tresekammer,
f. ,
schatzkammer; archiv, kanzlei; sacristei. herkunft und form. ahd. tresecamere
gl. 1, 318, 54
St.-S.; 3, 381, 58; 4, 273, 20; tresi-
gl. 3, 697, 51; drese-
gl. 3, 210, 33; trise-
gl. 1, 319, 42; trisa-
gl. 2, 431, 60; 2, 480, 60; trisi-
gl. 1, 814, 61; tris-, tres-
gl. 1, 491, 6;
alts. tresocamara Wadstein
St. Petrier bibel- u. mischgl. 73, 26;
mhd. tres(e)kamere, trezekamer, triskamer, tristkamer Lexer 2, 1505;
mnd. tresekamere Schiller-Lübben 4, 611;
mnl. treescamere Verwijs-Verdam 8, 659.
zusammensetzung aus treso (
obd. triso Gutmacher
in Paul u. Braunes beiträgen 39, 8)
von lat.-rom. thesaurum und lat.-rom. camara, camera. die synkopierung des fugenvocals, die bereits ahd. auftritt, s. o., zeigt sich in der ganzen folgezeit. seit dem mhd. werden die lautlichen varianten immer zahlreicher, bes. im 15.
und 16.
jh.: tristkamer, treschkamer, treisekamer; dresz-, dresch-, drys-, drysch-, drens-, dryns-, dreischkam(m)er
bei Diefenbach 49
a; 207
b; 236
c; 258
b; 506; 616
a;
nov. gl. 34
a; 154
b; 323
b.
bedeutung und gebrauch. 11)
schatzkammer: Julius di triskamere ûfprach, er vant dar inne michelen scaz. er gebete dûtisken holden mit silber unt mit golde
kaiserchron. 591
Schröder; der künic Artûs zebrach sîne treskameren alle und gebete mit schalle, swaz man wolt enphâhen
Lanzelot 5723
Hahn. später auch in der städtischen verwaltung: des sulven jares ... wart dem rate van Magdeborch de loven und radhus up gebrocken, und de tresekamer grote blokslote mit zegenvoten af gebrocken, und wart alle silbergevete, nemliken sulveren koppe, schalen, leppel gestolen, wol uppe 40 mark silvers, dar to alle reide gelt, dat se vunden
chron. d. dt. städte 7, 397 (
Magdeb. 1456);
bei Diefenbach
aus vocabularien des 14./15.
jhs. für erarium nov. gl. 194
b;
erarius drenszkamer
gl. 207
b;
thesaurium gl. 580
c;
nov. gl. 363
a; schatz-, preysz-, treszkamer
gl. 574
b;
auch für fiscus trese-, drester-, dres-, driskamer (
hauptsächlich md.)
ebda 236
c.
anders im sinne von '
opferstock'
als übersetzung für gazophylacium der vulg. Joh. 8, 20,
Marcus 12, 41,
corbonam Matth. 27, 6:
gazophilatio trisichamaro
ahd. gloss. 1, 814, 61;
corbonan trisachamara 1, 815, 20; trese-, tres-, treyse-, dreschkamer Diefenbach
gloss. 258
b; und Jhesus sasz gegen der treskamer (
contra gazophylacium vulg.; gotteskasten,
var. schatzkamer Luther), er sach, in welcher weis die gesellschaft wurffen den schatz in die treskamer
erste dtsche bibel Marcus 12, 41.
metaphorisch, besonders in geistlicher sphäre: (
die tote schwester von Ötenbach) ist eingetragen in die verporgene triskammer meiner götlichen drivaltigkeit (14.
jh.)
stiftung des klosters Ötenbach im Zürcher taschenbuch (1889) 273;
von Marias leib: (
Christus) in der megde tristkamer H. v. Langenstein
Martina 90, 13
Keller; ich loben dich, du gezirte tristkamer des ewigen worcz
Mariengrüsze Alemannia 4 (1877) 89.
