gottesgabe,
f. 11) '
um gottes willen'
gemachte zuwendung, stiftung; pfründe, geistliches lehen. 1@aa)
eine verdinglichte stiftung an kirchliche institutionen. am häufigsten unter dem gesichtspunkt, dasz die stiftung als geistliches lehen, pfründe oder laufende sach- oder geldleistung eine von der kirche verwaltete oder zu vergebende einkommensquelle ist für bestimmte nutznieszer, insbesondere für die inhaber einer solchen mit einem geistlichen amt verbundenen pfründe, für sozial betreute personen und für zu unterhaltende einrichtungen. die bei Haltaus
gloss. 741
und im anschlusz an diesen bei Fischer
schwäb. 3, 767
angegebene spezielle bedeutung '
patronatsrechte'
ist nicht nachweisbar, die dort verzeichneten belege meinen das geistliche lehen selbst. im späten mittelalter sehr häufig belegt, vgl. Lexer 1, 1055; Haltaus
a. a. o.; Schmeller-Fr.
bair. 1, 862; Fischer
a. a. o.; schweiz. id. 2, 53;
dt. rechtswb. 4, 1016
u. a.; seit dem 16.
jh. schwindet dieser terminologisch feste gebrauch allmählich, aber noch Schwan
nouv. dict. (1783)
weist auf ihn hin: gottesgaben '
die kircheneinkünfte' 1, 779
a,
und Campe 2 (1808) 431
a bestätigt ihn noch regional. glossierungen von lat.beneficium im 15./16.
jh., z. b. Diefenbach
gl. 71
c,
sind wohl hierher zu stellen: item Embrich von Lewenstein hat zuo lehene die gotzgabe von der kirchen zuo Zvenkirchen (1250)
corp. d. altdt. originalurk. 1, 25, 11
Fr. Wilhelm; der vogel bedäut die ungezogenen pfaffen in der christenhait, die vaizt gotsgâb habent von iren kirchen und sie doch verunrainent mit iren sünden Megenberg
buch d. natur 173
Pfeiffer; wand er (
der römische legat) verkoufte und vergrempete gotz goben offenlichen do (
Straszburg 14.
jh.)
städtechron. 8, 50; eynnahme gotzgabe von handtwerken und bawerschafften. einlagen, zunfftgerechtigkeitten, ansprachen (
forderungen), bussen, straffen und koren (
geldstrafen) wes sich der dinge biszanher ynnerhalb der stadt bey den handtwercken, und auszwendig uffen lande ynn dorffern, bey den bawern ym gemeinem unnserm kirchspiell, ynn vorrathe, als gottes gaben, versamlet, ... sollen allenthalb ynn gemeinen kasten geschlagen ... werden (1523) Luther 12, 19
W.; so die gottsgab und pfrüent ledig wirdt, es sei, das ain friemösser (
geistlicher, der die frühmesse hält) mit tot abgehet oder sonst von dannen ziechen wolt und nicht persohnlichen auf der gottsgab bleiben wolt, so soll kain friemösser kainen andern ... stöllen ..., sonder er soll die gottsgab ... denen von Glurns ledigclichen aufgeben, inmassen als die von Glurns ihm die verlichen haben als verleicher der gottsgab (1643)
österr. weist. 4, 11.
unter dem aspekt des stiftens, einrichtens der gottesgabe
kann das wort in die nähe von seelgerät (
s. d. u. unt. b)
rücken: ist dis selgrätt vnd jerlich gottsgab geben vnd gesetzt ab den obgenanten guetern (14.
jh.)
in: geschichtsfreund 26, 283; niemant ist vnwissen daz alle gotzgaben an klOester vnd pfrnen dermasen vmb gottes willen sein geben worden Gebweiler
beschirmung d. lobs Marie (1523) 35
b; gottsgaben, als an die kirchen, schulen, in gemeinen armen leuten seckel, mag einer, nachdem ihn gott ermahnet, vergaben (1747)
in: schweiz. id. 2, 54.
