trübseligkeit,
f. ,
seit dem 15.
jh. bezeugte ableitung von trübselig;
im älteren nhd. ebenso wie trübsal
verwendet und wie dies mit stark religiösem gehalt namentlich im 16.
und 17.
jh. in ausgedehnterem gebrauch, später hauptsächlich zu trübselig 3
gebildet. —
vereinzelt als mask. im anschlusz an trübsal,
m. (
s. sp. 1209): forcht ist gegenwürtiger trübseligkeit (
das folgende lautet: verderben daz ist künftiger trübsal)
Terenz deutsch (1499) 123
b (
glosse).
zur schreibung -sälig-, -seelig-
vgl. das für trübselig
sp. 1216
f. bemerkte. 11)
wie trübsal 1
meist als kollektivbezeichnung für äuszere drangsale, übel, leiden u. dgl., vgl. erumna arbeit-, triepselikeit (
voc. v. 1516) Diefenbach
gl. 209
c; trübsäligkeit
calamitas, adflictio Steinbach
dt. wb. (1734) 2, 872; allerhand trübsäligkeiten zu gewarten haben
haver da attendere ogni sorte di miseri accidenti, di casi miserabili Kramer
t.-ital. (1702) 2, 1154
a. 1@aa)
in biblisch-religiöser oder von hier ausgehender verwendung und bewertung, entsprechend trübsal 1 a: sichst du nit, das dise welt ist vol trübsäligkeit, arbeit und widerwärtigkeit A. v. Pforr
buch d. beisp. 18
Holl., vgl. 16; ein helffer in den zimlichen dingen, im durechten (
adiutor in opportunitate, in tribulatione ps. 9, 10)
erste dtsche bibel 7, 252, 33
mit den varianten in der trübselikeit
P, in der trübsale
Z-Oa; durch vil trübsäligkait (
per multas tribulationes, acta apost. 14, 22; durch viel trübsal Luther) muosz man eingon in das reich der himel Keisersberg
schiff d. penitentz (1512) 32
d; wann ir sind in angst oder trübseligkayt Luther 10, 3, 67
W.; ausz lauter gnaden schenke vor dieser welt trübseligkeit des vaters herrligkeit David v. Schweinitz
bei Fischer-Tümpel 1, 378;
von der welt als inbegriff aller leiden, '
jammertal': alsz ... hat in der almechtig hie von diser trubseligkait gefodert Knebel
chron. v. Kaisheim 260
lit. ver.; im plural tritt der kollektive charakter zurück: wir rumen uns in den trubseligkeiten (
in tribulationibus, Röm. 5, 3; trübsale Luther), wissende das trubsal gedult wircket C. Hedio
Augustinus (1532) 39
b; (
das gebet) ist eine brücke, auf welcher wir über alle trübseligkeiten der welt sicher gehen können G. Cober
cabinetprediger (1783) 1, 392.
oft gepaart mit sinnverwandten begriffen: (
die guten und gerechten) werden dann bewert mit trübselkeit und durchechtungen der boszhafftigen (
nisi probentur tribulationibus et iniquorum persecutionibus)
offenbar. d. hl. Birgitte (1502) 1, 22; (
Jesus hat seine mutter) nit wöllen verlossen in iren nöten und truobseligkeiten Keisersberg
postill (1522) 4, 36
a; jetzt rennet er (
der satan) sie (
die kirche) an mit verfolgung und trübseligkeit Gretter
erkl. d. ep. Pauli an d. Römer (1566) 783.
wie trübsal 1 a
γ in bildlichen wendungen, meist biblischer herkunft oder prägung: wie die schufel oder die wann thuot dem korn ... und das für dem gold, also thuot trübseligkeit dem gerechten man Keisersberg
bilgerschafft (1512) 69
c (
nach Sir. 2, 5); darumb wetzt uns auch gott mit vilerlei trübseligkeiten und kümmerniszen (1522)
M. Stifel
christförm. lehre Luthers 55
Lucke; bey der nacht der trübseligkeit ..., bey dem tage der glückseligkeit Meyfart
d. himml. Jerusalem (1630) 1, 40; der wind der trübseligkeit
Reinicke fuchs (1650) 196; in solcher ihrer höchsten noth, in deme ihnen ... die seitherige fluth aller ausgestandenen trübseligkeiten vollends nunmehr in den mund gieng v. Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 717. 1@bb)
wie trübsal 1 b
ohne spezifisch biblisch-christliche färbung, auch für das einzelne geschehen, '
miszgeschick, unheil, unglück, verhängnis, unglückseliger vorfall'
u. dgl.: dan Johannes Liechtenberger ... den beiwonern des Reins ... vilerlei triebselikeit ... fürsagt Hier. Gebweiler
beschirm. d. lobs Marie (1523) 43
b; disen unfal und trübseligkeit (
hanc igitur calamitatem) haben die Partischen unversehenlich empfangenn H. Boner
Herodian (1532) 41
b;
von kriegerischer und anderer bedrängnis: ... die ursach, dasz er Rom ... verlaszen, und dafür Bononiam, derzeit mit trübseligkeit verwickelt, erwehlen wolte Kirchhof
wendunmuth 2, 113
Österley; uns ist begegnet allerhand trübseligkeit und widerstand (
neque ignari sumus ante malorum 1, 198) Spreng
Äneis (1610) 6
b; (
Teutschland:) meine auszgestandene grosze trübseligkeit (
hat) das gedächtnisse mir der gestalt geschwächet J. Rist
d. friedejauchz. Teutschl. (1653) 150; ein junger aus Athen verbanneter mensch ist die ursache aller trübseligkeiten (
unruhen, wirren) des staates Gottsched
d. neueste (1751) 6, 41;
blasser '
beschwerden, unannehmlichkeiten': Louis hat die trübseligkeiten einer nachtfahrt so ziemlich überstanden fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 6, 179.
