übermachen,
v. ,
untrennbare verbindung. 11)
mit persönl. obj.: jem. zwingen, nöthigen, überwältigen, selten und nur frühnhd.: sie haben
auch zum probste gesagt, er hette sie vor dem mollenvoigte und dem rathe verklagt, dar wolten sie ihn übermachen er sollts nimmermehr thun
städtechron. 27, 152, 6; in solcher feindlichen handlung hett ein Engelländer einen Frantzosen übermacht und gefangen Kirchhof
wendunmuth 2, 352; so ist ... gedachter rath und gemeine ... nuhn etliche und viel jhar über mit übermessigen steuren übermacht, und belegt, auch dermassen erschepfft worden
quelle (
a. 1547)
bei Haltaus 1820. 22)
übertreiben, im 16.
u. 17.
jahrh. allgemein. unter einflusz der bibelsprache Luthers noch von wbb. des 18.
jahrh. gebucht, vgl.: übermachen,
modum excedere Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 296
b;
te veel doen Kramer
deutschholl. wb. (1787) 467
c und vereinzelt bei autoren (
s. u.). Gottsched
aber lehnt bereits den ausdruck übermachte sünden
als '
nicht gut'
ab: '
besser könnte man sagen überhandnehmende oder übermäszige sünden. denn was heiszt übermachen?
entweder übertünchen oder überkleiden oder gar nichts'
beobacht. (1758) 366
; landschaftlich bleibt ü.
in dieser bedeutung besonders das adjectivisch verwendete part. übermacht (
immoderatus Stieler 1208;
exceeding great Ludwig
teutsch-engl. wb. 1795),
bis in die neuzeit lebendig, s. Schmeller 2, 541,
vgl. auch Gotthelf 10, 195. 2@aa)
meist mit unbestimmt gelassenem object.: es, die sache, das ding, das spiel übermachen. man übermachts mit lü
gen. nullus modus est mentiendi Schönsleder
prompt. (1647) Mm 1
a; sie habens übermacht, darumb müssen sie zu boden gehen
Jeremia 48, 36; übermachs nit, haw nit über die schnur S. Franck
sprüchw. (1541) 1, 74
b; verdencke es den münch nicht das er zornig ist, die evangelischen habens inen auch bisweilen übermacht, und sind mit inen umbgangen, als wens eitel eselsköpff weren Nigrinus
widerlegung, ... der ersten centurie Johann Nasen (1570) E 3
b; er wirt int leng auch thon kein gut, weil er mit seinem stoltz und pracht zu hof alle ding übermacht in seiner dollen thummen jugendt Hans Sachs 11, 49
Keller; (
ein mönch auf der kanzel) erzeigt sich wie ein hawendt schwein, und strampffet mit den füssen sein, doch übermachte er die sach, dasz unter ihm der boden brach L. Sandrub
hist. u. poet kurzweil 135; und solt es lenger wären (
d. treiben d. pfaffen), ich würd mich ein mal gröblich vergeszen, dann sie übermachen das spil
satiren und pasquille 2, 2
Schade. 2@bb)
mit adverbialer ergänzung: er übermachts mit bosheit und schalkheit Luther
br. 5, 123; aber die welt übermachts mit dem geprenge, darumb wird sie schier zum betler Mathesius
Syrach 1, 126
b; und wie sehr sie (
die Sachsen) es auch hiemit (
dem saufen) übermachen, hat ihnen gleichwols nie ihr pastor ausz der heiligen geschrifft beweisen kunnen, dasz sie sünd daran theten
M. Quad
teutscher nation heiligkeit (1609) 193. 2@cc)
part. übermacht
in adjectivischer function: übertrieben, allzu grosz; übermäszig, überschwänglich Kramer
hochniederd. wb. (1719) 219
b.
α)
attributiv: und gott hat denselbigen übermachten hohmut und frevel hernach bald angefangen heimzusuchen Luther
vorr. über Daniel 7, 386
Bindseil; Camillus Scribonianus (
hatte) aus billigem wiewol übermachtem eifer, den tod so vieler ... zu rächen, sich empöret A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 410; des strengen richters buch, das buch voll grauser sünden, voll übermachter schuld ... Gryphius
gedichte 107; ich gestehe alles sehr gern ein, falls nur nicht der zu leicht geschnitzte bogen bricht und die übermachte höflichkeit sich selbst schadet Herder 9, 405; übermachte liebe
Simplicissimus 261
Kögel; ruchlosigkeit G. L. Hartmann
fluchspiegel 89; tirannei W. Kauffman
inquisitio Hispanica (1569) A 5
a; freude Brockes 4, 59; ubermachter schmertz
gesangb. d. brüdergem. (1569) 9; geitz Moscherosch
gesichte (1650) 553; stoltz Zincgreff
quodlib. welt- und hummelkäfig 23; hunger Robinson Crusoe (1720) 1, 401.
