widerchrist,
m. ,
pl. -en,
spätmhd. widerchrist,
mnd. wedderchrist;
seit dem 14.
jh. als übersetzung des lat. antichristus
belegt. lexik. seit dem 16.
jh. für antichrist: Roth
dict. (1572) B 8
a; Frischlin
nomencl. (1586) 220
a; Hulsius-Ravellus
t.-frz.-ital. (1616) 409
a; Widerhold
dict. (1669) 417
a; Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1342
a; Rädlein
t.-it.-frz. (1711) 1053
b; Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 350
b; Adelung 4 (1801) 1521
verzeichnet wider-christ
als ungewöhnlich, Campe
führt das wort nicht an. widerchrist
ist im 16. (
vor allem bei Luther)
und 17.
jh. zahlreich, später weniger häufig bezeugt. die verschiedenen bedeutungen des wortes entsprechen den christl.-dogmatischen und -volksmäszigen vorstellungen vom antichrist. 11)
im eigentlichen, eschatologischen sinne: der in der endzeit erstehende, dem weltende und der wiederkunft Christi vorangehende Antichrist (1.
Joh. 2, 18;
2. Thess. 2, 3
ff.): uns ist daz allen wol bekant daz her wirt Anticrist genant; daz ist ein krieschich geticht wort und ist also gesprochen dort als man hie spreche 'widercrist' Heinrich v. Hesler
apokalypse 18 535
Helm; 1. Joh. 2: lieben kinder, es ist itzt die letzten stund, und wie yhr gehöret habt, der widderchrist wirtt komen (1522) Luther 10, 1, 2, 47
W.; vgl. ebda 23, 544; von der verfolgung dess widerchrists. (
überschrift) in dem zehenden psalmen klagt David, von der verfolgung sagt, so wird seyn in der letzten zeit wider die armen christenheit, wie sie geistlichen werd durchechten der widerchrist mit seinen knechten Hans Sachs 18, 55
lit. ver.; muss Christus selber kommen, diesen wider-christen ... in die hölle zu verbannen Birken
verm. Donaustrand (1684) 120; es geht eine sage im volke, dasz gegen das ende der zeiten der widerchrist erstehen werde, um das reich gottes auf erden, die kirche Christi zu zerstören Aurbacher
ein volksbüchl. 2 (1839) 85. 22)
in der reformation wächst die neigung, die gestalt des antichrists mit dem religiösen gegner, dem papst, zu identifizieren: hie merckent alle menschen das der bapst ein widerchrist oder endtchrist ist (1521) U. v. Hutten
opera 5, 394
Böcking; das der bapst mit seynen bischoffen eyn endchrist odder widderchrist ist (1523) Luther 12, 392
W.; sie (
die winkelbischöfe) mussen jrem namen gnug thun, wie sie sanct Paulus nennet 'antikimenos' und sanct
Johannes 'antichristos', das ist, der widderchrist und widderwertiger, und auch Daniel zuvor geweissagt hat, das der widderchrist sich widder alles setzen würde, auff das sie nicht allein ein unnützer hauffe seien jnn der kirchen, sondern auch feinde und verderber (1533)
ebda 38, 223; dis stücke zeiget gewaltiglich, das er (
der papst) der rechte endechrist oder widerchrist sey, der sich uber und wider Christum gesetzet und erhöhet (1538)
ebda 50, 217; wir bitten dich (
gott), du wöllest dein angefangen werck wider das teuffelisch reich des widderchrists, nach deiner verheissung hinaus füren, vnd das grewlich bapstthumb vollend zustören E. Alberus (1541)
bei Wackernagel
dt. kirchenlied 3, 893; denn der papst muste ... alle welt vberzeugen, das er der rechte vnd ander Antiochus vnd widerchrist were Mathesius
Sarepta (1571) 45
b; der papst, der rechte widerchrist, der mensch von groszer sünden (1631)
bei Opel-Cohn
dreiszigj. krieg (1862) 259. 33)
mit verlust des eschatologischen gehaltes bezeichnet widerchrist
schlechthin den '
bösen feind',
den teufel: dieser schmuck ist nicht die hulde des herren, sondern des wiederchrists Barth
weiberspiegel (1565) H 4
a; o wertlos liecht ... zerbrich nur desz teufels macht, der uns gefangen hält! zerbrich des wider-christs und desz geitzes macht, und erlöse uns vom ubel! Böhme
schr. 5 44
Schiebler; (
er will sie) ins himmelreich versetzen, da frewd die fülle ist, vnd alles leyd ergätzen trotz teuffel, widerchrist (17.
jh.)
