EHRBARKEIT f. mhd. êrbærkeit.
mnd. ērbārkē
it.
abl. von ehrbar
adj. im 19. jh. zurückgehend, modern in gehobener sprache. A
zu ehrbar
adj. A.
mhd. vorherrschend. 1
ansehen, würde; gebunden an soziale stellung oder standeszugehörigkeit: ⟨u1248/78⟩ mir ist liep, daz ich iuch ie gesach / durch iuwer grôze êrbærkeit Herrand v. Wildonie
4,115 ATB. ⟨u1330/40⟩ nû hatte zu den zîten sâ / brûdir Herman von Salzâ .. / sô hô den dûtschin ordin brâcht / an brûdir menege und an macht, / an rîchtûm und an erberkeite Nicolaus v. Jeroschin
kronike 1792 S. ⟨u1460⟩ herr, ich hab lang vernommen von dem hof zuͦ Engelland, vnd wie der kuͤnig zwen riterlich suͤn hab von grosser erberkeyt, bin ich kommen, riterschafft zuͦsuͦchen
volks- u. schwankb. 1,173 DLE. ⟨1540⟩ vnd sie
(hochzeitspaar) habens
(eine frau) von wegen der erbarkeit laden muͤssen, hat sie aber woͤllen zu ferderst gesetzt werden, so hat sie anderst viel ehrlicher mit vmbgehen muͤssen
katechismen böhm. brüder 418 M. noch: 1860 eine frau, ausgezeichnet durch ehrbarkeit und adel vor der welt, durch frömmigkeit und andacht vor gott Steub
hochland 382. ⟨v1901⟩ ein tik vornehmer ehrbarkeit regte sich in mir gegen das vierte stockwerk mit seiner romantischen armseligkeit und nachlässigkeit Haym
leben (1902)48. –auf historische verhältnisse bezogen: 1930
(der handwerksgeselle) gehörte einem stande an, der für ihn einstand ... die achtung, die der stand forderte und genoß, mußte jeder miterwerben und jeder bewahren. das war der begriff der ehrbarkeit, das war das sittengesetz, auf dem die gemeinschaft beruhte, aus dem sie lebte Winnig
proletariat 49. 1975 die mit dem begriff der handwerklichen ehrlichkeit oder ehrbarkeit umschriebenen ständischen rechte und gewohnheiten gerieten im 17. und 18. jahrhundert in immer stärkeren gegensatz zu den merkantilistischen und naturrechtlichen vorstellungen der zeit
geschichtl. grundbegriffe 2(1979)44 B. 2
personen bezeichnend. als titulatur in der anrede in verbindung mit der 2. pers. pl. des possessivpronomens: ⟨1360/70⟩ nu pit wir ewer erberkait, das ir uns der sache weiser macht durch unser dinst willen
böhm. bergrecht 2,308 Z. 1440 begeren, daz ure erbercheit uns an den raitzfrunden der anderre steide, die bi uch vergaderende werdent, zo den besten verantwerden wille
dt. reichstagsakten 15,99 ak. 1523 will mich hy mit ewer erberkeit als meinen günstigen heren befolhen haben Dürer
nachlaß 1,104 R. 1530 daruͤmb ich auch ynn keinen zweiuel stell ewer erbarkeit vnd ein yeder christenlichs verstands werde mir dieses mein schreiben dester ehr zu gut halten Berchnishausen
antwort B 2a. –
außerhalb der anrede als bezeichnung der angesehenen stände, der obrigkeit, auch speziell für angehörige der ratsfähigen geschlechter: u1489 uff mendag abens kamen ir vil vom see in die statt zuͦ der Eydtgnossen potten, warrend guͦtter tettung; sunder warrent ouch personnen von der erberkeit
dok. gesch. Waldmann 2,371 G. 1525 der rat und die erberkait hie halt sich ganz wol
bauernkrieg, aktenbd. 206 F. 1754 verordnung mnhrn. e. e. rahts und der ehrbarkeit wider entheiligung der feiertage
rechtsqu. Argau I 1,442. 1794 dass auch dieser project von samtlicher ehrbarkeit .. angenommen und gut geheissen worden, bescheint den 12 october 1794. sig. Jacob Reber
rechtsqu. Bern II 1,2,210. in historischer darstellung: 1850 an der spitze der städtischen gesellschaft standen die patrizischen geschlechter, die sogenannte ‘ehrbarkeit’
n. rhein. ztg. 231 B. 3
pracht, aufwand: ⟨1421⟩
(Wenzeslaus wird) gekronet unde gesalbet zu eyme behemischen konige .. von dem erzbischoufe Gerharde vonn Mentze mit gar grossir irbarkeit Rothe
düring. chr. 487 L. u1500 so heyss ich uch, alss lieb uch uwer leben ist, das ir mich, alss ich gestorben byn, mit aller erbarkeyd begrabet Gerstenberg
chr. 141 D. –
nutzen: 1453 des zu orkunde und merer sicherheit, daz alle stugke und artikel vorgeschrebin deme ganzen hantwerge der wollenweber und ixlichem meister besundern zu werde, zu nutze und erbarkeit an der stad schaden gehalden werde
stadtrechte Eisenach 250 S./D. B
zu ehrbar
adj. B.
