aufthun ,
hinauf thun, empor thun, elevare, woraus zwei bedeutungen, des öfnens und auflegens, sich entfalten, jene bei weitem vorherschend. 11) aufthun,
nnl. opdoen,
pandere, aperire, wer eine kiste aufthut,
hebt den deckel in die höhe, wer den mund aufthut,
hebt die lippen empor. das ahd. uf tuon,
alts. upp duan,
mhd. ûf tuon
hatten viel engere schranke, als unser heutiges wort, denn für öfnen galt das mit untrennbarer partikel gebildete ahd. anttoan, intoan (Graff 5, 317. 318),
alts. antduan,
mnl. ondoen; ûftæte
aperuisti erscheint zuerst in den Windberger ps. des 12
jh. (Graff 5, 315)
und Notker
verband uf
mit intuon (Graff 5, 318),
nicht mit tuon,
das alts. segel upp dâdun
Hel. 68, 12
heiszt noch deutlich zogen die segel auf, lösten sie. nachdem aber jenes intuon
erloschen war, kein mhd. entuon,
geschweige nhd. entthun
fortdauerte, mehrte sich die verknüpfung des ûf
und auf
mit tuon, thun. 22)
zunächst eingetreten scheint sie für das öfnen von thür, thor, fenster, wobei, wie am kasten der deckel, ein riegel aufgehoben, aufgeschoben wurde. mhd. im wart daʒ tor ûf getâ
n. Iw. 5591; dô wart bî ime niht über lanc ein türlîn ûf getâ
n. 1151; und wurde de porte ûf getâ
n. 1264; ern tæt im ûf die porte. 6173; wande si nâch sîner bete ein venster ob im ûf tete. 1450; porte, diu nie wart ûf getâ
n. Walth. 55, 34; diu burc ze Bechelâren diu was ûf getâ
n. Nib. 1258, 2;
und mit weggelassenem acc. heiszt dieses ûf tuon
pandere januam: tuot ûf!
Parz. 433, 1; tuon ûf! Walth. 55, 34; sâ tuot ouf! Turh.
Wh. 78
a; tuo ûf! ich klopf an mit worten, lâ mich in, sô bistu guot, sliuz ûf schire mir die porten.
frauend. 515, 24.
nhd. theten sich auf die fenster des himels.
1 Mos. 7, 11; thet Noah das fenster auf an dem kasten. 8, 16; niemand thet die thür der leuben auf.
richt. 3, 25; da nu ir herr des morgens aufstund und die thür aufthet am hause. 19, 27; und solt die thür aufthun und fliehen.
2 kön. 9, 3; thu das fenster auf gegen morgen. 13, 17; haben sich dir des todes thor je aufgethan?
Hiob 38, 17; thet auf die thüre des himels.
ps. 78, 23; thut die thor auf!
Es. 26, 2; thu deine thür auf Libanon!
Zach. 11, 1; that sie das thor nicht auf für freuden.
apost. gesch. 12, 14; und von stund an wurden alle thüren aufgethan. 16, 27; und sihe eine thür ward aufgethan im himel.
offenb. 4, 1; thet ein thürlin auf an eim kensterlin.
sch. und ernst cap. 59; die burg ist aufgeton. Uhland 189; da that er das thor auf.
Garg. 134
a; das zeughaus zum unfriden aufthun. 200
a; die thür der freigebigkeit aufthun.
pers. rosenth. 1, 15; die strasz aufthun, lassen passieren. Maaler 37
b; kaum aber hat dem tag in seiner goldnen bahn Aurorens rosenhand die pforten aufgethan. Wieland; als hinter ihm die thür sich aufthat. Göthe 18, 306.
mit ausbleibendem acc.: herr, herr, thu uns auf!
Matth. 25, 11; thaten demnach den kürissern auf.
