gewandeln,
verb. ,
verstärktes wandeln,
das mit seinen hauptverwendungen, dem transitiven gebrauch im sinne von mutare und dem intransitiven im sinne von ambulare, an dieser bildung theil nimmt. 11)
der transitive gebrauch mit der bedeutung mutare ist natürlich früher bezeugt (
s.wandeln),
die belege reichen hier schon in die althochdeutsche periode zurück, entstammen jedoch nur den glossen, s. Graff 1, 764.
nur bedingt hierher zu rechnen ist das partic. praeteriti kiwantalot,
das in attributiver verbindung die bedeutung weit verschiebt (kiwantaloteru stunto,
versa vice. Steinmeyer-Sievers 1, 493
b).
andererseits ist für mutare, giwantalon
in den glossen zum liber comitis (Steinmeyer-Sievers 1, 818
a)
die auffassung nicht unzweifelhaft. die stelle bezieht sich auf Matth. 5, 42
und hier hat die vulgata mutuari: volenti mutuari a te, ne avertaris; sicherer führt die stelle einer Tegernseer handschr. des 11.
jahrh.: vertere, giwantalon Steinmeyer-Sievers 2, 671
a (
zu Aeneis 12, 825:
aut vocem mutare viros aut vertere vestem, oder die sprach' umtauschen, und vorige kleidungen wandeln. Voss). 1@aa)
in dem eben angezogenen beleg zielt das verbum auf ein sächliches, reales object. diesem zusammenhang erwächst die bedeutung '
wegnehmen, zurücknehmen': er chouffe wol oder ubele, er wil ettewaʒ darubere. niemer er gewandelôt, des er verchouffet.
genesis 1726
Piper; di wîle her lebit sô mag her di gebe nicht gewandiln noch entvremden.
Kulm. recht 4, 15. 1@bb)
bei einem persönlichen object leitet diese bedeutung zu der von '
entfernen'
über. 1@b@11)) vater, als ich han gesehen wie ir minem enen getadet, und in zu tische geladet, uʒ der stiege gewandelt, nach eren schon gehandelt, daʒ gibet mir die lere, daʒ ich din alter ere.
vom kotzen 250
Koloczaer cod. 1@b@22))
auch sullen wir in einen richter geben ... swenne si wellen, so mügen si den gewandeln, ob er eʒ umb si verschuldt.
monum. Zoller. 3, 187 (
zu 1347); hedden se beseten, so weren se vol gesogen ... nu komet andere de hungerich sin ... hirbi nam de keiser ene merke, dat he nimmer sine richtere gewandelde.
sächs. weltchronik 92. 1@cc)
in der übertragenen verwendung spaltet sich die bedeutung je nachdem die änderung auf etwas zielt, das auszerhalb des subjectes liegt oder innerhalb desselben zu suchen ist. 1@c@aα)
objecte auszerhalb der sphäre des subjects. 1@c@a@11))
unpersönliches object: den (
Widolt) triven ses riesin vrêsam unde heiʒen ene ungebêre hân, daʒ die burgêre immer sageten mêre ... unze her vor Constantîne quam. dô sprach ein grâve oberlût 'hîr veret des tûvelis brût, — mochtich die schande immer mêr gewandelen, — (sô mir daʒ heiliche liecht!) ichne gebeite sîn vor deme kuninge nicht.'
könig Rother 1057
v. Bahder; das er mit uwer und ander, die zu dem heilgen riche gehorent, hulffe soliche grosze irrunge und gebrechen, die leider lange zit in der heiligen kirchen ... deste basz furgesin und wiedersten und mit der gots hulffe gewandeln und zu gutem wesen bringen möge.
Frankfurts reichscorrespondenz (
aus 1401) 1, 564.
ähnl. 1, 576; ick en mach nicht gewandelen (
immutare) dat wort des heren.
