glück(s)fall,
m. , '
lusus, arbitrium, casus fortunae' Stieler (1691) 419; '
caso di fortuna' Hulsius (1618) 139
b.
offenbar lehnübersetzung des (
spät)
lat. casus fortunae, vielleicht im dt. unter mitwirkung der vorstellung vom fallen der würfel. entsprechend der bedeutung von glück
sowohl im neutralen wie im gunstigen sinn gebraucht; seit dem 17.
jh. überwiegt die form glücksfall. 11)
zufall, unerwartet eintretendes ereignis, schicksal. 1@aa)
allgemein: sors, fortuitus alicuius rei eventus glückfall, losz Alberus (1540) u 4
b;
πότμος,
fatum nascentis, glückfall der geburt Frischlin
nomencl. (1586) 201
a; (
wer) inn all glücksfell sich schicket eben, kan alzeyt auffricht und wol leben Hans Sachs 4, 96
K.; und in derselbigen sicherheit betrachten sie (
die Deutschen) kein fahr noch glückesfall Hutten
opera omnia 4, 288
Böcking; allen gfaaren vnd glückfälen vnderworffen seyn Frisius
dict. (1556) 891
a; dasjenige so ungefehr geschicht (welches wir sonst den glücksfall nennen) Opitz
Arkadia (1638) 532; weil ... der reichthum, den man sich von der arbeit verspricht, ... überall ungewisz (
ist) und von tausenderley glückesfällen kan hinterstellt werden
discourse d. mahlern (1721) 3, 39.
gelegentlich der mehr persönlichen auffassung der schicksalsmacht (
s.glück I B)
sich nähernd: es möcht bei etlichen häszlicher leibe under dem unfall der natur oder glückfalls gerechnet werden Seb. Brant in:
Fr. Petrarche hülff, trost u. rath (1559)
vorr.; die reichthumb sind wol köstlich und achtbar, aber des glücks eygen und allerley plötzlichem glückfall unterwürflich, sintemal der fall sie oft den habenden ab und denen, so es nicht verhoften, zu wendet Fischart 3, 288
Hauffen; ... überläszt sie (
das weib) sich ganz nur dem glücksfall Fr. L. Jahn
w. 1, 274
Euler. 1@bb)
durch zugesetztes adj. als unglück, unglücklicher zufall gekennzeichnet: und von allerhand und mancherlei sorgkliche gückfell ... bin ich ... unrüwig jhm geist Seb. Brant
von d. losen füchsen (1546) b 3
a; seinen widerwertigen glückfall zu vermaledeyen
Amadis vi.
buch (1595) 461; und wilst ein labsal in deinen wiederwertigen glükksfällen schöpfen Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 4; durch einen greulichen glücksfall Prätorius
catastrophe muhammetica (1664) 97; ach! wie hat mich gestürtzet der jehe glükkesfall J. Rist
friedewünsch. Teutschland (1647) 32; mit dem unselgen glücksfall in der schlacht Müllner
dram. w. (1828) 3, 193. 1@cc) '
geratewohl, risiko, wagnis': glücksfaal oder das wagen, so man es dapfer wagt.
alea certaminis Maaler (1561) 186
d; als begebe ich mich uf glückfall, um fortuita oder contingentia zu errathen Kepler
opera omnia 1, 388
Frisch. 22)
glücklicher zufall, günstiges ereignis, günstiges geschick; heute wohl nur noch in diesem positiven sinne gebraucht. 2@aa)
allgemein, besonders gern als plural zu glück II B 1: glückfal, ein guter schick.
