strichlein,
n. ,
diminutivum zu strich
neben unüblichem strichchen (
s. d.)
und in moderner hochsprache geläufigerem strichelchen (
s. d.). 11)
das kleine (
bzw. kurze)
gebilde linienförmiger ausdehnung. 1@aa)
der kleine gezeichnete, geschriebene, gedruckte strich, besonders als bestandteil des schriftsystems; zunächst für jede art eines strichähnlichen interpunktionszeichens oder teile desselben (
zu strich A 1 e);
für die klammer (
parenthese): wo aber ain geschrift mit zwyen krummen strichlin ingezogen wirt als hie (Jhesus Cristus), so wirt die gehaissen parentesis Niclas v. Wyle
translat. 15
lit. ver. fragezeichen: ain pünctlin mit ainem krumen strichlin über sich und für sich gezogen also? Steinhöwel
de claris mul. 312
lit. ver. für einen teil eines semikolonähnlichen gebildes: ain sOellich pünctlin oder túpflin mit ainem besicz gezognen strychlin also? Steinhöwel
a. a. o. silbentrennungszeichen, teilungsstriche: zwe strichlin fürsich vnd ain wenig übersich gezogen also = ... werden nit geseczet, wann zeletst an der linien, wa ain wort getaylet wurdt Steinhöwel
a. a. o. kürzungsstrich: so werden ouch die wort kürtzert durch etliche züg, strichlin oder tüpfflin, welche man nennet tittel. vnd ist tittel ... nichts anders dann ein strichlin kurtz oder lang, krumm oder schlächt, so eydtweders über die buochstaben ouch hinden oder vornen dran, oder ouch vnden durch die buochstaben gezogen vnd gesetzt würt (1530) Kolrosz
enchiridion, in: Müller
quellenschr. u. gesch. d. deutschsprachl. unterrichts (1882) 81.
akzentähnliche zeichen: man könte unsern selblautern ... (
um ihre länge anzudeuten) mit geringen strichlein hälfen, dabei man sähen könte ob sie lang aus zu sprächen wären oder nicht Bellin
hochdt. rechtschr. (1657) 11; dégen, ségen, hégen
etc. wird das langzügig scharfe (é) mit einem strichlein überzeichnet Butschky
hochdt. kanzelley (1659) 3.
anführungszeichen: was in vorgemeltem pundt nebend zu mit strichlinen verzeichnet ist (
vor 1572) Tschudi
chron. Helvet. (1734) 1 393.
bruchstrich: die zal uber den strichlein heist der zeler, und die zal vnter dem strichlein der nenner Ellenbogen
rechenbuch (1538) A 2
b; ein schlechter bruch wirt geschriben mit zweien zalen obeinander vnd mit einen strichlin dar zwischen Stifel
die coss Rudolffs gebessert (1553) 19
b.
die zwei striche über vokalzeichen zur umlautsbezeichnung: das ist durch ein u mit zwey strichlein angedeutet Kästner
verm. schr. 1 (1755) 230.
der einzelne auf- bzw. abstrich, damit der teil eines schriftzeichens: weil ... der erste entlehner (
eines schriftsystems) ein strichlein an iedem buchstaben verändert Zesen
rosenmând (1651) 55; anfang desz schreibens ... in geraden und krummen strichlein bestehet Harsdörffer
secretarius (1656) 1, (b) 2
b; mit dreyen strichlein, daraus ein w leicht gemacht wird, geschrieben Gueintz
dt. rechtschreibung (1666) )( 3
b; streich vom m ein strichlein aus, dann wird dir ein n drauss Logau
sinnged. 51
lit. ver.; endlich zog sie behende das zeichen der römischen fünfe und ein strichlein davor Göthe I 1, 253
W. 1@bb)
in die vorstehende reihe fügt sich strichlein
zur bezeichnung der virgel bzw. des kommas; zunächst noch mit dem allgemeinen sinne '
kleiner geschriebener (
gedruckter)
strich': danne das klain erst strichlin (,), betütt ain schlechte sundrung ains wortes oder ainer oratz von der andern Niclas v. Wyle
translat. 15
lit. ver.; das erst strichlin haisset virgula also / bedütet, daz etliche wort recht und ordenlich zesamen geton sind, aber sie beschliessen kainen verstentlichen sin (1473) Steinhöwel
de claris mul. 312
lit. ver.; von den puncten zuoreeden solt du zuo dem ersten wissen, das punct (zuo latin punctus oder virgula) nichtzit anderst ist dann ein tüpfflin oder strichlin (1530) Kolrosz
enchiridion, bei Müller
quellenschr. u. gesch. d. deutschsprachl. unterrichts (1882) 84;
virgula ein strichlin, damit man die wörter vnderscheydt Alberus
nov. dict. (1540) C 3
b; ein strichle mit der fäderen gezogen, so man macht in einer red, welches anzeigt, dasz man sölle still halten vnd den athem fassen Frisius
dict. (1556) 719
b s. v. interductus. in dieser verwendung aber entwickelt sich strichlein
bei den grammatikern des 17.
