Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
gewonheit stF.
1.1 allg.
1.2 (individuelle) ‘Angewohnheit’
1.3 ‘Gewohnheitsrecht’ (vgl. detailliert WMU 1,736f.)
2 von natürlichen, regelhaften Dingen
2.1 ‘Art, Natur’
2.2 spez. ‘Menstruation’
3 im Sprichwort
3.1 Gewohnheiten sind schwer abzulegen (vgl. TPMA 5,4-6)
3.2 Gewohnheit ist mächtig (vgl. TPMA 5,6f.)
3.3 Schlechte Gewohnheit schadet viel (vgl. TPMA 5,7)
3.4 Gewohnheit verändert die Natur (vgl. TPMA 5,7)
3.5 Gewohnheit ist stärker als Natur (vgl. TPMA 5,8)
3.6 Gewohnheit wird zur (zweiten) Natur (vgl. TPMA 5,8-9)
3.7 Gewohnheit erzeugt Liebe und sittliches Verhalten (vgl. TPMA 5,11)
3.8 Gewohnheit bringt Fertigkeit (vgl. TPMA 5,11)
1 ‘Brauch, Sitte, Gepflogenheit’ 1.1 allg.: meister [Jesus] , sage vns, wo wilt du, / daz wir dir bereiden nuͦ / daz osterlamp nach der iuden side? / die gewanheit were nit guͦt virmiden PassSpM 579; nu schult ir uernemin, wannin div geuvonheit erwͦchse, daz wir in disim osterlichem zîte uâstin Spec 62,10; dar nâch dô mit gewonheit / Jôsaphât ze velde reit, / daz er mit willen selten lie RvEBarl 1227; ez ist ein alt gewonheit, / daz man dem sæligen ie / gerne diende UvZLanz 8436; HimmlJer 298; PrLpz 8,42. – oft ~ hân: ze den selben czeiten do heten die romære eine gewoneheit [...], das si begiengen an dem anegenge des selben manodes ein hochczeit des kæiseres Augusti Konr 15,32; nû hete der künec die gewonheit / daz er nimmer deheinen eit / bî sînes vater sêle swuor / wan des er benamen volvuor Iw 893; Ägidius 292; StrKD 61,3. – oft nâch ~ (auch mit Attr.): man lûte dâ zem münster nâch gewoneheit NibB 1005,1; si satzten ûf vil schône / Lanzelete die krône / nâch küniclîcher gwonheit UvZLanz 8375; er [Antenor] bezeichente da mite [mit dem Olivenzweig] / fride nach dem site / vnde nach der alden gewonheit Herb 15281; PrOberalt 84,9; Tr 3006; BrEng 53 1.2 (individuelle) ‘Angewohnheit’ sihstû danne daz im [dem Kranken] diu ougen hol sint unde im der munt offen stêt sô er slæphet, sô soltû in vrâgen, ob ez sîn sit sî daz er mit offem munde slâffe; ist ez sîn gewohnheit niht unde zehert im daz winster ouge, sô stirbet er an dem driten tage Barth 135,12; Iw 4976. 6595; dv́ ander ist von boͤser gewonheit, das wir das herce niht gewennit haben mit stetem vlize an got gedenken DvAStaff 118; min herze vinster ist von gewonheit der súnden Mechth 6: 37,10; PrLpz 31,5; HeslApk 13552. – ~ (ze)brechen: irn sult iuwer gewonheit / durch nieman zebrechen. / der humbel der sol stechen Iw 204; StrKD 41,4. 57,122; MarlbRh 12,24. – Gewöhnung, Erziehung: die geprechen habent an der sêl werken, die sint zwaierlai. etleich habent daz von gepurt und etleich von gewonhait BdN 488,21; die aber den geprechen habent von gewonhait, daz sint die in den wälden erzogen werdent verr von den vernünftigen läuten und lebent sam daz vieh ebd. 488,29; die andern [Beizvögel] sint gar edel, die vâhent von nâtûr mit klainer gewonhait [Übung, Abrichtung] ebd. 188,19 1.3 ‘Gewohnheitsrecht’ (vgl. detailliert WMU 1,736f.): guot gewonhait ist als guot als geschribeneu recht RbRupr 226; sie sulen ouch geloben [...] zu behaltene die regele unde dî gewonheit des ordenes StatDtOrd 128,2 u.ö.; div gesetz der brvder vnd die gewonaiht des spitals SpitEich 5,14; diu vrävel ist ein phunt oder fünf schillinge, ie nâch des landes gewonheit SpdtL 147,25; daz sagen wir niht daz ez reht sî, ez ist ein gewonheit ebd. 152,2 u.