verehrung ausdrückendes handeln, entsprechende haltung, ehrerbietigkeit: hs.M13.jh. so sol man lesen anm bvͦche vier leccen mit ir responsin, da sol der singende niwan anm vierden respons sprechen gloria. svenner di angehebt, zehan svlns alle mit erwerkeit vf sten
regula st. Benedicti 140 S. ⟨u1340⟩ sine man im
(Alexander in Ägypten) daz vorkarten, / daz er .. / also groze erberkeit / irbot dem vremdem gote
hist. d. alden ê 5054 LV. ⟨1421⟩ die Romer entphingen on
(den siegreichen Pompejus) herlichen unde taten ym grosse irbarkeit alsso ir gewonheit yren kemphin was, die sie uss santen Rothe
düring. chr. 53 L. historisierend: ⟨1938⟩ wenn edle damen sie
(designierte königin) bei tisch bedienten, hinter ihrem rücken wiederholten sie das wort des Spaniers und ahmten seine hölzerne ehrbarkeit nach H. Mann
ausgew. w. 7,496 ak. C
zu ehrbar
adj. C.
nhd. vorherrschend. 1
unbescholtenheit rechtschaffenheit, anständigkeit; allgemein von personen. a
als wert, tugend: hs.M.13.jh. dise regil han wir geschriben, daz wir si behaltente inden klostern ettewi erberkeit der sit oder anvanch guͦtes lebens vns erzeigen haben
regula st. Benedicti 165 S. 1376/1445
(deswegen) suͥllen si ouch gentzlich bi allen iren rechten und bi iren guͦten gewonhaiten, di si her hänt bracht, län beliben mit gericht, mit stiur und mit diensten, alz si her in erberkeit und in guͦter gewonhait komen sint
rotes b. Ulm 109 M. hs.1.h15.jh. wirt dyr in deynem leben / eyn stiffvater adir stiffmuter gegeben, / die saltu lieb halden, / uff das du in erbarkeit ouch magist alden
dt. facetus 136 Sch. 1533 es war der nidrest wie der obrest, da war gar kain zucht noch êrberkait Turmair
4,1,49 ak. ⟨1610⟩ dannenhero lernet man auch ehr, tugend vnd alle erbarkeit verkauffen Wehner
verenderung (1615)81. 1671 libe di erbarkeit, ohne welche wir dem höchstem geber der sige nicht können angenehm sein Kuhlmann
weißheit-sonnenblumen 370. ⟨1759⟩ im bürgerlichen leben wird auch vieles wider die geseze der erbarkeit und des wohlstandes begangen Heumann
catechismus (Frankf./Leipz. 1760)138. 1870 in den kleinbürgerlichen kreisen des damaligen Berlin erhielt sich noch ziemlich unzerstört der alte geist der zucht und ehrbarkeit Haym
schule 20. 1954 nur daß jetzt mehr von vernünftiger volksaufklärung als von der hut der ‘reinen lehre’ die rede war und statt der wirtschaftlichen ehrbarkeit von ehedem ein ‘geschickter gewerbefleiß’ angestrebt wurde Ritter
staatskunst 1,54. von gebärden: ⟨1509⟩ da die gaistlichen churfürsten
(beim schwören) .. jr hend mit erberkait auf jr prust legen, aber die weltlichen churfürsten dasselb ewangelium leiplich mit jrn hennden beruͤrn Tengler
layenspiegel (1511) M 5a. 1693
(die geistlichen churfürsten) schweren dergestalt, daß sie ihre hände mit ehrbarkeit auf ihre brust legen Döpler
schauplatz 1,966. als äußerlicher zustand, ordentlichkeit: 1481 angesehen und vermerckt, wie die stat Franckenfort sonderlich vor andern des heiligen richs kammer zu syn gewiedempt, mit mesßen und merten versehen ist und geprucht, .. ist auch billich, das sie glich andern steten iren genoisßen in erbarkeit und reynikeit gehalten werde
frankf. zunfturk. 1,30 Sch. b
von rechtschaffenheit geprägte eigenschaft, persönliches verhalten, anstand: ⟨M14.jh.⟩ der got unserer vetere der hat mit erberkeit clar gemachit synen son Jhesum, den ir van uch zu dem tode geantwort habit
ostdt. apostelgesch. 31 ATB. 1377 und wurde ich in irme dinste
(als bote des rates von Frankfurt) gefangen, des god nit enwolle, so sulden sie mich losen nach irer erberkeid und myme wesen
frankf. amtsurk. 86 B. 1469 weres sache, das eyn geselle inne unser bruderschafft krancke und yem etwas zu lihen noit und das ane der bruderschafft begern wurde, so sall und muß man yem eynen halben gulden uff syn erberkeyt und guten glauben lihen