mit verwandter zweckbestimmung: das wir (
wollweberknechte) in allen stetten ein buchsen haben, in die wir alle fronvasten ein gotzgabe legen (
zur errichtung einer krankenkasse), unser ieglicher einen pfenning der múntze (
Zürich 1336)
in: dt. rechtswb. 4, 1016. 1@bb)
seltener und jünger die der kirche als '
seelgerät'
oder sonst zum eigenen seelenheil gelegentlich gemachten zuwendungen, weihgeschenke, auch in nicht christlicher anwendung: der tempel hangt voller gotsgab von silber, gold Seb. Franck
bei Fischer
schwäb. 3, 767;
σπονδή,
libamen, libatio gottesgab, opffer Frischlin
nomencl. (1586) 213
b;
anathema gottsgaab ..., so man in den kirchen aufhenckt Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 45; Aler
dict. (1727) 1, 974
a. 1@cc)
allgemeiner almosen für die armen: he (
der bettler) hahlt sik ne gottsgaw
mecklenb. ma. in: korresp.-bl. d. ver. f. nd. sprachf. 15, 19
b;
vgl. schweiz. id. 2, 53. 22)
unverdiente, aus wohlwollen und güte gewährte wohltat, gabe, geschenk gottes; im anschlusz an die verbindung gottes gabe (
unter gott
sp. 1041). 2@aa)
objektive werte, geistig-seelische kräfte und fähigkeiten des menschen, gnadengaben: darumb so hat er (
der mensch) verloren die vrspringliche gerechtikeit, justiciam orginalem, die selbe genad vnd gotzgabe ist ym genummen worden J. Pauli
Keisersbergs narrenschiff (1520) 152
a; es leit als an gote und ist als gottes-gabe. wie vil kuenst einer habe, si sint sie doch nicht seine, sunder gottes alleine Hans Sachs 22, 199
lit. ver.; treue in unserm herzen ist die erste gottesgabe Herder 31, 466
S.; geschmack kann verfeinert und geübt werden; aber er ist eine angeborne gottesgabe Friedrich Arndt
in: E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 1, 151; befragt, ob er (
der wunderdoktor) denn besondere gottes-gaben besitze, versetzt er: nein, aber ein altes receptbuch Hebbel
tageb. 4, 230
Werner; wie ... schön das leben sei, eine wahrhaftige gottesgabe H. Stehr
d. Heiligenhof (1918) 1, 283. 2@bb)
einem mehr kreatürlichen bereich zugehörige gaben gottes. 2@b@aα)
kinder oder deren besitz als geschenk gottes: bey disem schwanck ein jung mann lehrt: wenn gott ein erben im beschert, ... dasz er gott sol dancksagen thun als seiner reichen gottesgab Hans Sachs 21, 209
lit. ver.; gott helff vns wider gsund zusamen vnd verleyh euch auch kindeskindt, die ein bsonder gottsgaben sindt! Ayrer
dramen 1000
lit. ver.; da sieht man's recht, was für ein leiden es ist, wenn die gottesgabe (
das kind) so spät kommt W. Raabe
s. w. I 1, 178
Klemm; Stifter
s. w. 1 (1904) 196. 2@b@bβ)
zeitliche güter, lebensnotwendige oder -erhaltende, angenehme gaben: dann das ich got lobet vnd het es (
das gefundene geld) für ain gotzgab
Fortunatus (1509) 40
ndr.: das (
die prügel) wär der rechte lohn, den wir verdienet haben, dasz wir schändlich verthan die edle gottesgabe des leibes und auch seele (1628)
dreiszigjähr. krieg 415
Opel-Cohn. in heidnischem zusammenhang, aber durchaus christlicher redeweise: so hat mich got genidert vnd in armuot fallen lassen andern zuo ainem beispil vnd warnung, das sie die zeitlichen gter vnd andere gotsgaben wol gebrauchen, recht leben vnd nit thuon wie die werber in diesem hausz Schaidenreisser
Odyssea 176
Weidling. von naturprodukten, besonders solchen, die die nahrung sichern: die gotzgab des salzs (1516)
bei Schmeller-Fr.
bair. 1, 959; vieh, wolle, getreyde, butter, milch und ander gueter. es sind gotts gaben, die er aus der erden gibt und unter die menschen teylet (1524) Luther 15, 293
W.; wo sich auch vber khurcz oder lang die gottesgaben im perg meren, vnd mer arczt als yeczt gehauen und gebrochen würde (1541)
in: dt. rechtswb. 4, 1016; so sol ein fremdes volck denn unsre früchten haben, und die in unserm land gewachsne gottes-gaben? Lindenborn
Diogenes (1742) 2, 198; durch's korn? durch unser eigenthum, die gottesgabe? Grabbe
w. 2, 399
Bl. überhaupt nahrungsmittel: so könnt ihr doch noch einen trunk wassers mittheilen, denn dies ist eine gottesgabe, die dem armen wie dem reichen angehört Miller
pred. f. landvolk (1776) 1, 156; das volk will dann zu essen haben, verzehren bescherte gottesgaben. so friszt's würmlein frisch keimlein-blatt, das würmlein macht das lerchlein satt Göthe I 16, 78
W.; alle übrigen von den Römern gestohlenen und liederlich verschwelgten gottesgaben: linsen, erbsen, kohl und grosze bohnen Grabbe
w. 3, 573
Bl.; menschen, ... die die gottesgabe des stockfisches verachteten Ina Seidel
Lennacker (1938) 43.
prägnant das brot: wir Deudschen heissens (
das manna) aus dem 6. capitel Joannis himelbrot, aber sie (
die juden) habens gottesgabe genennet (1525) Luther 16, 299
W.; davon (
vom zerschneiden des brotes) offt viel brosamen unnützlich verfallen, dasz man ... mit füssen auf der gottes-gab umgehet Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 201; doch war es eine freude zu sehen, wie sorglich die frau die 'gottesgabe' behandelte, ihrem sohne zuschob und für sich fast nur die krumen zusammenscharrte G. Keller
d. grüne Heinrich (1854) 1, 29.