Garg. 266
a; der thet mir auf. Schwarzenberg 150, 2;
[] auf steckt die lichter an, umgürtet eure lenden, dasz, wenn der herr kommt, man alsbald aufthu! Gryphius 2, 429; holla holla, thu auf mein kind! Bürger.
wir können heute für aufthun
auch sagen aufmachen: die thür, das fenster aufmachen,
doch ist aufthun
edler und lebendiger und kann in gewissen fällen nicht durch aufmachen
vertreten werden, z. b. für die gnadenpforte aufthun, die thür der freigebigkeit aufthun
liesze sich nicht setzen aufmachen.
noch unedler als aufmachen
wäre aber aufkriegen,
das nicht blosz aufthun,
sondern gewaltsam öfnen, die öfnung erzwingen ausdrücken würde. 33)
dem öfnen der thür und des thors ganz nahe steht das des munds, den man als ein thor des leibs betrachtete, darum sagte schon Notker: ih indeta uf mînen munt (Graff 5, 318)
und mhd. heiszt es: der trache viurîn, der gên dem man ûf tet den munt.
Barl. 119, 33; her wolf, tuont ûf den munt! Bon. 11, 31.
nhd. bedeutet nun den mund aufthun,
ihn öfnen, um etwas zu verschlingen, und so immer wenn dafür schlund
und rachen
gesetzt wird, oder ihn öfnen, um zu reden, das schweigen zu brechen: verflucht seist du auf erden, die ir maul hat aufgethan. 1
Mos. 4, 11; das die erde iren mund aufthut.
4 Mos. 16, 30; und thet iren mund auf und verschlang sie. 16, 32; und er thet seinen mund auf, leret sie und sprach.
Matth. 5, 2 (
ahd. intteta sînan mund); wie ich meine lippen hab aufgethan und mein mund geredt hat.
ps. 66, 14; ich thu meinen mund auch auf.
sch. und ernst cap. 30; thet das maul auf.
cap. 45; der freisam bär mit aufgethanem rachen.
Galmy 143; schweigen bisz so lang einer das maul aufthet. Kirchhof
wendunm. 257
a; dieser that den mund ziemlich weit auf.
pers. rosenth. 7, 20; auch der sohn gottes und seine propheten haben ihren mund gerne aufgethan in schönen gleichnissen. Schuppius 845; ich will selbst mein maul aufthun. Schiller 192
a; erdschlünde thun sich auf. Göthe 4, 201; es ist ein angenehmes, unterhaltendes mädchen. unterhaltend? versetzte Charlotte mit lächeln: sie hat ja den mund noch nicht aufgethan. 17, 65; als er den mund aufthat und in einer art von recitativ den andern schalt. 18, 148; auf einmal stockt meine geschwätzige laune und ich getraue mir den mund nicht weiter aufzuthun. 19, 102; da versetzte der vater und that bedeutend den mund aut. 40, 282. den mund aufmachen
ist wieder etwas anders als aufthun, mache den mund auf!
würde die mutter zum kinde sagen, dessen zähne sie sehn will; er kann den mund nicht aufkriegen,
heiszt es von einem, der die mundklemme hat. doch in beiden fällen wäre auch aufthun
zulässig, wie es Hiob 41, 5
heiszt: wer kan die kinbacken seines andlitzs aufthun? 44)
leicht gebrauchte man auch aufthun
vom öfnen der augen, die sich aufrichten, emporrichten, aufschlagen und aufblicken: welchs tags ir davon esset, so werden ewre augen aufgethan. 1
Mos. 3, 5; darnach thet der knabe seine augen auf.
2 kön. 4, 35; wie sind deine augen aufgethan?
Joh. 9, 10; thut die augen auf und die hend zu!
Garg. 227
a; das unglück hat mir die augen aufgethan; schnell thaten sich die augen auf. die augen? nein der himmel that sich auf. Lessing 1, 58; thue doch nur ein einziges mal die augen auf. Gotter 3, 413; wie er die augen aufthut. Göthe 7, 129; so erwartete ich den augenblick (
dies wort ist hier übel gebraucht), worin der unsterbliche geist in die gefilde jener welt sich schwingen würde, wo diese (
geblendeten) augen wieder aufgethan würden. Klinger 4, 34.
wir sagen nicht: der schlafende, erwachende macht seine augen auf
für thut;
wol aber heiszt es von dem schlaftrunknen, augenkranken: er kann die augen nicht aufmachen.
Wie dem blinden die augen,
werden dem tauben die ohren aufgethan.