frankf. zunfturk. 2,336 Sch. 1569 ewer beger
(bitte um kleidung und waffen für die ausgeraubten begleiter) ist so gebürlich, daß, vber vnd neben dem vermügen vnd gewalt, so jr hierinn habt, ewer erbarkeit allein (on ander mittel) mich verursacht, euwern befehl zuuolbringen
Amadis 219 LV. 1769 Virgils schaamhaftigkeit kann zweierlei bedeuten: die züchtigkeit seines persönlichen charakters, oder seine ehrbarkeit als schriftsteller Herder
3,306 S. 1974 in seiner not wies er
(verteidiger vor gericht) zum schluß auf die ehrbarkeit der eltern dieses
(angeklagten) burschen hin Muschg
Albisser 224. 2
speziell von frauen; sittsamkeit, keuschheit. a
als wert, tugend: ⟨1.h14.jh.⟩ als sy
(königin) ist den andern vor an wirdichait, also sol sy sein vor den andern an käwsch vnd an erberchait
schachzabelb. 37 TSM. ⟨1401/17⟩ di kusche und zeuchtige juncvrouwe, als eyne schone lylie glantzte sy an allir erbarkeit und behute getrulichin irs lybis und hertczen kuscheit
script. rer. pruss. 2,219. 1610 viel arglistige weiber, die vnter dem schein der außwendigen erbarkeit jhre männer betriegen wie sie wöllen Guarinonius
grewel 288. ⟨1678?⟩ Amarille, das himmlische bild, / das beyspiel aller erbarkeit, der keuschheit blum und schild Abschatz
übersetzungen (1704)3,107. 1784 wenn so auch das weib das ehebette besudelt, und ihren leib der wollust und unkeuschheit preis giebt, alle zucht und ehrbarkeit bei seite sezt, so nennt das die feine welt galanterie
charakteristik Berl. 229. 1922 da lebte mal ’n hohe jungfer in zucht und ehrbarkeit und vermeinte in ihrer unschuld, daß mann und frau nur einmal im jahr hochzeit feierten Blunck
Hoyer 49. b
von sittsamkeit geprägte eigenschaft, persönliches verhalten: ⟨1448⟩ das ist ain zaichen aller erberkait ains weibs Hartlieb
chiromantia (1923)9. 1536 dann ein frawn, die sich bißher hat ghalten rechte / auch geboren ist von tugentreichem gschlechte / yhrer tugnt, vnd erbarkeit nicht lassen gniessen / wurde manches bidermensch auff vns verdriessen Rebhun
dr. 47 LV. 1725 auch die liederlichste manns-person deren ausschweiffungen gantz ausserordentlich sind, träget bedencken, ein ehe-verbündniß mit einer person von unserm geschlechte zu schliessen, die wegen ihrer vertraulichkeit mit andern manns-personen im gerüchte oder im verdachte gewesen; so daß es ihr, in absicht auf ihre erbarkeit, an einem guten nahmen fehlet
tadlerinnen 1,29 G. ⟨1951⟩ sie wußte das
(daß sie auf männer sehr anziehend wirkte), sie dämpfte es zugleich durch das völlige fehlenlassen jeder koketterie und benebelte hundertfach stärker nur durch das fluidische, das von ihr ausging, und peitschte zugleich eine offene wunde durch ihre ehrbarkeit Doderer
Strudlhofstiege (1958)18. prägnant, jungfräulichkeit: 1734 der könig siegete also über ihre keuschheit, wiewol unter vielen thränen von seiten Henriettens, denn niemals hat wohl eine jungfrau der ehrbarkeit wehmüthiger den abschied gegeben
Pöllnitz, Sachsen 215. 3
konkret. rechtschaffene person: 1508/16 won in allen landen geret ward, die Eignossen hetind den herzog von Meiland schantlich verraten und verkoͧft. das nun aller erberkeit gar leid und schwer was und ein gross missfallen dar an hatend Brennwald
schweizerchr. 2,484 L. 1538 so werden sie
(diener der kirche) sich .. also sperlich, also benuͤgig vnd gegen allen dürfftigen so milt beweisen, das alle erbarkeit sehen muͦß, das sie in jrem dienst nach keynem gewinn, sunder alleyn nach dem heyl der seelen trachten Bucer
seelsorge 103b. –
ähnlich ironisch von geräten: ⟨z.j.1537⟩ nachdem und ein erber rath die frauen von Sandt Claus, vorbemelt, lies herein holen, machet man aus den frauen landtsknecht in das closter, dasselb zuͦ verhueten, und sungen mit weinkandlen und andern erberkeiten
(Augsb.) chr. dt. städte 29,77.Horlitz