tünchen,
vb. ,
ahd. *tunichon
in tunichos
ahd. gl. (10.
jh.) 1, 370
St.-S.; tunichotun
ebda 643; kitûnichot (9./10.
jh.)
ebda 671 (
der circumflex beweist schwerlich länge, s. P. Sievers
d. accente in ahd. u. as. hss. [1909] 58); gitunihhot (10.
jh.)
ebda 1, 350;
mhd. tünchen, tünichen Lexer 2, 1569;
vereinzelt umlautlos: tunchen
ebda; mit anl. lenis: dunchen (12.
jh.)
ahd. gl. 1, 350
und offener qualität des stammvokals: donchen Lexer
a. a. o.; tonchen, tonchin
Marienburger treszlerb. 275
u. 335
Joachim; frühnhd. tunchen
voc. (1515) d 1
a Hüpfuff; tynchen (
var. teuchen,
wohl tenchen
zu lesen) Brack
voc. rerum (1495)
bei Diefenbach
gl. 263
a; tünchen
5. Mos. 27, 2;
mit anl. lenis (
s. auch V. Moser
frühnhd. gr. 1, 3 [1951] 166): dünchen Forer
Gesners tierb. (1563) 2, 89
a und offener qualität des stammvokals: dOenchen Henisch
teutsche spr. (1616) 727;
entrundet dinchen Serranus
synon. lib. (1552) 52
a; getencht Schickhardt
bei Fischer
schwäb. 2, 464 (
hierzu ist wohl auch die oben bei Brack
genannte variante teuchen
zu stellen)
; mnd. dönneken, denneken, donneken, donken Schiller-Lübben 1, 541
ist wohl aus dem hd. übernommen mit niederdt. färbung des anlautenden dentals (
vgl. mnd. dref
zu afrz. tref Holthausen
as. elem.-b. [1921] 80,
s. auch Kluge-Götze [
151951] 814),
ebenso tschech. dynchovati (15.
jh., s. A. Mayer
d. dt. lehnw. i. tschech. [1927] 14
u. 32).
die usprüngliche dreisilbigkeit mit dem i
der mittelsilbe hält sich literarisch vereinzelt bis ins frühe nhd. (
so noch gedünnicht G. Widmann
chronica 125
Kolb),
darüber hinaus gelegentlich noch mundartlich (
s. u.). —
in moderner mundart nur vereinzelt nachweisbar: döncken Strodtmann
Osnabrück (1756) 40; dęnXən Hofmann
niederhess. 243; teniXə Hentrich
nordwestthür. 97; tincə Lenz
Handschuhsheim 72; dünje Autenrieth
pfälz. 37; tinign Kisch
Nösner wörter 155; tyniΧṇ, tynΧ Gebhardt
Nürnb. ma. 46, 99, 126, 170
u. 171; tünchen, tünichen Höfer
et. wb. d. obd. maa. 3, 246
u. Loritza
volksspr. d. Wiener 135;
im übrigen gegenüber sinnverwandten wörtern wie weiszen (
s. Müller-Fraureuth
obers. 263; Gerbet
Vogtl. 67; Heilig
ostfränk. 38, 82
u. 122
sowie Lenz
a. a. o. und bad. wb. 1, 595)
und gipsen (
s. Fischer
schwäb. 2, 464
u. 4, 46
s. v. ipsen)
zurückgetreten. zur zeit des übergangs vom holz- zum steinbau, als sich der kalk- bzw. mörtelbewurf immer mehr gegenüber dem lehmputz durchsetzte, kam tünchen
in der bedeutung '(
mit kalk)
bekleiden, verputzen'
auf (
s. Schrader-Nehring
reallex. d. idg. altertumskde. 1 [1923] 552
u. H. Erdmann
stud. z. gesch. d. spr. d. dt. bauwesens, diss. 1939, 22). tünchen (
ahd. tunihhôn)
ist als schw. vb. der 2.
