grätig ,
älternhd. auch gräticht, grätlicht, grätechtig,
adj., zu 1grat
und 1gräte
gebildet. 11)
im anschlusz an den eigentlichen gebrauch von grat
und gräte,
s. dazu noch heiszgrätig
s. v. 2grätig. 1@aa)
von der bedeutung '
fischgräte' (grat
und gräte A 1 a)
her soviel wie '
gräten habend',
besonders '
viele gräten habend',
seit dem ausgehenden 16.
jh.: (
die fische) haben ein zehe ... grädtechtige substantz H. Frölich
offenb. d. natur (1591) 245; wir brachten ein essen fisch zuwegen ausz diesem see (
von Tiberias), dieselbigen waren so grätig, daz ich dergleichen nie keine gessen hab Schweigger
reyszbeschr. (1619) 318; ein grätichter fisch
un pesce pieno di arreste Kramer
t.-it. 1 (1700) 557
b; die nase (naso) von dem obern rüssel, der hinter sich gebogen, also genennet (
eine fischart), hat ein weisses, weiches sehr grätiges fleisch,
sonicht gar gesund Hohberg
georg. cur. 3 (1715) 2, 304
a; das ... gräthige fleisch wird beym kochen gelblich Oken
allg. naturgesch. (1839) 6, 309.
mit nebenton: falsches kind! kalter, grätiger fisch! (
die nixe) R. Wagner
ges. schr. u. dicht. (1897) 5, 205.
für die lebende mundart: gra'erige fiske Böning
Oldenburg 40
und gretig '
viele gräten habend' Fischer
schwäb. 3, 804. 1@bb)
vereinzelt zu grat A 2 b '
dorn, stachel'
: spinosus dornig
vel gradtig (
var. gradrig) (15./16.
jh.) Diefenbach
gl. 547
a.
älter auch in der anwendung auf die angel bzw. den angelhaken, doch ist dabei wohl nicht von einer für grat
und gräte
unbezeugten bedeutung '
spitzes instrument'
[] (
s.grat A 2 d),
als vielmehr von der bedeutung '
scharf schneidendes instrument'
auszugehen, die hier ebenfalls sachlich gegeben und im älteren gebrauch von grat (
s. d. B 4 a)
verbreitet ist, vgl. auch das versnîden
im folgenden beleg: ouch ein vil gretik angel si (
die sündige seele) ver snidet in den tot (
hs. um 1300) Tilo v. Kulm
v. d. siben ingesigelen 5440
Kochendörffer; und nym ... klein gesmeidig angel die da guet grätig afterhacken haben
Tegernseer angel- u. fischbüchl. (15./ 16.
jh.)
in: zs. f. dt. altert. 14, 169. 22)
im anschlusz an den uneigentlichen und bildlichen gebrauch von 1grat
und 1gräte. 2@aa)
wohl von grat A 1 d
γ, δ bzw. gräte A 1 c
γ,
δ oder von grat A 2 b (
s. ob. b)
her soviel wie '
unwirsch, widerborstig'.
der bedeutung wegen eher hierher als, wie vielfach angenommen (
vgl. die maa.-wbb.),
an 2grätig '
geizig, gierig' (
s. d.)
anzuschlieszen. seit dem 16.
jh. belegbar (
vgl. auch ähnlich gebildetes grantig):
asper ruch, gretig, vnmilt, vngutig, vnwirsch
etc. (
Hagenau 1516)
bei Diefenbach
gl. 54
b; grätig
spinosus. er ist ein grätiger mensch
homo est mordax, rixosus Steinbach
dt. wb. (1734) 1, 635; grätig '
zänkisch, böse' Rüdiger
zuwachs d. sprachkde (1782) 2, 79; grätig sein '
leicht aufzubringen sein, jede kleinigkeit übel nehmen'
oberschles. monathschr. (1789) 2, 176; grätig sein,
nicht sanft sein, empfindlich, erbittert sein, und dies durch spitze reden an den tag legen Campe 2 (1808) 445
a; ich war aber damals (
als der herzog v. Koburg-Gotha seine erinnerungen schrieb) sehr grätig, und er hatte auch veranlassung dazu gegeben (1889) G. Freytag
br. an s. gattin (1912) 379.
mundartlich im obd. und md. reich bezeugt, vereinzelt auch ins nd. hineinreichend. wohl gleichfalls hierher gehörig: grätig '
unnachgiebig, fest beharrend, ausdauernd im widerstande gegen die meinung anderer'. klein aber grätig Frischbier
preusz. 2, 526; grâtig (
Pustertal)
unnachgiebig, arbeitsfreudig Schatz
wb. d. Tirol. maa. 1, 251.
auch: grêtig (
Tannheim)
lebhaft, munter ebda. hierher? 2@bb)
an den gebrauch von gräte A 1 c
ε anknüpfend in der bedeutung '
mager, dürr': das einzige kind des hauses war eine tochter, ein braunes, grätiges ding mit zwei langen schwarzen zöpfen und damals kaum dreizehn jahre alt Th. Storm
s. w. 5, 136
Köster. von hier aus: noch tau gradig sin, '
noch zu jung sein, von jungen mädchen gesagt, unreif' Mi
Mecklenburg 28; die kochfrau lachte schallend heraus. der (
herr Belfontaine) war auch schon früher hübscher als du (
ein küchenjunge) ... du grätiger pickelhering, sagte sie unbarmherzig El. Langgässer
d. unauslöschl. siegel (1946) 58.
für den mundartlichen gebrauch noch verzeichnet: grätig '
mager'
rhein. wb. 2, 1364; grätig '
dürr' Fischer
schwäb. 3, 804. 33)
im anschlusz an grat B 2, gräte B 2
in der bedeutung '
kantig, scharf'.
in diesem allgemeineren sinn nur mundartlich, für das schweiz. nachgewiesen (
vgl. schweiz. id. 2, 822).
literarisch in speziellem anschlusz an grat B 2 e
nur im kunsthistor. schrifttum des 20.
jhs.: kreuzrippen mit rundem querschnitt und, was wichtig ist, mit schluszstein (
finden wir) in Rosheim etwa 1170—90. die sonst nahe verwandte kirche des Niedermünsters am Odilienberg hatte noch grätige gewölbe Dehio
gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 123; aber erst die erneuerung (
der Speyerer krypta) unter Heinrich IV. übertrug die dort bewiesene wölbekunst auf das mittelschiff durch kreuzförmige aber rippenlose, also gratige gewölbe Pinder
kunst. d. dt. kaiserzeit (1935) 1, 148.