gassenhauer,
m. 11)
gleich gassentreter, gassengänger,
s. d.: wer
aber mit leichtfertigen buben und gassenhauern, welche nichts als des abends auf der gassen schreien und plöcken können, umgehet, der musz auch hernach dem büttel zur dempze folgen. Mathesius
Syrach 1, 52
a (
zu dempze
s. temnitz f. gefängnis Schm.
2 1, 543, Frisch 2, 368
b); ein fauler gassenhauer kömpt auf eine zeit zu einem wagner, spricht ihn umb eine zehrung an .. Matthäus Hammer
histor. rosengarten Zwickau 1654
s. 178.
es erklärt sich aus hauen (
s. d. 13)
als kraftwort für laufen, vergl. hau hin
kräftig gleich far hin,
fahr wol Weim. jahrb. 2, 112. 116,
s. aber auch unter 3,
a zuletzt. vgl. gassenhauierer. 22)
als tanz: da sie aber anfiengen zu gumpen, dasz der ganze bau zitterte, weil man eben einen trollichten gassenhauer aufmachte ..
Simpl. 1, 111
Kurz (1, 34); wie derselbe creisztanz nun zu ende, so baten sie alle, ich solte mich doch im tanzen alleine sehen lassen .. ich war her und gab den spielleuten 2 ducatons und sagte: allons ihr herrn, streicht uns einmal den Leipziger gassenhauer auf ... nachdem ich den Leipziger gassenhauer nun auch weggetanzt hatte ..
Schelmufsky 1, 110.
ein gassenhawer
gedruckt z. b. bei H. Neusidler
ein newgeordnet künstlich lautenbuch Nürnb. 1536 1.
th. x 1
a,
es ist ein tanz im dreitheiligen takte (L. Erk).
noch östr. in Wien aufhauen
als kraftwort für tanzen Schm. 1, 130,
eigentlich wol vom stampfen des taktes. also gassenhauer
eig. ein tanz auf der gasse, der tanz selbst wie die tanzweise. von der altherkömmlichen sitte auf der gasse zu tanzen, statt in den häusern, s. z. b. im Augsb. stadtb. s. 257. 33)
lied auf der gasse gesungen, volkslied, zuerst von Maaler
verzeichnet: gassenhauwer,
ein gemein und schlächt gassenlied, carmen triviale. 157
c. 3@aa)
es musz ursprünglich eine bestimmte art gewesen sein, wie sie z. b. auch H. Sachs
dichtete, denn als er im jahre 1567
den vorrat seiner gedichte nachsah, fand er u. a. auch psalmen und ander kirchengsäng, auch verendert geistliche lieder, auch gassenhawer hin und wider, auch lieder von krieges geschrei, auch etlich bullieder darbei. 5, 414
c (1, 10
Göz, 2, 246
Tittm.);
dasz es ein kunstname war, zeigt auch der titel von liedersammlungen, wie gassenhawer und reuterliedlein (Uhland
volksl. 979. 1011), gassenhawer, reuter und bergliedlein, christlich .. und sittlich verendert (Gödeke
grundr. 198),
bei Egenolph in Frankfurt erschienen gassenhawerlein (Uhland 979, Gö
d. 124).
