seelgerät,
n. stiftung zum heile einer seele (
der eigenen oder anderer)
für seelmessen u. dergl., letztwillige schenkung, testament; seel-geräte,
dispositio de bonis mundanis et transituris facta in remedium, refrigerium et salutem animae post mortem, ut poenis purgatorii relevetur. inde pro testamento ad pias causas ex mente pontificiorum, quoniam non nisi in remedium animae primitus condebantur testamenta. Haltaus 1668.
in der ältern sprache ungemein häufig, so mhd. sêl-, sêlegeræte, sêlengerêde, seilgeræt, sêlgereit, -reide,
auch entstellt zu sêlgrecht,
s. Lexer
handwb. 2, 865
f. Scherz - Oberlin 1477
f.; mnd. sele-, selen-, sêlgerede. Schiller-Lübben 4, 181:
animatum .. eyn selegerede, -geret, -gerecht, selgereyt, -gerete o. gescheffte, -gerät (
i. q. exequie, testamentum), seelgredt,
nd. en zele gherede. Dief.
gloss. 35
c; selegeredde.
nov. gl. 24
b;
testamentum .. selgerede, -gerete, -geretht, -gereite.
gloss. 581
b; seyl gereyde,
testare selgeret machen.
nov. gl. 363
a; in pane, vino, annona, denariis, remediis, quae selgerethe dicuntur.
urk. v. 1264
bei Kehrein
samml. alt- u. mitteld. wörter 26
a; dat ich .. mach mein testament inde mein seelen gerede.
urk. der Mathilde v. Sayn vom j. 1283
bei Haltaus 1669; so solden wir .. dem vorgenanten hûse tzuo Wîszel tz sêlegeredde bescheiden waʒ iʒ vormOechte nâch sînem staden und nâch syner conscientie.
Niederweiseler urk. von 1380 (
vgl. unter seelenheil); man soll kainen layen pannen umb kainerlay sach. ausgenommen um zehent, die kirchen angehörent und umb seelgerete.
urk. v. 1404
bei Schöpf 668; ouch spricht unser recht, daʒ kein juncfrou ioch kein junger knab under 14 jaren nicht bescheiden (
verfügen soll über) îmanden sîn gelt noch selgeret.
qu. bei Schröer 206
a; ab eyn man mag gegeben noch syme tode syn gut unde erbe .. an kirchen unde an selgerethe wenden. Behrend
Magdeb. fragen 1, 12, 1; wer fromde habe beschit czu zelgerethe dar yn hat werltlich recht keyn recht czu sprechin. Wasserschleben
rechtsqu. 1,
s. 73, 609; mit allen den rechten ... opferen, selgereten, jarziten.
Stretl. chron. s. 39, 25
Bächtold; und sein
auch alle selgeret und die reichen almusen in dem krig ... albeg auszgericht worden.
d. städtechron. 2, 342, 1 (
vgl. im glossar); ik horde ok sedder seggen dat den Augustineren weren des jares worden twelf schock vruwencleidere to selegerede. 7, 219, 20; das er (
papst Gregor XII) alt were und sime tode nohe und kein besser werg noch selgerete möhte getuon denne schaffen, das die muoter der heilgen kirchen wider vereinbert wurde. 9, 610, 7; daʒ machent die opherphenninge und daʒ armsêlgiræt. Heinr. v. Melk
priesterl. 704; dô wart nicht sêlgerête an sîme tôde gegeben. wand er hete ê vergeben armen lûten gar durch gût.
pass. 437, 50
Köpke; di armen si ergazte mit gâbe joch ensazte kein ander sêlgerêde: kein erben si enhêde danne unsen herren Jhesum Crist.
Elisabeth 9015; nu schaff ich hie mein selgerät, und enpfilch dirs auf dein treu und er, .. das du meinem jungesten sun .. mein pargamast (
Bergamasker dolch) wellest geben, wenn sich verendet hat mein leben. H. Vintler
pluemen der tugent 4211; das selgerat tuot er vermachen den münchen mit starken sachen.
des teufels netz 5467; wann du dein leben on todsund endest, das ist dir gar ein gewis selgeret. Rosenplüt
d. clug narr 117,
s. Wagners
archiv 1, 216.
nhd. im 16.
