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Böhme

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Meyers
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Eintrag · Meyers Konv.-Lex. (1905–09)

Böhme

Bd. 3, Sp. 146
Böhme, 1) Jakob, Mystiker und Theosoph, geb. 1575 als Bauernsohn in Altseidenberg bei Görlitz in der Oberlausitz, gest. 17. Nov. 1624 in Görlitz, erlernte das Schuhmacherhandwerk und wurde auf seiner Wanderschaft mit mystischen, insbes. Paracelsischen und Schwenkfeldschen Schriften bekannt, durch die, verbunden mit eifriger Bibellektüre und grüblerischer Anlage, er auf »innere Erleuchtung« verwiesen wurde. Nachdem er schon einmal sieben Tage hindurch in einen ekstatischen Zustand geraten, ward ihm 1600 eine abermalige Verzückung zu teil, während welcher sein »astralischer« Geist »bis in den Mittelpunkt der Natur« entrückt wurde. Den Inhalt der dritten Vision (im Jahre 1610) schrieb er nieder u. d. T.: »Aurora, oder die Morgenröte im Ausgang« (1612), welche Schrift ihm Verfolgung und vom Görlitzer Magistrat das Verbot zu schreiben zuzog. B. gehorchte sieben Jahre lang, die er seinen Sabbat nannte, worauf er, der innern Stimme nachgebend, 1617 Erbauungsstunden im Hause zu halten, von 1619 an auch wieder zu schreiben anfing und bis zu seinem Tode noch 21 Schriften verfaßte, von denen die bemerkenswertesten sind: »Vom irdischen und himmlischen Mysterium«; »Der Weg zu Christo in acht Büchern« u. a. Den Mittelpunkt seiner in die Sprache der Alchimie und Naturphilosophie seiner Zeit verhüllten phantastischen Spekulation bildet die Frage nach dem Verhältnis der Kreatur und des in der Welt tatsächlich vorhandenen Bösen zu Gott als dem Schöpfer einer vollkommenen Welt, die er dadurch löst, daß er ein negatives, finsteres Prinzip in Gott selbst verlegt. B. unterscheidet die Gottheit als das ursprünglich Eine, das Alles ist, als das natur- und unterschiedslose Mysterium, die »ewige Stille«, die aber in sich das Prinzip der »Schiedlichkeit« trägt, von dem infolge jenes Prinzips in wirkliches Geschiedensein übergegangenen, auseinander getretenen göttlichen Wesen. Auf seiten des Un- und Widergöttlichen steht das Geschaffene, das zugleich als solches böse ist, als das von Gott Geschiedene, dessen Sein im Gegensatze zu dem »qualfreien« (d. h. qualitätslosen) Wesen Gottes (der alles und keins von allen ist) als »Qual« (d. h. Qualität) bezeichnet wird. Wie durch die Scheidung der Kreatur in Natur und Geist und die Einigung beider in der Vernunfterkenntnis der Mensch erst wahrhaft Mensch wird, so wird Gott durch die Scheidung in Göttliches und Ungöttliches und die Einigung beider im Geiste erst wahrhaft Gott. Der geschichtliche Prozeß des Bösen in der geschaffenen Welt wird in den Schöpfungsprozeß und dieser selbst als Durchgangsglied in den innern geschichtlichen Werdeprozeß der Gottheit zum Geist Gottes aufgenommen. Aus diesem Gesichtspunkt begreift es sich, wie (nachdem Jacobi, der das Übersinnliche mittels »Intuition« suchte, auf die Visionen des »Schusters« wieder aufmerksam gemacht und Fichtes Wissenschaftslehre die logische Dreiheit: Einheit, Trennung, Wiedervereinigung, in die Mode gebracht hatte) die spekulative Philosophie B. als ihren Vorläufer ansehen konnte. Die innere Erleuchtung entsprach