β)
prädicativ: unser sunde und undankbarkeit ist zu reif und gar ubermacht Luther
br. 4, 197; aber wer kan hie gnug zornen und fluchen? gottes zorn und fluchen mus dazu kumen, es ist die bosheit zu hoch übermacht
werke 30
II, 448
Weim. γ)
hierher ist wohl auch der jägerausdruck übermachtes zwingen
zu stellen: das übermachte zwingen
kan man billig so nennen, dieweil der edle hirsch oftmals mit der hintern schalen in die vordere zwinget Döbel
jäger-practica (1754) I, 10. 33)
übersenden. seit dem 17.
jahrh. allgemein, zunächst in der kaufmannssprache, dann auch im freien gebrauche. 3@aa) geld durch wechsel ü.
u. ä.; Stieler 1200;
rimettere ... una somma di danari ad uno per via di cambio Kramer (1678) 1071
b; wann man gelder an einen andern ort übermachet, das heiszet remittiren Harsdörffer
secretarius 1 Ddd 4
a; ich hatte ohne das, was ich nach hausz ... übermacht, noch bey 2500 reichsthaler Grimmelshausen 4, 660
Keller; ich wolle die bewuste gelder nicht per wechsel übermachen lassen, sondern wolle selbst kommen und sie abfordern Schupp
schr. 256; es ward an Theophilum eine summa geldes ... durch wechsel übermachet Abr. a S. Clara
etwas für alle 2, 407; kommt es zu stande, so nehme mir die freyheit gedachtes geld an dieselben durch ein Frankfurter haus übermachen zu lassen Göthe IV 29, 86
Weim. 3@bb)
im freien gebrauche: jem. etwas zustellen, auch mundartlich, vgl. Hunziker 270; der dritte trug etliche gute schüncken, so ihm ausz Westfahlen auff Meintz übermacht worden Moscherosch
gesichte (1650) 2, 233; ich danke ihnen, mein lieber Nicolai, für die übermachte nachricht aus Paris Lessing 18, 242; die ihnen neulich übermachte abhandlung Humboldt
br. an Welcker 52. 3@cc)
in bildlichem gebrauche für übermitteln: endlich hat mir auch ein ungenannter einige gedanken übermacht Joh. E. Schlegel 5, 147; der Niklas Voigt, dem Lotte in ermanglung eines besseren auditoriums ihre weisheit übermachte Bettine
die Günderode 1, 64; in dem ehrwürdigen begriffe, dasz das geistliche amt die beste stelle sei, von der man die kultur der gebildeten dem volke vermittelnd übermachte Gervinus
gesch. d. dtsch. dicht. 5, 290. 3@dd)
aus c)
kann sich weiters die bedeutung '
zu eigen geben', '
schenken',
entwickeln: berauscht vom groszen wirkungskreise, der vor mir sich aufthat, übermacht, ich feierlich mein blut und meine seele diesen männern Hölderlin
ges. dicht. 2, 184,
Litzmann; ich hab dich gern: willst du dein theil verlassen, das land ihm übermachen, und mir folgen?
Shakespeare 5, 14; so verlockten sie (
die mönche) den kranken mann, dasz er ihrem orden sein hab und gut übermachte G. Freytag
ges. werke 11, 245. 44)
verkehrssprachlich für reparieren, überarbeiten, vgl.: übermachen, widermachen, erneuern Roth
dict. (1572) O 3
b s. v. reparirn; zu solcher zeit, wenn wir keine frische arbeit hatten, trennten wir unsere eigenen kleider auf und nähten sie wider zusammen. wir nannten diese arbeit 'übermachen' Rosegger
schr. 9, 112. 55)
als trennbare verbindung wird ü.
in bedeutung 2)
von Luther
einmal verwendet neben regelmäsziger untrennbarer composition: dieser teuffelskopff und unfletiger gottesaffe (
der papst) wils im nach thun und machts weit über
vorr. über Daniel 7, 379
Bindseil. auch in bedeutung 3)
als trennbare verb. nur occasionell: der stein war in dem grävlichen hause Castiglione, entfernet von Rom, und es war nicht zu erhalten, denselben nach Rom überzumachen, um ihn richtig zu formen Winckelmann
sämtl. werke 6, 27.
in der bedeutung superinduere als trennbare composition bei Steinbach 2, 9
und Hilpert 2, 641
a (
verkehrssprachlicher gebrauch).
in gleicher bedeutung auch untrennbar (
s. o. den Gottschedbeleg unter 2).