trübsinnig,
adj. ,
zu trübe II A 1 (
s.trüber sinn
sp. 1178
f.)
gebildet; erst seit der mitte des 18.
jhs. bezeugt und wie die anderen adjektive auf -sinnig
bildungsgeschichtlich älter als die substantive auf -sinn (
der typus als solcher ist durch erweiterung alter bahuvrihi entstanden, vgl. mhd. wanwitzec
aus ahd. wanwizzi). 11)
aus veranlagung oder besonderer veranlassung '
schwermütig, pessimistisch, mut- oder hoffnungslos gestimmt, hypochondrisch' (
vgl. trübsinn 1
und 3),
auch blasser '
miszvergnügt, mürrisch, unfreundlich'
u. ähnl. 1@aa)
von persönlichen subjekten: wie die seele trübsinniger weisen, die in sich gekehret, an der unsterblichkeit ihrer zukünftigen dauer verzweifelt Klopstock
Messias 2 (1748) 159; armer, einsamer, trübsinniger dichter (
J. Balde), ist das der zweck des menschlichen lebens, zuletzt also (
d. h. überzeugt von der nichtigkeit alles irdischen) umher zu blicken? Herder 27, 226
S.; trübsinnig und zur melancholie geneigt waren die Egypter nach allen nachrichten, die man von ihnen ... hat Zimmermann
über d. einsamkeit (1784) 1, 318; ich begreife aber recht gut, wie man so wehmütig und trübsinnig sein kann, ohne irgend eine sichtbare ursache
W. u. C. v. Humboldt in ihren briefen 6, 154;
häufig adverbial: der stadtpoete ... schlich ganz trübsinnig umher Eschenburg
beispielsamml. (1788) 8, 1, 257; 'ach, der ist wohl schon jenseits aller heller und millionen', sagte Heinrich trübsinnig Stifter
s. w. 2, 79
S.; er (
ein armer schustergeselle) ging deshalb trübsinnig vorm tor spazieren Blunck
sprung über d. schwelle (1935) 195;
auf das temperament von tieren übertragen: der parauaco (
affenart) aber, obschon er ein trübsinniges und freudloses tier ist, übertrifft alle in der hingebung an ein menschliches wesen Brehm
tierl. 1, 242
P.-L.; vereinzelt geradezu '
betrübt': die trübsinnige jungfrau Musäus
volksmärchen 1, 25 (
Hempel); '
unfreundlich, mürrisch': die einsamkeit des hauses, das der ... oheim mit einem alten trübsinnigen bedienten allein bewohnte E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 90
Gr. 1@bb)
von düsterem, zu pessimistischer weltansicht neigendem geistes- und gemütszustand, auch mit der vorstellung des krankhaft absonderlichen verbunden, und den ergebnissen einer solchen seelischen verfassung, vgl. trübe II B 2: Oraniens warnung kam aus einer trübsinnigen verzagenden seele, und für Egmont lachte noch die welt Schiller 7, 286
G.; (
Adelheid:) was macht euer bruder? (
Reinhard:) wohl und auch nicht, wie ihr es nehmt, er hat ein finstres, trübsinniges gemüth, ganz das bild meines gestorbenen vaters Tieck
schr. (1828) 11, 66; das trübsinnige wesen ihres kindes Fides G. Keller
ges. w. (1889) 6, 59; aber diese gefahren, diese abgründe, mein freund, sind nirgends als in einer trübsinnigen einbildung Wieland I 3, 69
akad.-ausg.; diesem faulen trübsinnigen wahn (
dasz menschen nicht gebessert werden können), stehet mit nichten die wahrheit zur seite Herder 17, 248
S.; doch wer mag solchen trübsinnigen betrachtungen nachhängen Göthe 46, 11
W. 1@cc)
vom ausdruck der betrübnis, melancholie in antlitz und gebärde, in diesem gebrauche heute selten, vgl. trübsinnige blicke
droefgeestige oogen Kramer-Moerbeek (1768) 348
a: izo kam Melo zurück; mit dunkelm triebsinnigem antliz folgt ihm der herzog der Chauzer Wieland I 1, 193