subjektiver und von 2
her beeinfluszt für ereignisse, die betrübnis, kummer, verdrusz u. s. w. hervorrufen, '
verstimmende anlässe, sorgen, verdrieszlichkeiten'
u. dgl.: der ehestand hat ohnehin der trübseligkeiten so viele, dasz ein fröhlicher mensch vollauf zu thun hat — das leben angenehm zu erhalten A. Bäuerle
kom. theater (1820) 4, 51; heute abend trotz aller trübseligkeiten doch einmal wieder eine schöne, erhebende stunde Hebbel
tageb. 1, 384
W.; betrübende gedanken, berichte u. s. w.: er (
der brief) beginnt mit einigen trübseligkeiten Stifter
briefw. 4, 270; dieser brief geht dienstag zur post, freitag wollte ich ihn nicht absenden, weil er zu viel trübseligkeiten enthielt Hebbel
briefe 2, 266
W. 22)
entsprechend trübsal 2
von der gemütsverfassung, der seelenstimmung; '
trauer, betrübnis',
vgl. tristitia betrbnus, trbsall, trbseligkeit Schöpper
synon. (1550) c 1 c: so ich üch das sag, so hatt trurigkeit u. trübseligkeit üwer hertz besessen Geiler v. Keisersberg
postill (1522) 3, 18
b; der löw must lassen solchs geschehn und seine feind da für ihm sehn, er fiel in grosz trübseligkeit Alberus
fabeln 96
ndr.; in dieser ihrer trübseligkeit fande ich sie, als bereits etliche jahre verflossen waren Anton Ulrich v. Braunschweig
Octavia (1677) 2, 597;
in jüngerer sprache meist schwächer als trübsal,
etwa wie '
bedrücktheit, niedergeschlagenheit': (
geheimerrath:) diese beständige trübseligkeit, diese seufzer, wo ich sie sehe, diese ewigen thränen machen mein haus mir zur hölle Iffland
theatr. w. (1827) 4, 208; da (
bei krankhaft subjektiven, überempfindlichen naturen) nimmt denn die trübseligkeit, der kummer, gram, die üble laune, kränkung, schwermuth und elendigkeit kein ende Hegel
w. (1832) 10, 1, 311; ich erzählte ..., wie ich über das kirchendach heruntergepurzelt und endlich in trübseligkeit vor dem mütterlichen hause gestanden sei G. Keller
ges. w. (1889) 3, 236. 33)
von trübselig 3
abgeleitet '
trübsal hervorrufender zustand': darumb ihr herren, weil ihr wist wie alle sachen dieser zeit jetzt stehen in trübseligkeit (
schlecht) W. Spangenberg
griech. dramen 2, 109
Dähnhardt; weniger objektiv und oft mit verächtlichem tone, wie '
jämmerlichkeit, erbärmlichkeit, armseligkeit': (
feste,) bey denen man mehrmals menschlicher schwachheit, trübseligkeit und jammers nicht eingedenck (
ist)
Amadis 299
lit. ver.; erkenntnisz der nichtigkeit und trübsäligkeit unseres daseyns Schopenhauer
w. 2, 742
Gr.; auf personen bezogen, vgl. trübselig 3 b: wegen der letzteren (
Deutschlands verlorener selbständigkeit) können nun sowohl das ausland als die kleinlichen und engherzigen trübseligkeiten unter uns selbst in ruhe verbleiben Fichte
s. w. (1845) 7, 399; (
mit beziehung auf den philosophen Reinhold:) die geheime furcht, das gefühl der nullität, das diese art der eingeschränktheit ängstiget, zwingt so die trübseligkeit selbst, durch ihre krümmungen und wendungen kurzweilig zu werden Schelling
w. (1856) 1/5, 20;
zu trübselig 3 d, '
zustand der eintönigkeit, der schwermut'
u. ähnl.: um das neue regiment in contrast zu stellen mit der vorigen trübseeligkeit (
soll sich) der hof an einem allegorischem ballette ergötzen Fr. Bouterwek
graf Donamar (1791) 3, 155; was für eine trübseligkeit ein solcher kapitalreif ins landleben bringt Jer. Gotthelf
erzähl. u. bilder (1850) 1, 298;
zu trübselig 3 e: als dann aber nach der trübseligkeit düsterer novemberwochen der winter wirklich kam W. Schäfer
erz. schr. (1918) 1, 381.