb) eine mauer mit kalk ü.,
to rough-cast a wall Ludwig
teutsch-engl. lex. (1716) 2074; Gutzkow
ritter vom geiste 7, 91; (
die chaussee) war ... erst kürzlich gemacht ... und mit stücken kalkstein ... überworfen, daher die pferde schwer fortkommen konnten Nicolai
reise 2, 333; bey dieser art (
sc. des säens) musz der sämann die hand voll nehmen und ... das gantze beet überwerfen
Chomel öcon.-phys. lex. 8, 556. I@A@5@cc) nachgehends haben die frässige meerwellen ... vil landes ... mit sande überworffen C. Danckwerth
Schleswich u. Holstein (1652) 76
b; die nahen berge überwirft er (
der mond) mit undurchdringlichen schatten H. Federer
berge u. menschen (1911) 372. I@A@5@dd) mit federbetten überworfen lag ich in einem bette
schr. d. Götheges. 17, 284; mit erde überworfene kanäle Jer. Gotthelf
ges. schr. 2, 230; eine ... mit ... felstrümmern überworfene fläche Barth
Kalkalpen (1874) 315; von groszen steinblöcken überworfen 75. I@A@5@ee)
bildlich: (
sie) wurden von den berliner toleranzpredigern mit den gröbsten schimpfwörtern überworfen K. L. v. Haller
restaur. d. staatswiss. 1, 132; mit dem netze meiner geheimen polizei hatte ich (
Napo leon) sie (
d. Deutschen) überworfen Görres
ges. schr 1, 402. I@A@66)
etwas auf ein anderes werfen, mit dat. u. acc. d. sache, wofür sonst meist trennb. verbindung (
s. u.): sie überwirft ihrer fatalen laune den mantel des kummers Chr. Aug. Vulpius
Rinaldo Rinaldini3 1, 133. I@A@77) etwas ü.,
darüberhin werfen: einen baum, einen flusz mit einem stein ü. Hilpert 2, 649
b; Cl. Brentano
ges. schr. 5, 45. I@BB.
reflexiv. I@B@11) sich ü.,
sich nach vor- oder rückwärts überschlagen, stürzen (
gewollt oder ungewollt)
: rivolgersi Rädlein (1711) 909
b.
meist sinnlich von thieren u. menschen gesagt, aber auch von speisen und kochendem wasser, z. b. allgem. haushalt.-lex. 1, 382.
von sich überstürzenden worten, z. b. vernünft. tadl. 2, 249. I@B@1@aa) nachdem sich die fisch ans land gezogen gefangen befinden, springen und überwerffen sie sich hefftig Braun
beschr. u. contrafactur 5, 6
a; C. Scheit
d. frölich heimfart B 1
a; J. Gigas
postilla (1595) 1, 115
a; ich stosze dich, dasz du dich überwirfst als ein affe Schottel
friedenssieg 5
ndr.; (
da) fallen die bienen mit haufen unter die pferde, dasz sie darüber ... rasend werden, sich überwerfen und überstürzen v. Fleming
d. vollk. teutsche soldat (1726) 277 § 16; übereile dich nicht; das laufende rosz überwirft sich und das geduldge kamel kommet im schritte zum ziel Herder 36, 430
S. I@B@1@bb)
vom menschen, '
stürzen': ein klocz, an den weg gelegt, daran sich alle klugen leute überwerffen sollen Luther 34, 2, 542
W.; M. v. Seydlitz
wallfart (1580) N 2
b.
sich krampfartig wälzen (
im schmerz): C. Goltwurm
wunderzeichen (1567) 124
a; J. J. Bodmer
samml. crit. poet. schr. 1, 6. (
in todeszuckung): Besser
schr. (1732) 1, 38. I@B@1@cc) sich mit jem. ü., (
im spiel oder kampf)
sich kollernd herumbalgen. α) und waren die zwen teuffel zusamengefahren und geschrien ho, ho, ho, mit einander sich im wasser uberworffen und gespielet und sind darnach ... verschwunden
M. Christophorus Irenäus
v. seltzamen wundergeburten (1584) m 2
a;
viehbüchlein (1667) 87; die bawren ... machten eine nachjagt und uberwurffen sich mit den reutern und schlugen ... acht reuter tod H. Bünting
lüneburg. chr. (1585) 38
b; Chemnitz
schwed. krieg (1648) 1, 438; Zend a Zendoriis
winternächte (1682) 577; A. Olearius
persian. reisebeschr. (1696) 274.
anthropomorph von streitenden winden gesagt; J. Rank
cosmogr. (1597) 114.
von wasserwogen Bodmer
Karl v. Burgund 11.
