fürtragen ,
s. vortragen.
ahd. furitrakan, furitragan,
mhd. vürtragen,
nhd. bei Dasypodius
nur fürtragen.
vgl. 9).
aber vortragen
erscheint bald daneben. so hat schon Maaler
beide wörter, jedes wo es alphabetisch zu verzeichnen ist, und Stieler 2313
in der nachher unter 9)
angegebenen bedeutung »für-
sive vortragen «,
doch in den beispielen nur das letzte. Wilhelmi, Rädlein, Weismann, Aler
nehmen ebenfalls beide, jedes an seiner stelle im alphabete, auf, während Dentzler
nach den bedeutungen scheidet, indem er fürtragen
die »antragen,
offere«,
also die unter 4),
und vortragen
die »vorher tragen,
praeferre«,
also die unter 9)
beilegt. Kirsch
verweist bei vortragen
auf fürtragen,
worin ihm auch sein nachtreter Matthiä (1761)
folgt, während umgekehrt Hederich
und der ihm nacharbeitende Nieremberger
bei fürtragen
kurzhin auf vortragen
verweisen, zum zeichen dasz dieses bereits weitaus überwiegend sei. Steinbach 2, 835
nimmt zwar noch beide auf und setzt in den von ihm gegebenen beispielen bald das eine und bald das andere, aber Frisch 2, 380
c,
wie vor ihm schon der so reichhaltige Ludwig,
kennt nur vortragen.
dieses ist denn auch seit dem ersten viertel des 18.
jh. anfangs vorwiegend, später aber allein hochdeutsch im gebrauch, während fürtragen
nur noch in mundarten fortdauert, z. b. bair. (Schmeller 1, 484),
wetterauisch, oberhessisch u. s. w. das part. praet. lautet fürgetragen,
doch findet sich mitunter, zumal im 16.
jh., auch fürtragen.
Bedeutungen: 11)
hervortragen, heraustragen. mit acc. ahd. wirdit denne furi kitragan daʒ frônô chrûci dâr dër hêlîgo Christ ana arhangan ward.
Muspilli (
Schmeller) 103.
Daraus entwickelt sich die bedeutung 22)
hervorbringen, zum dasein bringen. ebenfalls mit acc., oder mit accusativisch stehendem ausdrucke: der fürst printz Moritz, ein held von Nassau, der ein stützen des Niederlands, ein zier des Teutschlandes, der ein sohn der victori und des glücks gewesen, vor welchem die vergangene jahr nichts starckmüthigers und verständigers fürgetragen haben. Schuppius 705. 33)
vornhin tragen, vor augen bringen, vor das angesicht bringen. mit acc. der sache. mhd. diu Clinschores rîcheit wart dâ ze schouwen für getragen.
Parz. 760, 19.
zugleich mit dat. der person: mhd. dën boten rîche gâbeman dô für truoc: dër hët in ze gëbeneGunther genuoc.
Nib. 165, 1.
nhd. waldmann, halte dich zu mir, wie ich zu dir: so trag ich hier des edlen hirsches gehörn dir für.
weidegeschrei in Fleming
teutsch. jäger 1, 280
b.
bildlich: seinen aposteln die geleuterte ... lehr von der waren busse und vergebung der sunden inn jhren mundt leget, damit sie ein rein speiszopffer unnd ungesewertes schawbrot unnd ein lautern wein unnd ungefelschte milch unnd saubers kirchengerethe den leuten fürtrugen unnd die klare lehr des evangelij an allen orten inn seinem namen auffopfferten unnd verkündigten. Mathesius
Sarepta (1562) 172
b.
Daraus geht dann die folgende bedeutung hervor. 44)
anbieten, darbieten. fürtragen, antragen,
offerre. Dentzler 2, 119
b.
vornehmlich aber: vornhin bringen zum essen oder zum trinken oder zu beidem, auftragen. apponere mensam, ... furtragen, die trachten darstellen. Frisius (1556) 107
a und danach Maaler 151
b.
mit acc., der ausdrückt was zum essen oder trinken aufgetragen wird: mhd. ich muoʒ iu von ir spîse sagen. diu wart mit zühten für getragen.