kl. vom früher bezeugten tunihha '
kleid' (
lat. tunica)
abgeleitet, wie wâtôn '
bekleiden'
von wât (
s. Schrader-Nehring
a. a. o.; Gamillscheg
Romania Germanica 1 [1934] 17; Kluge-Götze
etym. wb. [
151951] 814; Wilmanns
dt. gr. 2 [1930] 64;
ferner ebda 85
f., wo tunihhôn
unmittelbar zu lat. tunica
gestellt wird, so auch Jungandreas
gesch. d. dt. spr. [1947] 9).
als bautechnisches fachwort geprägt, beschränkt es sich zunächst auf den —
später differenzierten und um metaphorische anwendungen bereicherten —
gebrauch '(
mit kalk)
bekleiden, verputzen' (
ahd. mit chalche tunichos '
calce levigabis'
ahd. gl. 1, 370
St.-S. [10.
jh. u. später]),
während das sinnentsprechende engl. denominativum to coat ('
to cover with a surface layer or coating or with successive layers of any substance, as paint ...' Murray 2, 558)
daneben die allgemeine bedeutung '
bekleiden'
zeigt. tünchen
steht damit in parallele zu dem, allerdings erst im 14.
jh. nachgewiesenen, ital. intonacare,
ant. intonicare '
coprire i muri rozzi con calcina' <
vulgärlat. *intǔnǐcāre
da tǔnǐca '
veste' (Prati
voc. etim. ital. [1951] 553).
da ein lat. *intunicare
als bautechnischer terminus nur aus den spät bezeugten roman. formen (
it. intonacare,
sp. entunicar,
bask. entokatu,
rumän. întuneca,
s. Meyer-Lübke
roman. etym. wb. 1 [1935] 369)
erschlossen werden kann und lat. tunicare
nur in der bedeutung '
bekleiden'
nachweisbar und —
abgesehen von tunicātus '
mit der tunica bekleidet' —
sehr selten ist, erscheint die unmittelbare entlehnung eines lat.-roman. verbs (
s. Weigand-Hirt 2, 1087, Paul
dt. wb. [1921] 551
u. Seiler
d. entw. d. dt. kultur i. spieg. d. dt. lehnw. 1 [1913] 124)
als wenig wahrscheinlich. gegenüber sinnverwandten verben, insbesondere gipsen (
s. teil 4, 1, 4, 7540), kalken (
s. teil 5, 65), kleiben (
s. teil 5, 1067)
u. weiszen (
s. teil 14, 1, 1206)
behauptet sich tünchen (
neben der jüngeren, durch präfix verdeutlichten komposition übertünchen,
s. teil 11, 2, 617)
als wort der schriftsprache, in den mundarten jedoch vielfach gegen sie zurücktretend, s. o. und vgl. die im nhd. auftretenden komposita ab-, auf-, aus-, be-, über-, ver-
und vortünchen;
s. auch unter getüncht
teil 4, 1, 3, 4588. AA.
als bau- bzw. maltechnischer ausdruck. A@11) '
etwas verputzen',
von der bekleidung der nackten lehm- oder ziegelwand mit einem überzug (
gewöhnlich von kalk, vgl. oben ahd. mit chalche tunichos,
s. auch unter tünchkalk),
sei es durch bewurf oder auftragung mit hilfe der kelle, der bürste oder des pinsels (
s.tünchung A 1):
litum kitûnichot
ahd. gl. 1, 671, 15 (9./10.
jh.)
St.-S., ähnlich 673, 37;
cementare tunchen mit mortel
voc. rer. (1433)
bei Diefenbach
gl. 111
b; dnchen
crustare parietes, tectorium inducere, trullisare Schönsleder
prompt. (1618) L 7
b; eine mauer
etc. tnchen
intonicare, incalcinare un muro etc. Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1162
a; eine wand grob tünchen, dieselbe mit kalck und untergemischtem groben sand überwerffen
to rough-cast a wall Ludwig
teutsch-engl. (1716) 2039; die mauren mit kalck tünchen Schnabel
insel Felsenburg (1746) 2, 73;
schon früh auch in der allgemeineren anwendung ein haus
u. ä. tünchen: (
jubebit ... luto alio)
liniri (
domum) gitunihhot uverdan (10.
