sinnlos,
adj. ohne sinn,
ahd. sinnelôs
insensibilis, demens Graff 2, 271,
mhd. mnd. sinnelôs Lexer
hwb. 2, 933. Schiller-Lübben 4, 213.
nhd. gewöhnlich sinnlos,
die vereinzelt vorkommenden nebenformen sinnelos
und sinnenlos
s. besonders. als mundartlich nur in süddeutschen idiotiken angeführt. schweiz. sinnlos (
gesteigert -löser, -lösest) '
besinnungslos, ein gebrechliches gedächtnisz habend'. Tobler 424
a,
tirol. sinnlos, -les
unsinnig, von sinnen. Schöpf 676;
dagegen cimbr. sinnelos
sinnig, verständig. cimbr. wb. 231
a. 11)
von menschen: sinnlosz,
demens, inops mentis, inconsideratus. Dasypodius; sinnlosz (der) nit witzig, unsinnig,
socors, incogitans, impos mentis, inconsyderatus, amens. Maaler 375
a; sinnlosz, seiner sinn beraubt, o.
forcené, hors du sens. Hulsius 299
a; sinnlos,
amens. Stieler 1178;
sensu carens, sensuum impos. Frisch 2, 280
a. 1@aa)
bewusztlos, ohnmächtig, vgl. sinn II, 11,
sp. 1123
f.; sinnlos da liegen. Adelung, sinnlos zu boden fallen. Campe.
so schon mhd.: diser heilig covent wart von groʒer andaht sinnelos und vilen nider als die toten und lagen also biʒ sie alle wider zu in selber komen. nonne von Engelthal
s. 7, 5 (
in gleichem sinne sinnenlos 2, 24); dô vant man sinnelôsedaʒ hêrlîche wîp.
Nib. 1010, 3; ein balken, der ihn am haupt und an der schulter traf, risz ihn sinnlos zur erde. Schiller 9, 61; mein fräulein! sie ist sinnlos! H. v. Kleist 1, 207
Zolling (
Schroffenstein 5, 1). 1@bb)
von einem, der im banne eines heftigen affectes das klare bewusztsein verloren hat (
vgl. sinn II, 11,
f): ein vil zu starcker glantz durchdringet und bezwinget mein hertz und geist so sehr, dasz gleichsam ich sprachlosz, ja, sinnlosz (
bin). Weckherlin
ged. 739; was blickst du sinnlos so gen himmel auf? Stolberg 14, 300 (
τί παραφρονεῖς αὖ;
u. s. w. Soph. Philokt. 815).
dafür fast, wie sinnlos: geniesz' ich deiner gegenwart, so ist mir doch nicht wol im hertzen, ich stehe bey dir wie erstarrt. die rede wil mir gantz nicht flieszen ... und bin wie sinn-losz, stumm und taub.
Königsberger dichterkreis s. 102
neudruck; da ihr gestern, wo sie der erste schreck fast sinnlos machte, weder hand noch fusz versagte, achtete sie sich des siechtums ledig. Anzengruber
3 2, 320. 1@cc)
ohne besinnung, besonnenheit, der nicht weisz, was er thut: der wort was keyser Carle beinach sinnlosz worden, er fasset sein schwerdt, darmit lieff er zuo Magis, der meynung jn des lebens zuberauben.
Aimon t 2
a; wer ist im nehmlichen moment zugleich gefaszt und wüthend, sinnlos und besonnen, rechtliebend und partheylos? Schiller
Macb. 2, 10; vor schrecken sinnlos, ohne rückzuschau'n, stürzt mann und rosz sich in des flusses bette.
jungfrau von Orleans 1, 9; sagt' ich das? ich war sinnlos, wenn ich das gesagt. Müllner
schuld 4, 3,
v. 1862. 1@dd)
milder von einem, der so tief in sinnen
oder gedanken versunken ist, dasz er das bewusztsein der auszenwelt verloren hat, geistesabwesend, so häufig mhd.: mîn schîn ist hie noch: sôist ir daʒ herze mîn bî, daʒ man mich ofte sinnelôsen hât. Walther v.
d. Vogelweide 98, 11; mîn lîp hie in gedanken stuont gar sinne lôs, als die tuont die an diu wîp verdenkent sich. Ulrich v. Liechtenstein 282, 10;
vergl. auch: sie vergassen den vogt und die ganze predigt. einige giengen wie sinnlos aus der kirche. Pestalozzi
Lienh. u. Gertr. 2, 55. 1@ee)
der nicht bei sinnen ist, nicht seinen vollen verstand hat, irrsinnig, verrückt, vgl. sinn II, 12,
c—
h, sp. 1126
f.: vesanus .. sinnlosz o. doll. Dief.
gl. 615
b.
diese bedeutung ist im mnd. die herrschende, s. Schiller-Lübben 4, 213
b: over rechten doren unde over sinnelosen man ne sal man ok nicht richten.