fortuitum bonum, fors Maaler (1561) 186
c; des gelückfals warten müssen
N. v. Wyle
translat. 152
Keller; das det er als vür gluecksfal rechen Hans Sachs
fabeln u. schwänke 2, 423
ndr. (
in der späteren bearbeitung 17, 402
K.-G.: glücksfall); sondern es ligt alls an der gelegenheit der zeyt vnd glückfal S. Franck
sprüchw. (1545) 1, 98
b; inn allen glückszfelln hat er (
der neidische) leyd G. Wickram 7, 110
Bolte; aber des Arati sachen ist ein solcher glückfahl zugestannden Xylander
Polybius (1574) 256; es für einen sonderlichen glücksfall achten Kirchhoff
wendunmuth 2, 516
Österley; durch einen sonderlichen glüksfal Zesen
Assenat (1672) 269; in lauter blühenden glücksfällen Chr. Weise
polit. redner (1677) 711; bey allen glückesfällen J. G. Neukirch
anfangsgründe z. teutschen poesie (1724) 331; ehe sich dieser glücksfall zuträgt Gottsched
beyträge z. crit. historie (1732) 8, 248; bei einigen auszerordentlichen glücksfällen Hippel
kreuz- u. querzüge (1793) 1, 64; ein glücksfall rettete uns allen das leben Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 3, 18; ein sonderbarer glücksfall (
hat ihn) von allen ... allein am leben erhalten G. Forster
s. schr. (1843) 5, 389; ein ganz unerwarteter und unwahrscheinlicher glücksfall Göthe IV 38, 177
W.; dieser unerwartete glücksfall verbreitete einen allgemeinen jubel Eichendorff
s. w. (1864) 2, 409; als einen besonderen glücksfall rühmte dieser ..., dasz ... E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 102
Grisebach; so sind dies glücksfälle, auf die ich nie gerechnet Ayrenhoff (1814) 1, 286; gewisz ein seltener und beneidenswerther glücksfall Matthisson
schr. (1825) 4, 16; die auszerordentlichsten glücksfälle Immermann 6, 176
Boxberger; wäre uns eine deutsche Edda ... erhalten, durch ein zusammentreffen fast unmöglicher glücksfälle Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 29; dasz konvenienz und leidenschaftliche liebe hand in hand giengen, ist der seltenste glücksfall Schopenhauer
w. 2, 657
Grisebach; ein unerwarteter glücksfall fürst Pückler
briefw. u. tageb. 6, 323
Assing; die günstige wendung ihres geschickes irgend einem unvorhergesehenen glücksfalle überlassend Holtei
erz. schr. (1861) 9, 55; dies ereignis hielt er für einen unberechenbaren glücksfall G. Keller
ges. w. (1889) 3, 194; durch die wunderbarsten glücksfälle Th. Mommsen
röm. gesch. (1854) 3, 403; ein ungeheurer glücksfall
ebda 1, 388; es als einen glücksfall betrachten, dasz ...
ders., reden u. aufs. (1905) 76; diesen ersehnten glücksfall J. Rank
erinnerungen (1896) 181; dasz er seine eigene ehe nicht zu den spärlichen glücksfällen seines lebens rechnen durfte W. Weigand
d. gärten gottes (1930) 26.
beliebt ist die zusammenstellung glücks- oder (und) unglücksfälle,
z. b. Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 425; Grimmelshausen 2, 902
Keller; G. Treuer
dt. Dädalus (1675) 1, 768; H. v. Fleming
d. vollk. soldat (1726) 37; Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 1, 32; G. Forster
s. schr. (1843) 7, 274.
gelegentlich an mehr zuständliche bedeutung angenähert: und verricht sich einer nach dem andern mit ... denen von Zürich, wie es dann gwonlich gat, dasz im glückfall vil helffer sich erzeigend Äg. Tschudi
chron. Helveticum (1734) 1, 166; es wartet ein glücksfall auf sie Iffland
theatral. w. (1827) 3, 254; jene enge verflechtung von kaisertum und Romfahrt ..., die man mit dem besten willen nicht gerade als einen glücksfall für unser volk bezeichnen kann Darré
neuadel (1930) 34. 2@bb)
insonderheit bezogen auf materiellen gewinn (
zu glück II D 4 b),
vgl.'glücksfall
ein zufall der unsern äuszeren wohlstand befördert' Voigtel
wb. (1793) 2, 106
a: er war durch vielfältige ... glücksfälle zu ... vermögen gelanget
d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 110; solche güter, die eheleute während der ehe durch fleisz und ersparung erworben, nicht auch solche, die ihnen durch erbschaften ... oder andere glücksfälle zugefallen
allg. dt. bibl., anh. zu bd. 25-36, 416; ich soll durch glücksfälle eben so wenig reich werden als sie, meine liebe freundinn Lessing 17, 371
M.; weil ihre casse erschöpft ... war und weil es eines glücksfalls bedurfte, um den abgrund unter ihren füszen auszufüllen H. v. Chézy
erz. u. nov. (1822) 2, 314; durch einen glücksfall erwarb er eine kleine summe, die er auf eine italienische reise verwenden wollte Gutzkow
d. ritter vom geist (1850) 5, 511; und verschwieg weislich, dasz er diese habe auf einmal durch irgend einen glücksfall erwischt G. Keller
ges. w. (1889) 4, 212; als man dem Angerbauer diesen glücksfall hinterbrachte, war er zunächst sehr erfreut über den zuwachs des vermögens
M. Meyr
erz. aus d. Ries (1868) 1, 159; ohne dies (
sparsamkeit) werden einzelne glücksfälle, zufällige gute einnahmen selten nützen O. Jahn
Mozart (1856) 3, 253. 2@cc)
wie glück II F
auf personen bezogen: erwache meine schönste, meine vermählte, mein letzter glückesfall Bodmer
abhdl. v. d. wunderbaren (1740) 328. 33)
mehr konkret, das glückliche fallen der würfel: ein mensch, im spielen vertieffet, also dasz er von fürcht halb todt und in hoffnung trunken und dessen seelenruhe in dem glücksfalle der würffel bestehet, ist wol ein elender verachtungs- doch mehr mitleidenswürdiger scheusal Chr. v. Ryssel
von dem seelenfriede (1685) 687.