in der speziellen anwendung auf eine aus heilkräutern hergestellte arznei, wohl kaum von 3
herzuleiten: diese latwergen wirdt hoch geprisen, dasz man sie gottes gab nennet Wirsung
artzneyb. (1588) 528
a. 2@b@gγ)
auf der grundlage von β,
aber aus der religiösen beziehung sich lösend, mit auszeichnender funktion des ersten kompositionsgliedes (
vgl. kompositionstypen gott I G)
von angenehmen, erfreulichen dingen, die jemandem zufallen. häufig vom wein, z. t. noch ganz im sinne von β: es ist ja freylich gottesgabe, parentirt er (
der moralist), da des wirthes wein gelobt wird
portraits (1779) 107.
innerhalb eines biblischen bildes: so erlaubt er (
gott) mir doch, in seinem weinberge zu arbeiten, ich brauche nur die trauben zu lesen, zu keltern, zu pressen, zu bütten, und ich habe dann die klare gottesgabe H. Heine
s. w. 3, 181
E. z. t. weniger gewichtig: die gottesgabe ist dort (
in Frankreich) ... reichlich und wohlfeil H. Laube
ges. schr. (1875) 5, 110; sein verhältnis zur gottesgabe des weines war wohligheiter von je Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 183.
sonst in gelegentlichen anwendungen sehr unterschiedlicher art; beteuernde oder auszeichnende attribute unterstreichen oft den elativen charakter: es ist eine rechte gottesgabe um einen weisen und sorgfältig (!) freund Schiller
br. 5, 469
Jonas; es ist doch eine köstliche gottesgabe um ein alter von achtzehn jahren Schreyvogel
ges. schr. (1829) 1, 25.
oft durch die ungewöhnlichkeit der beziehung mit leicht scherzhafter wirkung: da liegt nu die liebe gottesgabe (
ein schnaps) Müller v. Itzehoe
Siegfried v. Lindenberg (1781) 1, 104; so ein plumpudding ist eine wahre gottesgabe Kotzebue
s. dram. w. (1828) 29, 303; so ein schlag-drein wie der Gerlach ist doch manchmal eine wahre gottesgab' Bauernfeld
ges. schr. (1871) 6, 157.
hierher mundartliche redensarten: da is gotts gave överall '
da gehts herrlich, überflieszend her; drunter und drüber' Schütze
holst. id. 2, 56; harn wi dat nig daan, so weer gotts gave överall gaan '
so hätte man uns keine ehre gelassen'
ebda; Mensing
schlesw.-holst. 2, 445;
vgl. unter gottesgewalt 1 b. 2@cc)
das geschenk gottes wird gelegentlich in der form eines sachverhalts umschrieben, es ist eine gottesgabe, dasz
oder wenn ...: denn welchem menschen gott reichthum vnd gter vnd gewalt gibt das er dauon isset vnd trincket fur sein teil, vnd frOelich ist in seiner erbeit, das ist eine gottesgabe (
erste dt. bibel: gib gotz)
prediger 5, 18; ein grosse gottesgabe ist es, eins hohen standes seyn, aber viel ein höher gottesgabe ist es, wenn ein fürst und herre gelert ist und fürchtet gott (1527)
mon. Germ. päd. 21, 16; wenn nun zugleich aus dem untergange Ottokars die gründung der habsburgischen dynastie in Östreich hervorging, so war das für einen östreichischen dichter eine unbezahlbare gottesgabe Grillparzer
s. w. 19, 107
Sauer; L. Thoma
Kaspar Lorinser (1937) 35. 2@dd)
ironisch von unangenehmem, besonders von krankheiten: meine krämpfe sollt ihr haben, speichelflusz und gliederzucken, knochendarre in dem rucken, lauter schöne gottesgaben H. Heine
s. w. 1, 429
E.; dieser moraldefekt (
ein in moralischer schwäche begangenes verbrechen zu verschleiern) ist eben eine gottesgabe für sich, die sich mit jedem temperament und jeder manier verträgt Fontane
ges. w. (1920) II 2, 378; A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 400. 33)
als pflanzenname für chelidonium majus L. '
schöllkraut'
; analoge bildung zu himmelsgabe,
das eine lehnübersetzung ist aus lat. coeli donum, welches seinerzeit von den alchimisten aus chelidonium entstellt wurde, vgl. Kanngiesser
d. etym. d. phanerogamennomencl. 42; Marzell
wb. d. dt. pflanzenn. 1, 931: schelkraut, schelwurz, schwalbenkraut, ... gotsgab, ...
gall. esclere, chelidonie Toxites
onomast. duo (1574) 224; wohlan, ich trag den kranz (
aus '
schwalbenkraut'), den ich nun habe, er heiszt auch hergottskraut, und gottesgabe Brentano
ges. schr. (1852) 6, 78.
vereinzelt auch für andere pflanzen neben häufigerem gottesgnade (
s. d.)
: gratiola officinalis L. Pritzel-Jessen
volksnamen d. pflanzen 169;
geranium Robertianum L. Fischer
schwäb. 3, 768.