Sachsenspiegel 3, 3; he maket mi rasende, sinnelôs unde alderdinges dul.
des dodes danz v. 1272
Bäthcke. mhd. nicht bezeugt. nhd.: aberwitzig, sinnlosz, verruckt,
insanus. Henisch 7, 14; sinn-los
ò sinnen - los,
adj. insensato, forsennato, insano, mentecatto, furioso, v. rasend
etc. ein sinnloser mensch. sinnlos werden,
perder' il senno, il cervella, lo spirito. einen sinnlos machen. Kramer
dict. 2, 817
c; er sehrey wie eyn sinnlosz mensch.
Aimon F 1
b; ein armer sinnloser mensch hett seinen auffenthalt bei einem edelmann. Kirchhof
wendunm. 1, 343
Österley (1, 302); da ain vormund oder versorger, von seines pflegkinds, oder der synlosen, oder verschwender zustendigem gelt etwas in seinem namen kauft, so soll dasselb erkauft gut .. dem pflegkind, synlosen, oder verschwender zusteen.
Nürnberger reformation (1564) 94
b; dan so sinlosz und toll war nie kein mensch, der etwas auff erden solte an gottes statt anbetten als ein blose schlechte creatur.
bienenk. 174
b; sinnlosen leuten sollen gerhab (
vormünder) gesetzt werden.
tyrol. landsordn. v. 1603
bei Schöpf 676;
Athene. vermagst du nicht den rasenden zu sehn?
Odyss. wär' er nicht sinnlos, wollt' ich ihn nicht scheun. Stolberg 14, 172 (
Soph. Aias 81
f.). 1@ff)
abgeschwächter für unverständig, töricht, dumm, einfältig (
vgl. sinn II, 12),
so besonders mhd., z. b.: (
dein mündlein,) daʒ mit sînem schîne machenkan vil kluogiu herzen sinnelô
s. minnes. 2, 21
b Hagen; ich wære ein sinnelôser gouch, ob ich dur mîner muoter bete sô grundelôsen kumber hete.
troj, krieg 16650; daʒ ich sinnelôser man der werlt ze dienste hân getân daʒ best, daʒ ich vermoht. Ottokar
reimchr. 47; denne daʒ man mit betwange bring zuo dem gelouben die sinnelôsen und die touben. 53602; und sint ir man ouch sinnelôs, die den wîben volgent mit. Teichner 178.
nhd. der mensch ist sinnlos. Herder 26, 161
Suphan (
νόος δ' οὐκ ἐπ' ἀνθρώποισιν.
Simonides). 1@gg)
so auch von den thieren: wenn besonnenheit als solche könnte zu grosz werden: so stände ja der besonnene mensch hinter dem sinnlosen thiere und dem unbesonnenen kinde! J. Paul
vorsch. der ästhetik 1, 72. 1@hh)
ganz vereinzelt mit näherer bestimmung, wobei die bedeutung sich verschieden färbt. ohne sinn (II, 14,
b)
für etwas: dasz gegen gottes wercke wir sinn- und fühl-los sind. Brockes 1, 381 (
vergl. sinnenraubend).
mit inf. (
aus mangel an sinn
auszer stande): aber sinnlos, und zur verzweiflung nur noch empfindlich, sinnlos, wider gott was zu denken, entstürzten im abgrund ihren thronen die geister der hölle. Klopstock
Mess. 1, 153
f. 22)
daher auf menschliche handlungen, eigenschaften und ähnliches übertragen: stupiditas eine sinnlose grobheit. Corvinus
fons latin. 642
a; ein sinnloser zustand. Adelung; auch nicht in gefahren mag ich sinnlos ungestüme. Göthe 41, 221 (
Faust II, 3); ein sinnlos leben ist das süszeste; sinnlosigkeit ist elend ohne schmerz. Stolberg 14, 198 (
ἐν τῷ φρονεῖν γὰρ μηδὲν ἥδιστος βίος.
Soph. Aias 554). 33)
objectiv, von dingen (
besonders worten, reden u. s. w.),
worin kein sinn (II, 22)
ist: sinnlose wörter, ein sinnloser ausdruck, satz. Adelung; sinnloses geschwätz. Campe; in sinnlosen, ja unsinnigen klängen. Göthe 46, 331 (
s. sinnlichkeit 5); dasz er für die nächste woche fortsetzung einer seltsamen geschichte zu schreiben hatte und die lösung eines sinnlosen räthsels mitzutheilen. Freytag 1, 64. 44)
adverbial. 4@aa)
zu 2: sinnlos,
adv. stupide. Frisch 2, 280
a; sinnlos handeln. Adelung; wo rohe kräfte sinnlos walten, da kann sich kein gebild gestalten. Schiller 11, 317; uns aber treibt das verworrene streben blind und sinnlos durchs wüste leben. 14, 29 (
braut von Mess. 1, 4). 4@bb)
zu 3: wie ungeschickt übersetzt er 'the scrupulous division' durch 'die gar zu richtige eintheilung' .. wie links! wie sinnlos! Lessing 6, 95; angst neckte meine augen und liesz mich so sinnlos schwatzen! Grabbe 1, 200.