zwistig,
adj. , '
in zwist, uneinig, strittig'
; mnd. twist(l)ich (
s. u.),
mnl. twistich (
neben twistelich) Verwijs-Verdam 8, 835.
die frühesten belege weisen, wie bei zwist,
auf die nl.-nd. herkunft des wortes. twystich syn, twistelick syn
nl.-nd. glossen (
ca. 1500)
in: zs. f. dt. wortf. 15, 301;
contrarius twistig en gegen zyn in verbis vel factis;
contrariari geghen zyn
gemma (
Köln 1495) F 1
b;
contrarius twistich onde teghen syn
gemma (
Deventer 1500)
bei Diefenbach
nov. gloss. 111
b;
die beiden gemmen Straszburg 1508
und Hagenau 1510
weichen dem nd.-nl. twistig
durch wyderwertig
aus. zwistig
fehlt in den hochdt. wbb. des 16.
jhs. gänzlich; es taucht erst auf bei den späteren lexicographen, die dem nd. nahestehen: zwistig seyn
discordare Schottel
haubtspr. (1663) 1450; zwistig, zwisticht
controversus Stieler
stammb. (1691) 2662; über etwas zwistig seyn mit einem ...
discrepante da uno in qualche opinione Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1501
b; zwistig
discors Frisch
wb. (1741) 489
b; zwistig
discordant Schwan
nouv. dict. (1783) 2, 1150
b; zwistig
zwist habend und äuszernd; zwistige seyn; zwistige personen wieder vereinigen Adelung 5 (1786) 475.
geläufiges wort ist zwistig
nur in den maa. des nordwestens, vgl. twistig '
uneinig, discors; streitig, controversus'
brem.-ns. wb. 4 (1771) 144; Doornkaat Koolman
wb. d. ostfries. spr. 3, 457
b; Stürenburg
ostfries. wb. 294
b; Böning
Oldenburg 120
b.
schriftsprachlich erscheint es gelegentlich auch in jüngerer zeit, jedoch mit abnehmender häufigkeit. 11)
neben persönlichen begriffen, im zwist,
d. h. '
in auseinandersetzung und im zustand der uneinigkeit befindlich'. 1@aa)
von den persönlichen auseinandersetzungen im häuslichen und beruflichen umkreis; sporadisch in neuerer zeit: welcher bald nach desz vaters tode mit seinem bruder zwistig geworden Curicke
d. st. Dantzig hist. beschreib. (1688) 16
b; man wolle jederzeit den frieden heilig halten, auch wol bei zwistigen das mittler-amt verwalten C. Abel
Boileau (1729) 404; und so ist es denn gekommen, wie die mutter dir gesagt, neulich, als sie wahrgenommen, dasz wir zwistig uns genagt Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 623. 1@bb)
dagegen in älterer zeit durchaus belegt in rechtsdenkmälern und satzungen, in denen rechtshändel dieser art ihren niederschlag finden. zunächst nur auf nd. boden: wor ock lüde im lande vnder einander twistlich sin ofte worden
rechte d. Alten Landes (1517) 49, 2; seind twe umme grentzen und scheiden tweistich, teihen beide upn besitt und beweis, men let se van beiden parten bewisen (16.
jh.)
Rügisches landrecht 80
Frommhold; wen twe heerschop twistigh sind umme de stede, darde undaet geschehen ist, de kleger, de dar vorwundet edder schlagen is worden, de geit stan up de stede und schweret, dat he dar gewundet, und dem gift men geloven
ebda 31; wer mit seinem nechsten zwistig ist, der sols für die götter bringen Artomedes
christl. auszlegung (1609) 1, 792; wann unter unterthanen streit entstehet und durch einen schiedsmann kein vergleich kan getroffen werden, noch die zwistige theile sich gäntzlich versöhnen und vertragen wollen Hohberg
georg. cur. 3 (1715) 41
b.
in zunftsatzungen: iszet welck under uns twistich wurden unnd umme wedder sick tho schedende in frundtschopp ... schall ein ider en ½ marck rigisch in dat ampt leggen (1512) Stieda-Mettig
schragen d. gilden u. ämter d. st. Riga 39, 27; sollen de meysters sich jegen de knechte und jungens geborlich holden ... und so darinne twistich, sollen se van beiden deilen vor de herrn kemerers komen, de sollen se scheiden und in strafe nhemen (1546)
ebda 82, 25. 1@cc)
vereinzelt weitergreifend auf die auseinandersetzungen in politischer und weltanschaulicher gemeinschaft: alle widerwärtigen ... nahmen wahr, dasz das zwistige vaterland nur unter einem hute zu befriedigen ... war Lohenstein
Arminius (1689) 1, 6
a; allwo zwey allobrogische fürsten über ihrem zwischen dem Rhodan und Isar in gestalt eines eylandes liegenden erbtheile mit einander zwistig waren
ebda 1, 824
b; Uri zauderte. noch waren die führer des volks zwistig und in ihren entschlüssen wankend Zschokke
s. ausgew. schr. (1824) 6, 215; ein gebiet ..., das durch die zerstreuung in zwistige staaten nicht verloren gehen darf Dahlmann
gesch. d. frz. revol. (1845) 70; die uneinigen und zwistigen Christen können auch nicht besser, als entweder mit fürhaltung ihrer sterblichkeit, oder der göttlichen liebe und des theuren blutes Jesu ... zu frieden gestellet werden Scriver
seelenschatz (1737) 1, 781
b; daher Athanasius anmerkte, dasz in kurzer zeit 11 zwistige bekenntnisse unter den Arianern zum vorschein gekommen Rambach
religionsstrittigk. (1745) 1, 40.
