zweifler,
m. 11)
der heuchler, der verlogene, der zwei naturen hat, seine wahre und eine vorgetäuschte: hippocrita zuifalari
ahd. gl. (8./9.
jh.) 1, 168
St.-S.; vielleicht noch hierher bifarius ein czweifeler (14.
jh., md.) Diefenbach
gl. 73
c. 22)
der im urteilen und handeln unentschlossene; unsicher hin und her schwankende: ern (
Marke) wolte sî niht schuldic hân, und enwoldes ouh niht schulde erlân; diz was dem zwîvelære ein nâhe gêndiu swære Gottfried v. Straszburg
Tristan 15269
B.; opinionissimus der vil meynung für hat und ist keyne gewisz, ein zweiffeler Er. Alberus
nov. dict. (1540) rr 1
b; wie der trübe, bange, der tieferschütterte zweifler ... bey noch einmal ergriffner jtzt festgehaltener wagschal sehend das übergewicht, sich der unsterblichkeit freut Klopstock
oden 2, 84
M.-P.; er wart ein angesthafter man und ein zwîvelære. waz im ze tuonne wære, des kund er niht erdenken Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 12487;
haesitator ein zweiffler, der in einer sach bestanden ist und nicht weisz, wo ausz Calepinus
XI ling. (1598) 637; hinweg, ihr laue zweifeler! euch weht ein jeder wind von wollust, geitz und ehre gleich einem rohre, hin und her
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 4, 375; wie du zauderst? mit vertrauen sollt ich dich ansehen? mit zuversicht einen zaudernden zweifler? Göthe I 13, 2, 335
W. 33)
der im glauben an gott schwankend und unsicher ist: her zwîveler an aller gotes erbermede, wie griulich iuwer marter wirt Berthold v. Regensburg
pred. 2, 41
Pf.; Thomas, der do ist gesait ain zweifeler, der sprach
erste dtsche bibel 1, 382
Kurr.; wir sprachen viel vom einreiszenden unglauben in unserm vaterland und den überhandnehmenden zweiflern Schubart
leben u. gesinn. 1, 73; der gläubige, der nie gezweifelt hat, wird schwerlich einen zweifler bekehren
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 1, 20. 44)
der verzagte, der mutlose: die zwîvelære sprechent, ez sî allez tôt, ezn lebe nu nieman der iht singe Walther v.
d. Vogelweide 58, 21;
exspes zweifeler (15.
jh.) Diefenbach
gl. 219
b; horchend diesen tönen müssen schwermuthsvolle zweifler sanfter klagen Fr. v. Matthison
schr. (1825) 1, 5. 55)
der ungläubige, der die möglichkeit unwahrscheinlicher ereignisse ableugnet: das frauenzimmer weisz ohn allen zwang zu denken, disz zeigt ihr reden an, disz zeigt die tichterei. ein zweifler mag den blick nach unsern höfen lenken und sehn, wie kräftig da der weiber ausspruch sei Gottsched
d. vern. tadlerinnen (1725) 1, 415; sie fingen nun, sobald es schicklich war, in gegenwart des grafen an, von ahnungen, erscheinungen und dergleichen zu sprechen. Jarno spielte den zweifler Göthe I 21, 318
W.; aber der A. bin ich dennoch, ihr wunderlichen zweifler Fouqué
alts. bildersaal (1818) 4, 560; stieg der kühne G. ... auf die spitze (
des berges) und liesz ... einen holzstosz anzünden, was den bekehrten zweiflern ein prachtvolles schauspiel gewährte L. Steub
drei sommer in Tirol (1895) 2, 33. 66)
der unüberzeugte kritiker, der eine ansicht für fraglich oder irrig hält; wissenschaftlich: wir haben es (
das Carlsbader mineral) immer für ein pseudovulkanisches produkt gehalten ...; einige zweifler sind aufgestanden, die darin eine eisenschlacke sehen Göthe IV 32, 83
W.; also wollen wir ... dem zweifler an der physiognomik so viel zugeben Lavater
physiogn. fragm. (1775) 1, 146; welcher critische zweifler muszte sich nicht ... beruhigen, wenn er bemerkte, dasz selbst die päpste ... aus dieser sammlung citirten K. Fr. Eichhorn
staats- u. rechtsgesch. (1821) 2, 210; was ich nicht aus vernunft und schrift auf das strengste beweisen und dem scharfsinnigsten zweifler aufdringen könte Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 2, 210; der ganze ruhm des scharfsinnigsten zweiflers Schelling
w. (1856) 1, 12. —
philosophisch der skeptiker: ungerecht wäre es, wenn man diesen scharfsinnigen denker (
Bayle) blos als zweifler ... betrachtete Herder 23, 88
S.; (
Klopstock) sah sich immer mehr der freigeisterei gegenüberstehen, dem alten Voltaire, ... dem ... Hume, der sich den schein des bloszen zweiflers gibt Gervinus
gesch. d. dtsch. dicht. (1853) 4, 124.
auch im alltäglichen leben von einem kritischen menschen: dasz er ... ein zweifler und grübler wurde Laube
ges. schr. (1875) 14, 135; der buchhalter, als ein geborener zweifler, rieb sich vergnügt die hände G. Keller
ges. w. (1889) 5, 24. 77)
mundartlich; was zwischen zwei formen steht, was gleichsam zwei naturen hat und daher nicht eindeutig bestimmt werden kann, vgl. twîwlær
zwitter (
Oldenburg) Frommann
dtsche maa. 3, 496;
vogel, dessen geschlecht zweifelhaft ist Stürenburg
ostfries. 294; zweifler
brennholzklotz, der zwischen bestimmten zahlen von durchmesserzollen steht Schmeller-Fr. 2, 1174; '
schirm, der bei zweifelhaftem wetter als regen- und sonnenschirm dient' Fischer
schwäb. 6, 1430.