in erweiterter anwendung: (
Heinrich iii.) gaff den negenden deel alle syner güdere, de da horden to syner tresekammer, to der provende der herren
script. rer. Brunsv. 3 (1711) 427
u. 751. 22)
in der städtischen lebenssphäre ist die tresekammer
auch der aufbewahrungsort für documente, das '
archiv': de tresekamere, dar der stades hantvestene inne lichget
Lüb. chron. 1, 413
Grautoff; und leep to der trezekamern unde greep den hantvredesbreff
Brem. geschichtsquellen 115
Lappenberg; tabularium ... cantzley und gehaltkammer gemeiner brieffen und schrifften, tristkammer Frisius 1285;
weiterentwickelt zur bezeichnung eines gerichts: in gehegedem richte to rechter dingtid dages hinder der borch vor der trezekameren to Hildensem (1395)
mitt. f. d. fürstent. Hildesh. 1 (1832) 100; copia wu Albert vorvestet wart vor der tresekameren ... dat vor mek, dar ek sat in gherichte stad van macht weghen mynes ... heren (
des bischofs von Hildesheim) in sinem hoghesten gherichte vor siner tresekameren achter der borch to Hildensem, quamen dre rade der stad ... und clageden over Alberte van Mollem (
a. d. j. 1423)
in zs. d. hist. ver. f. Niedersachsen 1855, 148.
andrerseits zu tablinum ('
schreibstube, contoir') tristkammer Diefenbach
gl. 571
b und zu armarium (
locus librorum vel ubi instrumenta reponuntur) Diefenbach
gl. 49
a;
n. gl. 34
a;
vestibulum (
sonst gerwekammer)
gl. 616
a;
n. gl. 380
b.
in dieser richtung den ursprünglichen sinn schlieszlich ganz verkehrend dräskammer
camera utensiliorum viliorum et neglectorum Stieler
stammb. (1691) 330.
es hält sich aber die bedeutung '
archiv'
vereinzelt bis in den beginn des 19.
jhs., so bei Campe 4, 877
neben trese (
s. d.)
für Hamburg verzeichnet. 33)
vom ende des 15.
jhs. an treten diese bedeutungen in den hintergrund zugunsten einer specialisierung auf die schatzkammer der kirche, die sacristei. dabei ist auf die nähe von kresem-, kresekamer
zu achten, das die anwendung auf '
sacristei'
begünstigt haben kann; bei Diefenbach
von 1482
an als tresz-
vel dresz-, dreischkamer
sacristia, sacrarium gl. 506;
secretarium sacristige oder dreskammer Niger Abbas (14.
jh.)
in Straszb. stud. 2, 74; dryschkamer
sacrarium Dasypodius (1536) 309
b; tristkammer, sacristey oder ort im tempel, da man etwas heyligs oder geweychts gehaltet Frisius 1172
a; trischkammer, chor Megiser
thes. polygl. 2, 448
c; Hulsius
teutsch-it. (1618) 96
a; Dentzler
clav. 81
a; Adelung 4, 669;
vgl. Mothes
baulex. (1882) 4, 370: solche reverenda und kleit henget noch in der kirchen, in der treskamer unter dem turn Hüttel
chron. d. stadt Trautenau 180; 25; was (
der dieb) nachts mochte graben, trug er ... unter eine stegen in der kirchen ... bisz er in sechs nächten ein loch in die treszkammer macht Kirchhof
wendunm. 2, 461
lit. ver.; den (
groszen kelch) hat im ein conventherr ... herfür usz der trischkammer geben Tschudi
chron. Helvet. 1, 175;
im deminutiv: auch ist in dem thurn eine kleine capellen mit einem kleinen dreszkemmerlein
M. v. Seydlitz
wallfart (1580) p 2
a;
sprichwörtlich wird die verbundenheit mit dem kirchlichen lebenskreis sehr deutlich: see sonder fische, kirche sonder dreskammer Gryphius
lustsp. 482
Palm. auch diese bedeutung verschwindet im 17.
jh. aus der lebendigen hochsprache. litterarisch erscheint sie später zuweilen in historisierendem stil: die Lübecker ... nahmen die kirchenschätze aus ihrer tresekammer und rüsteten damit ein geschwader aus Ranke
s. w. 3, 411; diese schätze lagerten schon damals in der tresekammer über der rathskapelle der Marienkirche Nitzsch
dt. stud. 239.
in den maa. dagegen ist sie zum teil erhalten geblieben: Stalder
schweiz. id. 1, 305;
hauptsächlich im osten: Hupel
dt. spr. in Lief- u. Ehstl. 240; Sallmann
n. beitr. z. dt. ma. in Estland 49
a; Frischbier
preusz. wb. 150
b; Dähnert
pommersche u. rügensche ma. 53; Anton
Oberlaus. wört. 13, 18;
in volksetymol. umdeutung als tröstkammer
vgl. Kuhns zeitschr. 1, 21. 44)
zusammensetzungen sind selten: