greifbar,
adj. ,
junges wort; schon bei Kramer
teutsch-italiän. (1700) 1, 559
b notiert, aber erst seit der zweiten hälfte des 18.
jhs. litterarisch verbreitet. 11)
von den verschiedenen bedeutungen des verbums greifen hat das adj. wesentlich nur die elementare des begreifens, fassens aufgenommen und weiterentwickelt. 1@aa) nicht allein das sichtbare daran, sondern das hörbare, riechbare, greifbare .. weisz er sich anzueignen und wiederzugeben Göthe 40, 300
Weim.; ihre malerei neigt zu bildhauerartiger auffassung, rund und greifbar wollen sie die dinge erscheinen lassen Grimm
Michelangelo 2, 62; andere frauen können .. geheime schubfächer aufschlieszen und mit einem schosz voll greifbarer angedenken niedersitzen W. Raabe
Abu Telfan 1, 190;
gern im gegensatz zum ideellen: die letzten handgriffe haben immer etwas geistiges, wodurch alles körperlich greifbare eigentlich belebt und zum unbegreiflichen erhoben wird Göthe II 5
1, 302
Weim.; was der mensch hier (
in London) nicht haben kann, das suche er beim urgroszvater seeliger, in dieser greifbaren welt nicht Lichtenberg
briefe 1, 11; wir beschäftigen uns mit der greifbaren sinnlichen welt Büchner
kraft u. stoff (1856) 42; dem bis vor wenigen jahren nur in der idee bestehenden pfefferkuchenhause greifbar zu begegnen Fontane I 4, 302;
so namentlich greifbare wirklichkeit: dasz sie das ideelle in greifbare wirklichkeit verwandelt Ludwig
ges. schr. 5, 181; so dasz für uns die welt des traumes auf das engste mit der gegenwärtigen und greifbarsten wirklichkeit verbunden war Keller 1, 337. 1@bb)
die zugehörigen substantiva oder parallele adjectiva weisen häufig auf den rein sinnlichen ausgangspunkt der bedeutung zurück: mit neugieriger liebe erfaszte sie alles .., was ihrer wogenden phantasie dargeboten wurde, und sie bekleidete es alsbald mit den sinnlich greifbaren formen der volkstümlichkeit Keller 1, 63; in dem auszuge des Marsilius nimmt alles etwas greifbarere gestalt an Scherer
kl. schr. 2, 208; nicht lange darauf verlieh Ndega seiner freude über unser kommen greifbare gestalt, indem er uns .. körbe mit bohnen überbringen liesz Götzen
durch Afrika 84; dasz man dasjenige auf ein einfaches sichtbares und gleichsam greifbares gesetz reduciren soll, was in der natur sich ewig verändert Göthe II 6, 318
Weim.; der richter unter der linde spricht nur über ruchbare und greifbare that G. Freytag 9, 300; wenn gegenwärtig das übel sich ohne greifbare, faszbare äuszerlichkeiten fortspann W. Raabe
hungerpastor 2, 207; nicht die greif- und meszbare summe dessen, was ein mensch leistet, ist das masz seines werths Justi
Winckelmann 1, 373; aber die mehrheit .. ist die einzige wirkliche und notwendige macht im lande, so greifbar und fühlbar, wie die körperliche natur Keller 3, 247;
aber auch schon früh ohne solche hinweise auf den sinnlichen kern des adj. neben reinen abstractis: sie haben ein recht greifbares argument Arnim
trösteinsamkeit 92;
doch tritt diese verwendung erst in jüngerer zeit mehr in den vordergrund: aber wie fein (
urtheilte er) doch auch über die greifbaren schädlichen wirkungen des katholicismus Gervinus
gesch. d. deutschen dichtung 5, 274; die kaiserwürde gewährte ihm keinen unmittelbar greifbaren zuwachs an macht Döllinger
akad. vorträge 1, 46; das frühere vage heldenideal ward greifbar Scherer
lit. gesch. 7 23; er .. verlangt aber auch zuweilen ungeduldig eher greifbare ergebnisse, als .. Prutz
preusz. gesch. 3, 52;
anders: in welchem grade Mozart (
in der zauberflöte) situationen wie personen lebendig und in greifbarer anschaulichkeit hingestellt hat Jahn
Mozart 4, 670; er sah die heimat vor sich mit greifbarer deutlichkeit Polenz
Grabenhäger 2, 66. 1@cc)
ebenfalls erst in jüngerer zeit gewinnt das adverbiale greifbar
ausbreitung; hier wird das verblassen der ursprünglichen sinnlichen bedeutung am fühlbarsten: abgesehen von der tendenz, die in herrn dr. O. Jägers geschichte der jahre 1848 und 1849 .. so offen und greifbar zu tage tritt
briefe von u. an Herwegh 335; nicht minder bewundernswert tritt uns hier seine technische meisterschaft entgegen, in mancher beziehung sogar greifbarer als anderswo Jahn
Mozart 4, 549; indem es uns in seinen sprüchen, liedern, sagen und sitten genau und greifbar urkunde gibt über viele seiner innersten gedanken Riehl
deutsche arbeit 111; die stämme sind greifbar noch heute da: die sprache zeigt es Lagarde
deutsche schr. 10; (
Haupt hat) dieses problem erst recht deutlich und greifbar hingestellt Scherer
kl. schr. 1, 121; die von ihm gegründeten volksschulen Litauens zeigen ihm das (
dasz Friedrich Wilhelm I. Preuszens erzieher war) greifbar Meinecke
Boyen 1, 67. 1@dd)
vereinzelt kehren im adj. gewisse phrasenhafte verwendungen des verbums wieder: wenn die finsternis sichtbar und beinahe greifbar vor mir brütete Schubart
leben u. gesinnungen 2, 249 (
vgl. greifen
sp. 25); dasz wir unsere narrheiten in utopische orte übersiedeln müssen, die uns alle so greifbar nahe liegen Gervinus
gesch. d. deutschen dichtung 5, 627 (
vgl. greifen
sp. 21). 22)
nur sehr selten zeigt sich in dem adj. eine specialisierte bedeutung des verbums: etwas was sich fangen, rauben läszt (
vgl. greifen
sp. 19): ein mädchen ist's gewisz: ein schönes zartes bildchen.laszt uns sehen, ob es wohl greifbar und genieszbar ist? Göthe 11, 272
Weim.; da waren sie (
die kinder) den genossen der bande, welche greifbares suchten, in die hände gefallen und der kleider entledigt worden Freytag
verl. handschrift (1905) 1, 172.