überflieszen,
v. superfluere, transfluere. ahd. ubarflioʒan Graff 3, 742;
mhd. überflieʒen
mhd. wb. 3, 349
a; Lexer
handwb. 2, 1674; uberfliszen, -flieszen, -vleten, -vlieten, -vlitten Diefenbach
gloss. s. vv. abundare, affluere, exundare, inundare, perfluere, preterfluere, superfluere; überflüszen Garthius 735
b;
vgl. zur lautform auch Diefenbach-Wülcker 879.
in der älteren sprache untrennbare verbindung sowohl in transit. wie intransit. gebrauche, in der neueren sprache bei intrans. verwendung häufiger trennbar als untrennbar gebraucht. der intransitive bezw. neutrale gebrauch überwiegt weit, Steinbach 1, 469
und Adelung 4, 750
buchen nur diesen; Heynatz
antibarb. 2, 485
weist ergänzend auf die möglichkeit transitiver fügung, Campe 5, 15
b hält den transit. gebrauch nur in dichterischer schreibart für möglich, beide beschränken (
mit unrecht)
die untrennb. verb. auf die transit. verwendung. II.
intransitiv, mit dem hilfsverb sein,
selten haben
in der perfectumschreibung. I@AA.
superfluere, exaestuare, exundare Maaler 442
c; Calepinus
undecim ling. (1598) 535
a, 1236
a, 1422
a;
überlaufen von viele desz wassers Megiserus
thes. 2, 403
c;
oben überlaufen und herabrinnen Stör 496
b;
vgl. auch Kramer (1678) 1068
a; Kirsch 298
b;
sowohl von der flüssigkeit, wie vom gefäsz allgemein gebraucht und seit alter zeit in eigentlicher, bildlicher und abgezogener verwendung. ob trennbare oder untrennbare verbindung vorliegt, läszt sich nicht immer entscheiden. ich setze die sicheren belege untrennbarer verbindung voraus. I@A@11) ich überflies,
hab überflusz, superfluo, abundo Alberus (1540) f f iiij
b; überfloszene gewässer (
ausgetretene gew.) E. Ch. v. Orleans 4, 177
Holland. I@A@1@aa) wenn das herz voll ist, so überflieszt der mund
neue schausp. (
Preszburg 1771
ff.) 12, 67; da verlor er seine gewohnte selbstbeherrschung, sein herz überflosz Ebner-Eschenbach
rittmeister Brand2 20. I@A@1@bb)
meist mit präpositionalergänzung. I@A@1@b@aα) mit etwas ü.: darumb mein hertz mit freuden überflieszet Weckherlin 2, 33; I@A@1@b@bβ) in etwas: dein munt hat uberfloszen in boszheyt
Koburger bibel 4, 249, 42
Kurrelmeyer (
vorr. z. Josua); der nach dem weg der natur handelt, der uberfleuszt in beyden philosophien, des himmels, auch der erden Paracelsus
opera (1616) 1, 362
Huser. I@A@1@b@gγ) von etwas: die chellær dîne ubirvlieʒʒen von wîne
Milstätter genesis 50, 33
Diemer; ... sein mund von schimpf, spot, schmach und fluchen allzeit überflieszet Weckherlin 2, 19; es überflieszt sein herz ... von reger zärtlichkeit Hagedorn
poet. werke (1769) 1, 27; wovon das herz voll ist, davon überflieszt der mund Lavater
Philemon 1, 43; ihr herz überflosz von freude Wieland 3, 222; es überflieszt mein herz von dankbarkeit
theater d. Deutschen 8, 88; uns überfloszen die lippen vom lobe Schönaich
ästhetik in einer nusz (1754) 270; sein gesicht überflosz von schmerzlichen thränen G. Keller 4, 119; seine blätter überfloszen von klagen eines unglücklichen Kürnberger
der amerikamüde 418.
