Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
leime swM.
1.1 allg.
1.2 als Werkstoff
1.2.1 als formbare Masse (die anschließend getrocknet oder gebrannt werden kann)
1.2.2 als Material zum Abdichten
1.2.3 als Mittel, um Wein zu klären
1.3 in Vergleichen
2 ‘Schlamm, Morast’ (vgl. hor , lette swM. 2 )
3 gebrannter Lehm als Bestandteil von Wundauflagen
4 Haut, die sich beim Gähren auf dem Most bildet (nicht identisch mit dem leim , mit dem man den Wein klärt, vgl. 1.2.3 )
1 ‘Lehm(boden), Ton(erde)’ 1.1 allg.: in dichtim ertriche vnde vuchtim vnd vettim do wachsin si [die Kastanien] kvme; in toppir ertriche [Töpfererde, Ton] odir in leyme do wachsin si nymmer Pelzb 128,21; jtem ein halb acker an deme leimen bi Wetzel UrkCorp (WMU) N410,28; swer den Rin mit leime wil verswellen, / der hat min, swie tumbe ich si, ze helfe niht Marner (W) 2:2,3; gelustet si [der Schwangeren] [...] leimes oder kole. so gip ir gelunte [geröstete] bonen SalArz 65,40; JTit 6297,4 1.2 als Werkstoff 1.2.1 als formbare Masse (die anschließend getrocknet oder gebrannt werden kann): ûz hin ûf daz velt sî [die Kinder] kâmen / dâ leim [ zu 1.1 ] und erde gegraben was. / daz kint Jêsus dâ nider saz, / mit sîner hant zesamen er perte / den weichen leim und ouch die erde [und knetete Vögel] Philipp 4119; WernhMl 5249; als wir sehen an den waichen vazzen, diu die hafner [Töpfer] von tahen [Ton] oder laime machent BdN 69,12; ist er [die Götzenfigur] holz oder lein / oder ein kreftelôser stein / sunder nutz RvEBarl 12801; RvEWchr 5036. – als Material zum Herstellen von Ziegeln: do hiez der kúnig das nieman me / dannen hin in gebe do / deweder hoi, paelle [Spreu ?] unde stro, / das si in den lein do tetin / den si ze ziegel knetin RvEWchr 9732; der uon adele was geborn, / der muͦse berien daz hore, / die hêrlîchen chnehte / den laim und den letten [durch Schlagen und Treten den Lehm zur Ziegelherstellung verdichten] Exod 130. – oft im Rahmen der Schöpfungsgeschichte bei der Erschaffung des Menschen (vgl. formavit igitur Dominus Deus hominem de limo terrae Gn 2,7): got der den eristen man / uz læime gebildet hat Wernh D 2063; Gen 268. 114 u.ö.; EnikWchr 503; Martina 119,12; MinneR 30 671,7; mit attr. brœde: dô geschuof got von himele / nâch sîn selbes bilede / unsern vater Adâmen / [...] / ûz einem brœden leime Aneg 1078; SüklV 797; SuTheol 68; Erinn 483. – auch als einer von mehreren Werkstoffen: ûz hertem leime tet er gebeine, / ûz brôder erde hiez er daz fleisk werden, / ûz letten deme zâhen machôt er die âdare [d.s. Muskeln, Sehnen, Adern] Gen 195; got [...] / der worhte den mennischen einen / uzzen von aht teilen: / von dem leime gab er ime daz fleisch, / der tou becechenit den sweiz [...] VEzzo 41 1.2.2 als Material zum Abdichten: vermach den haven [Topf, Krug] oben mit leime, daz der tamph ninder ouz nemeg Barth 149,3. – beim Fachwerk: swer auch pauwen wil, der sol mit ziegeln oder mit laime bauwen, er sol auch mit ziegel decken NüP 132; dar umb sint diu pain [Knochen] des kranken flaisches aufhaltung [des schwachen Fleisches Stabilisierung] , recht als die pfæl in ainer klänten want [einem mit Lehm aufgefüllten Fachwerk (vgl. klënen 2)] den laim aufhaltent BdN 22,10 (vgl. 1.3); auch zum Nestbau: ein swalwe klent von leime / ein hiuselîn Neidh SL 26:7,3. – beim Pfropfen und Versorgen von Schnitten am Baum: dor no bedecke die czu vugunge mit miste odir mit leyme, das das wassir abe trage Pelzb 120,27. 125,8. 131,26 1.2.3 als Mittel, um Wein zu klären: leym, noch der gerunge dem wyne ingegossin, reynit den wyn vnde macht den wyn clar vnd czuhit di hevin in den grunt. jst abir, das der leym gebrant ist, so ist her bessir, wen her den suze. so macht her ouch den wyn wol smeckinde Pelzb 140,18. 140,20 1.3 in Vergleichen: zæch sam der leim BdN 477,25; wan limus ist ain zæh erdreich sam laim ebd. 302,34; [die Augen kleben] im zu samene bi der nacht. daz uz den ougin rinent ist als ein leime SalArz 35,35. di tyevelynne kunde / gifft werffen auff der nasen, / das der anger und di wasen / mit al wurden uber dent [überzogen, bedeckt] , / als [als ob] der leym ward geklaint HvNstAp 9030 (vgl. 1.2.2) – für blasse, fahle Haut: ouch was diu jæmerlîche schar / elliu nâch aschen var, / oder alse valwer leim Parz 184,3; im hâte manic übel tac / geselwet sîne varwe gar: / er was swarz, niht wîz gevar. / sîn varwe gar verwandelt schein / als ein varlôser lein. / er was mager und harte bleich RvEBarl 15326. – für etwas Wertloses, vielleicht zu 2 i.S.v. ‘Dreck’ reht als ez wære leim, / golt und silber er bôt, / swer im ze diser nôt / diensthaft wolde wesen Ottok 27691 2 ‘Schlamm, Morast’ (vgl. hor , lette swM. 2): der Ihesus ist genant, / der spey vf die erden, so zu hant / mahte einen leymen er da weich [ fecit lutum ex sputo Io 9,6] EvStPaul 12604; bestechet bin ich in læime tiefem [interl. zu infixus sum in limo profundi ] PsM 68,3; wan unser herre der vindet suͤmelich suͤnder stechende in dem laime PrSchw 1,51; ê mich begriffe sünden leim / kam ich leider niht zuo dir. / vrouwe, wis genædic mir, / Marîâ MarGr 18 299,28 3 gebrannter Lehm als Bestandteil von Wundauflagen: nehelphe daz niht, sô nim verbrunnen leim unde zetrîb den mit starchem ezich unde lege den uber die wunden Barth 141,11. 141,4. 141,13; Ipocr 34; mul [male] verbrunnen leim unde temper den mit wîzem des aies unde lege daz phlaster uber die geswulst Barth 143,3 4 Haut, die sich beim Gähren auf dem Most bildet (nicht identisch mit dem leim, mit dem man den Wein klärt, vgl. 1.2.3): [die Trennung des Mostes als Beispiel für die Trennung der vier Körpersäfte in der Humorallehre:] eniz ist also di erde. daz ander ist der geist. daz dritte alse der leime, daz ist hut uf dem moste geist. daz uirde ist der reine win SalArz 2,1. 2,10
MWB 3,3 1019,14; Bearbeiterin: Baumgarte