Parz. 32, 29; daʒ ich die spîse künne sagn, diu dâ mit zuht wart für getragn. 637, 4; wan ê man vür trüege die jungesten rihte: ze ir aller gesihte kam dar in dën sal gegân zwô juncvrouwen wol getà
n. krone 29349.
nhd. und hies die selbigen (
die fischlein) auch furtragen.
Marc. 8, 7.
aber meist zugleich mit dat. der person: und man trug jnen essen fur.
1 Mos. 43, 34; da esset was euch wird furgetragen.
Luc. 10, 8; er was ein guoter zechbruoder, nam nit verguot, was jm an seines gnedigen fürsten und herren tisch fürtragen ward, sunder suocht jm anderswo guot gselschafft. Wickram
rollwagenbüchlein nr. 53 (
Kurz s. 95, 2); der jm ein gute speisz bereyt und darnach seinem herrn fürtreyt. H. Sachs IV. 2, 49
a; macht haben, kaufbrod denselben fürzutragen und mit ihnen zu verzehren.
weisth. v. j. 1554
in weisth. 3, 643, 25. 55)
in worten vorbringen, in einer rede aussprechen, redend darthun, überhaupt zum hören vorbringen. mit acc. der sache. mhd. anders kan ichʒ niht vür tragen, alsô ichʒ hin und hër verstâ
n. Teichner
s. 141
anm. 180.
nhd. kan die selben (
lügen) auffs schönst fürtragen. Luther
das 14.
u. 15.
cap. Johannis (
Wittemb. 1538) AA iij
b,
s. Ph. Dietz 1, 760
a; sol ainer allein dz (
das) lauter wort gottes fürtragen, warumb machen dann die new christen so vil predigbücher. Eck
christenliche underricht 14
a.
gleicher weise bei Göthe 13, 126
in der treffend alterthümlichen dichtung »
Hans Sachsens poetische sendung«: wenn andre bärmlich sich beklagen, sollst schwankweis deine sach fürtragen. fürtragen (
part. praet.) werden und zuo bedencken kommen,
cadere in deliberationem, venire in disquisitionem. Maaler 151
b,
vgl. Cic. de off. 1, 3 §. 9;
cadere formula, den handel oder die sach nit recht fürtragen, die sach mit dem fürtrag verhönen und versaumen. Frisius (1556) 168
a und danach Maaler
a. a. o., =
den process verlieren, vgl. Quintil. 3, 6, 69.
zuweilen auch mehr in dem sinne von erwähnen, in anführung vorbringen: und das (
dasz) nicht die suiter (
jesuiter) sagen, ich könn nur die zwey ort (
puncte) fürtragen, in denen sie so ungwerd sind. Fischart
nachtrab 470.
in dieser fügung mit bloszem acc. liegt, was fürtragen
betrift, etwas allgemeineres, beschränkter dagegen erscheint es mit noch hinzutretendem dat. der person, der zur bezeichnung gesetzt ist, vor wem gesprochen, gesungen, überhaupt zum hören vorgebracht wird: fürtragen der gemeyn,
ferre ad populum. Dasypodius 442
c. also ward dem junckern die sach durch den schultheissen von wegen der gmein fürgetragen. Wickram
rollwagenbüchlein nr. 50 (
Kurz s. 90, 16); uns ist Eur schreiben heut datum furgetragen worden, darinnen Ir einen magister an uns vorschrieben, so ein Holsteiner sein sol.
churfürst Johann Friedrich
an Luther, in Burkhardts briefw. Luthers s. 389; unnd andern ein gut exempel fürtregt. Melanchthon
hauptart. christ. l. (
im corp. doctr. christ.) 646; da sie ... mit gantz inbrünstiger andacht predig hörten, in welcher die zween ritter jr bitt und anligen gott fürtrugen und anrufften.
