gewenden,
verb. ,
verstärktes wenden,
s. d. in der älteren sprache und schon vorher bei Ulfilas
beliebt und reich entwickelt, ist das zusammengesetzte verbum früh durch lose verbindungen von wenden (
oberdeutsch noch häufiger von kehren)
mit adverbialen bestimmungen verdrängt worden. nur eine gebrauchsrichtung bleibt längen begünstigt: gewenden
in der bedeutung von '
abwenden'.
sie steht im gegensatz zu der hauptgruppe der bedeutungen, die dem einflusz des intensiv wirkenden präfixes ge
unterliegen, und ist für die ältere zeit nur einmal, im Heliand (
als dessen einziges beispiele für das compositum),
belegt. 11) gewenden, einem ziele zu wenden.
hier läszt sich namentlich aus der geschichte der bibelübersetzung zeigen, wie gewenden
im oberdeutschen sprachgebrauch durch zusammensetzungen von kehren,
bei Luther
durch andere verbindungen von wenden,
verdrängt wurde. einige restverwendungen zeugen auch noch für gewenden
selbst. 1@aa)
der reflexivgebrauch begünstigt die unterdrückung der kennzeichnung des zielpunktes, dieser läszt sich jedoch aus dem zusammenhang meist errathen. 1@a@aα)
der zielpunkt ist nur vorausgesetzt. 1@a@a@11))
für die wendungen des körpers beim gespräch giebt die bibelübersetzung mannigfache gelegenheit, vgl. schon: iþ Jesus gavandjands sik jah gasaihvands þo qaþ. Ulfilas
Matth. 9, 22 (da wendet sich Jhesus umb. Luther; Jhesus bekert sich
cod. Tepl.);
thô giwanta sih ther heilant inti gisah sie.
Tatian 16, 2,
conversus autem Jhesus. Joh. 1, 38; umkert sich
cod. Tepl.; wandte sich umb. Luther);
ebenso Tat. 221, 3. 1@a@a@22))
auf die gotische bibel beschränkt bleibt die entwicklung des reflexiven gavandjan
zu der bedeutung von '
zurückkehren, auf dem wege umwenden, zurückkommen': jah gavandidedun sik þai hairdjos.
Lucas 2, 20 (di boten kerten wider
cod. Tepl., die hirten kereten widerumb. Luther),
ähnlich auch 1 Cor. 7, 5. 1@a@bβ)
der zielpunkt ist gekennzeichnet. 1@a@b@11))
mit den unter α) 1))
angeführten belegen berührt sich aufs engste die wendung gegen eine person: jah gavandjands sik du þizai qinon. Ulfilas
Luc. 7, 44 (er umkert sich.
cod. Tepl., er wandte sich zu dem weibe. Luther),
vgl. Tatian 138, 11: inti giwant ci themo wibe (
conversus). 1@a@b@22))
sächlicher zielpunkt: thaʒ sio farento in burgi inti in thorf thiu thar umbi sint sih giwenten.
Tatian 80, 1 (
ut euntes in castella villasque ... divertant. Luc. 9, 12, saljaina Ulfilas, herberge [finden] Luther; widerkeren in di kastel
cod. Tepl.); der nie sein handt mocht zum munde pringen der sich nie auff die andern seiten gewenden mocht.
Gregors dialoge IV cap. 13. 1@a@b@33))
übertragung: ni was, ther nan intfiangi,in gilouba gigiangi; zi giloubu sih giwanti,thaʒ inan ouh irkanti. Otfrid 2, 2, 25; sam snelle du verendestan swaʒ du dich gewendest, niht dir entwischetswes dich gelustet.
genesis u. exodus 1, 113
Diemer; wand ich enwil vurbaʒ durch dich nimmer zu den goten mich gewenden als die heiden, noch min leben scheiden von deme gewaldigen gote, der mit sime gebote himel und erden geschuf.
pass. 341, 31
Köpke. 1@bb)
für den intransitiven gebrauch ist das compositum ganz auf die älteste sprache beschränkt. jah gavandiþs du siponjaim seinaim qaþ. Ulfilas
Luc. 10, 23; inti giwant zi sinen iungiron quad (
conversus ad discipulos).