jh.)
ahd. gl. 1, 350
St.-S.; ein haus aufs neu tünchen
to parget or plaister its walls anew Ludwig
teutsch-engl. (1716) 2039;
vielfach in unmittelbare verbindung zum vorgang des mauerns gebracht: (
et ipse aedificabat parietem, illi autem)
liniebant (
eum luto absque paleis) tunichotun (10./11.
jh.)
ahd. gl. 1, 643, 62; zum irsten sal her (
der maurer) uns die vier huser zu Ragnith an gewelwen und an muwer ganz und gar bereyten ..., die her ouch aberichten (
die mauerfläche säubern, waschen u. evtl. auchröteln) sal und tonchen
Marienburger treszlerb. 275
Joachim; etliche helm uf den türnen send nur gemaurt und getencht (
um 1600) Schickhardt
hss. u. handzeichn. 21
Heyd; der maurer ... machet ... ausz ziegelsteinen vnd kalck steinerne mauren ... vnd bewirft oder tncht sie mit seiner mertelkellen Comenius
janua (1644) 158; der schönste und weisseste, so zum mauren als tünchen gut und dienliche kalch daraus (
aus marmor) gemachet wird Abr. a
s. Clara
etwas f. alle (1711) 311;
von der tätigkeit des klebens, malens und des weiszens unterschieden: und (
dieser kalk) ist zu mauren gar gut und zu tünchen und zu weissen noch vill pesser Tucher
baumeisterb. d. st. Nürnberg 94
lit. ver.; unser lieben frawen kirch und die zwen türn wurden getuncht und gemallet in demselben jar, anno 58 (15.
jh.)
städtechron. 5, 215 (
Augsburg); ... die vngmalt getnchte wandt (
des saales) Fischart
Eulenspiegel v. 3354
Hauffen; loricatio das kleben vnnd tnchen an den wAenden, wann man jhnen gleichsam einen pantzer anzeucht Corvinus
fons latinit. (1646) 494; wenn das wetter so schön bey ihnen (
anrede) ist als hier, so wird ja wohl das tünchen und färben und mahlen (
in Göthes wohnung) gut vorwärts gerückt seyn (14. 11. 1792) Göthe IV 10, 39
W. A@22)
schon früh liegt beim gebrauch des verbums das augenmerk zuweilen weniger auf der auftragung des deckmaterials in seiner gesamtheit als auf der herstellung einer durch glätte und weisze ausgezeichneten auszenfläche (
vgl. ahd. mit chalche tunichos
vel slkhtfs (slihtes)
calce levigabis ahd. gl. 1, 370
St.-S.)
; dies wird die geläufige anwendung im nhd. (
s. auch unter übertünchen
teil 11, 2, 617). A@2@aa)
im sinne von '
weiszen'
: gipsare wyszen
o. tynchen Brack
voc. rerum (1495)
bei Diefenbach
gl. 263
a; tünchen, weiss vberziehen
plastrer, blanchir, sbiancare, ingessare Hulsius-Ravellus (1616) 332
a; eine wand, eine mauer, ein hausz
etc. tnchen
imbiancare, biancare, ingessare una parete, un muro, una casa etc., dar' il bianco alle mura Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1162
a;
besonders in neuerer zeit überwiegend für die herstellung des kalkmilchanstrichs: tünchen
nennt man es, wenn eine geputzte mauer mit verdünntem kalk ... überzogen wird Helfft
wb. d. landbaukunst (1836) 376; tünchen
das anstreichen einer wandfläche mit kalkmilch Karmarsch-Heeren
techn. wb. (
31876) 9, 714 (
ähnlich bei Schönermark-Stüber
