superklug,
adj.; selbständige zusammenrückung des deutschen nach vorbildern wie superfein.
spöttisch zur kennzeichnung eines einseitig-verstandesmäszigen, überscharfsinnigen, oft über andere bereiche des menschlichen lebens hochmütig aburteilenden verhaltens. vom 17.
bis ins 20.
jh. bezeugt: '
ironice sagt man von einem nasutulo superklug' Frisch
teutsch-lat. (1741) 357
b; '
nur im gemeinen leben, übermäszig klug, d. i. naseweis' Adelung 4 (1780) 885; Pansner
schimpfwb. (1839) 68
b.
den mundarten als '
überklug, vorlaut'
in ironischer verwendung nicht unbekannt: Brendicke
Berliner wortschatz 183
a; Jecht
Mansfeld 110
b; Hofmann
nd.-hessisch. wb. 236
a;
auch niederrhein. (
Krefeld);
vgl.superklug,
m. daher in volkstümlicher und mundartl. dichtung begegnend: seit der superkluge herr Müller ins haus schleicht, bist du so schnippisch mit mir A. Bäuerle
kom. theater (1820) 2, 17; wann se kimmt, da schneidt se immer so e
superklug gesicht E. E. Niebergall
dram. w. (1894) 122.
entgegen Adelungs
angabe in der literatur des 17.
bis 20.
jh. reich belegt: warum gewinnet es denn nicht auch einen solchen concept bey dem wahnsinnigen volcke in ihrem superklugen gehirn? Prätorius
anthrop. plut. (1666) 1, 35; ich wuste wol, dasz die Pallas aus dem super-klugen gehirne des Jupiters gebohren seye Lindenborn
Diogenes (1742) 2, 179; weil er klug ist und dich für klüger hält, als du bist, ob du gleich oft superklug bist Fel. Weisze
lustsp. 2, 172; es gab eine zeit, wo man gar superklug schied zwischen productiver und unproductiver arbeit W. H. Riehl
dtsche arbeit 192.
zur charakterisierung eines bestimmten menschentyps, immer in abfälliger meinung: worauff sie sich sämtlich zu tische setzten und mit dem super-klugen mahler ihre zeit vertrieben
polit. grillenfänger (1682) 23; nun komme unser superkluger verfasser und moduliere aus g-dur über d-dur ins cis-moll Nicolai
br. d. neueste lit. betr. 11 (1761) 145; da wollten denn die superklugen leute wissen Kotzebue
s. dram. w. 9, 32; (
ich) war herzlich froh, den superklugen gesellen los zu sein Eichendorff
s. w. (1864) 3, 17; bemerkt ihr das selbst, wenn ihr vor den lampen sitzt, oder spricht der superkluge Friedrich Schlegel aus euch? Hebbel
w. 12, 7
Werner. das mit dem wort verbundene ironisch abwertende urteil wird durch die zusammenstellung mit einem entsprechend gebrauchten hauptwortbegriff verstärkt: kennen sie den superklugen kannengieszer Hermann Breme nicht?
Holberg, dän. schaubühne 4, 262; davon gelaufen ist sie mit dem Franzosen, mit dem superklugen maulmacher Holtei
erz. schr. 14, 148,
oder durch vorsetzung eines steigernden adverbs: wenn dabey verdiente männer mit naseweisem geschnatter, fein superklug, über die ersten gründe der kunst oder wissenschaft, in der sie vorzüglich grosz sind, belehrt werden Nicolai
Nothanker (1773ff.) 3, 166,
oder durch zusammenstellung mit inhaltlich verwandten eigenschaftswörtern: nun gilt der norddeutsche protestant im katholischen süden wohl für superklug, anmaszlich, herrschgierig, naseweis, erwerbsüchtig W. H. Riehl
dtsche arbeit (1861) 304; nachdem der schwierige auftrag so glücklich vollzogen, hörte man ... von manchen superklugen, hochweisen lippen die worte fallen Konr. Friedrich
vierzig jahre 1, 50
Rauscher. das abfällige urteil über einseitige verstandestätigkeit tritt am stärksten bei selbstgefälliger gegenüberstellung von schlichter religiöser gläubigkeit heraus: an denselben (
naiv gläubigen christen) ist mehrentheils von auszen eine schlechte gestalt, dahero sie auch die super-kluge welt vor narren hält Sperling
Nicodemus 1 (1718) 227; weil man einem hauffen super-kluger und zum theil angesehener leute das maul stopfen muszte: so war mir ganz gemüthlich, um denen ehrlichen und gottesdienstlichen Pensylvaniern zu helfen Zinzendorf
περὶ ἑαυτοῦ (1747) 193.
entsprechend wirkt der vergleich mit der einfachen geradheit natürlichen menschenverstandes: offt heiszt auch dasjenige spotten, wenn man eines weisen mannes vortrag vor unvernünfftig hält, ihn aber vor super-klug ansiehet Chr. G. Rose
homilet. studierstube (1723) 64; hier siehet man deutlich, dasz die superklugen leute weniger vernunft haben als alle andere v. Petrasch
s. lustsp. (1765) 1, 502; ... ihr superklugen männer! der dümmste schulknab ist ein bessrer menschenkenner Immermann 14, 84
Hempel, oder mit der ungebrochenheit sittlichen empfindens: gleich bei dem ersten versuch auf diesem gebiete hat er sich als einen meister bewährt und schadenfroh der superklugen diplomatie heimgezahlt, was sie dem allzu ehrlichen vater angethan hatte H. Prutz
preusz. gesch. (1900) 3, 4.
wie in diesem beispiel im 19.
jh. öfters auf abstrakte vorstellungen angewandt: ein aufrichtiger abscheu gegen ... die superkluge voreilige menschenkenntnis
aus Schleiermachers leben 1, 293; dabei aber fielen sie natürlich mit ihrem verspäteten besserwissen und ihren superklugen unausführbarkeiten den handelnden beständig zur last Mommsen
röm. gesch. 3
4, 394; die in dem superklugen, verflossenen jahrhundert ... nicht sowohl gebannten als geächteten gespenster sind rehabilitiert worden Schopenhauer
w. 4, 259
Grisebach.