Tatian 67, 9; und er wandte sich zu seinen jüngern. Luther; Jhesus kert sich zu sein iungern.
cod. Tepl.; ni gifâhit iuih thaʒ heil,thaʒ eigit himilrîches deil, zi themo scônen lanteîo iuer fuaʒ giwente. Otfrid 2, 18, 8; der trache vor im flôch, sancte Silvester im nâch zôch daʒ loch unʒ an daʒ ende. der trache nemahte dô niht gewenden weder hin noch her.
kaiserchron. 10585 Schröder (
var. wenden). 1@cc)
der transitive gebrauch hatte in der älteren sprache die gleiche breite entfaltung und weiterentwicklung erreicht, wie der reflexive; aus der neueren sprache sind hier nur wenig zeugnisse, darunter eins für die ursprünglichste und einfachste stufe, zu belegen. 1@c@aα)
verbindungen mit einem concreten object: 1@c@a@11)) und so ich mich mit dem sper vleiʒ ûf ein langes puneiʒ, sô kunde ich wol gewenden daʒ ors ze beiden henden. Hartmann v. Aue
Gregorius 1443
Lachmann; der adelaer fliuget durh die lufte z der sunnen und wartet wol allen tak in den schin der haiʒen sunnen, daʒ er siniu ougen niemer gewendet.
spec. eccl. 33; da rieff sich Carl der Benteler reicht mir die grosse büchse her. dass ich sie kan gewenden.
lied auf die eroberung von Hettstädt vers 5
bei Soltau 2, 16. 1@c@a@22))
wie beim reflexiven so ist auch beim transitiven gebrauch die vorstellung der rückkehr
am stärksten in der got. bibel entwickelt, neben gavandjan sik = zurückkommen
stellt sich gavandjan = zurückbringen: Judas ... gavandida þans þrins tiguns silubrinaize gudjam. Ulfilas
Matth. 27, 3 (er widerbracht di 30 silberin den fursten der pfaffen.
cod. Tepl.; bracht erwider Luther). 1@c@bβ)
übertragener gebrauch. 1@c@b@11))
der zielpunkt ist gekennzeichnet: jah mahta ... gavandjan hairtona attane du barnam. Ulfilas
Luc. 1, 17; thaʒ her giwente herzun fatero in kind inti ungiloubfolle zi wîstuome rehtero (
ut convertat).
Tatian 2, 7 (daʒ er beker di hertzen
cod. Tepl. zu bekeren die hertzen der veter. Luther); dat ick enen guden man bekande, dar ick min herte to gewande.
hartebok 226
f. 28
a bei Schiller-Lübben 2, 101
a; denn es wil sich nit leiden, die weil gott so vil an uns gewendet. Luther
hauszpostil (3
trin.)
von ostern bis advent s. 83 (
ebenso in d. niederd. übers.); si wâren guote knehte, thes keiseres vore vehten. ire vanen sie gewanten nie ze theheinen werltlîchen scanten. Konrad
Rolandslied 73
Bartsch; dannoch gewende ich mînen sin, ... kûm' oder niemer dar an, dar an sich alse manic man versuochet unde verprîset hât. Gottfried v. Straszburg
Tristan 4921
Bechstein; ich bite alte unde iungen, die da lesent, als hie geschriben steit, daʒ mih ir aller hovescheit entschuldigen muge umbe daʒ, wan ich niet ze diutsche baʒ mohte gewenden daʒ latîn, daʒ es behielde diutschen sin.
spruchged. v. Salomo u. Morolf einl. bei Pieper; hie sichst du wie die welt verblendt all erberkeit zuo bOesem gwendt, wie Rom tht liegen mer vnd mer, vnd heisszt das nennen gOettlich ler. Hutten (
Vadiscus) 4, 260 Böcking. 1@c@b@22))
der zielpunkt ist nicht gekennzeichnet: ich hân den muot alsô gewant, swie ich daʒ gewende, daʒ mir ân dich alliu lant sint ein ellende. Hartmann v. Aue 1.