β)
übertragen: ich wil mir derhalben auch ein bibliam kauffen und mich ... mit den geistlichen überwerffen wye eynn aff
reformationsflugschr. 1, 41
Cl.; der gewissenh. priester (1694) 158; zorn, eyversucht und liebe überwerffen sich in seinem hertzen Lohenstein
Arminius 2, 111
a. I@B@1@dd)
verengt sich mit jemandem ü.,
sich entzweien, zerstreiten, uneins werden, die heute herschende verwendung der reflex. fügung, s. Adelung 4, 784.
altercari Stieler 2552; böse leute haben lust und freude daran, wenn man sich mit ihnen einlest und überwirfft J. Gigas
post. (1595) 1, 97
b;
kunst über alle künste 84, 15; sich mit seinem nachbaren ü. A. G. Spangenberg
apolog. schluszschr. (1752) 2, 467; Agamemnon ... überwarf sich mit Achill Ramler
einl. in d. sch. wiss. (1758) 2, 134; Klinger
w. 1, 173; man kann sich unmöglich mit den leuten überwerfen, um ihnen wohl zu thun Göthe IV 19, 150
W.; I 26, 70; Tieck
schr. 3, 227; Dingelstedt ... hat sich ... mit der redaction überworfen, und ich will ... vermitteln Hebbel
br. 4, 414
W. sodann mit dem leben, schicksal, glück sich ü.,
s. Lessing 2, 63
M.; Kotzebue
s. dram. w. (1827) 2, 54; E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. D. 2, 217. I@B@1@ee) sich mit etwas ü.,
sich abmühen (16.
u. 17.
jahrh.): nunmehr bin ich zu Liegnitz eine zeit blieben und (
habe) mich mit den rechnungen überworfen Schweinichen
denkw. 368; Ronsardus, von deme gesaget wird, das er ... mit der Griechen schrifften gantzer zwölff jahr sich uberworffen habe Opitz
buch v. d. d. poeterei 19
ndr.; Schupp
schr. (1663) 865; er (
hatte) sich ... eine guhte zeit mit disen gedanken überworfen Zesen
adriat. Rosemund 36
ndr.; Lohenstein
Arminius 2, 922
b. I@B@1@ff)
abgezogen aus 1 b) '
straucheln, sich irren': wann er (
d. übersetzer) sich zum thayl auss unwissen der griechischen buchstaben in vil dingen überworffen hat Schwarzenberg
Cicero (1535) 1
b.
veraltet. I@B@22) sich ü.,
erbrechen: vomere Dentzler (1716) 2, 299
a; Aler (1727) 2, 1953
a; etwan hebt der pfarrherr eim bawren den kopf, bisz er sich überwirfft und gespeiet S. Franck
weltb. (1567) 134
a.
ähnlich vom kranken pferde: Walther
pferde- u. viehzucht (1658) 108.
in d. neueren sprache obsolet. I@B@33) sich ü.
sich überheben: doctor Creutzenach, der ... sich mit seinen guten wercken überworffen Mathesius
erkl. ... d. ep. an die Cor. (1591) 1, 87
a.
ähnlich E. Windecke
denkw. 356. I@B@44)
mit zurücktreten der bewegungsvorstellung: sich ü., (
volutenartig)
umgebogen sein, z. b. die obern zwey plättel überwerffent sich, das es schier ein ansehen hat wie käpel Toxites
horn d. heils S 2
b.
s. auch u. D überworfen,
resupinus. I@CC.
intrans. nicht sprachüblich, ein spontaner beleg für überwerfen,
sich erheben, aufschäumen bei Treuer: das weltmeer lasset toben, es rausche wie es woll, es überwerffe gar: die hülffe, die uns hilft, die kommet uns von oben
deutscher Dädalus (1675) 1, 612. I@DD.
part. überworfen. I@D@11)
umgebogen, zurückgebogen: so du die zirden ... der blatten machen wild (
am kapitell), die magst du herabrucken, das sie sich under der fasen des bechers überwerffen, ... zwischen dem überworffen laub magstu auch etwas von zirden machen A. Dürer
underweysung d. messung (1525) H 1
a;
allgem. haushalt.-lex. 2, 31
b.
in der sprache d. schmiede für importiert: überworffen oder überschlagen (
huf-)stollen machen Hörwart v. Hohenburg
v. d. ritterl. kunst d. reiterei (1581) 68
b;
Chomel öcon. u. phys. lex 8, 721.
aufgestülpt: überworffens maul,
os repandum Schönsleder
prompt. (1647) N n n 7
b; (
Margreta,) die vonwegen ires braiten überworffnen mauls die maultäsch genannt war J. A. v. Brandis
in gesch. d. landeshauptleute v. Tirol (1850) 47.
veraltet. I@D@22)
zu überwerfen A 3: wenn der mensch im schuldvollen leben sich verschüttet sieht wie ein überworfenes gebirg Pestalozzi 7, 173.