δ) vor etwas: vor lauter empfindseligkeit überflieszet sein ... herz Jahn 2, 474. I@A@22)
als untrennbare verbindung für die ältere sprache wohl durchaus, zum theil auch für die neuere, ist überflieszen
noch in folgenden belegen zu fassen: I@A@2@aa) des wines ... ist si alse vol das si rehte übirvliuʒʒit
Georgener prediger 309, 23
Rieger; ich will sy also (
mit gnade) überfüllen, das sy allenthalben überflewszet
summerteil d. heiligen leben (1472) 150
a; sieh wie syn miltes hertz überflosz Keisersberg
bilgersch. (1512) 17
b; wer sich zum rechten heilbronnen fügt, der soll nicht nur geistes voll werden, sondern auch überflieszen Dannhawer
catechismusmilch (1657) 1, 2; Fortuna mit einem füllhorn, das auf allen seiten überflosz Heinse 2, 69
Schüddekopf; der vorfall war ... wie
ein letzter tropfen, der den bittern trank überflieszen machte Freytag 17, 207; in schimmernden pallästen, wo alles überflieszt, fehlts allemal am besten
neuest. aus d. anmuth. gelchrsamk. (1751) 1, 263. I@A@2@bb)
mit ergänzung: I@A@2@b@aα) mit etwas: welche erde überfleüsst mit milich und hönig Berth. v. Chiemsee 74; gleich als ob er nit überfleust mit reichthumen, ist sein sun vor armut entpflohen Boltz
Terenz deutsch (1539) J 3
a; sehet, wie byn ich auszlauffen und uberfloszen mit wortten Luther 10, 2, 60
Weim. I@A@2@b@bβ) von etwas: mit ysope mich besprenge, ... daʒ iʒ (
d. herz) von trenen ubervliʒe Hesler
apokalypse 4803; der arbeit mag er nicht, er sucht die frische welt, wo von dem süszen wein die becher überflieszen Rachel
satyr. ged. 64
neudr.; bei den unzähligen wortspielen, wovon Hafis überflieszt Platen 3, 211; ein brief, der von freundlichen worten überflosz Häusser
deutsche gesch. (1854) 4, 248. I@A@2@b@gγ)
mit gen.: mhd. wb. 3, 348
a.
in der neueren sprache veraltet; durch die bibelsprache beeinfluszt in folgendem belege: selig sind im geist die armen, die zu ihres nächsten füszen ... fremden fehles sich erbarmen, fremden glückes überflieszen Droste-Hülshoff 3, 151. I@A@33)
in trennbarer verbindung: ist ein maas schon voll, und man gieszt mehr: so flieszts über Herder 5, 605; meine augen flieszen über Bode
Montaignes ged. u. mein. 5, 205; unser Nil ist übergefloszen Lichtenberg
br. 1, 388; sein herz flosz beständig über Göthe I 21, 46
Weim.; der mutter ... flosz die galle über Hebbel 9, 87; fliesz über, becher süszer huld! Brentano 2, 236. in etwas: sie sank für schaam in seinen arm und flosz in thränen über Gökingk 3, 137; einsam und pfadlos flieszt in klagen jetzt über sein ermattet herz Novalis 4, 94; das herz war voll, und so wird der mund in guter rede übergefloszen sein Görres
br. 2, 364; überwältigt von dem, was er noch niemals gesehen ... flosz des armen empfängliches gemüth in wonne über Holtei
erzähl. schr. 11, 148. von etwas: meine ganze seele flieszt von dankbarkeit über Weisse
lustsp. 2, 122; der jetzt schweigende ... mund ... war immer von liebe und heiligen, nüzlichen lehren übergefloszen Miller
predigt. fürs landvolk 2, 244; Klopstock ist heiter in jeder geselschaft, flieszet über von treffendem scherz Sturz
schr. 1, 181; die südliche luft hatte mich aufgetaut, von mut und lust flosz ich über Novalis 4, 59; heil mir! die ewig junge seele flieszet von gottesgedanken über Klopstock
oden 1, 66, 32; wann fliegt mein geist empor? wann fleuszt er von gesängen über? Schubart
ged. (1825) 1, 116. vor etwas: mein herz flieszt vor dankbarkeit über Krünitz 192, 256. I@A@44)
part. präs., theils mit verbaler kraft, theils in adjectivischer und adverbieller function: I@A@4@aa) der herr machet dich überfliessend in aller gutheit (
abundare te faciet)
deut. 28, 11
Zainerbibel; diese von wallendem korn weit überflieszenden auen Klopstock
Messias 3604; da segnet' ich, von thränen überflieszend, der stunde heil Göthe I 10, 317
Weim. I@A@4@bb)
in adj. function schon ahd.: guot meʒ gifultaʒ inti giwegan inti ubarflioʒentaʒ (
superfluentem mensuram)
Tatian 39, 3;