Amadis 417, 900; dann dadurch kan ... ein armer bauer oder ander unterthan offt gelegenheit gewinnen, seinem herrn seine sache und sein anligen selbst fürzutragen. Schuppius 25; wan ich dir mein begehren, mein hertz und hand fürtrag. Weckherlin 123 (
ps. 28, 4), das mägdgen, so bey mir, das trug mir nach und nach den handel artig für. Picander
ernstscherzh. ged. 2, 355; doch traget das den jungfern für, die sich bey euch ietzt eingefunden. 365.
statt des acc. kann auch ein diesem casus gleichzuachtender satz stehn: das (
dasz) er dem Agamemnon sag und Menelao auch fürtrag, was könig Paris sich erbeut. Spreng
Ilias (1610) 90
b.
unter diese bedeutung gehört auch, wenn fürtragen
auf ziehen in gerichtliche untersuchung geht: vocare in disquisitionem, fürtragen und fürhalten sich über ein ding zu beradten. Frisius 429
a und danach Maaler
a. a. o., vgl. Sueton. Caes. 15
und Nero 2.
Aus der bedeutung aber geht dann die folgende hervor: 66)
lehrend darstellen, lehren. mit acc. der sache und dat. der person. aber es kann auch ein den acc. vertretender satz stehn, der das bezeichnet, was gelehrt wird oder wozu das dargestellte oder dargelegte als beispiel dient. in diesem letzten falle hat fürtragen
dann den sinn: als beispiel lehren, als belehrendes beispiel zeigen, zum beispiel dienen, ein beispiel sein. hie müssen uns nu die zween brüder (
es sind Esau und Jacob gemeint) fürtragen, wie es zugehet, das (
dasz) der segen so seltzam und wünderlich gefellet, das es kein mensch gleubet. Luther 5, 151
b. 77)
in bildender darstellung von sich geben, bildend darstellen. ohne einen abhängigen casus in allgemeinem sinne: die zeichnung freut mich! — weil ich ganz überzeugt bin, Sie (
Charlotte von Stein ist angeredet) werden in kurzem Ihrem gefühl zu dank und liebe fürtragen können. ich zeichne jetzt leider nichts. Göthe
an frau v. Stein 1, 43
auszerdem aber mit acc. der sache und dat. der person. 88)
vorwärts tragen, vorwärts forttragen. mit acc. 99)
vorhertragen, voraustragen. mit acc. der sache und dat. der person. wie war es eine so grosse majestet und herrligkeit, wenn man magistros promoviert und jnen fackeln fürtrug und sie verehrte Luther
tischr. 427
b, das (
dasz) durch beschlusz, rath und gemein, ein crucifix den ehrlichen processen, damit man die verstorben zu grab beleitet, ist fürgetragen. Mathesius
Sarepta (1562) 194
a; als offt er (
Johann von Leyden als könig zu Münster) aber auff den platz, oder sonst auszgangen, seind ihm ein gantzer hauffen seiner hofleüt gefolget, unnd fürnemlich zwen, ausz wölcher einer jhm das new testament und kron, der ander aber ein blosses schwert fürtragen müssen. J. Nasus
antipapist. eins u. hundert 169
b;
praeferre, fürtragen.
ut: elector Saxoniae imperatori praefert gladium, der churfürst zu Sachsen führet das schwerd für dem keyser her. Corvinus
fons latinit. (1660) 1, 257
a; ja die gesammte schaar, die Venus ie bescheinen mit ihrer sonne liesz, befindet sich allhier, und trägt Persephonen die hochzeitfackeln für. Lohenstein
in Hoffmannswaldau u. anderer auserl. ged. 1 (1695), 291. für-
sive vortragen,
praegerere, praeferre, praeportare. Stieler 2313. Steinbach 2, 835
führt aus Günther
an: befiehl der reinen treu die fackeln für zu tragen.
allein in der mir vorliegenden 1742
erschienenen 3.
aufl. der ged. s. 599
steht vorzutragen,
was freilich auch änderung von unberufener hand sein könnte. 1010)
vorbeitragen, vorübertragen. mit acc.: mhd. hët in daʒ ors niht vür getragen.
Iwein 5035; dô in daʒ ros vür truoc, dô sluoc ime dër rise einen slac. 5046.
gleicher weise dürfte das wort auch noch nhd. vorkommen. 1111)
für die zukunft herbeischaffen. bair. du hast d' (
dir) scho brav fürtragng. Schmeller 1, 484. 1212)
zum vortheil vorwärts kommen machen, zum vortheil vorwärts bringen, fördern, förderlich sein, nützen. zunächst ohne beigesetzten acc. allgemeiner: mhd. die (
ärzte) leiten allen iren sin mit arzâtlîchem liste an in: waʒ truoc daʒ vür od waʒ half daʒ? im was doch nihtes dëste baʒ.