ihrer intellektuellen Anschauung, der theosophische Standpunkt dem Zentrum des Absoluten, der Fortschritt von der »Stille« durch das »Leben« (Schöpfung und Erlösung) zum »Geist« in Gott der Identifikation des dreigliederigen, logischen und weltgeschichtlichen Prozesses in Hegels und Schellings Geschichts- sowie das Spiel mit naturwissenschaftlichen Namen und Prozessen der Naturphilosophie des letztern. Hegel fand in Böhmes Bemühen, die Gottheit zum Geiste zu erheben, die Quintessenz seines Systems wieder, nämlich die Entwickelung des Seins zum Subjekt. Als Schelling seinen Übergang von der rein rationalen zur geschichtlichen Philosophie vollzog, bildete unter ausdrücklicher Berufung auf B. der Ursprung des Bösen aus dem göttlichen »Ungrund« den Wendepunkt. Am meisten haben dogmengläubige Philosophen, wie Saint-Martin, Fr. v. Baader, Günther, aus ihm geschöpft. Seine Schüler und Schülerinnen waren zahlreich, die bekanntesten darunter: Joh. Angelus v. Werdenhagen, Qu. Kuhlmann (der 1689 zu Moskau verbrannt wurde), Jane Leade (die Stifterin der »Philadelphier«), Antoinette Bourignon, Poiret, John Pordage, J. G. Gichtel (Stifter der Sekte der Engelsbrüder), Chr. Fr. Ötinger. Die erste Sammlung der Schriften Böhmes besorgte Heinrich Betke (Amsterd. 1675), eine vollständigere J. G. Gichtel (das. 1682–83, 10 Bde.); die neueste Ausgabe veranstaltete K. W. Schiebler (Leipz. 1831–47, 7 Bde.); eine englische Übersetzung gab William Law (Lond. 1764–81, 4 Bde.) heraus. Böhmes erste Biographie schrieb Abraham v. Frankenberg (gest. 1652). Vgl. Hamberger, Die Lehre des deutschen Philosophen Jakob B. in einem systematischen Auszug etc. (Münch. 1844); H. A. Fechner, Jakob B., sein Leben und seine Schriften (Görlitz 1857); Peip, Jakob B., der deutsche Philosoph (Leipz. 1860); Claassen, Jakob B. (mit Auszug seiner Schriften, Stuttg. 1885, 3 Bde.); Deussen, Jakob B., Rede (Kiel 1897); Lasson, Jakob B. (in den »Vorträgen und Aufsätzen aus der Comenius-Gesellschaft«, Bd. 5, Berl. 1897). 2) Franz Magnus, Musikschriftsteller, geb. 11. März 1827 in Willerstedt bei Erfurt, gest. 18. Okt. 1898 in Dresden, Schüler von G. Töpfer in Weimar und M. Hauptmann in Leipzig, war zuerst Schullehrer, dann Privatmusiklehrer in Dresden, 1878–85 Lehrer für Theorie und Musikgeschichte am Hochschen Konservatorium in Frankfurt a. M. und privatisierte dann wieder in Dresden. Der König von Sachsen verlieh ihm den Professortitel. B. hat sich Verdienste erworben durch seine historischen und bibliographischen Arbeiten: »Altdeutsches Liederbuch« (Leipz. 1877); »Geschichte des Tanzes in Deutschland« (das. 1886, 2 Tle.); »Deutscher Liederhort« (Neubearbeitung des Erkschen Werkes, mit Benutzung von Erks Nachlaß, das. 1893–94, 3 Bde.); »Volkstümliche Lieder der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert« (das. 1895); »Deutsches Kinderlied und Kinderspiel« (das. 1897); nur skizzenhaft ist seine »Geschichte des Oratoriums« (2. Aufl., Güterst. 1887; zuerst u. d. T.: »Das Oratorium«, Leipz. 1861, erschienen). Außerdem gab er »Aufgaben zum Studium der Harmonie« (Leipz. 1880) und einen »Kursus der Harmonie« (Mainz 1882) heraus. Als Komponist betätigte er sich nur mit einigen Heften geistlicher und weltlicher mehrstimmigen Gesänge.
6270 Zeichen · 105 Sätze

