Eintrag · Etym. Wb. des Deutschen (Pfeifer)
zigeunern
zigeunern
Zigeuner m. Angehöriger eines ursprünglich nomadisierenden, über viele Länder verstreut lebenden indoeuropäischen Volkes, das etwa im 10. Jh. aus Nordindien ausgewandert ist, in Gruppen vor allem auf dem Wege über den Iran, Armenien und die Balkanländer, teilweise wohl auch über Syrien, Nordafrika und Spanien nach Europa gelangt und Anfang des 15. Jhs. (urkundlich zuerst 1417 nachweisbar) deutschen Boden betritt. Der mit Selbstbezeichnungen wie romani sinto (meist sinti, sindhi Plur.), auch rom (eigentlich ‘Mann, Gatte’), manusch (eigentlich ‘Mensch, Mann’) nicht in Zusammenhang stehende dt. Name findet sich in seiner heute üblichen Lautgestalt schon in den frühesten hd. Zeugnissen als frühnhd. (bair.) Zigeuner (1418), Cigäwnär (1. Hälfte 15. Jh.). Der Diphthong der zweiten Silbe dieser Form setzt einen Tonvokal -u- (umgelautet -ü-) voraus, der auch in frühnhd. (westmd.) Ziguner, mnd. sēgūner (beide 15. Jh.) begegnet, aber noch der Erklärung entbehrt. Daneben stehen Varianten wie frühnhd. (schweiz.) Ziginer (15. Jh., mit Entrundung des -ü-, vielleicht begünstigt durch Anklang an frühnhd. Sarraciner ‘Sarazene, Heide’, das in der Schweiz zunächst gleichfalls Benennung für die umherziehenden fremdartigen Menschen ist), (obd.) Zingyner (16. Jh.) und in verschiedenen Landschaften bis ins 18. Jh. verbreitetes Zigäner, auch (umlautlos) Ziganer (vgl. mnd. sīgēner, vereinzelt sīgāner), sämtlich mit der im Dt. für Stammesnamen gebräuchlichen Endung -er. Die Form mit dem Tonvokal -a- schließt sich an mnd. sēkāne ‘Zigeuner’ (15. Jh., vgl. mlat. secanus, sechanus) an, das seinerseits Entlehnung aus dem Slaw. ist und Herkunft des Ausdrucks aus dem südosteuropäischen Raum erkennen läßt, vgl. atschech. cikān, cigān (tschech. cikán), slowak. cigán, serbokr. cȉgan(in) Sing., cȉgani Plur., mbulg. aciganinъ Sing., acigane Plur. (bulg. cíganin, циганин), ferner rumän. țigan, ungar. cigány. Zugrunde liegt wohl das (in ital. zingaro, älter auch zingano ebenfalls fortlebende) gleichbed. mgriech. tsínganos (τσίγγανος), älter atsínganos (ἀτσίγγανος, latinisiert mlat. acinganus), das wahrscheinlich auf mgriech. Athínganoi (Ἀθίγγανοι) Plur., den Namen einer ketzerischen Sekte in Phrygien und Lykaonien (erwähnt seit Anfang 9. Jh.), zurückzuführen ist; dieser wurde möglicherweise auf die durch Kleinasien ziehenden, gleichermaßen verabscheuten Zigeuner übertragen. Von der 2. Hälfte des 16. Jhs. an wird Zigeuner im Dt. auch metaphorisch für ‘ein unstetes Leben führende, wie ein Zigeuner lebende Person’ verwendet. – zigeunerisch Adj. ‘nach Art von Zigeunern, unstet, unbekümmert’ (1. Hälfte 16. Jh.). zigeunern Vb. ‘ein Zigeunerleben führen, unstet hin und her wandern’ (Frühbeleg 1588, geläufig seit dem 18. Jh.). Zigeunerleben n. ‘Wanderleben der Zigeuner’ (um 1600), ‘unstetes, ungebundenes Leben’ (1. Hälfte 19. Jh.).