1rû (ruͤ, rûw, ruv; flekt. rû-, ruh-, rûw-), rûch (rugh, verschrieben rüeth [Nd. Jb. 21, 151]; flekt. rûg-), rouw (row),
adj.: 1. behaart (: blôt, slicht unbehaart), alse nû Esau rû was unde Iacob slicht (Locc. Hist. 65), hê was etlĩkerwēgen rûw korthârich men dat angesichte was ȫm blôt (Narrenschip XXXVII: Lucidarius); — struppig, „Ruch van haren pilosus” (Voc. Strals. ed. Damme), „Rughen ruch werden van hare comare pilosus fieri comare hirsutus fieri comascere” (
ebd.), „hirsutus, hispidus” (SL: Hamb. dt.-
lat. Gl.), „Jrsutus, jrtus” (De Man 205), „proprie quidam hirsutus est, cui pili erecti sunt, ruv” (Brev. Benth.); (Menschen:) sê sint ganse rûch gehâret (Sidrach 81), rûch is dîn bart (Nd. Jb. 5, 36), sê nêmen êne schêren unde lö̂seden ēne al âne vâre van des rûgen bārdes hâre (Schachb. 98,
V. 2786), (Tiere:) swart unde rûch alse ên wintworp (Marcolphus 61), mit ênem rûwen vostāgel kan me neyn wāpen vorbulderen (Köker ed. Cordes 64), der rû-
[]pen gelîken von ārt rû und grôt (Oldecop 532). 2. gefiedert, „Ruch alse en vaghel pennatus pennosus plumosus” (Voc. Strals. ed. Damme), „Rughen ruchwerden van vedderen plumare plumascere” (
ebd.). 3. (Tiere:) stachlig, „Ruch van taggen alse en eghel efte eghede hispidus” (Voc. Strals. ed. Damme), „Taggich Re. scharp ruch” (
ebd.), unde schōten alsô vēle pîle in ēme dat hê rûch was van pîlen alsô ên ēgel (SL: Lüb. Passional). 4. (Pflanzen:) mit Stacheln Dornen oder Behaarung versehen, dit krût bî nâ gelîke dem andōrne ... ôk sint disse blade rûch (Garde der Suntheit 1492 ee 4
r), „Lanugo, floccus ... Dat ruge an den fruͤchten / alse an den Queden” (Chytr.), (Dornbusch:) dû bist rûch unde ungestalt (Derendorf 434); — (Getreide:) mit Grannen versehen (
z. B. Hafer Gerste Dinkel), desülve 3 schēpel rûes hāvern (Brem.-Lüneb. Fehden 59). 5. flockig, wollig, „Ruch van wulle hirsutus lanosus” (Voc. Strals. ed. Damme); — flaumig, „Ruch van bomwulle efte dune efte anderen weken dinghen lanuginosus” (
ebd.), „Lanugo ... dat ruge haer an den jungen Voͤgelen” (Chytr.), êne rû(we) vedderen (wohl:) Flaumfeder (Prompt. med. ed. Seidensticker 265 u. Stockh. Arzneib. 92). 6. (Pflanzenteile:) rûw vôder Heu und Stroh ohne Ähren als Futter bes. für Pferde, Rauhfutter, tô rûweme vôder alsô höü unde strô (Brschw. KR 1388/89); — rû dak pflanzliches Material wie Stroh Reet Schindeln zum Dachdecken, ôk en schal nêmant decken mit rûem dāke me schalt begêten bendelĩken unden und bōven (Gbl. Magdebg. 32, 450), ôk sô en schal nêment decken mit rûem dāke dat sî uppe hûsen schü̂nen ifte stellen (Rint. Stat. 61); — strunkig, stoppe io de kanne mit rôden kôl dat rûge ût gekêrt (A. v. B. 69). 7. bewachsen, mit größeren Pflanzen bestanden, bî der strantporten bî dēme rouwen gārden belēgen (Reval 3. Erbeb. 100), den hof tûnen met ênem rûwen tûne lebender Zaun, Hecke (SL: Barm. Urk.). 8. unbearbeitet, unbehandelt, r. bernestê(i)n (Lüb. ZR 347), dat hennep und vlasch ... solde men ôk rûch ungerêiniget van den russen ... entvangen (Hanserec. III 8, 228), 2 last 2 schippunt rûges honniges (Lüb. Ub. 8, 98); rûch talch ungeschmolzener Flomen zur Kerzenherstellung, 1 last rûges talges (Zs. Hamb. Gesch. 15, 80), rûch edder gesmölten tallich (Hamb. Kerzengießer 1641), van vü̂re unde ôk dorch stankes willen ... dâr ümme dat rûge talch tô smeltende afgestellet (Lüb. ZR 251); ungeläutert, ōsemunt ... sô rûch unde slim dat ik ēm āver hö̂vet up 50 mr.