Marc. 7, 35
und zur aufmerksamkeit wird durch den zuruf thue die augen auf! thue die ohren auf!
ermahnt. sich aufthuon und zerthuon als die bluomen und rosen,
hiare. Maaler 37
b. 55) hand
und arme aufthun: so soltu deine hand nicht zuhalten gegen deinem armen bruder, sondern solt sie im aufthun. 5
Mos. 15, 8; ein herr musz seine milde hand gegen die seinen aufthun.
der lahme könnte sagen: ich kann die krumme
[] hand nicht aufmachen
für aufthun. mit aufgethanen (
offenen) armen,
manibus expansis. Aimon d. e. g. 66) einem das herz aufthun,
erschlieszen: und ein gottfürchtig weib hörete zu, welcher that der herr das herze auf.
apost. gesch. 16, 14; alsdann thue sich sein herz auf. Schuppius 113; so thut gott der heilige geist solchen leuten das herze nicht auf, wie Lydiae der purpurkrämerin. 599; mit hellem geist, mit aufgethanem sinn. Schiller 27; jetzt lag es kund und aufgethan, wie Danaer auf treu und glauben halten. 32; was für gedanken sich in jener zeit vor uns aufthaten. Göthe 29, 308; welch einen blick thut ihr mir auf! Schiller 534; so that sich doch eine aussicht auf. Göthe 32, 179; durch wunder und gleichnisse wird eine neue welt aufgethan. 22, 23; weiter brauch ich mich der welt nicht aufzuthun. J. Paul
flegelj. 1, 17; ich biet ihm, er soll den zauber aufthun. Göthe 42, 177; nun sing o lied und sag mir an, wer hab das wunder aufgethan, dasz so in tausend liebespracht das mädel, das ich meine, lacht? Bürger 119
a; eben war er im begrif hiernach zu fragen, als noch eine wundersamere bemerkung sich ihm aufthat. Göthe 22, 4; sonst möchten sich vielleicht wunderliche erscheinungen aufthun. Tieck 4, 76; ihr regelmäsziges gesicht wäre angenehm gewesen, wenn sich ein zug von theilnahme darin aufgethan hätte. Göthe 26, 339; der unterschied zwischen ihm (
Swedenborg) und den andern besteht darin, dasz sein innerstes aufgethan ist. Kant 3, 98; warum verschmähte sies, den weg aus diesem kerker schnell sich aufzuthun mit einem federstrich? Schiller 406; nun aber hatte ich mich schon jahre lang auf dem bisherigen wege vergebens abgequält, ob nicht ein anderer, vielleicht der rechte, sich vor mir aufthun wollte. Göthe 55, 312; vor dem unendlichen felde der botanik, das sich nach der zeit aufthat. 17, 305; und an dem ufer merkt ich scharf umher, wo sich ein vortheil aufthät zum entspringen. Schiller 540; die festung soll sich euch aufthun morgen wann ihr kommt.
ders.; dasz der kriegsschauplatz sich auch in unsern gegenden aufthun könne. Göthe 34, 74; man versprach ihm das erste ansehnliche amt, das sich aufthun würde. 10, 69; die blume hat sich aufgethan;
bergmännisch, das gestein thut sich auf,
löst sich ab; der abgrund hat sich unter mir aufgethan; von der erde sich nährend, die weit und breit sich aufthut. 40, 287.
in allen diesen fällen kann aufthun
nie mit aufmachen
vertauscht werden. sich aufthun
bedeutet sich öfnen, offenbaren; sich aufmachen,
fortgehen. 77) ein buch aufthun,
öfnen, aufschlagen. mhd. wer hât mich guoter ûf getân?
läszt Wirnt
zu eingang sein buch selbst fragen. nhd. und Esra thet das buch auf fur dem ganzen volk.
Nehem. 8, 5; das gericht ward gehalten und die bücher wurden aufgethan.
Dan. 7, 10; und niemand im himel noch auf der erden kont das buch aufthun und drein sehen.
offenb. 5, 3; und die bücher wurden aufgethan. 20, 12; du bist würdig zu nemen das buch und aufzuthun seine sigel. 5, 9; und ich sahe, das das lamm der sigel eins aufthet. 6, 1; da thet sie auf einen milchtopf und gab im zu trinken.
richt. 4, 19; wann ich mein nestel aufthat.
