trügnis,
f. ,
betrug, betrügerische gesinnung; blendwerk, erscheinung, gespenst. alte abstraktbildung neben trügen,
vb. ahd. einmal trochnussi
ahd. gl. 1, 579, 55 (
s. unten 2 b).
mhd. trügenisse,
mnd. mnl. drogenisse.
nhd. nur bis ins 16.
jh. lebendig. am anfang des 19.
jhs. vereinzelt neu belebt (
s. 1
schlusz).
der kurze umgelautete vokal der stammsilbe fällt im frühneuhochdt. vielfach mit dem alten diphthongen, den das vb. trügen
hat, zusammen; daher dann auch bisweilen treugnus (
s. unten 2 b
und c). 11)
betrug. trugnisse
subtela, id est deceptio vel fraus (15.
jh.) Diefenbach
gloss. 562
a;
nd. drochnisse
fraus nov. gloss. 181
b;
fallacia seu dolus trügnusz, ränck, triegerey Schöpper
synonyma (1550) b 4
d; hye ... vahet nun an das annder capitel ... unnd ist das capitel von trügnusz und von untrüw A. v. Pforr
buch d. beispiele 21
lit. ver.; und kaiser Julianus ... hat sich zu vast geben auf ... die schwarzen kunst und dergleichen narrenwerk, so lauter trugnus und püeberei ist Turmair 4, 1065
bair. akad.; da sie ihm mit gwalt nicht mochten obligen, understunden sie das mit büberein und trügnus zu wegen zu bringen Adelphus
Barbarossa (1535) 25
a; mit trügnus
ist soviel wie '
hinterlistig': do er in den tempel kam mit drügnysse, do beroubete er den tempel
städtechron. 8, 313 (
Straszburg ca. 1400); lasz dich betriegen mit trügnus durch den knecht Boltz
Terenz (1539) 71
b; wie der wütrich Antiochus mit falschen dücken und trücknuss -.. einnamb Jerusalem die stadt Hans Sachs 11, 97
Keller; da kam aber Demetrius, seins vatters bruder, mit trügnus und trieb sein vettern ausz dem reich
ebda 8, 485. trügnis
selbst ist dann geradezu '
list'
: astus trognisse (13.
jh.?) Diefenbach
gloss. 57
a; mit seiner trügnus und argen list, der gar mannigfaltig in im ist
altdeutsche passionssp. 72
Wackernell; und in deyner zungen sang er trügnusz (
var. sang er die list
lingua tua concinnabat dolos ps. 49, 19)
erste dt. bibel 4, 249
Kurrelm.; das du verstandest, das zuo dem dickern mal vil menschen in iren eignen trügnussen verlistiget werden A. v. Pforr
buch d. beisp. 58
lit. ver. umfassender '
betrügerische gesinnung, falsch': selig ist der mensch, dem got nit sunde zurechnet, und yn seym geyste nit triegnis ist Luther 1, 166
W.; (
der geist) musz von new gemacht werden und eyngegossen von got yn das ynnerste unszer hertzen, das nit ein trignisz sey yn unserm geiste
ders. 1, 191
W.; inn denselbigen tagen kamen etliche von dem jungen könig ... unnd wendeten alle schult auff die listigkeyt und trügnusz der von Carthago Carbach
Livius (1551) 204
b;
diese bedeutung besonders ausgeprägt in der verneinung: unn sol wesen an alle triugenisse unn an allen valsch des herzen unn des muotis
bîhtebuoch 21
Oberlin; ein richtig antwort on trügnusz ist wie ein gantz lieblicher kusz Hans Sachs 19, 335
K.-G. zu anfang des 19.