selbst in die kirche waren sie gedrungen, denn Mathesius
z. b. berichtet in der chronica von Joachimsthal (
anh. zur Sarepta t 1
b)
z. j. 1546: Nickel Haldeck organist, bei dem seind die gassenhawer aus der kirchen kommen,
er schaffte sie ab. Von welcher art sie eigentlich waren, ist noch nicht untersucht, die benennung wird von der bed. 1
herrühren, als lieder wie sie besonders solche nächtliche gassengänger sangen (
s. u. gassatim 2,
a),
aber auch als tanzlieder brauchbar und gebraucht, vielleicht nächtliche liebesabenteuer darstellend. im erstern sinne gibt es noch Stieler 788
an, als cantilena quaedam vulgaris quae noctu vicatim cantatur, noch von Steinbach 1, 707
wiederholt; auch bei Frisch 1, 322
c noch ebenso, nur dasz er das hauptgewicht auf das spielen legt: »
ein schlechtes musicalisches stück, welches man oft auf den gassen des nachts hintereinander spielt, carmen triviale quod instrumentis musicis centies vicatim noctu repetunt«,
s. 423
c mit dem zusatze '
meistens bei studenten',
die gassengänger nahmen gern spieler mit auf ihren nachtgängen oder spielten zugleich selber. Eine studentische probe aus dem j. 1685
steht bei Hoffmann v. Fall.,
findlinge s. 89,
von ziemlich mislichem inhalt, doch ausdrücklich noch ans gassaten gehn
angeschlossen: sonderlich aber sungen sie folgenden gassenhauer: rapsa he, rapsa he, lustig, mein müthchen, nur immer courage! sa sa viva, pourre, pourre, hop he! der sperling ist ein wunderthier, er geht des nachts cassaten
u. s. w. vergl. übrigens das hauen
in die pflastersteine mit dem degen (Frisch 1, 423
a),
das von den gassierenden studenten unter gassatim 2,
b erwähnt wird, und an das auch Frisch 1, 423
c dachte (
vgl.gassenwetzer);
s. dazu gassenhauieren. 3@bb)
als man im vorigen jahrh. von kritischer oder ästhetischer seite auf den wert der volksmäszigen lieder aufmerksam wurde, ist, ehe volkslied
in gang kam, neben gassenlied (
s. d.)
auch gassenhauer
so gebraucht worden: dasz er (Urfey) in den so genannten gassenhauern, die man in Engelland ballads nennet (
vergl. Ludwig unter gassenlied), ein desto gröszerer meister gewesen. J. J. Spreng
anm. zu Drollinger 235; in jener absicht hat öfters mein ohr in der abenddämmerung dem zauberschalle der balladen und gassenhauer unter den linden des dorfs, auf der bleiche und in den spinnstuben gelauscht. Bürger im
deutschen museum 1776
s. 447 (
weim. jahrb. 6, 91); unsere tage, die nur im politischen enthusiasmus etwas tüchtiges, allgemein einschneidendes gewirkt, haben auch nur éinen tüchtigen gassenhauer, den Marseiller marsch, hervorgebracht.
Heidelberger jahrb. 1809 1, 231,
in einer recension des wunderhorns (
weim. jahrb. 2, 265). 3@cc)
aber der geringschätzige klang behielt die oberhand: während die politischen müsziggänger sich darüber zanken werden .. wird der pöbel ein paar flüche zwischen den zähnen murmeln, seinen gassenhauer anstimmen und — bezahlen. Wieland 2, 322 (
Agath. 10, 7); er wuszte sich etwas damit, stark in gassenhauern zu sein. 6, 131 (
gold. sp. 1, 5); von allerlei gassenhauern, samt einigen abgestandenen kirchenhauern. Voss im
morgenbl. 1808
nr. 283
s. 1129 (
über den 1.
bd. des wunderhorns); möchten sie mir wol die partitur von ihrem 'wol auf cameraden' zuschicken? ich finde sie nicht, eben da sie für diesen winter einstudiert werden und den alten gassenhauer vertreiben soll. Göthe
an Zelter nr. 55,
von der zur volksweise gewordenen Zahnschen composition des Schillerschen reiterliedes (
vgl. Göthe 46, 266); jener war mehr eine horazische satire, dieser mehr ein aristophanischer gassenhauer. J. Paul
Siebenk. 1, 32 (44).
jetzt versteht man darunter meist ein rohes volkslied, aber daneben lebt noch der eigentliche begriff wie ihn Göthe
braucht und wie ihn Rädlein 321
b angibt: '
canzone volgare ch' ogn'
uno sa, chanson du Pont neuf, vaudeville',
d. h. lied oder liedweise wie sie von zeit zu zeit neu auftauchend in allgemeine gunst kommen, daher auch auf der gasse herschend.