weltverstand,
m. ,
seit dem ende des 18.
jhs. in verschiedener anwendung belegt, wohl aus dem früher bezeugten adj. weltverständig (
s. d.)
rückgebildet. 11)
lebensklugheit (
vgl. weltklugheit 3
und weltverständig 1).
im sinne einer weltverständigen haltung in allen lebenslagen und -fragen: weltverstand haben nun freylich nicht alle magister der weltweisheit. denn als im jahr 1762 Sulzer, ..., Lavater ... und Füszli ... durch Lindau kamen, erschien magister Obereit augenblicklich im posthause, mit einer erschrecklichen menge von manuseripten in allen seinen taschen. viele stunden nach einander unterhielt magister Obereit diese männer mit seiner ... vielwisserey Zimmermann
einsamkeit 3 (1785) 43; ich sehe ungern in der vorrede, dasz er (
Schlosser in seinem '18.
jh.') den Pariser liberalen cotterien in dortigen sachen vielleicht zu viel einflusz in seinem urtheil gestattet hat. wissen können sie dort die sache freilich wie kein anderer, es fehlt ihnen auch an keiner der eigenschaften, die zur anschaffung des wiszbaren gehören, geist und weltverstand und weltklugheit und menschenkenntnisz, scharfsinn, urtheilskraft ... (4. 8. 1823) Görres
ges. schr. 9 (1874) 115; (
durch die besondere entwicklung unserer hochschulen) ward das wissen vom handeln, das gelehrtsein vom leben geschieden. der menschenfreund musz trauern, dasz sich hier so selten einte, was sich nimmer trennen sollte — wissenschaft und weltverstand
F. L. Jahn
w. 1, 188
Euler; mochten sie (
die deutschen dichter und denker des 17. u. 18. jhs.) auch an feinheit des weltverstandes und der weltbildung, an klarheit und eleganz der form die Franzosen nicht immer erreichen, so waren sie ihnen doch an tiefe des gedankens, an wärme des gemüthes überlegen D. Fr. Strausz
ges. schr. (1876) 1, 301; ihr löwenherz'gen Bayern, ihr Franken klug und kühn, wie lange wollt ihr feiern, wo Deutschlands ehren blühn? den arm, erprobt im schlagen, den blick voll weltverstand, wollt ihr sie träg versagen dem groszen vaterland? Geibel
ges. w. 4 (1883) 236;
auch mit dem beisinn geschickter berechnung und ausnützung der gegebenen verhältnisse zum eigenen vorteil: wenn Albano so über den weiten reichen geist Linda's hinsah — sie, ... voll männlicher kecker aufrichtigkeit und voll achtung für gewandtheit und listigen weltverstand Jean Paul
w. 15-18, 550
Hempel; aller weltverstand, der diesem volke (
dem englischen) in so hohem grade gegeben ist, wird es nicht vor dem verderben retten, wenn es durch ihn nicht gränze und maas erkennen lernt
rheinischer Merkur v. 27. 6. 1815, 259; (
Alexanders des groszen) groszer weltverstand war eins mit seiner heldenbegeistrung, er kannte die umstände und wuszte sie zu nützen, als erfahrner krieger, so jung er war, als gefürchteter sieger betrat er Asien Tieck
schr. (1828) 19, 320; dein welt- und geschäftsverstand hatte nirgend deine kindliche seele und das heiligthum deines sittlichen charakters angerührt Goltz
buch d. kindh. (1847) 498; dem reifen alter gebricht das ideale organ, der ideale sinn und inhalt, ... weil eben bei ihm der weltverstand, die berechnung, die balance, die knauserei, die feigheit, die beargwöhnung, die machinationen und praktiken ziel und impuls und untergrund sind
ders., jugendleben (1852) 1, 14; man kann sagen, dasz kein volk auf erden so recht eigentlich zu hause sei wie das französische, so dasz man füglich diesen stamm den eigentlich irdischen oder wenigstens vorzugsweise europäischen nennen könnte. keinem andern ist ein solcher weltverstand zu theil geworden, um die beziehungen der dinge mit leichtigkeit zu durchschauen, die gelegenheit im rechten augenblick zu fassen und den umständen dienstbar anzuschmiegen; keinem solches geschick, sich schnell in allen verworrenen verhältnissen zurechtzufinden und mit geschmeidigkeit in alle formen sich zu finden und in alle lagen sich einzupassen Görres
ges. schr. 4 (1856) 381; nicht minder falsch ist es aber, wenn man ... dort (
auf dem dorfe) nur derbe, rohe natur, gemeinen weltverstand und verschmitztheit erblicken will
M. Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 3, 37. 22)
in einzelnen sonderanwendungen verschiedener art. 2@aa) '
verstand in bezug auf weltliche dinge',
vgl. weltklugheit 1
und weltverständig 2 a: weil ich kein weltkind bin, nicht habe weltverstand, der rechte sinn mir fehlt für weltbetrieb und tand, scheint jeder auf der welt berufen, mit behagen von weltgut lästigem mir etwas abzujagen. doch fühlt kein freund sich aufgelegt, von unbequemen geschäften weltlichen mir auch was abzunehmen Rückert
ges. poet. w. 8 (1882) 85. 2@bb)
vereinzelt für νοῦς,
dass. wie weltgeist 2 a: Anaxagoras nahm ... neben seinem obersten naturgeiste, oder weltverstande auch noch homoiomerien an Fr. Schlegel
s. w. (1846) 13, 235. 2@cc)
mitunter auch '
verstand der menschen' (
zu welt III): aber das schönste, was uns die sage von dieser art aufbehalten hat, ist es doch auch zugleich, was von dem unerweckten menschensinn am meisten miszkannt, von dem weltverstande immer lächerlich und anstöszig gefunden wird Tieck
aufruhr i. d. Cevennen 179
Hendel. 2@dd)
hieran anschlieszend die wendung im weltverstande '
in dem üblichen (
von den menschen gemeinhin verstandenen)
sinne' (
s. dazu verstand 5
teil 12, 1, 1542): nur die kindheit bewahr' ich in meinem gewissen, und so mag sie denn aus mir weissagen, was sie von Eden weisz; denn des wissens im unheiligen weltverstande ist kein ende in dieser entweihten und entweihenden zeit Goltz
buch d. kindh. (1847) ix.