akad.-ausg.; nirgends war eine hütte der dürftigkeit oder ein trübsinniges gesicht zu erblicken J. A. Fessler
Abälard u. Heloisa (1810) 2, 196;
adverbial: der alte dicke mann nickte trübsinnig inmitten seines neuen kanzleiraums H. Zillich
zw. grenzen u. zeiten (1936) 547. 22)
von einer überwiegend krankhaften, an irresein, wahnsinn grenzenden oder dahin übergehenden geistes- und gemütsbeschaffenheit, vgl. trübsinn 2: er schlich ... in trübsinniger schwermuth einige tage hin ..., den vierten tag ward ... seine leiche (
gefunden) Lenz
ges. schr. 3, 169
Tieck; erhebt ihr herz, dasz aus der dunkelheit sich ihre geister aufrichten, dasz sie (
Lila) nicht trübsinnig den groszen endzweck versäume Göthe 12, 58
W.; in dem hintern garten wandeln die unschädlichen gemütskranken, trübsinnig oder mit kindischen geberden Gutzkow
ges. w. (1872) 11, 70;
so prädikativ trübsinnig machen, werden: das (
verfall des vermögens u. a.) hatte den mann ... schon seit langer zeit trübsinnig gemacht, dergestalt, dasz er manchmal sogar äuszerte, er wolle sich selbst leids anthun Aurbacher
volksbüchlein (1835) 98; sie fand den schäfer, der seit dem verlust seiner herde trübsinnig geworden war, allein in seiner stube Freytag
ges. w. (1886) 13, 128;
substantivisch: könnte es nicht auch ein höllischer geist gewesen seyn, der dich, den trübsinnigen, zum mörder des gemahls deiner mutter machen wolle? Herder 23, 364
S. 33)
in anwendung auf zeitbegriffe, zustände und erscheinungen verschiedener art '
trübsinn hervorrufend, mit trübsinn verbunden oder davon zeugend',
vgl.trübe II C
u. D
sowie trübselig 3: die schöne, die sich ihm ... durch ihre scherze in trübsinnigen stunden ... notwendig machen kann Wieland
s. w. (1794) 3, 312,
vgl. Thümmel
reise (1791) 8, 99; die heiterste, fröhlichste moral ist gewisz die beste, und die sauerste, trübsinnigste die schlimmste J. Wetzel
sat. erzähl. (1777) 1, 114; er ... überliesz sich trübsinnigem schweigen Holtei
erzähl. schr. 28, 132; ob man nicht vielmehr gefahr laufe ..., klare heitere darstellungen gegen abstruse trübsinnige allegorien umzutauschen? Göthe 49, 23
W.; Youngs nachtgedanken wirkten schon in dieser art, dasz sie die herzen der zeitgenossen mit einer trübsinnigen öde erfüllten Gutzkow
ges. w. (1872) 12, 49; so trübsinnig auch meine schilderung von Polen klingt, so wenig bin ich doch mit meinem schicksal unzufrieden G. Forster
s. schr. 7, 348; horch! durch die nacht ein leises schweben von ferne der trübsinnige klang der saite, wo das zarte beben des jungen minners aufwärts drang Stefan George
übersetz. 1, 82. 44)
in eigenwilliger verwendung bei Göthe (
vgl. trübsinn 4)
im sinne '
unklar, verworren': dasz so vieles (
in der chemie), was unsere vorfahren in dunkeln zeiten nur zerstückelt gewahr wurden und im ganzen trübsinnig ahneten, jetzt sich ... aufklärt 34, 1, 129
W. 55)
ungewöhnlich ist eine trübe I B
bzw. D
und trübsinnig 3
verbindende poetisch-spielerische anwendung, vgl. ähnliches reicher entwickelt bei trübselig 3 e: ich weinte mit lachendem mund (
beim abschied von Göthe), denn mir schaute das feste grüne land durch den trübsinnigen nebel (
der tränen) durch Bettine
Göthes briefw. m. e. kinde (1835) 1, 160; er (
der komet) kam immer schöner und heller, je näher, immer freundlicher und fröhlicher, und als er sich entfernte, ward er wieder blasz und trübsinnig, als ob es ihm selber zu herzen ginge Hebel 2, 302
Behaghel.