im sinne von '
sich in einer auffassung nicht eins sein': die Türcken sind zwar zwistig, wo der verstorbenen seelen biss zum gerichtstage sind Lohenstein
Ibrahim sultan (
o. j.) K 5
a. 1@dd)
die anwendung auf die inneren auseinandersetzungen, auf den widerstreit der gedanken und gefühle gehört wie bei zwist
vor allem der jüngeren zeit an: sein kopf war ein irrgarten, aus dem sich nicht einer seiner zwistigen gedancken auszuwickeln wuste Lohenstein
Arminius (1689) 2, 51
a; sie zürnet mit sich selbst, ist in gedanken zwistig Arist
schilderungen (1764) 202; bald kalt aus eifersucht, und bald entflammt von liebe; fühlt er den harten kampf der in ihm zwistgen triebe J. A. Schlegel
verm. ged. (1787) 2, 195; (
die höfischen dichter) wehren sich gegen jede harte weltansicht, gegen jedes zwistige wesen Gervinus
dt. dichtung (1853) 1, 365. 22)
neben sachlichen begriffen. ältere sprache überliefert feste verbindungen dieses gebrauchs, aber auch in jüngerer sprache vollzieht sich dieser übergang: nach einem zwistigen gespräch über einen bekannten ... legte sie ... zur ausgleichung des entstandenen conflicts dies blatt in sein pult Th. Mundt
Charlotte Stieglitz (1835) 48; mit diesem eurem worte ... wollen auch wir unsere zwistigen meinungen vereinen L. Schücking
Luther in Rom (1872) 3, 139; und gab sofort jede hoffnung eines friedlichen vergleiches der zwistigen lage auf R. Wagner
mein leben 674. 2@aa) zwistige sache,
eine formelhafte verbindung in der rechtssprache zur bezeichnung des streitgegenstandes, gleichbedeutend mit dem im mnd. mehrfach belegten twistsake,
vgl. auszer Schiller-Lübben 4, 648
noch hanserecesse III 1, 50 (1477);
ostfries. urk.-buch 2, 260 (1487).
im mnl. steht statt dessen twistelige sake Verwijs-Verdam 8, 834; also dat men uppe deme daghe tome ersten vornemen scholde de twistigen sake, de dar langhe tiid ghewaret hefft twysschen ... (1461)
hanserecesse II 5, 40; van der twistigesten sake twisschen deme edelen junchern Gerde ... vnde vns (1462)
lübeck. urk.-buch 10, 175; umme to vorsokende, sodene twistige unde schelhaftige sake in fruntlicheit gesleten mochte werden (1481)
Lübecker bergenfahrer 181
Bruns; van der twistigen sake twisschen my unde de Hollanderen (1481)
ostfries. urk.-buch 2, 162; alle twistige sake sal men ... versoken to slichten vor sines solvest gilde (1565)
bei Krumbholz
d. gewerbe d. st. Münster 11; alle twistige sacke und schedelicke worde ... schall enweg unde bygedaen sien (1573)
bei Rüdiger
ältere hamb. handwerksgesellendokumente 46.
auszerhalb der rechtlichen literatur: sonsten wuste er anders nicht in diesen zwistigen sachen zurathen Hennenberger
erclerung d. preusz. landtaffel (1545) 307; was noch zwistig war, ward nachher allmälig ... ausgeglichen Fr. Becker
weltgesch. (1801) 9, 231. 2@bb)
in der verbindung zwistige wahl,
eine wahl mit zwiespältigem, unentschiedenem ausgang: so viel erhellet aus den schreiben des pabsts Urbani IV. an Richarden, dasz Alexander die zwistige wahl zwischen ihm und Alphonso entscheiden wollen Hahn
staats-, reichs- u. kayserhist. (1721) 5, 38; da zu Lüttich 1292 eine zwistige wahl entstand, indem ein theil der domherren den Guido van Hermegan, der andere aber Wilhelm Bertholden aus Mecheln zum bischof haben wollte
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 4, 600; eine zwistige bischofswahl in Lüttich Raumer
gesch. d. Hohenst. (1823) 4, 84; bei dieser zwist'gen papstwahl hab ich nur mein recht als höchster kirchenvogt geübt Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 5, 97; nach dem vertrag zu Worms, geschlossen mit papst Calixtus, hat bei zwist'ger wahl des bischofs, nur der kaiser zu bestimmen Grabbe
w. (1874) 2, 413.