bei Fischer-Tümpel
evang. kirchenlied 3, 226; was weisz denn solch ein saugkalb, ob es den widerchrist in seinen dünnen därmen hat! exi immunde spiritus! fahre aus, unsauberer geist! so sollst du sprechen! dann mag es dir wohl glücken, dasz du den argen als einen stinkenden rauch aus des täuflings mündlein herfürgehen siehest Storm
s. w. (1898) 5, 40.
als geistiges prinzip bei verblassung des personhaften charakters: der geist des widerchrists besteht in dem herrschenden gedanken, dasz die vernunft nicht blosz werkzeug, sondern quelle der wahrheit sey Jung-Stilling
s. schr. (1835) 3, 42. 44)
einen eigenen geltungsbereich erlangt der pluralische gebrauch, der die widerchristen den rechtgläubigen christen gegenüberstellt. 4@aa)
anknüpfend an 1.
Joh. 2, 18
ff. die irrlehrer, die vom christentum abgefallen sind und aus denen der geist des antichrist spricht: kinder, es ist die letzte stund, vnd wie jr gehöret habt, das der widerchrist kompt, vnd nu sind viel widerchristen (
ἀντίχριστοι πολλοί) worden, ... sie sind von vns ausgegangen, aber sie waren nicht von vns, denn wo sie von vns gewesen weren, so weren sie ja bey vns blieben 1.
Joh. 2, 18; wo sich dan de hillige Johannes beklaget, ... dat de thokumpst Christi int fleyssch vnnde sin rechte fleischlike wesen ys vann denn wedderchristen vorneinet vnnde vorlüchnet geworden (1534) R. Rotmann
restitution 27
ndr.; freylich heist es, wie S. Johannes in diser epistel warnet: prüfet die geyster vnd glaubet nicht einem jeglichen lehrer vnnd hütet euch für den widerchristen vnd jrer abgötterey, die vns von Christo vnd seinem blut abfüren ... wöllen Mathesius
ausgew. w. 1, 168
L.; dieselbe warnet er (
S. Johannes) für den verführern und widerchristen so in die welt kommen mit allerhand schwermerey wider die majestät und person Christi schwanger gangen, die lautere warheit desz seligmachenden apostolischen glaubens zu verfälschen Dannhawer
catech.-milch (1657) 4, ):( 4
a. 4@bb)
besonders auch von christlichen häretikern, ketzern: und solten von jr (
der christl. kirche) nicht aus gehen rotten, secten und widerchristen, so were es nicht ein gut zeichen (1545)
bei Luther 52, 831
W.; wer die geschrifft fälschet, der ist ein widerchrist. die alten ketzer vnnd die newen ... haben solches gethon zuo drutz dem bapst vnd der römischen kirchen, folget das ... sie all genannte ketzer widerchristen sein Joh. Nas
antipap. eins u. hundert (1567) 4, 30
b; ärgernis und bös beispiel darf hier am orte nicht zurückbleiben, wenn wir uns rechtschaffen des widerchrists und der widerchristen erwehren wollen Anzengruber
ges. w. (1890) 3, 164; du weiszt, dasz die Hirzers allezeit eifrig gewesen sind für unsern katholischen glauben, und der Joseph pflegte zu sagen, lieber den rechten arm wollt er missen, als ein glied seiner familie verloren geben an die ketzer und widerchristen P. Heyse
Meraner nov. (1923) 410.
vom abtrünnigen ketzer: Julianus Apostata ... fiel wider ab vom christlichen glauben, ... deszhalben apostata, das ist, ein abtrünniger vom glauben vnd ein widerchrist genannt worden Reissner
Jerusalem 2 (1565) 164
a. 4@cc)
vereinzelt auch von christen, die sich weniger ihrer überzeugung, als ihrer lebensführung nach im gegensatz zum christentum befinden: welche greüel der widerchristen! welche schwäche der christen! welche hitze der kalten wider Christum! Lavater
hdbibl. f. freunde (1793) 6, 256; die meisten, die sich christen nennen lassen, sind wider-christen. sie widerstreben der lehre Christi H. Müller
ev. schluszkette (1853) 297. 55)
allgemein für den gegner des christentums: da ich ... kein widerkrist, kein unkrist, aber doch ein dezidirter nichtkrist binn (1782) Göthe IV 6, 20
W. insbesondere von den anhängern nichtchristlicher religionen als gegnern der christenheit: vnsre Manuisten (
Manichäer), Manes jünger, des widerchristen Fischart
aller praktik groszm. 30
ndr.; solche länder und widerchristen (
Juden, Türken und heiden) Fronsperger
kriegsb. 2 (1573) N 3
b; ein frommer barfüszer (
hatte) Deutschland und Ungarn durchzogen, völker und fürsten in den kampf mit dem grausamen widerchrist (
den Türken) zu rufen Zschokke
s. ausgew. schr. (1824) 32, 247.