[]nouwe ût bringen konde (RA Stockholm 5); — rûch ledder ungegerbtes Leder, dat gērent und berê(i)dent rûges ledders tô spanschen kordewân (SL: Brem. Denkb.); — rûge pîle Pfeile mit stumpfer Spitze, vȫr slēpene pîle 16 schok 1 mrk. unde vȫr rûge pîle 20 schok 1 mrk. (Brschw. KR 1411). 9. (unverarbeitete Felle:) mit Haaren, ungegerbt, koften sê āver in anderen stēden rûware dê möchten sê vorkôpen ōder ûtvö̂ren rû ōder blôt (Ub. Goslar 4, 361), 1 dēker rû schâpvelle (Thierfelder Handelsbez. 79), de rûgen bö̂tlincvelle sô up dem nêwen kü̂terhûse gesnēden wērden (Hamb. ZR 188). 10. (Kleidungsstücke:) aus Fell gefertigt, hê hadde êne rûe hût anne (Bugenhagen-Bibel II Reges 1, 8), mit Fell gefüttert, mit Fell besetzt, rûge hantschen schal men gût māken dê men vôdert mit lamvellen ofte mit wiltwerke (Lüb. ZR 188), rû hôt Pelzhut, -mütze, sô schal hê māken vêr stücke werkes ... ênen slichten hôt ênen rûgen hôt ên pâr bôssen unde ênen hôt mit korter wulle (Hamb. ZR 111); — (substantiv.:) dat rûge die Fellseite des Pelzwerks, itlĩke van den pertîebrö̂deren ... tōgen wulfespilse an unde kêrden dat rû bûten (Chr.
d. d. St. 16, 341), (Rda.:) dat rûge bûten kêren sich unfreundlich, unnachgiebig zeigen, kêren dat rûge stêdes bûten de ê(i)ne wil tô holte de ander tôr mȫlen ê(i)n wil dem andern nicht ê(i)n wōrt nâgēven noch etwas tô gûde hōlden (Nic. Gryse Laienbibel 2, Q 3
∨); — mit Fellen bekleidet, „Adam, wor bistu nu? Du werest slicht, nu bistu ru” (Josep ed. Schütz 227,
V. 6346), dat was ên man dê was rûch unde sîn klê(i)t was ēm upgeschörtet (Lüb. Hist. 121). 11. (Tuche:) grob gewebt, tô den rûgen lāken 30 genge (≠ grâwe lāken 34 genge, blanke lāken 38 genge; Nd. Jb. 75, 39), êne rûwe dēken (Lüb. Ub. 10, 272); — ungeschoren, alle kisten wâtsecke unde gesnēden wât rûch edder blôt schȫlen unses tollen vrî wēsen (Hans. Ub. 4, 452), de vilthôt is van menniger minûten dê ê(i)ne rûch binnen de ander bûten (Nd. Jb. 2, 56); (als Sortenbezeichnung:) allerhande lāken dê ût Engelant gebrocht dê rouw und hârmans genö̂met wert (Hamb. ZR 289); — langflorig, zottig, „amfitapedia ru schodoke” (Dief. 22), „amfitapedia ru votdoke” (Dief. 23); rûch sammĩt langfloriger Samt, Plüsch, „Sericum uillosum ruch sammit” (Voc. 1579), in rûgen swarten sammĩt (Brandis 3). 12. nicht feinkörnig, grob, „Panis acerosus, gregarius, squarosus, sordidus ... ruch / groff brodt” (Chytr.). 13. schlicht, einfach, „audromena en rv clet” (Dief. 23), dâr is ên man mit êneme rûgen klê(i)de (Red. O. 40,
V. 475), ik bekenne mîne rîm dê sint sô schlicht und recht alse de
[]rûge mütze dê mîne grôtmö̂me drecht (Lauremberg 62); dat rûche bôk Stadtbuch mit schlichtem, schweinsledernen Umschlag, dit is ôk geschrēven up dat komparkel des rûchen bôkes (Gött. Stat. 366). 14. nicht glatt, uneben, „Charta scabra, Ruch papyr” (Chytr.), van der vlamme wert de langepēper rûch unde knôdich (Garde der Suntheit 1492 ll 1
r), rûch und rôt was ēme sîn angesichte vul krākelen (Marcolphus 45), (topographisch:) de rûwen dü̂nen zerklüftet (Seebuch 49). 15. unangenehm; (Landschaften:) unwirtlich, „Aspera et montosa regio, ein ruch vnd bergich Landt” (Chytr.), „Confragus locus ... ein ruch / steinig / vneuen ort” (
ebd.), „Sylva densa atque aspera, dicker vn̄ ruger woldt” (
ebd.); unwegsam, „Salebra ... et salebræ ... ein vneuener / ruger wech” (
ebd.); — (Wetter:) nicht mild, „Horrida hyems, ein hardt ruch Winter” (
ebd.). 16. °ungeordnet, durcheinander, (in der Vbdg.:) rûch unde rap verschiedene zusammengeworfene Dinge, êne klê(i)ne kiste dâr inne allerley eventü̂r rûch unde rap (Beitr. Lüb.-Hans. Gesch. 354);
vgl. 2rap,
2°rup. 17. wild, ungebändigt, de rûwe wulf (G. v.
M. ed. Seelmann 8), sê hebben vēl rûge hunde âne stert unde ôren gebāren (Fabricius Island 20; ähnl. Nd. Jb. 9, 120). 18. von grober Art, ungesittet; (Personen:) hart, streng, ungehobelt, „Austerum, wreith / ruch” (Chytr.), it is men bûten etwa rû wen men de kinder schrekt mit ênem buddebû (Lauremberg ed. Lappenberg 128); — (Äußerungen:) unhöflich, barsch, de hertoch vôr ȫne an mit rûgen worden (Renner ed. Klink 1, 15). rûrîpe, ~rîpen, ~wort, rûchbê(i)te, ~busch, ~dēkene, ~dôk, ~vel, ~vôder, ~vö̂tich, ~hâr, ~hāver, ~houwer, ~ledder, ~löcherich, ~schimmelich, ~stê(i)n, ~swart, ~talch, ~wāre, ~werk