ö.; er múst aber der statt ir gewonheit halten und ir recht Lanc 376,26; StRMünch 167,31. – von Abgaben: daz sie czollen, müten [ein Getreidemaß] , recht und gewonheit, di von alter her gewesen ist, berichten vnd tuen suln UrkBresl 175 (a. 1349) 2 von natürlichen, regelhaften Dingen 2.1 ‘Art, Natur’ alsô schiere er sich dâ nider / zuo der frouwen het geleit, / nâch menschlicher gewonheit / wart sie swanger und enphie Eracl 316; porphirio [...] ist ain vogel auz der gewonhait und auz der weis anderr vogel [ extra consuetudinem et modum aliarum avium ] , [...], wan er hât ainen praiten fuoz ze swimmen und hât ainen andern gespaltenen fuoz ze gên auf dem lande BdN 212,4. 122,31 2.2 spez. ‘Menstruation’ dar umb ist der mônâtleich fluz verslozzen an den swangern frawen, ez sei dann daz kint tôt oder diu fraw hab gar vil übrigs pluots. der hân ich ain gesehen, diu mit lebentigem kind ir gewonhait het BdN 33,26; wer in [Myrrhe] clistiert mit rautenwazzer, sô pringt er den frawen ir gewonhait, diu menstruum haizt ebd. 370,36 u.ö. 3 im Sprichwort 3.1 Gewohnheiten sind schwer abzulegen (vgl. TPMA 5,4-6): wan des der mensche in gewonheit kumet daz klîbet im gerne ane PrBerth 1:201,4; swer wider die natûre / wil ungewonlîch kriegen, / daz wirt im dicke sûre, / wil er natûre nâch gewonheit biegen; / dar nâch tuot wê, swer muoz gewonheit brechen Hadam 382,5; dar vmb spricht ein weiser meister Aristotiles. difficile est consueta relinquere. ez ist vnmuͤgleich die gewonhait ze verlazzen GestRom 15; natúrlich neigung und alte gewonheit ist muͤlich zuͦ lassen Seuse 456,17. 221,3 3.2 Gewohnheit ist mächtig (vgl. TPMA 5,6f.): gewonheit diu ist rîche Helbl 8,1; gewoneheit diu ist rîch, / tumben liuten schedelîch Freid 108,7; gewonheit, diu ist michel: / swaz di jugent krumbet, daz wirt in alter sten alsam ein sichel JTit 3308,3; des sprechent die wîsen: vil tuot lêre, / sô tuot gewonheit dennoch mêre Renner 10630. 16162 3.3 Schlechte Gewohnheit schadet viel (vgl. TPMA 5,7): bœse gewonheit und bœse site / die sint gar des tiuvels seil / dâ mit er uns ziuhet zunheil WälGa 12018; bœsiu gewoneheit / machet schaden unde leit Freid 108,9; des wizzet daz bœsiu gewonheit / aller sünden insigel treit Renner 9529. 21145. 13493 3.4 Gewohnheit verändert die Natur (vgl. TPMA 5,7): iedoch gewonhait verändert vil der nâtûr an dem menschen zuo guotem oder zuo pœsem BdN 29,3; dar umb ist der spruch wâr, der dâ spricht: diu gewonhait ist ain wechslerin der nâtûr ebd. 29,17; dik verwandelt diu gewonheit / die natûr, als man uns seit Boner 65,5 3.5 Gewohnheit ist stärker als Natur (vgl. TPMA 5,8): gewonheit wirt nimer laz. / si greiffet vür nature Krone 1519; gewonheit ist noch richer dann nature JTit 5403,3; gewonheit ist etewenne rîcher danne diu natûre PrBerth 1:35,31 3.6 Gewohnheit wird zur (zweiten) Natur (vgl. TPMA 5,8-9): gewonheit ist die ander natur Jüngl 1165; wanne gewonheit ist wol halbiu nâtûre PrBerth 2:58,3; der iunge muͦz striten mit siner iugent, der alte mit sinen sitten. wan mit langir gewonihait muͦz der mensche striten alse mit der nature PrGeorg (Sch) 22,139 3.7 Gewohnheit erzeugt Liebe und sittliches Verhalten (vgl. TPMA 5,11): das menschlich natûre alsô stât: / swes si niht gewonet hât, / das si das gerne schuͤhet / ze allen zîten, und es vluͤhet; / aber swas si tuot von gewonheit, / das minnet si, als duͤ schrift seit Ammenh 16687 3.8 Gewohnheit bringt Fertigkeit (vgl. TPMA 5,11): ist, daz duncket einem ungeuͤbeten menschen sin zuͦmole unmúgelich, wan gewonheit machet kunst. das wir nu alle diser edeler geburt gerum Tauler 12,14
MWB 2 748,6; Bearbeiter: Richter