Garg. 286
b; seinen geldbeutel aufthun; sihe ich wil ewre greber aufthun.
Ezech. 37, 12.
fast überall würde sich hier heute auch aufmachen
für aufthun
setzen lassen. 88)
etwas zur allgemeinen theilnahme aufthun
und freigeben: als nu im ganzen lande thewrung war, thet Joseph allenthalben kornheuser auf und verkaufte den Egyptern.
1 Mos. 41, 56; ein fest, einen markt aufthun; die weinlese, die mast aufthun; die jagd aufthun; die wildbahn auf und zu thun.
weisth. 3, 491; ein spiel aufthun; den wein, das bier aufthun,
anzapfen; mein herr hat ain wein aufgetan, da sült ir all zu gan.
fastn. sp. 449, 8. 484, 20,
[] was freilich für ein eröfnen des fasses genommen werden-kann; den keller, den boden aufthun,
allen daraus verkaufen. hierher gehört auch das schon alte ein land, ein lehen aufthun,
mhd. mîn lant, mîn liut und swaʒ ich hân, trût nefe, daʒ sî dir ûf getâ
n. Trist. 113, 21,
sei dir zur nachfolge eröfnet, ein ofnes lehen. 99)
endlich, die andere hauptbedeutung war die des auflegens und aufsetzens oben auf etwas. ein tuch aufthun
heiszt freilich es entfalten, zugleich aber auflegen und ausbreiten über den tisch. weisth. 2, 298. das segel (
s. vorhin unter 1), die fahne aufthun,
sie entfalten, öfnen, in die höhe lassen. die haube, die mütze aufthun,
entfalten und auf das haupt setzen: dort den heiligen Borromaeus, der den mond als eine frischgewaschene nachtmütze aufthat (
die vom mond beleuchtete bildseule des B.). J. Paul
Tit. 1, 11.
Wie dies aufthun
sich berührt mit anthun,
heiszt es nun auch in abstractem sinne einem ehre
oder unehre, schande, spott aufthun,
wofür wir heute sagen anthun: denn wir müssen Noahs erben als den eltesten in der andern welt diese ehre aufthun, das land und inseln in der heidenschaft von ihnen besetzt sein. Mathesius 18
a; und wollet unserm evangelio, das gottlob itzt widerumb blühet, ja kein unehre aufthun durch euern abfall. Luther 2, 145
a.
br. 2, 228; warumb thut er im die schande auf? 4, 116
a; und also dem evangelio ein sonderliche schande auftheten. 8, 41
b; und thut dem evangelio die schande auf.
br. 3, 80; sind inen sogar statuae aufgericht und nach irem tod stattlich begraben und grosze ehren aufgethon worden. Seuter 6; und mir selbst so vil mühe aufthun. 5; solle mir und den meinigen keinen spott aufthun. Schweinichen 2, 261; sich keinen spott aufthun lassen. 2, 335; im schol niemant kein sorge aufthan.
fastn. sp. 674, 15; weil uns der ries helt also ubel und aufthut so viel jammer und plag. Ayrer 329
b;
wiewol manchmal zweifel entspringt, ob unter aufthun
imponere oder aperire gemeint sei, gute dink hat er aufgetan.
fastn. sp. 599, 28,
begonnen, aufgelegt, entfaltet, eröfnet? also, dasz er ihm weder zu schlagen noch zu fliehen fug aufthet (
facultatem dedit). Fronsp. 3, 242
b. den segen aufthun,
in den beiden folgenden stellen, bedeutet offenbar lösen, auflösen, entbinden, also öfnen: so haben si irem heiligen nit recht gedient und iren segen nit recht gesprochen, oder man hat in den segen aufgethon, sunst solt es nit sein geschehn. Frank
weltb. 134
b; es möcht mir sonst gehn wie dem Spanier, der wie die Sachsen sagen, ein schuszsegen hat, aber kein buszsegen, da ihn der hofman mit dem fäustling uber dem caball abschmisz, der kont im den segen aufthun.
Garg. 251
a.