gleichschwebend,
part. adj. 1) '
im gleichgewicht schwebend',
in eigentlicher, vor allem aber in bildlich-übertragener anwendung. meist zu gleich VI A 4 '
wagerecht'
und gleichgewicht A 1 b,
von der vorstellung der wage aus, deren schalen in gleicher, d. h. gerader linie schweben, zur umschreibung eines gleichen, besonders auch eines noch unentschiedenen kräfteverhältnisses: wer kan sein hertz zwischen furcht und hoffnung im gleichschwebenden gewichte halten? Harsdörffer
Heraklitus (1661) 1, 616; beiden verwandt mit gleichschwebender wage schaut sorgend uns beide Zeus Droysen
Äschylus (1841) 298; also stand gleichschwebend die schlacht der kämpfenden völker (
ὣς μὲν τῶν ἐπὶ ἶσα μάχη τέτατο πτόλεμός τε 15, 413) J. H. Voss
Ilias (1821) 2, 76.
abstrahierter: zwei hauptgestalten heben sich hier (
in der Rütliszene) kräftig von den nebenfiguren ab und bilden für die einleitung einen kleinen höhenpunkt, die zerrissenheit durch mehre gleichschwebende momente wird verhindert G. Freytag
ges. w. (1886) 14, 209.
seltener auf den gleichgewichtsstand eines einzelnen körpers bezogen, zu gleichgewicht A 1 d: als sich zum himmel erhob gleichschwebenden fluges die göttin (
paribus alis) J. H. Voss
Virgils w. (1799) 2, 320; er (
der lotos) hält im gleichgewicht sich schwimmend auf der welle, neigt jeder woge sich und weicht nicht von der stelle ... und ein gemüthe, das ein leben wechselreich gleichschwebend so beherrscht, ist selber Brahma gleich Rückert
ges. poet. w. (1867) 3, 278. 2)
von gleichmäsziger bewegung: diesen reiz gleichschwebender bewegung und gleichgemessener umfänge von taktschritten fühlt jedes, auch ungebildete ohr J. H. Voss
zeitmessung (1802) 175. 3)
als musikalischer fachausdruck, besonders in der verbindung gleichschwebende temperatur,
mit der jene stimmung der instrumente bezeichnet wird, in der alle gleichartigen intervalle in gleichem masze und verhältnis von ihrer naturreinheit einbüszen, um die gleiche schwebung (
s. d.)
höher bzw. niedriger gestimmt werden. gegen ende des 17.
jh. von Andreas Werckmeister
als forderung aufgestellt und von ihm als wohl temperierter zustand
bezeichnet, welcher ausdruck hinter der kurz nach 1700
aufkommenden bezeichnung gleichschwebende temperatur
im 18.
jh. sehr bald zurücktritt. zum geschichtlichen und sachlichen vgl. H. Riemann
gesch. d. musiktheorie (
21921) 327
ff.: von einem neuen genere diatonico —chromatico —enharmonico, nach welchem die gleichschwebende temperatur eingerichtet ist J. G. Neidhardt
temperatur d. monochordi (1706) 42; 'gleichschwebende temperatur
ist eine solche temperatur, in welcher alle gleichartige intervalle von gleicher grösze sind, oder in welcher die zwölf halben töne der octave eine stetige geometrische progression machen' Marpurg
musikal. temperatur (1776) 128; nur die stimmung (
des klaviers) billigte Lockmann nicht so ganz. er meinte: es sollte in der gleichschwebenden temperatur gestimmt seyn Heinse
s. w. 5, 51
Schüdd.; auch eine andere verwandte einrichtung des gegenwärtigen tonsystems schwächt die unterschiede der einzeltöne und tonarten ab, die sog. gleichschwebende temperatur oder herabstimmung der quinten Fr. Th. Vischer
ästhetik (1846) 3, 873.
nicht selten in bildlicher oder übertragener erweiterung: so viele scribenten, als nur von den verhältnissen der töne geschrieben haben, haben auch alle ihre gegner gefunden, und man hat auf allen seiten gleichschwebende gründe (wenn ich so reden darf) angetroffen Scheibe
d. critische musicus (1745) 664.
besonders für einen gemäszigten, gleichbleibenden inneren zustand: sie beäugten alle wohlgemachte mannspersonen mit der gleichschwebenden temperirten gefälligkeit ..., welche ein bedächtlich tugendhaftes gemüth gegen alles gute hat J. J. Chr. Bode
gesch. d. Thom. Jones (1786) 2, 217; hier erklang leise sein inneres und sein äuszeres stürmen — und die gleichschwebende temperatur des instruments wurde die des spielers Jean Paul
w. 15/18, 136
H.; eine gleichschwebende temperatur einführen zu können (
im verkehr verschiedener menschen), wäre eine leistung der höchsten bildung Schopenhauer
w. 4, 499
Gr. —