jhs. zum deutschen terminus für komma (
geläufig auch in dem kompositum beistrichlein [
vgl. Vortisch grammatikal. termini im frühnhd., Freib. diss. 1911, 79 ],
das undiminuiert als beistrich
bis zur gegenwart überall dort gebräuchlich bleibt, wo das fremdwort komma
vermieden werden soll; vgl. auch strichpunkt):
virgula, suspirium athemholung, strichlin Orsäus
nomencl. meth. (1623) 17; ein strichlein (comma) brauchet man bey den Deutschen zum unterscheide der wörter in einer verständlichen, doch unvollkommenen rede Gueintz
dt. sprachlehre entw. (1641) 120; am end des reimens, nach dem wort hauf sol kein strichlein seyn (
druckfehlerberichtigung) Rompler v. Löwenhalt
erstes geb. s. reimgetichte (1647) 240; wie zweyerley strichlein (/) (,) ... also gebrauchen auch die Lateiner zweyerley punct Harsdörffer
secretarius (1656) 1, Nnn 5
a; auss unterschied der distinction dess strichleins vermerckte ich, dass der alte verstand dess reymens verendert were worden Schupp
schr. (1663) 752; ein strichlein machen
far' una virgola, virgoletta Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1003
c; ein strichlein machen im schreiben
to make a comma in writing Ludwig
t.-engl. (1716) 1898; strichlein oder das comma Täubel
wb. d. buchdruckerkunst (1805)
anh. 37
a.
entsprechend als bestandteil des semikolons: ein tüpfel und ein strichlein
punto e vergola, semicolon Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1162
c; in neuern zeiten hat man noch eine kleine art der unterscheidungszeichen ersonnen, die man das semicolon nennet, und mit einem punctierten strichlein (;) schreibt Gottsched
dt. sprachkunst (1748) 61. 1@cc)
der kleine etwas darstellende, bezeichnende, markierende strich (
zu strich A 1 a): die kreiden ist auch zwifach fin, wann er (
der wirt) auffschreibt, machts ein zweyerlin. ob man ihm schon darein wolt reden, spricht er: 'es ist gschehn ohn gferden'. ein strichlin wider ab thuot wischen, darneben thuot sich fein beflissen, das er ein anders mach an dstatt Montanus
schwankb. 439
lit. ver.; aynr semibreuen pausz die macht man mit eynem strichli hyn auff gende von der linien (1511) Virdung
musica getutscht H 3
a Schrade; such das mittel am zünglein (
der waage) ... vnd bezeichen es mit einem strichlein oder risz Ercker
beschr. aller mineral. ertzt (1580) 36
b; in folgenden exempeln seynd die langen noten ... mit strichlein bezeichnet Heinichen
generalbass (
21728) 258; man ... verzeichnet daran (
am glas der sanduhr) mit weisen strichlein ... die ganze, halbe und viertelstunde
onomatologia curiosa (1764) 1524; gewöhnlich bezeichneten ein kreuz oder strichlein, die eine kirche vorstellten, das in geistlicher münzstätt geschlagene geld Zschokke
ausgew. schr. (1824) 30, 53. 1@dd)
das kleine, sich durch seine farbe oder gestalt linien- bzw. streifenförmig darstellende gebilde (
zu strich A 2): auch hat er (
Pyrrhus) nicht viel zAene, sondern allein einen gantzen mund vnd zan zu rings vmb, daran war allein das eusser vnd ober theil mit kleinen strichlin, den sonderlichen zAenen gleich, vnterschieden Xylander
Plutarch (1580) 423
b; dieser (
fisch) ist dem vorgesetzten gantz Aenlich, allein dass er ein weysse linien ... hat ... auch vil andere goldfarbe strichlin entwerch one ordnung Herold-Forer
Gesners thierb. (1568) 3, 11; fädelein ist ein jägerwort, und wird von dem edlen hirsche das kleine strichlein also genennet, welches ihm zwischen den schalen in die höhe gehet
Noel Chomel öcon.-physic. lex. 3 (1750) 1293.
streifen: leget lang geschnittene strichlein teig als einen rost über einander Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 837; e
in strichle
in schmaler weiszer stoffstreifen, oben am weiblichen stehkragen Fischer
schwäb. 5, 1863. 1@ee)
der kleine, kurze strich in figürlicher oder künstlerischer darstellung (
zu strich A 1 d
und 3 a): von dessen (
Christi) göttlichen liecht gläntzende strahlen ausgiengen, ... und gleich wie die umstehende strichlein in einem ... kreisz zu dem mittelpunct hinzieleten Abr. a
s. Clara
etw. f. alle (1699) 2, 256; wer einen vor augen liegenden risz nachmalen will, der musz sehr genau auf alle gerade und krumme linien ... schattirungen und strichlein, ja auf die allerkleinsten puncte achtung geben Gottsched
versuch e. crit. dichtkunst (1751) 104; es ist ein solches sentiment in seiner (
radier-)nadel ... dasz der charakter des zu behandelnden gegenstandes nirgends vermiszt wird, es sei nun in den zartesten puncten und strichlein, ... bis zu den starken und stärkern Göthe I 49, 1, 407
W. 22)
vereinzeltes diminutivum zu strich B 3 c: dann die Römer hievor gleichsam ein klein strichlin Gallierlands innhielten Stumpf
Schweizerchron. (1606) 169
b. 33)
milchzitze am euter (
diminutivum zu strich C 10): i ziach die strichlein hin und her dasz d' milch in söchter paust A. Schlossar
volkslieder aus Steiermark (1881) 163
a.
so auch in kühner metaphorik: du erlaubst mir auch, himmliches gottes-lamm! weil ich deine hirtin bin, ... darff ich anziehen an dem eiter deiner liebe, drucken die strühlein deiner h. sacramenten, aus welchen deine liebe, ja dein blut und zerflossenes herz herrinnt K. v. Greiffenberg
zwölf andächtige betrachtungen (1678) 945.