wunderseltsam,
adj. ,
seit dem 16.
jh.; namentlich im 17.
und in der ersten hälfte des 18.
jhs. gebräuchliche, dann rückläufige konkurrenzbildung neben wunderbar
und bes. wunderlich,
deren anwendungen es teilt (
doch s. u. 5). wunder-
als erstes wortglied hat hier in den meisten gebrauchsweisen wohl nur verstärkende bzw. tautologische funktion; nur in den wenig entwickelten anwendungen 1
und 2
schlägt etwas von qualifizierender bedeutung durch. zu den älternhd. schreibungen wunderseltzamb, -selsam, seltsem
u. ä. vgl. s. v. seltsam
sp. 547
f. 11)
göttliches wesen und handeln kennzeichnend: dasz diese wunderseltzame verwandlung desz brots im sacrament in einem häuszlein eines armen bürgers gefunden W. Hartmann
Augsburg. chron. (1595) 71; der immerdar mein herz auf rechte wege laitet, und wunderseltsam führt: du bist es, hailger gaist! Rompler v. Löwenhalt
erstes gebüsch (1647) 4.
mit dem nebenton '
befremdlich',
wie unter wunderlich A 1 e: sonst gehst du (
gott) warlich mit uns umb so wunderseltzam und so krumm, dasz trost und raht uns fliehen Simon Dach 258
lit. ver. 22)
auf dem gebiet des zaubers und der magie, '
wundertätig, wunderkräftig': wunderseltzame epffel (
die einen menschen schön und klug machen sollen)
engl. comedien u. tragedien (1624) P 1
b; von wunderseltsamen hexenkünsten, von geistern und unterirdischen schätzen Tieck
schr. (1828) 9, 246. 33)
allgemein '
auszerordentlich, erstaunlich, bemerkenswert, interessant': das sind wunderseltzame mär, es wird etwas darhinder sein, wann es antet das hertze mein was guts, thut gleich vor freuden springen Hans Sachs 20, 104
lit. ver.; vgl. 2, 318; 7, 398; die optici ... manchmal durch sonderbare instrumenta wunderseltzame sachen repräsentiren können Dannhawer
catech.-milch (1657) 2, 85; was ... unbegreiflich und wunderseltsam zur sprache kam, war die gelegentliche eröffnung Montans, dasz ihm bei seinen ... untersuchungen eine person zur seite gehe, welche ganz wundersame eigenschaften ... habe Göthe I 25, 1, 271
W. in eine masz- oder gradvorstellung übergehend: weil iede einbildung fast in allen dingen so wunderseltzame macht hätte Lohenstein
Arminius (1689) 1, 507
b; die natur ist ... wunderseltsam mannichfaltig und auch wieder sehr einfach Tieck
schr. (1828) 13, 74.
bis etwa 1600
gern prägnant in abwertender bedeutung: mit wunderseltzam bubenstücken Fischart
s. dicht. 93
Kurz; wie wunderseltzam ist das glück! wie steckt es voller neidt vnd dick! Ayrer
dramen 1548
Keller. seit etwa 1800
dagegen gern in elativer bedeutung, soviel wie '
wunderbar, wunderschön': schön die mähne, und alles wunderseltsam an dem thiere Tieck
schr. (1828) 1, 355; alles, was uns die fremde schöne im liede aus der gondel zugesungen, zeigte sich vor unsern augen in wunderseltsamer herrlichkeit Gaudy
s. w. (1844) 13, 29;
vgl. 1, 180. 44)
am ausgeprägtesten, wie auch wunderlich (
s. d. A 4),
in der bedeutung '
sonderbar, merkwürdig, seltsam'. 4@aa)
auf sinnliche eindrücke und objektive vorgänge bezogen. speziell '
monströs, miszgebildet',
vgl. wunderseltsam
monstrosus Calepinus XI
ling. (1598) 911
a: ein wunder seltzam creatur gemacht ausserhalb der natur B. Waldis
streitged. 17
ndr. sonst von dem, was durch aussehen, gestalt, bewegung und benehmen auffällt: ein wunder-selzam draid aufwuechs ... zw öberst daran hing ein schwengel, daucht mich, gleich einem rotten pewtel Hans Sachs 22, 247
lit. ver.; da kugelten sie sich wunderseltzam herüm, bis sie alle in einen circkel kamen Prätorius
winterfl. d. sommervögel (1678) 245; mögen bunte phantasien für des tages mode blühen, wunderseltsam sein gestaltet, wie natur sich nie entfaltet (
von künstlichen blumen) Göthe I 15, 1, 25
W. in der kennzeichnung des widersprüchlichen: es ist ja ein wunderseltzam spectakel, der herr wartet seinen knechten auff Herberger
hertzpostilla (1613) 1, 367; sie meinte, es sei wunderseltsam, dasz die vernunft hinter der thorheit her jage Immermann
w. 3, 200
Hempel. 4@bb)
abstraktes, besonders geistiges charakterisierend. in neutraler wertung: wunderseltzame wahlische, africanische und türckische namen Moscherosch
gesichte (1650) 1, 173.
öfter mit deutlich abwertendem ton, soviel wie '
abwegig, verschroben, skurril, absurd': wunderseltzame dauben stiegen mir damals ins hirn Grimmelshausen
Simpl. 16
Scholte; ein ... wunderseltsames gemengsel von einfällen ist es
allg. dt. bibl. (1765) 7, 2, 164;
vgl. 50, 45. '
befremdlich',
auf ein menschliches verhalten bezogen: dieses wunderseltsame anmuhten (
dasz er, der könig von Armenien, zu Nero nach Rom kommen solle) A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 202; (
arzt:) treibt sie (
lady Macbeth) das oft so? (
kammerfrau:) alle nächte; und oft wunderseltsam Bürger
s. w. 310
a Bohtz. in der kennzeichnung eines gefühlszustandes: seit einigen augenblicken komm ich mir wunderseltsam (
var. für so wunderbar) vor. mir scheints ..., als wenn nur ein leiser flohr mich von meinem vorigen leben abschiede (1778) Göthe I 12, 365
W.; und so verwandelt wurde gar wunderseltsam mir Hoffmann v. Fallersleben
ges. w. (1890) 2, 69. 4@cc)
als persönliche eigenschaft eines menschen, hinter dem gleichen gebrauch von wunderlich (
s. d. A 4 c)
weit zurückbleibend. '
schwierig, zänkisch, neidisch': es war dozumal niemands gern zu Wildenstain von wegen der wunderseltzammen weis des alten herren ... so man ... an disch kam, thete er nichts, dann haddern und zanken
Zimmer. chron. 23, 550
Barack; vgl. 4, 36; ein wunderseltsames volk (
die gelehrten mit ihrem gegenseitigen neid) Görres
ges. br. (1858) 2, 398.
in anderer richtung, '
närrisch': du (
Eulenspiegel) seyst ein wunderseltzam kund Hans Sachs 21, 118
lit. ver. 55)
nur vereinzelt '
sehr selten',
entspr. seltsam 1: ich wil geschweigen der mässigkeit in speisz und tranck, welcher thewren, und zu unsern verderbten zeiten wunderseltzamen tugend halben ewer durchleuchtigkeit und gnad ... ein herliches lobwirdiges exempel und beispiel vortregt Fuglinus
de praestigiis daemonum (1586)
vorr. —