Halberstädt. bibel (1522)
4 Mos. 22, 18
bei Schiller-Lübben 2, 97; sal daʒ wesen uwer got und uwer irlosere, den ir so offenbere vor u sus laʒet handelen, so wol so irʒ gewandelen im an den wihten mohtet, ob ir so vil im tohtet, daʒ ir in torstet gesturen. Hesler
evangel. Nicodemi 4978
Helm, ebenso 4354; wultit uns darumme umme sodaner velen bodischafft nicht vordengkin. denne wir desz andirs nicht wol gewandelin konnen. Margarete v. Braunschweig
an ihren bruder bei Steinhausen
privatbriefe 1, 30. 1@c@bβ)
objecte innerhalb der sphäre des subjects. 1@c@b@11)) wan der kunic rîche was dô sô tugentveste daʒ er sîne geste schône und wol hieʒ handeln. ern wolte nie gewandeln an den êren sîne site. K. v. Würzburg
Engelhart 650
Haupt; vgl. auch: hienach an dem sibenden tage wart im sin mut gewandelt.
passional 275, 5
Köpke; sant Augustînus schrîbet also: mensche, kanst du dîn leben gewandeln, sô kan ouch unser herre sîn urteil gewandeln.
sprüche deutscher mystiker, s. Pfeiffer
Germania 3, 230
a. 1@c@b@22)) sich gewandilon, sich verändern,
glossen zu homilien, vgl. anzeiger für kunde der deutschen vorzeit 8, 503.
vgl.: mit vreuden si do heim schiet und was uf ein ander leben gewandelt, daʒ ir wart gegeben von unsers herren gute.
passional 404, 38
Köpke. 22)
der intransitive gebrauch mit der bedeutung ambulare. 2@aa)
für das grundwort wandeln
nimmt die allgemeine auffassung bei diesem gebrauch mitteldeutschen ursprung an und stellt dessen einbürgerung in unsere schriftsprache unter den einflusz Luthers.
da nun aber aus unseren beispielen hervorgeht, dasz die verstärkte form gewandeln
hier gerade in oberdeutschen denkmälern verhältnismäszig früh belegt ist, so läszt sich diese anschauung nicht halten. Luthers
einflusz ist die verdrängung der volleren form gewandeln
durch das einfache wandeln
mit zuzuschreiben, nicht aber die einbürgerung des verbums überhaupt. 2@a@aα) der ander wec daʒ ist der wec der gotheit. waʒ wege hât diu gotheit oder war mac sie gewandeln, wan si doch an allen steten ist, oder wâ mit wandelt si, wan si doch niht vüeʒe hât?
predigt des 14.
jahrh., s. zeitschr. f. d. alt. 8, 245; also sont si des richs strasse offen und in êren halten, das mängclich uf und nider gewandlen mug ze ross und ze fuoss.
St. gallische rathssatzungen 272 (
mitth. d. hist. vereins zu St. Gallen 4, 124); dan er (
der schnee) was so tieff, des nit zuo schribend ist, und mocht imen gewandlen. Hug
Villinger chronik 18; es geturste ouch niemant gewandeln in dem lande one ir geleite und wortzeichen. Königshofen
d. städtechron. 8, 487 (
Straszburg). 2@a@bβ)
in einigen der oben angeführten beispiele ist das verbum für das umherziehen und die reisen der kaufleute angezogen. dieser engere gebrauch wird durch die schon aus lautlichen gründen beliebte verbindung von handeln, wandeln
begünstigt und beeinfluszt wieder die bedeutungsentwicklung. an eine nachwirkung des sociativen präfixes ist dagegen nicht wol zu denken: und die strossen verwustet werent, das kouflüte und andere nüt gewandeln möhtent. Königshofen
d. städtechron: 8, 448; und do sü den turn Babilon gebuwetent wol fünf welscher milen hoch, do wolte got ir hochfart nüt me vertragen und verwandelte ire sprochen ... und kundent nüt me mittenander gereden noch gewandeln. 245. 2@bb)
wie andere intransitive verba der bewegung läszt auch dieses gewandeln
gelegentlich einen accusativ des inneren objectes zu sich treten: und darumb do besatzte derselb Wernher mit der vesti Valkenstein, daran er doch gar einen kleinen teil hat, das niemant die strasze noch das tal für dieselb vesti Valkenstein uf noch abe gewandelen mocht.
urkundenbuch der stadt Freiburg i. B. 2, 59
Schreiber.