hochbau-lex. [1902] 850); im binnenland aber wohnte der landbauer in seinem blockhaus oder in lehmwänden, die er schon damals mit glänzendem weisz zu tünchen liebte Freytag
ges. w. (1886) 17, 67;
als handwerkliche tätigkeit von der kunstmalerei unterschieden: er ist kein kunstmahler, er tüncht nur
he is no painter, he is only a dawber Ludwig
teutsch-engl. (1716) 2039; lern zimmerwände tünchen, dann wirb um meine gunst! wer giebt in der kunststadt München einen groschen für die kunst? P. Heyse
im paradiese (1892) 223. A@2@bb)
in der nahezu fest gewordenen verbindung weisz getüncht,
vielfach mit dem beiklang schlichter, sauberer wohnlichkeit: die wohnungen der Rayren sind von erde, ins gevierte aufgebaut, sehr reinlich, weisz getncht oder bemalt Ritter
erdkde (1822) 5, 769; hell und sonnig waren die räume (
im hause Savignys), weisz getüncht die wände, tännen die dielen J. Grimm
kl. schr. (1864) 1, 115; das haus war weisz getüncht, das fachwerk rot angestrichen und die fensterladen mit groszen muscheln bemalt Keller
ges. w. (1889) 1, 210; die fensterrahmen sind schneeweisz angestrichen, die mauern schneeweisz getüncht
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 2, 7;
im gegensatz dazu das einfache getüncht
vielfach mit dem beiklang ärmlicher oder auch liebloser, nüchterner kärglichkeit: wenn die sonne des glücks ... scheint, so vergoldet sie mit ganz dem nämlichen schein die hölzerne bank wie den samtsessel, die getünchte wand wie die vergoldete W. Raabe
hungerpastor (1864) 1, 5; er muszte dann, während drauszen der durchsichtige himmelsbogen ... schwebte ... in ein kaltes, getünchtes zimmer treten Ricarda Huch
v. d. königen u. d. krone (1919) 121; die türen ... gaben dem blick die kahlheit und die kärglichkeit getünchter kammern mit gestrichenen kiefern- und fichtenholzmöbeln frei J. Klepper
d. vater (1934) 2, 45; die zelle war acht schritte lang und drei schritte breit. der fuszboden war mit linoleum ausgelegt, die wände getüncht Wiechert
d. totenwald (1946) 25. A@2@cc)
in der malerei (
bes. der freskotechnik)
bezeichnet tünchen
das herstellen des als malgrund für (
wand-)
gemälde dienenden kalkbewurfs (
s. tünchgrund): das man die capellen zu St. Bartolome, zu St. Ulrichskirchen nach dem besten tünichen und in nassen tünnich wol malen laszen solle
urk. v. 11. 9. 1448
bei Birlinger
schwäb.-augsb. 127; die gemeinen hAeuser sind von steinen, so nur in der sonnen gebacken ..., inwendig aber sind sie fein gewOelbet, getnchet und mit laubwerck bemahlet Olearius
verm. reise-beschr. (1696) 254; um nun auch den höheren kunstsinn zu befriedigen, so hatte man ... sich auf die fertigung kleinerer bilder gelegt, die, auf getünchte kalktafeln gemahlt, in die weite getünchte wand eingelassen und durch ein geschicktes zustreichen mit derselben völlig ins gleiche gebracht werden konnten Göthe I 49, 1, 174
W.; gemälde auf getünchten, reliefe auf marmornen oder ... eingelegten wänden Welcker
alte denkm. (1849) 2, 316; sie (
kalkmilch) dient zum tünchen (