Tristan 7267 = 183, 29; diu scham diu wolte minnen und brâhte ës niemen innen. waʒ truoc daʒ vür? 11835 = 297, 37.
nhd. das schewen ist umbsonst, und woltest du gleich kriechen in deiner mutter leib, das pulver nicht zu riechen, so trägt es doch nicht für. Opitz 1, 110.
sprichwörtlich: beschisz (
betrug) tregt nit für, unrecht faselt nicht. Agricola
sprichw. 207
a.
zumeist aber steht fürtragen
in dieser bedeutung mit acc. zur bezeichnung dessen was gefördert wird oder dem das, was geschieht, zum nutzen gereicht: mhd. unde (
dein schwören beim kaufe) treit dich niht vil für, wan daʒ dû alle dîne sælikeit dâ mite verdamnest. Berthold (
Pfeiffer) 149, 11; wëder hëlm und halsbërc noch dehein sîn ander kamphwërc daʒn hæte in dâ niht vür getragen, ërn hæte in durch die ringe erslagen.
Tristan 6919 = 175, 1; nu waʒ treit dich (
die Minne ist gemeint) für, ob ich nâch dër vil hërzelieben lieben stirbe? Gottfried v. Neifen 11, 30; waʒ treit iuch für, frou Minne, ob ich verdirbe? waʒ hilfet eʒ iuch, süeʒiu sældenbære? ... waʒ treit iuch für, frou Minne, ob ich erstirbe? waʒ hilfet iuch mîn lange wërndiu swære? 50, 37
u. 51, 3; wênic sie daʒ vür truoc, wan sie wurden erslagen ze tôt.
GA. 1, 422, 1258; mich (
spricht der hahn zum gefundenen edelstein) nuzte baʒ ein gërstenkorn, denn du. du bist niut nütze mir. waʒ nützest mich? waʒ sol ich dir? wiʒʒest, daʒ mich nicht vürtreit dîn schœni noch dîn edelkeit. Boner
nr. 1, 15.
nhd. was hilft (
spricht der bauer zum ritter) dein stechen und dein tanz? ... mein herte arbait die ist ganz und trægt die welt pasz für. Uhland
volksl. s. 338, 4; wie wol er sich tuot wagen sein narung zu erjagen, wil in doch nit fürtragen sein vleisz zu kainer frist. 375, 6; dasz ich umb eines solchen schnödten geldtes willen, dasz mich auch ein ganz jahr nit umb zwey oder drey gulden furtragen möcht, meiner ehren ... vergeszen solt. Willibald Pirckheimer
entschuldigung vor dem rathe v. j. 1511,
in: zum andenken W. Pirckheimers (
Nürnberg 1828)
s. 7; darwider sie nicht schützen, schirmen oder fürtragen soll einige tröstung, sicherheit, freyheit oder geleit.
landfriede v. 1521
VIII §. 1; alsdann soll sie der eyd nichts fürtragen, sondern gegen ihnen, ihren haab und gütern, inmassen, wie oben angezeigt, gehandelt werden.
erklär. des landfriedens von 1522
XII; zu schwach ist unser wort und werk, uns tregt nit für gewalt und sterk. Spreng
Ilias (1625) 333
a; so wird es euch doch nit fürtragen. 1610 292
b; ihn werden bey mir nicht fürtragen sein schöne form und manszgestallt. 296
a.
s. noch Schmeller 1, 484.
doch auch, wenn gleich selten, mit dat. in derselben weise, wie hier der acc. steht und wie jenen casus nützen
und helfen
bei sich haben können: dann ob ich alle tag käme ..., wurde mir solches nit fürtragen, auch darmit nit geholffen sein. Willib. Pirckheimer
a. a. o. 11.
Das verbum erlosch in dieser bedeutung bereits im 17.
jahrh.; länger, oder, wie Benecke in seiner
ausgabe des Bonerius s. 468
bemerkt, am längsten erhielt sich fürträglich (
s. d.).