jhs. archaisierend aufgefrischt, zum teil mit neuer bedeutungsabwandlung innerhalb der bedeutung 1: dem wilden vogel musz ich mich vergleichen der lang in freiheit wald und feld durchstrichen. zuletzt musz sie des klobens trügnisz weichen W. Wackernagel
ged. d. fahr. schülers (1828) 55;
im plural soviel wie '
sophismen': sich mit redekünsten und hell schimmernden trügnissen zu waffnen Tieck
der junge tischlermeister (1836) 2, 291; ihr (
der jesuiten) wisztum bestand ... in einem wust . . von spitzfindigkeiten und allen trügnissen wortkünstlerischen doppenspiels Fr. L. Jahn
w. 2, 553
Euler. vgl. hierzu schon sophisma trognis (
Mainz 1414), triegnuz (
ebda 1440), trugnus, drogniz Diefenbach
gloss. 542
c,
was aber, viel eingeschränkter, sophisma als terminus der schullogik, als trugschlusz (
vgl. unten sp. 1313),
meinen wird. 22)
gespenst, erscheinung, spuk. 2@aa)
die körperlich vorgestellte erscheinung, das gespenst, meist vom teufel ausgehend: der tûfel aldâ vor in quam in einre forme grûwesam im offinlîch irschînende und vreislîch kegn im grînende ... dî trugnisse kegn im treit der tûvil wol ein ganziz jâr Nicolaus v. Jeroschin
kron. v. Pruzinlant 18925;
ähnl 4086; mit trügenüss (
verwandlungen) alsô manicvalt fuor dô der tievel durch den walt, dâmit wolt er schrecken den ellenden recken Otto v. Freising
Barlaam 15498
Perdisch; ob der teuffel mit seinem gespenst und trügnusz die menslin müg geraitzen und laitten zu bösen oder güten dingen Joh. Hartlieb
buch aller verbot. kunst (1456) 5; da verstuond der guot man wol, das er vorchte, er waer ein truogknuss und ein gespenste, und fuor pald zuo in
Brandan 191, 4
C. Schröder; oft bei der übersetzung von Marc. 6, 49
für phantasma (gespenst Luther): sie wanden, ez were ein drugnisse
bei Schönbach
mitt. aus altdt. hss. 6 (1898) 142; si sachen in gen auf dem meer, si wurden betrubt, sagent: wan es ist ein trugnusz
codex Teplensis 1, 20
Huttler; erste dt. bibel 1, 57
Kurrelm.; ebda 1, 144; etlich meynten, es (
die schiffe) weren gespenst, fantasmata und trügnisz Seb. Franck
weltbuch (1534) 213
b; sie ... entsetzen sich nicht ab den gespensten und trügnüssen
ders. mor. encom. 64, 16
Götzinger; sie haben niemant gesehen dann ein gestalt eines weybs ..., haben es für ein triegnus geacht
ders. chronica, zeitbuch (1536) 1, 296
a; wart, das ein trügnusz aber (ader?) gspenst dich hab betrogn bey dem durstbrunnen! der gleich hat sich vor oft ersunnen, das man das weibsbild hat gesehen: wenn man im denn hat wöllen nehen, sind sie im augenblick verschwunden Hans Sachs 12, 535
K. (
Melusina); ist er wider eben von dem gesichtsgespänst und trugknus erweckt und erschreckt worden Stephanus Vigilius
de rebus memorandis (1541) 77
b; ire gesandten ..., die uns von diser fart ... mit listen ... leyten wöllen wie die rechten irrwische oder trügnusz, so die leut in bergk verfüren Mathesius
ausgew. w. 1, 59
Loesche; wer wolt nit ein solichen menschen wie ein mörwunder und trügnusz fliehen und scheuhen Seb. Franck
moriae encom. 55, 6
Götzinger, vgl. monstrum trugnisse Diefenbach
gloss. 367
b (
vgl. meerwunder, wunderlichs ding von gepurdt, eislic dyr
ebda aus andern vocc.). 2@bb)
jede visuelle oder akustische beängstigung des menschen, der spuk. so der einzige ahd. beleg: fantasias trochnussi (
cor tuum phantasias patitur Ecclesiasticus 34, 6)
ahd. gl. 1, 579, 55 (
hs. 12.
jh.); do kam ain stim an ainer nacht und sprach zuo ir: ... die frow gedacht das es ain trúgnus wer, und kert sich nit daran Elsbeth Stagel
leben d. schwestern z. Tösz 110, 5; als ich die (
stimme) het gehört, hab ich mir vast gefürcht, vermeinnend, das es villeicht nit ein trügknusz were (
reputans ne forte esset illusio)
offenbarung d. hl. wittiben Birgitte (1502) a 5
r; von der trücknusz er darnach wider geheilt ward (
a qua illusione postmodum est curatus)
W. Burleus de libera vita (1490) 94
a.
vom nachtmahr: adorastus (
fantasma) trugnusz (
sonst: der alp) Diefenbach
gloss. 14
a;
ephialtes, id est incubus mare ist ein trugnusse des menschen und kumpt von seinem plut, lebern und lungen, wen im daz auf seinem hertzen ligt (
Nürnberg 1482)
ebda 205
c;
allgemeiner: fantasia trugnisse, eyn selb komende ynbildunge (
var. elbisch betrugnisse)
ebda 225
a;
von träumen und traumerscheinungen: do sprach Ruben, ir man: tu hin, es ist ein truchnis des du gewar worden bis, daz dich also betruget unde dir mit troumen luget
passional 313, 16
Hahn; und sprach, daz kein weiser noch witziger man solt glauben haben an die treüme, wan esz nit wer dann ein treügnüsz
histori v. d. künigl. statt Troia (1499) 70
b. 2@cc)
in pessimistischer betrachtung auf zeit und welt angewandt, soviel wie '
wahngebilde': was ist der mensch? ein gebogens gmüt, ein arbeitsame seel, ein bawfellige wonung einer kleinen zeit, ein empfengnüsz (
gefängnis?) der seel, ein trügnüsz der zeit Seb. Franck
chronica, zeytbuch (1531) 140
a; da erschyn wol das alle ere und wirde diser welt nichtt anders ist dann eyn treügnusz Hartlieb
d. histori v. d. groszen Alexander (1473) 169
b.