kalktünche) und als letzte freskoschicht
M. Doerner
malmaterial u. seine verwendung i. bilde (1944) 222;
in freierer anwendung vereinzelt auch im sinne von '
malen': die verAenderlichkeit und der schlechte geschmack verursachen noch dazu, dasz manche gute alte gemAelde (
an den häusern in Augsburg) abgekratzet werden, um neuere darber zu tnchen Nicolai
reise d. Deutschland u. d. Schweiz (1873) 8, 131. A@33)
färben. A@3@aa) '
mit farbe (
an)
streichen'
in verbindung mit farbbezeichnungen verschiedener art (
vgl.tünchgelb): die Athener waren so saumselig im gebrauch ihres demokratischen rechts, den souverainen volksversammlungen beizuwohnen, dasz zwei stadtdiener ausdrücklich dazu bestellt werden muszten, mit einem roth getünchten seil, das sie zwischen sich ausgespannt hielten, auf dem markt herumzulaufen, um die bürger, die nicht in den Pnyx wollten, damit zu umschlieszen Wieland
s. w. (1840) 34, 256; roth ist der schornstein getüncht, roth die hölzerne traufe, und grell-bunter schnörkel verziert den sims und die jahrzahl des bau's Gaudy
s. w. 17 (1844) 8; die stube war sauber mit gelber farbe getüncht Freytag
ahnen 5 (1878) 328; ein ... grasgrün getünchtes haus Fontane
ges. w. I 4 (1905) 276; die häuser sind in milden tönen gelb und rosenroth getüncht Steub
drei sommer in Tirol (1895) 1, 41; das grosze lokal ist blau getüncht Gerhart Hauptmann
weber (1892) 47;
als mundartliches einzelzeugnis findet sich dinXə '
mit ölfarbe bestreichen'
bad. wb. 1, 595,
ebenso Lenz
Handschuhsheim 72. A@3@bb)
mit dem beisinn des unechten, fassadenhaften (
über den einflusz biblischer prägungen auf das entstehen des pejorativen beiklangs s. u. B 2): nur von holz, aber so künstlich zurecht getüncht, dasz es wirklich aussah, als wäre es etwas Prutz
d. musikantenthurm (1855) 1, 12; die getünchten dekorationen, die geschminkten angesichter (
im tagestheater) unter blauem himmel sind das widrigste, was man sich denken kann! Holtei
erz. schr. 37 (1866) 222;
insbesondere im sinne von '
schminken' (
s. auch unter übertünchen
teil 11, 2, 617
u. vgl. schmieren [2 d]
teil 9, 1082): ein getünchtes gesicht, getünchte backen
viso imbiancato cioè lisciato, imbellettato Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1162
a; wie? was? was willst du? — fährt der mohr ihn schnaubend an: ein kerlchen mit getünchten wangen, ein ding von marzipan, kommt und begehrt, ich soll den zaum ihm langen? Wieland
s. w. 11, 84
Göschen; färb' immerhin dein haar, nur muszt du dir nicht schmeicheln, auf deinen wangen je die runzeln glatt zu streicheln; du tünchest dein gesicht mit bleyweisz bis ans ohr und guckst mit hohlem aug' aus einer larv' hervor. umsonst! die schminke wird (so flüstern wir und lachen) die alte Hekuba nicht zur Helene machen
ders., Lucian 6 (1789) 447; die sitte, dasz die Bacchantinnen ... sich das gesicht mit gyps weisz tünchten
μυστίδι γύψω Böttiger
kl. schr. 1, 262
Sillig (
anmalen des gesichtes i. d. frühesten zeiten d. schauspielkunst). BB.