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Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    BöhmeDer

    Campe (1807–1813) · +1 Parallelbeleg

    Der Böhme , des — n, Mz. die — n. 1) Ein Einwohner Böhmens, oder der aus Böhmen gebürtig ist. So auch, die Böhminn, Mz. …

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    Böhme

    Goethe-Wörterbuch

    Böhme nach dem bis etwa zur Mitte des 19. Jh übl Sprachgebrauch 1) meist allg iSv aus Böhmen Gebürtiger, dort Beheimatet…

  3. 19./20. Jh.
    Konversationslex.
    Böhme

    Meyers Konv.-Lex. (1905–09)

    Böhme , 1) Jakob , Mystiker und Theosoph, geb. 1575 als Bauernsohn in Altseidenberg bei Görlitz in der Oberlausitz, gest…

  4. modern
    Dialekt
    Böhmem.

    Pfälzisches Wb.

    Böhme m. : wie schd. Behm [Kus]. Scheltwort: dummer Behm [ RO-Dielkch ]. Bad. I 282 .

  5. Sprichwörter
    Böhme

    Wander (Sprichwörter)

    Böhme Ein Böhme, ein Ketzer; ein Schwabe, ein Schwätzer, ein Meissner, ein Gleissner; ein Pole, ein Dieb; ein Ungar, der…

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit boehme

28 Bildungen · 26 Erstglied · 2 Zweitglied · 0 Ableitungen

boehme‑ als Erstglied (26 von 26)

Böhme, Jac

DWBQVZ

boehme·jac

O--- aurora, oder morgenröthe im aufgang, das ist: die wurzel oder mutter der philosophie ... oder beschreibung der natur. Amsterdam 1682. i…

Böhme, Mich

DWBQVZ

boehme·mich

--- kurtze doch bewährte vieh-artzney darinnen die meisten kranckheiten und darwider dienende artzneyen ... zu befinden ... colligiret und b…

Böhme (Münze)

Wander

boehme·muenze

Böhme (Münze) Böhme (Münze). 1. An Böhm un a Tippel Fett. In Breslau als Bezeichnung eines dürftigen Lohnes. 2. Um ein Böhm kauft man ein St…

Böhmen (um 1300 Prag)

DERW

Böhmen (um 1300 Prag), Lw. mlat. (de- narius) grossus, M., ›dicker (Denar geprägt seit 1266 in Tours)‹ groß, Adj., ›groß‹, mhd. grō z, Adj.,…

Böhmenkönig

Wander

boehmen·koenig

Böhmenkönig Wenn ein Böhmenkönig fällt, so fällt auch ein Zierotin und ein Kolovrat. »Es ging vordem das Sprichwort, dass, so oft in Böhmen …

Boehmer, Heinr

DWBQVZ

Boehmer, Heinr. *1869 Zwickau †1927 Bad Nauheim.

Boehmerĭa

Meyers

boehme·ria

Boehmerĭa Jacq ., Gattung der Urtikazeen, kleine Bäume, Sträucher oder Halbsträucher mit gegen- oder wechselständigen, gezahnten, glatten od…

Böhmerland

MeckWB

boehmer·land

Böhmerland n. Böhmen, im Hundenamenrätsel entstellt: Böhmzerland Wo. V. 1, 955; Böhmsterland Sta NStrel .

Böhmert

Meyers

boehm·ert

Böhmert , Karl Viktor , Nationalökonom und Statistiker, geb. 23. Aug. 1829 in Quesitz bei Leipzig, studierte in Leipzig, redigierte seit 185…

Böhmertanz

RhWB

boehmer·tanz

Böhmer-tanz Hunsr (o. O.) m.: in dem Tanzlied: Danz, d., Bemmerdanz, Annemrei, sen dein Schuh noch ganz?

Böhmerwald

Meyers

boehmer·wald

Böhmerwald ( Böhmisch-bayrisches Waldgebirge ), Grenzgebirge zwischen Bayern und Böhmen (s. die Karten dieser Länder), das sich vom Fichtelg…

Böhmerwoold

MeckWB

Böhmerwoold Behmerwoold m. der Böhmerwald; in Zwergen- und Wechselbalgsagen bezeichnen diese Wesen ihr hohes Alter durch Gleichsetzung mit d…

boehme als Zweitglied (2 von 2)

Stock-Böhme

Adelung

stock·boehme

Der Stock-Böhme , des -n, plur. die -n, im gemeinen Leben, ein dummer, stöckischer und hartnäckiger Böhme, und in weiterm Verstande, ein jed…

Zitieren als…
APA
Cotta, M. (2026). „boehme". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 17. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/boehme/meyers
MLA
Cotta, Marcel. „boehme". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/boehme/meyers. Abgerufen 17. May 2026.
Chicago
Cotta, Marcel. „boehme". lautwandel.de. Zugegriffen 17. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/boehme/meyers.
BibTeX
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