übereinander geworfen: zerspaltenes gemäuer, überworfenes blockwerck Barth
Kalkalpen (1874) 466. I@D@33)
als term. der meistersingermetrik '
gekreuzt, überschlagend' überworfen rîme
Kolm. handschr. 405
Bartsch; Straszb. stud. 3, 200. I@D@44) überworfen,
durchtrieben, erfahren (
zu überwerfen A 1) Felician, den er für einen klug- und überworffenen kerlen hielt
seltzame liebeshändel (1691) 59; überworfner schalck Gryphius
poet. wälder 1, 510; ein ü. kopf,
homo exercitatus Steinbach 2, 1037.
veraltet. I@D@55) (
zu überwerfen B 1
d) mit jemandem überworfen,
veruneint, zerzankt: Aristides ..., vor dem er (
Themistocles) sich scheute, da er vorher mit ihm überworfen ... gewesen
br. d. n. lit. betr. 15 (1763), 158; einsam und ... überworfen mit seinen nachbarn Justi
Winckelmann 1, 122. IIII.
in trennb. verbindung. II@AA. etwas ü.,
es hinüberwerfen: trajicere Diefenbach
gloss. 592
a. II@A@11) er hat den stein übergeworfen, nähmlich über den zaun Zesen
vermehrter Helikon (1656), 1, 41; Hilpert 2, 649
b. eine brücke ü.,
schlagen: im überwerffen dieser brucken waren einige zu kurtz und andere zu schwach zu übersetzung so vieler soldaten
französ. Simpl. (1683) 2, 502.
hierzu als term. der alten belagerungstechnik: überwerfende brücken (
a. 1534),
s. Gottsched
beytr. (1732) 1, 492. (
eisspalten passieren) vermittelst etlicher übergeworffenen bretter Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653), 644.
bildlich: noch immer ... ist ... aus diesen wegarbeiten (=
textkritischen arbeiten) zu sehen ..., dasz nur sträuche übergeworfen werden, die jedem starken tritt ersinken Herder
w. 5, 445
S. II@A@22)
in übertragenem sinne: ein volck kennen zu lernen, welches ... aus dem drucke der schlechtesten aller regierungsformen plötzlich zu den grundsätzen ... der demokratischen regierung nicht übergegangen, sondern übergeworfen ... worden sei G. Fr. Rebmann
zeichnungen (1798) 1, 4. II@A@33)
part. übergeworffner oder hinübergeworffner,
traiectus voc. theut. (1482) h h 7
a. II@A@44)
in der handwerkerspr. (
der bäcker:) den teig überwerfen,
ihn nach dem kneten vom einen ende des troges an das andere ende schleudern, um die in ihm befindliche luft in bewegung zu setzen, s. Jacobsson 4, 470
b; Adelung
a. a. o.; (
bei strumpfwirkern:)
die maschenreihe über die biegung der nadeln in die früher gebildete maschenreihe übergleiten lassen, s. Jacobsson
a. a. o. II@BB.
darüber, darauf werfen: superinjicere Steinbach
a. a. o. jemandem ein kleidungsstück
u. ä. ü.,
es ihm umhängen, anziehen: Sem und Japhet warffen ihrem entblösten vatter eine decke über Kramer (1702) 2, 1330
a; man entschlieszt sich, ihm die kleidung eines alten weibes ... überzuwerfen Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 147
ndr.; einen mantel Laube
ges. schr. 8, 149; den schleyer
Shakespeare 2, 185; zauberkappen E. Th. A. Hoffmann 6, 250
Gr.; ketten, ein joch, eine schlinge, ein netz
u. ä. jemandem ü.,
in eigentlichem u. bildlichem verstande: bisz die jeger zuspringen, ihm (
d. elefanten) ketten und stricken überwerffen Gabr. Rollenhagen
indian. reysen (1603) 222; R. Köhler
kl. schr. 1, 220; (
sie) verspotteten mich als einen armseligen, der sich das joch der ehe ... so geduldig hatte überwerfen lassen Tieck
schr. 18, 232; Lenz
sizil. vesper 11
W.; Gutzkow
ritter vom geiste 6, 252; Fontane I 6, 313; wenn euer blick ... auch durch den schleier dringen könnte, den uns alter oder krankheit überwirft Göthe 10, 146 (
Tasso 1043)
W. reflexiv: sich ein kleid ü.,
vestem induere Steinbach
a. a. o., häufiger ohne reflexiv
pron.: (
es) ward uns kaum die zeit gegönnet, unsere kleider überzuwerfen A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 2, 29; Bode
Thomas Jones 4, 84; Göthe 17, 167
W., geh ins kloster, wirf den schleier über Hebbel
w. 3, 143
W.; den schlafrock Schiller 13, 130
G.; ein nachtgewand Immermann 1, 173
B.; ein felleisen Holtei
erzähl. schr. 18, 103; er ... war mit übergeworfener flinte ... hinausgeschritten Gutzkow
zauberer von Rom 6, 100. II@CC.
in bedeutung I A II@C@11)
umwerfen: (
der mit der woge ringende sturm) wirft sie rücklings über Eichendorf
w. (1864) 4, 382; übergeworfene meerflut (=
aufgewühlte stürmische m.) J. H. Vosz
Horaz (1806) 1, 7. II@C@22)
aufstülpen, aufwerfen, z. b. (
zum zeichen der verachtung) die lippen überwerfen,
s. Wieland 4, 224. übergeworfen,
wulstig: übergeworffene lefftzen
theatrum amoris 2, 249 (
s. o. I D
part. überworfen). II@DD.
reflexiv in bedeutung I B 3: sich ü.,
sich übergriffe zu schulden kommen lassen, s. chr. d. stadt Zürich 174. —