jahrh. noch ganz gewöhnlich, dann in der schriftsprache erloschen: seelgereth,
iusta, ... exequiae. Dasypodius; seelgerädt (das). Maaler 369
a; seelgrät, volge der leich, bestattung,
exequiae. Calepinus (1570) 533; seelgerä
th,
mortualia. Dentzler 2, 261
a;
legatum vel testamentum, geschäfft oder selgereth. es wurde dadurch verstanden der sämmtliche leichendienst an seel - messen, gebeten, geläute, herzen, spenden, seel-bad, und was der seele wegen des feg-feurs zum besten gethan wird. alle vermächtnüsz an clöster hiessen seel-geräth. Frisch 2, 254
b.
vgl. auch Wachter 1499
und Adelung,
die das wort auch als veraltet aufführen. belege aus der litteratur: dz selgereht oder testament, dz du diner selen setzen oder machen solt, dz ist ein ernstlich betrachtung dines sterbens und todes. Keisersberg
bilg. 147
c; also mach dyner selen ein testament oder sele gereht by guotter zyt dines lebens. 150
b; auch die (
sündigen), den entpfolhen ist auszrichtung der seelgeret, und aber z schaden der todten verzeihen, dem ein ausztrag zuo geben.
dreyeck. spiegel Cc 4
a; darumb sind alle geistliche orden auffbracht, .. alle testament und seelgerete gestifftet, das jederman gehoffet hat, gott sol es ansehen. Luther 4, 457
b; denn der heiligen anruffung, unnd der todten seelgerete hat alles geld und reichthumb getragen.
tischr. 68
a; er (
d. arme pfarrer) hebt an uf jar zyt, begangnuossen, seelzedel, bychtgelt, seelgrät, opfer, altar- und kilchwyhe, bettsammlen, meszlesen sehen, ob er sich in dissem gstüd geweiden möchte. Zwingli 1, 417; (
ihr mönche habt) die armen zum opfer und seelgeret trungen. Schade
sat. u. pasqu. 3, 104, 25; aber mit der weis wirt uns (
den papist. pfaffen) abgeen laib, kes, kerzen, opfer, seelgeret, vigilg und messgelt, essen und trinken. 142, 33; alle die heyligen ansehliche processionen, auszfarten, seelgerät und stattliche kreutzgäng worden für eyn kinderspiel geachtet. Fischart
bienenk. 4
b; frau Albrecht Scheuerlinn .. hat in ihrem testament sechs mark iärlichen zins für neunzig markgroschen zu kaufen zu einem ewigen selgerete bescheiden den armen grossen schreibern und bursalibus auf der schule zu St. Elisabet.
script. rer. Siles. 3, 310; wiltu ein gewiss seelgereth machen, so schick dein gut werck vorhin zu got, ee du sterbest. Wander 4, 496; ja ecker, wiesen, dörffer, städt, gab man der mesz für seelgerädt. Alberus
fabeln 35
b.
s. auch seelenregister.
die nicht seltne schreibung seelgerecht
s. besonders, ebenso die in der neuern litteratur ganz vereinzelt auftauchende nebenform seelengeräth.
der grund, dasz das wort in der nhd. schriftsprache seit ende des 16.
jahrh. so vollständig aufgegeben ist, liegt einerseits in der bedeutungsentwicklung des wortes gerät
im nhd. (
s. th. 4, 1, 3564),
wodurch die hier vorliegende verwendung allmählich unverständlich geworden ist, andrerseits in dem einflusz der reformation und der sprache Luthers
auf die gestaltung des nhd. denn da die anschauung, welche dem worte in den verschiedenen nuancen seiner bedeutung zu grunde liegt, dasz nämlich den im fegefeuer büszenden seelen
durch priesterliche fürbitte, wie durch gute werke der überlebenden erlösung oder linderung gebracht werden könne, durch die reformation abgeschafft ist, so hatte sie für das wort naturgemäsz keine verwendung mehr. mundartlich hat es sich vielfach erhalten, namentlich im oberdeutschen; dabei hat es manche neue bedeutungen herausgebildet: schweiz. seelgeräth, 1)
was zu einem castrum doloris gehört, leichenbegängnis, messen, wie die gebühren dafür; 2)
patengeschenke des gestorbenen an seine täuflinge. Stalder 2, 367;
bair. sêlgrá
d. Schm. 2, 165
f.; hess. sêlgeræte, -gerede
veraltet, jetzt noch als flurname im seelgeräth. Kehrein 1, 374,
wie als name eines oberhessischen gerichtes sîlgrêdche, sîlgriddche. Pfister 274 (
hierher?). —
dazu die zusammensetzungen und ableitungen