büchlein 1704
Haupt. 1@c@b@33))
statt des zielpunktes ist der punkt angegeben, von dem die bewegung weggeleitet wird: sin kan niemer von ir liebe mich gewenden. Walther 94, 9; ouch solte mich wol helfen daʒ daʒ ich ir ie was undertâ
n. sît ichs began, so enkunde ich nie den stæten muot gewenden rehte gar von ir, wan si daʒ beste gerne tuot. Fr. v. Hausen
minnes. frühl. 43, 8,
ebenso Neidhart 11, 28
Haupt (
var.: bewende) Ulrich v. Lichtenstein 105, 13
Lachmann; daʒ si mich von der selben stat nie lieʒen wider wîchen, noch gewenden, ich enlobt' in ê, ich hülf' ir not vol enden. Walther v. Mezze
bei v. d. Hagen 1, 308
a; so wir unser dinc nu genden, die nôt von uns gewenden, diu uns nu sô ze rucke lît, so gebietet eine hôhgezît wol hêrlîch unde rîche. Gottfried v. Straszburg
Tristan 1622
Bechstein. 22)
in der letzt belegten verbindung führt auch gewenden
zu der bedeutung '
abwenden, aus dem wege räumen'
über, die am einfachen wenden
so häufig belegt ist (
vgl. mhd. wb. 3, 689
b).
am compositum ist sie, in der älteren sprache nur für den Heliand bezeugt, vgl. dazu gewenden ...
afkeeren, afwenden Verwijs
u. Verdam 2, 1886.
häufiger begegnet sie in neuhochdeutschen belegen: 2@aa) thôh gidôn ik, that it ênig rinkô ni mag wordun giwendian endi it skal giwerdan sô.
Heliand 2760; daʒ büechel sul wir enden, den wîsen liuten senden, die künnen wol gewenden der untugende schenden. Seifried Helbling 7, 1249.
Seemüller 278; was ich nit kan gewenden, der sorgen ich nit wil, ich wil es schlahen von hennden, und got das lassen enden, verlorn ist das spil.
Hätzlerin 1, 111 (
s. 83); auch raisʒ das eis etlich müllin hin und fürt si uncʒ uf die plaich und tätt auch so groszen schaden an der prugg, das man maint, man möcht den schaden mit 300 pfd. Regenspurger nicht gewenden.
Augsb. chron. (1407),
s. deutsche städtechron. 4, 113; den selben gebresten wir aber nit wol einig gewenden und fürkomen mügen, on erber hülf und beistandt fürsten und der herren. und aber solich übel nieman bas gewenden mag. dann die bi einander gelegen und zuo friden geneigt sint.
formulare u. tütsch rhetorica (1488) 31
b; als rucktent wir mit der paner über die falbrug in, und muosten also unser guotten frund gotes genoden losen warten und erslagen werden, das wir doch laider nut gewenden kundent nochte mochtent. Hans Brüglingers
chron. (1444)
s. Basler chron. 4, 179; nun gewonnen die Behem grosz leid und jammer, aber sie mochten das darmit nicht gewenden.
buch der liebe (
Melusine 31) 271
a; der ist ein narr der sorgt all tag das er doch nit gewenden mag. Brant
narrenschiff 24
Zarncke 27
a. 2@bb)
in dieser bedeutung berührt sich gewenden
mit bewenden, seins bewendens haben,
vgl. th. 1,
sp. 1782.
für beeinflussung von dieser seite her spricht: ... so deswegen wasz zue fordern vormeinet, genungsam gehöret unndt cum sufficiente causae cognitione beschieden wordenn, unnd es unsers bedünckens auch nachmalln darbei billich gewenden solte, so hat es doch ... auf fernere resolution auszgesetzt werden müszen.
steuerrelation von Wartenberg, in verhandl. u. correspondenzen d. schles. fürsten u. stände. 44
Palm.