metaphorisch in verschiedener (
an A 1-3
anschlieszender)
anwendung. B@11)
im vergleich: bald anders bestehet wie der schnee im sommer, wie ein getnchte wand im regen Lehman
flor. polit. (1662) 2, 829; die schaar der doppelfresser (
kamele) ahnt ihres stolzes fall, den tod des stärksten blöckers, der mit dem fett des höckers ragt gleich getünchtem mauerwall Rückert
ges. ged. 1 (1834) 50; Angela ... musste bis zu tode erschrocken sein; denn sie stand weiss, wie eine getünchte wand, da und wankte Stifter
s. w. (1901) 1, 91;
vereinzelt auch ohne vergleichspartikel: ein gelehrter ist ein getncht hausz, wenns dawider hagelt, schneyt vnd regnet, so felt die angestrichne farb ab vnd guckt der leymen herfr Lehman
flor. polit. (1662) 1, 323. B@22)
bildlich: ein werckmeister sagt: er hetts ausz erfahrung, wenn einer mit armer leut schweisz bawet, vnd mit witwen vnd wAeysen thrAenen tnchet, dasselb hausz leyde den bawherrn vnd seine erben nicht lang Lehman
flor. polit. (1662) 1, 70; alles, was in der menschheit groszes, gutes und edles ist, arbeitet darauf, dasz diese zeiten (
der befehdungen, der Hunnen- und kreuzzüge) nie mehr wiederkommen sollen und können; und wir wollten glauben, dasz das alte gerüst dieser zeiten, neu getüncht und bemahlet, von ewiger natur sei? Herder 18, 308
S.; dasz nicht mit blut die vatererd' er tünchete W. v. Humboldt
ges. w. 3 (1843) 89; der mit ihrer (
der ansichten und begriffe) farbe getünchte schriftsteller hat sich von ihnen imponieren lassen Schopenhauer
w. 5, 78
Grisebach; besonders hervorzuheben ist eine reihe biblischer prägungen, die in mannigfaltiger weise weiterleben und dem wort einen pejorativen beiklang verliehen haben; mit bezug auf die tätigkeit der falschen propheten: das volck bawet die wand, so tünchen sie (
die falschen propheten) dieselben mit losem kalck
Hesekiel 13, 10 (
s. auch Hesekiel 13, 11. 12. 14. 15
u. vgl. die mnd. fassung bei Schiller-Lübben 1, 542
a); ire propheten tnchen ... mit losem kalck ... vnd predigen ... lose teyding Fischart
s. dicht. 1, 245
K. (
S. Dominici leben); also nemmen sie an statt gutes und starcken kalchs, haffnersthon und laim, und dnchen mit losem kalch, das sein jhre selbs erdichte ceremonien unnd menschen fndlein Musculus
papist. wetterhan (1585) 186; phariseer sind sie und tünchen mit losem kalck, die dir das gesetz nicht schärffen, sondern dich bey allen deinen sündengreueln mit evangelischem trost fein warm zudecken H. Müller
geistl. erquickstunden (1714) 533; Lascha (ort des verblendens, der falschen salbung, ort des tünchens mit losem kalk) Brentano
ges. schr. (1852) 5, 373;
die wendung getünchtes grab
geht von Math. 23, 27
aus (
s. auch unter getüncht
teil 4, 1, 3, 4589; übertünchen
teil 11, 2, 617
und weiszen
teil 14, 1, 1206): das ... ist eigentlich nichts anders als ... ein getünchtes grab voller todenbein und vnflat Dannhawer
catech.-milch (1657) 1, 275; also sagt' er, und feurte sich an zu wAehnen, die gottheit decke getnchte grAeber nicht auf. doch nannte sein herz ihn heuchler Klopstock
Messias (1780) 91; er nannte letztern (
den kategorischen imperativ) ein getünchtes grab, ein glänzendes, stolzes laster Klinger
w. (1809) 10, 173;
als schimpfliche anrede findet sich: gott wird dich schlahen, du getünchte wand
apost. 23, 3 (
s. auch unter weiszen);
mit hineinspielen der bedeutung A 3 b
auf eine geschminkte schöne bezogen: ... Chloris, du getnchte wand Grob
dichter. versuchg. (1678) 61. B@33)
übertragen, an tünchen A 3
anschlieszend: so thürmte sich der pol durch Osmanns stolzen frevel mit schwarz getünchtem qualm und donner-vollem schwefel Weichmann
poesie d. Niedersachsen 1 (1725) 59; die kerkerluft tüncht keine wangen roth A. Grün
ges. w. 2 (1877) 260; das morgengrauen tünchte behutsam den himmel
qu. v. 1937;
in anschlusz an tünchen A 3 b
findet sich: das beyspiel niedertrAechtiger und getnchter handlungen ... scheint mich jetzt edler muster entwOehnt zu haben Hamann
schr. 1, 6
Roth; aber diese getnchte herrlichkeit des absterbenden ritterthums verdeckte nicht lange die unheilbare krankheit des (
deutschen ritter-)ordens Freytag
ges. w. (1886) 18, 231.