vgl. ein getrukte mosse und ein überfliessende mosse Tauler 336, 6
Vetter; ein gute mosz und ein gefülte mosz ... ein überflüssige oder überflüssende mosz Keisersberg
post. 3, 51
a; (
erste deutsche bibel und Luther: überflüszig); der du der freuden viel schaffst, jedem ein überflieszend masz Göthe I 2, 63
Weim.; du überflüssender brunn der gnaden gottes Zwingli
v. freiheit der sp. 13
neudr.; die ander (
demütigkeit) ist so sich ain mensch unterwürft seim geleichen ..., die ist ain überflissende demutikait Eyb
spiegel d. sitten (1511) B 2
a; überflieszender reichthum Herder 13, 407; überflieszende fülle Göthe I 19, 74
Weim.; jenes volle überflieszende gefühl der glückseligkeit Novalis 4, 91; die überflieszenden dankgefühle Bettine
dies buch gehört d. könig 1, 272; (
J. Balde) wird in composition der ihm gleichsam zuströmenden bilder oft so überflieszend, dasz er der schönen ausdrücke kaum ein ende weisz Herder
poet. werke 3, 210; Herder
wagt sogar den superlativ: wohlgeruch der reinsten überflieszendsten salbe 12, 94. I@A@4@cc)
adverbiell: zuletzt ward er (
der reim) ... so überflieszend gebraucht, als ihn wohl kein Araber gebraucht hat Herder 18, 43; du hast überflieszend recht, dich zu beklagen Görres
briefe 1, 409. I@A@55)
subst. inf.: sie wendten alle schäden so die Tyber mit irem überflieszen het gethan Münster
cosmogr. 243; das brachte den unwillen des königs zum überflieszen D. Strausz 11, 114; mein herz (
war) voll sorge zum überflieszen Bismarck
br. an s. braut u. gattin 86. I@BB.
hinüberflieszen in etwas, in der älteren sprache untrennbar, heute trennbar gebunden: da verleüszt der gaist alle gleichait und überfleüszt in götlich ainikait Tauler
sermones (1508) 84
b; nu ist da vorgeseit von dem inflieszenden und überflieszenden gute Suso 178, 21
Bihlmeyer; ach, es (
unser herz) möchte gern ... überflieszen in das mitempfinden einer creatur Göthe I 1, 77
Weim.; Cato's seele schien in die seinige überzuflieszen Kerner
bilderb. (1849) 75; ein juristisch und moralisch bindendes versprechen, ... wie flieszen sie in unserer heutigen auffassung in einander über Jhering
geist d. röm. rechts 2
1, 57; die rhetorik flosz aus der predigt in die dichtung über Scherer
lit. gesch. 82; das typische flieszt in einander über Peschel
völkerkunde 381. I@CC.
an etwas vorbeiflieszen, preterfluere Diefenbach
gloss. 458
a.
untrennbare verbindung. IIII.
mit acc.-ergänzung: etwas flieszend bedecken. schon mhd., s. Lexer
a. a. o. vgl. ferner: die (
die inseln) des mers vluʒ ubirvloʒ Rud. v. Ems
weltchr. 2903; ob ich nu tihten künde, ich sait wie die ünde daʒ galin brach und übervloʒ Joh. v. Würzburg
Wilh. v. Österr. 295.
nhd.: der aufgeschwollene strom ist auf die wiese getreten und hat sie ganz überflossen Ludwig
teutsch-engl. wb. (1765) 1787; die feurigen ströme der lava ..., überflossen die stadt
br. die neueste litt. betreffend 16, 168; ehe die schlüpfrige decke, die allmählich Europa überflieszt, auch diesen stillen erdwinkel überleimt hat Droste-Hülshoff 2, 346; dasz unsers jamers flut schier der hofnung gestad versinckend überflossen (
hat) Weckherlin 1, 337; ein garten, den der thau der wollust überfliest Hoffmannswaldau 4, 14 ... eines baches fluth, die kaum ihr nechstes thal hat überflieszen können Opitz 1, 348; und der schmerz bricht durch die dämme, überflieszt den dürren sinn Arnim 22, 62; die liebe lerne kennen, die Gamuret umschlosz, als Herzeleid's entbrennen ihn sengend überflosz Rich. Wagner
ges. schr. u. dicht. 10, 358.
part. überflossen,
bedeckt: ein so wolgezogen rein edel weibe das mit allen czüchten überflossen ist Hartlieb
Ovids de amore (1482) 30
a; der pfad der liebenden ist mit blut überfloszen Freytag 14, 34; so sicht man maniges wenglin rot mit trehen überfloszen
hist. volkslieder 1, 329, 2
Liliencron; es schien das flache feld mit wasser überflossen Brockes
irdisches vergnügen 4, 85; dort seh' ich weite felder von wellen überflossen Dusch (1754) 59.