zudringlich,
adj. ,
erst im 18.
jh. zu allgemeiner verwendung gelangt. frühe belege: es geschahe nemlich im jahr 1737 dasz Zinzendorf die einweihung zu einem bischof der mährischen brüder, auf sein bezeugtes zudringliches verlangen ... erhielte J. K. Benner 4 (1749), 5; der krieg, den man zudringlicherweise mit herrn D. und prof. Pauli in Halle angefangen
d. neueste aus d. anm. gelehrs. 4, 394.
als ziel ist immer eine person, im zweifelsfalle die des redenden gedacht. vorwiegend wird es von einzelnen, seltener von massen gebraucht. 11)
von dem was lebhaft und nachdrücklich herandringt Weigand
syn. 3, 1189: weil sein und seiner alliirten zudringlicher feind, der churfürst von Maintz, sich bisher dieser stadt, als erbherr annehmen wollen Chemnitz
schwed. krieg (1648) 1, 219; er gestand selbst, das hofleben mache ihn ehrgeitzig, zudringlich, schnellthätig Zimmermann
über d. einsamkeit 3, 492; zudringlich schlieszt sich chor an chor Göthe 15, 22
W. (
Faust 5083); es fehlt den bildern eine gewisse zudringliche kraft, die in früheren jahrhunderten sich überall aussprach
gespräche 8, 14;
ähnlich 16, 243
W.; 44, 334
W.; zudringliche versuchungen, reizungen.
von sinnlichen eindrücken: deszwegen wir auch heute an dem heitersten tage das meer dunkelblau, ernsthaft und zudringlich fanden, anstatt dasz es bei Neapel, von der mittagsstunde an, immer heiterer, luftiger und ferner glänzt 31, 89
W.; die vorgänge dieses nachmittages, die mit zudringlicher deutlichkeit vor seinen augen standen Storm 5, 321.
auch einfach '
nachdrücklich, eindringlich': er redete so zudringlich, dasz mir einst bange wurde, er möchte recht haben Göthe 22, 268
W.; mich unter besten wünschen zudringlich empfehlend IV 29, 5
W. 22)
im besonderen das ungehörige und lästige andringen an die schranken der persönlichkeit, welche der verkehr erzogener menschen zu beachten pflegt. kräftiger als das wenig übliche andringlich,
th. 1, 317,
unterscheidet es sich von aufdringlich,
th. 1, 635,
nicht nur dem grade nach, insofern nämlich der aufdringliche
im unterschied zu dem zudringlichen
nicht etwas haben will, sondern etwas heranbringt. es berührt sich auch mit vordringlich: purzliche figuren, die ... sehr zu- und vordringlich sind Göthe 45, 200
W. es ist das gegenth. von bescheiden Knigge
umgang 1, 4,
der gegensätzliche fehler ist ungewandte zurückhaltung: ich war meist zu lebhaft oder zu still, und schien entweder zudringlich oder stöckig, je nachdem die menschen mich anzogen oder abstieszen Göthe 26, 314
W., ein gegensätzlicher vorzug zutraulich.
es bezeichnet ein verhalten oder handeln: ob ich gleich die zudringliche grobheit dieses menschen lange kenne Göthe IV 22, 42
W.; nur immer herein! sagte der jäger mit zudringlicher höflichkeit zu den freunden Hebbel
werke 8, 264; zudringliches betragen, wesen; zudringliche neugier, ungeduld, höflichkeit; zudringlicher eifer; auf zudringliche weise.
besonders als zudringliche reden, fragen, bitten, betteleien, zumuthungen: er ... empfahl sich mir so zudringlich, als hätte er in mir seines gleichen gefunden Thümmel
mittägl. prov. 5, 424; zudringlicher als zuvor enthüllte Talleyrand jetzt dem preuszischen gesandten seine begehrlichen anschläge Treitschke
deutsche gesch. im 19.
jh. 4, 78.
oder es ist eine eigenschaft: ich bin weder neugierig noch zudringlich Göthe 24, 191
W.; er ... borgte ... einige thaler ..., welche der major gern hergab, um sich ... den zudringlichen groszsprecher vom halse zu schaffen Fr. Chr. Laukhard
leben u. schicksale 2, 11. ein zudringlicher mensch; zudringliche leute, weiber, gesellen, burschen, buben.
höfliche menschen entschuldigen sich gerne oder fürchten zudringlich zu sein, zu scheinen: daher scheint es mir beynahe zudringlich, wenn ich ein gesuch hier beyfüge Göthe IV 32, 100
W.; sie werden mich daher gewisz nicht zudringlich finden, wenn ich sie um ein urtheil über mein stück ersuche Hebbel
tageb. 2, 11.
von lästigen thieren: die unverschämten, zudringlichen, krummbeinigten dachse Arnim
trösteinsamk. 91
Pfaff; es fing ... nur die zudringlichsten und frechsten mäuse G. Keller 4, 266; zudringliche fliegen, zudringliches geschmeisz. 33)
vom zudringlich werbenden liebhaber
her hat das wort einen besonderen klang in bezug auf das verhalten gegen das weibliche geschlecht bekommen: jene reizende frau mochte in einem bewegten, von dem zudringlichen jüngling hervorgerufnen momente den unglücklichen entschieden abgewiesen ... haben Göthe 24, 325
W.; ich weisz nicht, was in der welt geschieht; ob man wirklich mit dem frauenzimmer manchmal in diesem zudringlichen tone spricht Lessing 9, 267
M.; so lange ich verheirathet bin, hat er auch nicht aufgehört, mich zudringlich zu verfolgen Holtei
erz. schr. 3, 218. 44) zudringlich
ist alles unangenehme, was sich uns zudrängt: der wind auf dem posthofe war widerlich zudringlich W. Raabe
hungerpastor 3, 75; möge eine nächste freudenvolle zeit eilig die eindrücke einer zudringlichen gegenwart auslöschen! Göthe IV 28, 230
W.; solche zudringliche einmischung der welt Treitschke
hist. und polit. aufs. 1, 79; feuchte nebelluft und zudringliche sorgen Heine 3, 238
E. 55)
die etwas unbestimmte bedeutung veranlaszt häufige adjectiv-verkoppelungen: des zudringlich-klägerischen libells Gottsched
d. schaubühne 5, 313; zudringlich-zahm Göthe 15, 105
W. (
Faust 6917); um so zudringlich-liebevoller Fontane I 5, 20; diese brummer sind allemal unglücksboten und so hämisch zudringlich 5, 219. 66)
als durchaus persönliches adj. erscheint es gerne substantiviert: den zudringlichen, der zwischen sohn und vater, unberufen, sich einzudrängen nicht erröthet Schiller 5, 96
G.; er lief in wut im zimmer hin und her, er schimpfte auf zwischenträger und zudringliche W. Hauff 2, 233; näherte sich ihr einmal irgend ein zudringlicher, verstand sie es, ihn gehörig abzuweisen Ebner-Eschenbach 3, 187.